Für Musical-Fans ist die Realverfilmung von Disneys „Die Schöne und das Biest“ sicherlich eines der Kino-Highlights des Frühlings. Der Zeichentrickfilm von 1991 ist eines der größten Disney-Meisterwerke aller Zeiten und galt schon im Jahr seiner Veröffentlichung mit großem Augenzwinkern als bestes Broadway-Musical der Spielzeit, wohl gemerkt: Drei Jahre, bevor der Film wirklich für die Bühne adaptiert wurde und somit als erstes Disney-Musical aller Zeiten in die Geschichte eingehen sollte. Gering waren die Erwartungen im Vorfeld des Starttermins also keineswegs und die mediale Aufmerksamkeit, welche die Realverfilmung seit Wochen erzeugt, ist beachtlich. Kann die Starbesetzung überzeugen? Wie ist die deutsche Synchronisation gelungen? Und was sind die bedeutsamsten Änderungen im Vergleich zur Originalversion? Hier findet ihr die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was hat es eigentlich mit diesen Realverfilmungen auf sich?

„Der König der Löwen“, „Arielle – Die Meerjungfrau“, „Mulan“, … – Die Liste an erfolgreichen Zeichentrickfilmen aus dem Hause Disney ist lang und reich an Werken, die unsere Kindheit (und sicherlich auch noch Jugend!) geprägt haben. Die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte und die Bedeutung, welche die Filme generationsübergreifend besitzen, macht sich Disney länger nicht nur durch die Verlängerung der Verwertungskette in Form des Merchandise-Vertriebs und der Etablierung von Serien-, Zeitschriften- und Bühnenformaten zunutze, sondern transferiert die alten Zeichentrick-Meisterwerke seit Neuestem einfach in die reale Welt – mit realen Handlungsorten und realen Schauspielern. Ein wirtschaftlich intelligenter Schachzug des Unternehmens, da der kommerzielle Erfolg der Filme so gut wie vorprogrammiert ist und die Werke von damals wieder eine enorme Aufmerksamkeit generieren und die einzelne Marke, zu der jeder erfolgreiche Film letztlich geworden ist, ausgebaut und wiederum stärker an neue Zielgruppen oder Generationen herangeführt werden kann.

Auch wenn es künstlerisch nicht unbedingt innovativ ist, alte Filme zu nehmen und einfach neu zu verfilmen, so kann sich wohl niemand dem charmanten Ausblick erwehren, für wenige Stunden nochmal in Kindheitserinnerungen zu schwelgen und Figuren, die einem doch ans Herz gewachsen sind, auf aufregende Art und Weise neu zu sehen und zu erleben. 2010 gab Tim Burtons „Alice im Wunderland“ den Startschuss für die Renaissance der alten Klassiker, es folgten bereits „Maleficent – die dunkle Fee“, „Cinderella“, „The Jungle Book“ und nun eben „Die Schöne und das Biest“. 14 andere Live-Action-Movies sind in Planung, „Die kleine Meerjungfrau“ soll sogar noch 2017 in die Kinos kommen. Für alle „Dear Evan Hansen“-Fans interessant: Das Songwriter-Duo Benj Pasek und Jutin Paul komponiert gerade neue Songs für die Realverfilmung von „Schneewittchen“.

Gab es Änderungen an der Geschichte?

Die Geschichte von Belle, die in Gefangenschaft des verwunschenen Biestes landet und dieses nach anfänglichen – nennen wir es – Herausforderungen lieben lernt, sollte wohl den meisten bekannt sein. Im Vergleich zum Zeichentrickfilm gibt es an der zentralen Story soweit keine Änderungen. Es werden lediglich Charaktere erweitert und Hintergründe beleuchtet. So erfährt man, was mit Belles Mutter geschah und auch den Schlossbewohnern werden nun Familienmitglieder zugestanden, die ebenfalls von dem Fluch betroffen sind. Besonders beeindruckend gelang auch die Anfang-Sequenz, in der die Verfluchung des herzlosen Prinzen ausführlicher als bislang dargestellt wurde – alleine diese Szene baut schon eine enorme Spannung auf.

Congrats Gaston.http://9gag.com/gag/a1bPrx8?ref=fbpic

Posted by 9GAG on Sonntag, 19. März 2017

Was hat es mit dem „Nice, exclusively Gay Moment“ auf sich?

Diesen versprach Regisseur Bill Condon zumindest in einem Interview. Der Aufschrei von vielen Menschen, die noch nicht so richtig im 21. Jahrhundert angekommen sind, war laut, als verkündet wurde, dass Josh Gads LeFou der erste schwule Charakter Disneys werden würde. Dies rief natürlich enorm viele erzkonservative Holzköpfe und Schwachmaten auf den Plan. Eine Disney-Figur schmachtet eine andere – dazu noch ihren HBF (Heterosexual Best Friend) – offen an, also wirklich!

Gaston (Luke Evans, rechts) und Le Fou (Josh Gad) ; (c) 2016 Disney Enterprises inc. All Rights Reserved.

Dass der Disney-Film aus diesem Grund in Russland eine FSK-16-Freigabe erhalten hat und ein Kino in Alabama sich ganz weigert, den Film zu zeigen, lässt mich persönlich doch etwas an dem moralischen Entwicklungsstand vieler Zeitgenossen zweifeln. Nochmal: Wir schreiben das Jahr 2017!!! Es ist gut, dass Disney als mächtiger Unterhaltungskonzern diesen Schritt gegangen ist, wobei ich aber auch konstatieren muss, dass man in LeFou sicherlich homosexuelle Züge sehen kann – aber nicht zwingend muss. Vielmehr wird seine Homosexualität so subtil und nebensächlich dargestellt, dass man sich gern noch mehr Mut von Disney erhofft hätte. Warum beispielsweise sieht man ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde mit einem anderen Mann tanzen, ehe die Kamera sich wieder ganz schnell den Hetero-Pärchen widmet? Ich persönlich suche diesen „Exclusively Gay Moment“ jedenfalls noch immer – also jenen Moment, der eine solch große Aufregung verursachen konnte. Ich würde mir von Disney in Zukunft noch ein wenig mehr „Risikofreude“ wünschen und hoffe, dass dies nur ein erster zaghafter Schritt auf dem hoffentlich schnellen Weg in die moderne Gesellschaft ist, die lediglich von ein paar wenigen Ewig-gestrigen nicht akzeptiert wird.

Wie schlagen sich die Stars schauspielerisch und gesanglich?

Erstaunlich gut. Hier gab es schon wesentlich schwächere Star-Ensembles, die auf ein Musical losgelassen wurden. Emma Watson spielt mit großer Intensität und ist eine Idealbesetzung der Belle. Auch gesanglich meistert sie den Part solide – obwohl man die Songs auf der Musical-Bühne schon kraftvoller gehört hat. Dan Stevens gibt ein imposantes Biest und vermag trotz Motion-Capture-Technik ein facettenreiches Minenspiel zu kreieren. Wirklich beeindruckend! Luke Evans als Gaston spielt voller Arroganz, Selbstverliebtheit und Überheblichkeit, ohne seinen Charakter zur Karikatur verkommen zu lassen. Letzteres gilt auch für Josh Gad, dessen LeFou-Darstellung im Vorfeld für viel Wirbel gesorgt hat. Er ist viel weniger überdreht als beispielsweise in der Zeichentrick- und Musical-Version und verleiht seiner Figur dadurch eine bislang schmerzlich vermisste Authentizität. Er ist für mich persönlich der heimliche Star dieser Verfilmung! Kevin Kline als Belles Vater Maurice holt ebenfalls das Maximum aus seiner Rolle heraus, wirkt von Grund auf sympathisch und kann auch schauspielerisch Akzente setzen.

Von Unruh, Madame Pottine, Lumière und Plumette ; (c) 2016 Disney Enterprises inc. All Rights Reserved.

Auch im Ensemble der Schlossbelegschaft reiht sich ein großer Name an den nächsten. Besonders hervorzuheben sind hierbei Ewan McGregor und IanMcKellen, die als amüsantes Gespann Lumière/ von Unruh für viele Lacher sorgen. Emma Thompson als Madame Pottine singt das berühmte Titellied sehr gefühlvoll und ist so etwas wie die gute Seele des verwunschenen Hauses.

Rundum: Eine großartige, namhafte Cast, die solide singen kann. Letzteres ist nicht unbedingt selbstverständlich bei Musical-Verfilmungen!

Wie klingt die Synchronisation?

Ich muss gestehen, dass ich mich mit der deutschen Synchronisation extrem schwergetan habe. Dass man in der Original-Version in manchen Fällen pro Name und contra bessere Stimme entscheidet, erschließt sich mir unter Marketing-Aspekten. Warum man aber in der deutschen Synchronisation mit Sprechern arbeitet, die teilweise extrem überfordert mit der Partitur sind und gesanglich mehr als an ihre Grenzen stoßen, verstehe ich nicht. Positiv ist sicherlich, dass vor allem auch die Gesangstexte auf die Mundbewegungen passen (man denke nur an die Synchronisation von „Das Phantom der Oper“) und sehr natürlich wirken. Ansonsten meistern die einzelnen Sprecher die Gesangsstellen mal besser und mal schlechter. Bis auf Sascha Rotermund in der Rolle des Biests konnte mich allerdings niemand wirklich vom Hocker reißen und bei der Fülle an großartigen Musicaldarstellern, die es mittlerweile im deutschsprachigen Raum gibt, frage ich mich, wie es zu dieser Synchronisation kommen konnte.

Wie ist die Musik?

Alan Menken hat sich mit diesem Soundtrack definitiv ein musikalisches Denkmal geschaffen. Die Partitur strotzt nur so vor besonderen und eingängigen Melodien. Schade ist einzig, dass es die Songs aus der Musical-Version nicht in den Film geschafft haben. Besonders schade ist dies vor allem im Fall von „If I can`t love her“, welches einfach ein unfassbar gefühlvolles Lied ist, das einen Platz im Film sicherlich verdient gehabt hätte.

Dafür ergänzte Menken die Partitur aber um vier neue Lieder. Neben dem wunderschönen „Days in the Sun“ können sich die Zuschauer vor allem auf das neue Biest-Solo „Evermore“ freuen, das von Dan Stevens stark gesungen zum emotionalen Highlight des Films avanciert.

Was ist noch erwähnenswert?

Natürlich die opulente Ausstattung und Szenerie, die einfach ein Fest für die Augen darstellt. Disney eben! Visuell bleiben keine Wünsche offen! Beeindruckender hätte man die Welt von Belle und ihrem Biest sicherlich nicht gestalten können. Spätestens wenn Lumière zum großen Showstopper „Be our guest“ ansetzt, ist die optische Überforderung im besten Sinne perfekt.

Wer sollte sich den Film anschauen?

Ganz einfach: Jeder, der Disney und Musicals mag… und mit ein wenig Kitsch klar kommt.

Fazit

Ein ganz starker Disney-Film, welcher der Zeichentrickvorlage neue Facetten abgewinnt und Überraschungen bereithält. Eben ein kitschig-zuckersüßer Musical-Spaß, der mit opulenten Bildern, einer großartigen Musik und einer überzeugenden Star-Besetzung punkten kann. Einzig die deutsche Synchronisation trübt ein wenig den Gesamteindruck. Wer Englisch versteht, sollte nicht zögern, sich den Film in der Originalversion anzuschauen.

„Die Schöne und das Biest“ (2017)

Veröffentlichung: 17.03.2017
Länge: 129 Minuten
FSK: 6
Regie: Bill Condon
Musik: Alan Menken
Lyrics: Howard Ashman, Tim Rice
Darsteller: Emma Watson (Belle), Dan Stevens (Biest), Luke Evans (Gaston), Emma Thompson (Madame Pottine), Ewan McGregor (Lumière), Ian McKellen (von Unruh), Kevin Kline (Maurice), Josh Gad (LeFou), Stanley Tucci (Cadenza), Audra McDonald (Garderobe), Gugu Mbatha-Raw (Babette) u.v.m.

Beitragsbild: (c) 2016 Disney Enterprises inc. All Rights Reserved.

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.