Am 15. März 2017 fand im Deutschen Theater die Premiere von „The Addams Family“ statt. Vor allem für eine Tourproduktion wird hier Einiges geboten und auch der charmante Humor der Addams Family inklusive Familienoberhaupt Uwe Kröger kam nicht zu kurz – auch wenn es zeitweise etwas zu langatmig wurde.

Die vielfach für Film und Fernsehen adaptierte „Addams Family“ von Comiczeichner Charles Addams begeistert mit ihrem morbiden Humor schon seit den 1930-Jahren und da in der heutigen Zeit ja auf fast alles früher oder später eine Musicalversion folgt, war auch dieses Musical fast schon abzusehen. Das Stück mit der Musik von Andrew Lippa und dem Buch von Marshall Brickman und Rick Elice wurde 2009 in Chicago uraufgeführt und feierte im April 2010 Premiere am Broadway. Im Sommer 2014 kam es zur deutschsprachigen Erstaufführung im Zeltpalast in Merzig. Die darauffolgende Tour wird nun fortgesetzt und gastiert unter anderem vom 14. bis 26. März 2017 im Deutschen Theater in München. Weitere Tourstationen sind noch Berlin (17. bis 21. Mai 2017) und Wien (25. bis 29. Oktober 2017).

© Susanne Brill

Das Stück wird mit dem Zusatz „Das Broadway-Musical“ beworben, was natürlich stimmt, jedoch inzwischen auf fast jedes zweite Musical zutrifft. Daher bin ich mit diesem Begriff eigentlich immer etwas überfordert, inwieweit dies zur Beschreibung des Stückes beitragen soll. Wenn man damit jedoch die Qualität der Produktion hervorheben möchte, dann passt die Beschreibung absolut hervorragend, da sich „The Addams Family“ vor allem in Sachen Besetzung und Bühnenausstattung definitiv um eine hochprofessionell produzierte Show handelt. Da hinter dieser Tournee nicht die ganz großen Namen wie Stage Entertainment oder Mehr!-Entertainment stehen und es sich auch um keine der berüchtigten Trittbrettfahrer-Shows handelt, freut es einen umso mehr, dass mit solchen „Broadway-Musicals“ sowohl der deutsche Musicalmarkt belebt wird, als auch wieder ein wenig von seinem guten Ruf zurück bekommt.

Normal wird überbewertet

Die Handlung rund um die schaurige und zugleich lustige Familie Addams bestehend aus Vater Gomez, Mutter Morticia, den Kindern Wednesday und Pugsley sowie Onkel Fester, Butler Lurch und der Großmutter spielt in New York, wo die Familie standesgemäß in einer alten Spukvilla im Central Park wohnt und ihre Familienfeiern im nahe gelegenen Friedhof veranstaltet. Die Handlung beginnt als Wednesday ihrem Vater erzählt, dass sie ihren Freund Lukas heiraten möchte und seine Familie, ‚die Beinekes’ die normaler bzw. spießiger nicht sein könnte, zu einem Dinner vorbeikommt, um sich gegenseitig kennen zu lernen. Die Verlobung soll jedoch geheim bleiben, was für Gomez, der seiner Frau immer alles erzählt, zu einer Tortur wird, welche seine Frau zudem auch schnell durchschaut. Somit beginnt ein Abend voller Geheimnisse, Beziehungskrisen und zwei Welten, die mit viel Wortwitz und Humor aufeinandertreffen.

© Susanne Brill

Star der Show sind definitiv die bekannten Figuren sowie der morbide Witz, welche/r seit Jahrzehnten ganze Generationen begeistern. Die Regie von Andreas Gergen lässt diesem Humor auch genug Raum und versucht sich auf eben diesen Pluspunkt zu konzentrieren. Das Publikum dankte es ihm mit viel Gelächter, selbst wenn der Wortwitz noch so schlecht war. Wodurch man auch gleich zu Pluspunkt Nummer zwei kommt: Die Besetzung, welche mit so viel Charme spielte und den klassischen Figuren so viel Leben einhauchte, dass man einfach jeden witzigen Einfall honorieren musste.

In der Hauptrolle als Vater Gomez ist hier Uwe Kröger zu sehen, der sich mit viel Bühnenpräsenz durch die Show singt, tanzt und schauspielert. Gesanglich kann er sicherlich nicht mehr das Niveau von früher halten, jedoch habe ich bei Uwe Kröger immer mehr das Gefühl, dass er sich vor allem durch seine komödiantischen Rollen wie König Arthus in „Spamalot“, Zaza in „La cage aux folles“ und nun als Gomez Adams mehr und mehr einen Status als Kult-Figur in der deutschsprachigen Musicalszene aufbaut. Uwe Kröger verspricht zumindest mir immer einen unterhaltsamen Entertainment-Abend. Auch Edda Petri als seine Frau Morticia glänzt in ihrer Rolle als witzige Gothic-Mutti mit Drang zu viel Drama.

© Susanne Brill

Als Tochter Wednesday war Marianne Curn zu sehen, über die ich mich sehr gefreut habe, da sie mir als Rotkäppchen in „Into the Woods“ in Kassel damals sehr im Gedächtnis geblieben ist. Vor allem die ersten Töne waren leider noch etwas holprig, was sich jedoch zum Glück im Laufe der ersten Lieder wieder gelegt hat. Oliver Mülich als liebenswerter Onkel Fester, Petra Lamy als Grandma und Noah Walczuch als Pugsley Addams vervollständigen diese darstellerisch perfekte Familie.

Bei den Beineckes spielt voran April Hailer die Mutter Alice Beinecke Pointen-sicher und glänzt vor allem durch ihre Darstellung des klischeehaften Kleinbürgertums. Andreas Zaron als Vater Melcom steht leider in April Hailers Schatten und wirkt vor allem am Anfang sehr unscheinbar. Benedikt Ivo als Freund Lucas kann ebenfalls zu Beginn nicht gänzlich überzeugen, zeigt jedoch im Zusammenspiel mit Marianne Curn eine durchweg plausible Beziehung ihrer beiden Figuren.

© Susanne Brill

Auch die Bühne ist für eine Tourproduktion absolut ansehnlich und besticht zum einen durch die Videoproduktion der Skyline von New York im Hintergrund (Sönke Feick) sowie den drei Bühnenteilen, die je nach Seitenansicht die äußere Fassade oder den Innenbereich des Addams-Anwesens zeigen. Bei der Bühne und den Requisiten von Frank Steinmetz und Frank Breidt wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet und dank dem ständigen Wechsel im Bühnenbild, wobei auch oft mit dem lila Vorhang gearbeitet wurde, wird es dem Zuschauer zumindest optisch nie langweilig. Die Lichteinstellungen tun ihr Übriges, um die Grusel-Atmosphäre der Filme perfekt auf die Bühne zu transportieren.

Das leider große Aber

Der Knackpunkt des Musicals ist eine elementar wichtige Komponente, nämlich das Buch. Ich bin allgemein kein Freund davon, wenn Filme oder Serien, vor allem so erfolgreiche, die mehrere Generationen geprägt haben, als Grundlage für ein Musical herhalten. Oft sind mir diese zu kreativlos und bis auf wenige Ausnahmen stehen diese Musicals immer im Schatten ihrer Vorlagen. „The Addams Family“ hätte gute Chancen gehabt zu den Ausnahmen zu gehören, da der Witz sehr gut auf der Bühne funktioniert, um einen kurzweiligen, unterhaltsamen Musicalabend zu kreieren. Leider hat mir hierbei das Buch einen Strich durch die Rechnung gemacht, da vor allem der erste Akt viel zu lange gedauert hat und ich oft das Gefühl hatte, dass die Zeit mit viel zu vielen Ensemble-Nummern und Handlungssträngen gefüllt worden ist, welche die Geschichte nicht voran gebracht haben. Man hätte sich beim Erzählen der Geschichte rein auf die Charaktere konzentrieren können, sozusagen ein „Next to Normal“ mit Gruselfeeling.

Mir fehlte einfach der Spannungsbogen oder auch mal eine überraschende Wende in der Handlung. Auf wahnsinnig lustige Momente, in denen man herzhaft lachen konnte, folgten langweilige und nichtssagende Dialoge. Ich hatte in der Pause noch die Hoffnung, dass im zweiten Akt die Geschichte auf das große Finale hinsteuert, aber leider hat dieser die Langatmigkeit des Stückes nur nochmal verstärkt. Ich hatte dann sogar kurz den bösen Wunsch, dass Wednesday in einer Szene ihren Liebsten einfach mit ihrer Armbrust abschießt, um die Handlung zumindest ein bisschen interessanter zu machen. Ob hier der morbide Humor der Addams auf mich abgefärbt hat oder ich einfach nur verzweifelt zum Schluss kommen wollte, sei dahingestellt. Es wäre in meinen Augen einfach das bessere und passendere Ende gewesen, als das doch kitschige und leider vorhersehbare, welches einem dann serviert wurde.

© Susanne Brill

Nachdem ich die Musik von „Big Fish“ so herrlich fand, war ich sehr gespannt auf die Arbeit von Andrew Lippa. Leider konnte mich auch die Musik nicht ähnlich mitreißen, wie es bei „Big Fish“ der Fall gewesen war. Ein Punkt, der leider auch noch erschwerend zum Gesamteindruck hinzu kommt. Nun hätte es definitiv nicht gepasst, wenn man plötzlich ein tiefgründiges, dramatisches Solo eingebaut hätte und die Musik integriert sich definitiv gut in das Stück, in welchem nun mal die Addams und ihr Humor die Hauptrolle spielen. Jedoch hätte ein kleiner Ohrwurm der Show definitiv gut getan und dem Ganzen die nötige Kurzweiligkeit gegeben, die ich mir so herbeigesehnt habe.

Fazit

Alles in allem hatte ich einen schönen und vor allem lustigen Abend mit einer grandios produzierten Show. Die deutsche Produktion verdient auf jeden Fall Anerkennung. Leider kann ich aber die Schwächen des Buches und der Musik nicht schönreden, weswegen ich das Musical nur eingefleischten Fans des schwarzen Humors und einem nachsichtigen Publikum empfehlen kann.

„The Addams Family“ – Das Musical

Uraufführung: 09.12.2009 (Oriental Theatre, Chicago)
Besuchte Vorstellung: 15.03.2017 (Deutsches Theater, München)
Musik & Lyrics: Andrew Lippa
Buch: Marshall Brickman, Rick Elice
Regie: Andreas Gergen
Choreographie: Danny Costello
Musikalische Leitung: Scott Lawton
Bühnenbild: Frank Steinmetz, Frank Breidt
Kostüme: Ulli Kremer
Besetzung: Uwe Kröger (Gomez Addams), Edda Petri (Morticia Addams), Oliver Mülich (Fester Addams), Marianne Curn (Wednesday Addams), Ben Ivo (Lucas Beinecke), April Hailer (Alice Beinecke), Andreas Zaron (Malcom Beinecke), Noah Walzuch (Pugsley Addams), Petra Lamy (Grandma Addams), Gerhard Karzel (Lurch Addams)

Vorstellungen im Deutschen Theater München noch bis zum 26. März 2017. Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Susanne Brill

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Nadine Jobst
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.