Am 18. März wurde in Trier die deutschsprachige Erstaufführung des Jason-Robert Brown-Musicals „Die Brücken am Fluss (engl.: „The Bridges of Madison County“) gefeiert – einem Stück, das im Jahr 2014 mit zwei Tony Awards in den Königs-Kategorien „Best Original Score“ und „Best Orchestrations“ ausgezeichnet wurde. Bedenkt man dies, ist es schon fast verwunderlich, wie wenig Aufmerksamkeit die Trierer Produktion bislang trotz namhaftem Kreativteam und prominenter Cast in der Fan-Community hervorgerufen hat. Dabei bekommt man eine starke Inszenierung eines sehr besonderen Werkes geboten, das dem Bedürfnis vieler Fans nach abwechslungsreicher, hochwertiger Musical-Unterhaltung definitiv entsprechen sollte.

Mit Jason Robert Brown ist es so eine Sache. Entweder man liebt seine Arbeit und kann mit seinen fast schon filigran-spielerischen Kompositionen etwas anfangen – oder eben nicht. Ein Mann für den breiten Massengeschmack scheint der US-Amerikaner jedenfalls nicht zu sein. Aus seiner Feder stammen einige der von Kritikern hochgelobtesten Musicals der letzten Jahrzehnte (u.a. „The Last Five Years“, „Songs for a New World“) – aber eben auch ein paar der eindrucksvollsten Broadway-Flops der jüngeren Musical-Geschichte. „The Bridges of Madison County“ gilt mit seiner dreimonatigen Broadway-Laufzeit (137 Vorstellungen) tatsächlich schon als eines seiner erfolgreicheren Stücke – und war dennoch ein weiterer gefeierter, aber eben kommerziell ernüchternder Beweis dafür, dass dieser hochbegabte Komponist Blockbuster-Musical einfach nicht kann. Und das ist auch gut so. Denn Brown komponiert eben sehr anspruchsvoll und besonders und bereichert hiermit die Vielseitigkeit des Genres ungemein. Seine Scores sind immer für eine Überraschung gut und bei mir persönlich entfalten sie ihre volle Schönheit auch meist erst nach mehrmaligem Hören, während mich andere Stücke zu diesem Zeitpunkt musikalisch längst langweilen.

© Oliver Look

„The Bridges of Madison County“ bewegt sich kompositorisch zwischen Jazz, Folk, Country und beinahe schon opernhaften Passagen und kreiert eine sehr intime Stimmung, die wiederum die Wirkung von Inszenierung und Story unterstützt. Die Musik ist zu jedem Zeitpunkt hoch-komplex und sehr spannend komponiert, aber eben auch sehr unkonventionell und arm an Ohrwürmern. Daher fürchte ich, dass jenes „Mamma Mia“ und „Ich war noch niemals in New York“-gewöhnte deutsche Musical-Publikum sich eventuell mit dem Stück schwertun könnte. Hier sei aber ausdrücklich dazu aufgerufen, diesem besonderen und intelligenten Musical eine Chance zu geben. Das Theater Trier beweist mit dieser deutschsprachigen Erstaufführung Mut und ich persönlich hoffe sehr, dass dieser sich auch auszahlt.

Denn Liebe ist immer besser

Das Musical, das auf dem gleichnamigen Roman von Robert James Waller (1992) basiert, erzählt die Geschichte der Italienerin Francesca Johnson, die sich der Liebe wegen in Iowa niederlässt und ein solides, unaufgeregtes Leben als fürsorgliche Mutter und verlässliche Ehefrau führt. Als Mann und Kinder für wenige Tage verreisen und sie alleine zurückbleibt, tritt plötzlich der Fotograf Robert Kincaid in ihr Leben. Seine freie und ungebundene Lebensauffassung provoziert und fasziniert Francesca zugleich. Lange verloren geglaubte Sehnsüchte erwachen plötzlich wieder. Auf dem Spiel steht dabei nicht weniger als ihre Familie.

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1995 wurde der Roman mit Meryl Streep und Clint Eastwood verfilmt, 2014 folgte das Broadway-Musical, 2017 nun also die deutschsprachige Erstaufführung in Trier.

Große Namen, große Momente

Trotz der relativ großen Cast, besitzt „Die Brücken am Fluss“ definitiv Kammer-Musical-Charakter, da sich der Großteil der Handlung zwischen den beiden Haupt-Charakteren Francesca und Robert abspielt. Jede Inszenierung dieses Musicals steht und fällt mit der Besetzung dieser beiden Rollen und der Chemie, die sich zwischen den jeweiligen Darstellern entwickelt – oder eben nicht.

In Trier entschied man sich dafür, auf reifere Darsteller als beispielsweise in der Broadway-Produktion zu setzen – Eine nachvollziehbare und richtige Entscheidung, denn die beiden Hauptrollen erfordern einfach eine gewisse Lebenserfahrung, um die Entwicklung und Handlungsmotive glaubwürdig und authentisch darstellen zu können. Eine bewundernswerte Entscheidung – dem „Jugendwahn“ der Musical-Szene zu Trotz.

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Carin Filipčić liefert eine geradezu brillante Darstellung der Francesca Johnson ab – eine darstellerisch und gesanglich extrem große Herausforderung, die Filipčić scheinbar mühelos nimmt. Francescas unterdrückte Sehnsüchte spielt sie subtil aus und zeichnet das ausgewogene Bild einer selbstsicheren, eigentlich glücklichen und dennoch unausgefüllten Frau, die am Ende eine Liebe über die andere stellen muss. Eine Entscheidung, vor der ich niemals hätte stehen wollen und die mich emotional sehr berührt hat. Die anspruchsvollen Songs meistert sie mit kraftvoller, warmer Stimme. Im Vergleich zu Kelli O´Hara singt sie die Rolle etwas moderner und schnörkelloser, was mir persönlich sehr viel besser gefallen hat.

Hans Neblung steht dem in nichts nach. Sein Robert ist absolut sympathisch und der innere Zwiespalt, gegen den er aufgrund von Francescas Familiensituation ankämpft, wird in seinem Spiel absolut deutlich – ebenso wie die Zuneigung zur fremden und doch so vertrauten Italienerin. Eine Idealbesetzung des draufgängerischen Robert, obgleich er gesanglich bei der Premiere mit den Höhen etwas zu kämpfen hatte.

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Norman Stehr gibt einen – sagen wir vorsichtig – „entschleunigten“ Bud – was absolut positiv gemeint ist. Seine Bewegungen sind – unterstützt von dem beträchtlichen Fake-Bäuchlein – ein Ausdruck der Ruhe, Langeweile und Behäbigkeit, die seinen Charakter zeichnen. Die Ehe ist zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden, alles geht seinen vertrauten Weg, ohne aufregende Vorkommnisse. Sieht man Bud und betrachtet gleichzeitig Robert wird so alleine schon aufgrund des Erscheinungsbildes und Auftritts klar, was Francesca an dem Fotografen findet. Als er langsam realisiert, was in seiner Abwesenheit vorgefallen ist, kann er auch schauspielerisch Akzente setzen und bleibt nachhaltig in Erinnerung.

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Als Kinder des Ehepaars Johnson stehen Mariyama Ebel und Chadi Yakoub auf der Bühne und verbringen eigentlich die meiste Zeit damit, sich zu zanken. Dass die Streitereien nicht aufgesetzt und eben authentisch wirken ist vor allem beider souveränem Schauspiel zu verdanken. Hierbei sorgt Yakoub vor allem im zweiten Akt, als sich der Konflikt zu seinem Vater weiter zuspitzt für intensive und berührende Momente. Die Szenen, an denen beide beteiligt sind brechen auch ein wenig mit der sonstigen Atmosphäre des Stückes und stellen eine wichtige und willkommene Auflockerung dar – eben auch dank der starken Nachwuchs-Darsteller, von denen man in Zukunft hoffentlich mehr hören wird.

Als Nachbarn geben Christopher Ryan (Charlie) und Conny Hain (Marge) ein urkomisches Paar ab, ihre Dialoge strotzen nur so vor Sprachwitz und sorgen für die meisten Lacher des Abends, was letztlich auch dem sicheren komödiantischen Timing der beiden Darsteller zu verdanken ist. Zudem ist Marge so etwas wie die gute Seele der Nachbarschaft und ein wenig Francescas Fels in der Brandung, was mich überrascht hat. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sich die Nachbarschaft über Francescas Affäre – auf gut Deutsch gesagt – das Maul zerreißt. Das Gegenteil ist aber der Fall und Marge hält ihrer Freundin den Rücken frei, ist sicherlich neugierig, aber eben ein treuer Mensch und eine gute Seele – ähnlich wie Francescas und Buds sonstiges soziales Umfeld in Iowa, wo man sich noch umeinander kümmert und sorgt. Wohl ein weiterer wichtiger Faktor für Francescas wegweisende Entscheidung.

Sidonie Smith kann in der kleinen Rolle der Marian/ Country Fair Singer ebenfalls auf sich aufmerksam machen und sorgt mit ihrer kraftvollen Stimme für eines der musikalischen Highlights des Abends.

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Im Zusammenspiel harmoniert das Ensemble zu jedem Zeitpunkt hervorragend und gibt ein stimmiges Gesamtbild ab, auch wenn die großen Ensemblenummern, in denen auch einzelne Neben-Akteure sonst in den Vordergrund treten können, dem Musical Vorlagen-bedingt fehlen.

Das Orchester spielt unter der musikalischen Leitung von Dean Wilmington kraftvoll und dynamisch auf. Es ist absolut beeindruckend, welch voller Sound hier entsteht und wie souverän auch die Tonabmischung bei der Premiere – wo es sonst immer noch an manchen Stellen hakt – gelingt. Hier hatte ich seit Langem wirklich rein gar nichts an Lautstärke und Balance auszusetzen. So ist alleine die musikalische Seite schon einen Besuch wert.

Die etwas andere Botschaft

Das Bühnenbild von Matthias Winkler besticht durch imposante 3-D-Malereien und verleiht der Produktion einen Look, der sich nicht hinter der (auch schon nicht mehr selbstverständlichen) Opulenz von Großproduktionen zu verstecken braucht. Vor allem die szenische Umsetzung des Songs „When I`m gone“ ist durch die Bespielung zweier Bühnenebenen extrem eindrucksvoll geraten, was wiederum die inhaltliche Aussagekraft der Szene unterstützt. Das größte Bild des Abends ist aber ohne Frage das Lichtermeer zu „One Second and a Million Miles“, welches ich zudem für eines der schönsten Liebesduette halte, die das Musical-Genre jemals hervorgebracht hat.

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Nicht zuletzt beweist Regisseur Ulrich Wiggers sein Geschick in der Personenführung und eine Inszenierung zu kreieren, welche die maximale Bedeutung der Vorlage ausschöpft und ohne große Ablenkungsmanöver auskommt. Er stellt die Liebesgeschichte von Francesca und Robert ohne unnötigen Kitsch in ihrer reinen Form dar – dass Carin Filipčić und Hans Neblung so beeindruckend aufspielen und ihren Texten zu jedem Zeitpunkt die richtige Aussagekraft verleihen, ist vor allem auch Wiggers` Interpretation zu verdanken.

Die Übersetzung von Wolfgang Adenberg ist – wie man es von ihm gewohnt ist – sehr gut gelungen. Sicherlich sind manche Songtexte im Vergleich zum englischen Original beim ersten Hören etwas gewöhnungsbedürftig, aber das bleibt nunmal nicht aus. Adenberg ist meiner Meinung nach einfach der verlässlichste Übersetzer im deutschsprachigen Raum und eine gute Wahl für dieses Jason-Robert Brown-Stück, auch wenn manche sehr poetischen Aussagen zwangsläufig keine ähnlich hochwertige deutsche Entsprechung gefunden haben – aber auch das ist bei Übersetzungen häufig eben ein unmögliches Unterfangen.

Ich habe mich das ganze Stück über gefragt, ob „Die Brücken am Fluss“ „nur“ eine ganz hübsche Geschichte über eine unbewusst gelangweilte Frau ist, die sich ungünstigerweise in einen draufgängerischen Fremden verliebt, oder ob das Stück mich am Ende auch mit einer klaren Botschaft nach Hause schickt. Diese hat mich wohl am meisten überrascht. Denn wo die einfache Message etwas a la „Folge deinem Herzen“ oder „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ hätte gewesen sein können, wählt das Stück und eben auch die Buchvorlage ein Ende, das trotz seinem dramatischen Ausgang auch ein wenig die Augen öffnet. Auch wenn es die undankbarste Entscheidung überhaupt ist, eine Liebe über die andere zu stellen, so ist es immer besser, wenn man überhaupt geliebt hat und weiß, was Liebe überhaupt bedeutet. Eine besondere Botschaft eines eben besonderen Musicals!

Leider hat das Stück aber auch das große Problem, dass es wirklich sehr lange dauert, bis die Handlung Fahrt aufnimmt und fesselt. Die anfängliche Annäherung von Francesca und Robert ist zwar realistisch dargestellt, aber auch extrem zäh und entgegen der Erzähltempi, die man von anderen Musicals mittlerweile gewöhnt ist. Hier wäre eine straffere Dramaturgie viel Wert gewesen. Ein kleiner, aber eben zentraler Schwachpunkt des Stückes.

Fazit

„Die Brücken am Fluss“ ist sicherlich kein Musical für jeden, sondern viel mehr für all jene, die eine komplexe, anspruchsvolle und einzigartige Musik zu schätzen wissen. In Trier wird einem ganz große Musical-Unterhaltung geboten, dazu noch ein Stück von einem der größten Komponisten unserer Zeit, das vollkommen zurecht mit zwei Tony Awards ausgezeichnet wurde. Wer sich also immer darüber beschwert, dass in Deutschland stets die gleichen „ollen Kamellen“ gespielt und Stücke lieblos durch die Republik rotiert werden, sollte unbedingt den Weg nach Trier auf sich nehmen. „Die Brücken am Fluss“ ist definitiv eine Musical-Perle, die man in dieser Inszenierung nicht verpassen sollte.

„Die Brücken am Fluss“ – Deutschsprachige Erstaufführung in Trier

Besuchte Vorstellung: 18.03.2017
Weltpremiere: 01.08.2013 (Williamstown Theatre Festival)
Broadway-Premiere: 20.02.2014
Deutschsprachige Erstaufführung: 18.03.2017 (Theater Trier)
Musik & Lyrics: Jason Robert Brown
Buch: Marsha Norman
Übersetzung: Wolfgang Adenberg
Inszenierung: Ulrich Wiggers
Choreographie: Christopher Ryan
Musikalische Leitung: Dean Wilmington
Bühnenbild: Matthias Winkler
Kostüme: Noélie Verdier
Regieassistenz: Thomas Heep
Besetzung: Carin Filipčić (Francesca Johnson), Hans Neblung (Robert Kincaid), Norman Steht (Bud Johnson), Chadi Yakoub (Michael), Mariyama Ebel (Carolyn), Sidonie Smith (Marian, Country Fair Singer, Fiedel Solistin), Conny Hain (Marge, Chiara, Ginny), Christopher Ryan (Charlie), Philipp Kirsch (Paolo), Lawrence Shawn Hutton (Junger Bud)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Oliver Look

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.