Nachdem es immer wieder Gerüchte gab und sich die Fans schon lange danach gesehnt haben, kam es am Samstag, dem 18. März 2017 im Musiktheater Linz endlich zur deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals „Ghost – Nachricht von Sam“. In Zusammenarbeit mit Stage Entertainment hat man es geschafft, eine technisch fast so aufwendige Inszenierung wie im West End auf die Bühne zu bringen und auch sonst braucht sich die Produktion nicht hinter jener Londoner Welturaufführung zu verstecken. Nur emotional konnte die Inszenierung bei mir nicht ganz mit dem Original mithalten.

© Reinhard Winkler

Musicals, welche auf Filmen basieren, nehmen in den letzten Jahren (leider?) mehr und mehr Überhand und können mich nur sehr selten überzeugen, da sie in meinen Augen meist nur ein billiger Abklatsch des Originals sind ohne einen wirklichen Mehrwert zum bereits Vorhandenen beizutragen oder sich von der Vorlage soweit abzuheben, dass ein eigenständiges Musical entsteht. Das Musical zum Erfolgsfilm „Ghost – Nachricht von Sam“ aus dem Jahr 1990 mit Patrick Swayze, Demi Moore und Whoopie Goldberg in den Hauptrollen war für mich damals in London eine der wenigen Ausnahmen und ich habe mich sehr darüber gefreut, als bekannt wurde, dass es nach der englischen Version in Frankfurt nun zur deutschsprachigen Erstaufführung kommen würde. Noch dazu im Linzer Musiktheater. Einem Haus, das ich spätestens seit der Produktion von „Les Misérables“ dank der modernen Ausstattung und vielen besonderen Einfällen rund um den Theaterbesuch als mein Lieblingstheater im deutschsprachigen Raum bezeichne.

Wenn man Kitsch mit Emotionen verwechselt

Die Geschichte von „Ghost – Nachricht von Sam“ kennt aufgrund des Erfolgsfilms bestimmt jeder. Der Banker Sam und die Künstlerin Molly ziehen zusammen in ihre erste gemeinsame Wohnung in Brooklyn und planen ihre Zukunft als Sam vor Mollys Augen von einem Mann erschossen wird, der seine Brieftasche stehlen will. Sam ist nun in einer Art Zwischenwelt auf der Erde gefangen und findet heraus, dass der Überfall geplant war und er somit gezielt ermordet worden ist. Da der Dieb Willie Lopez und seine Hintermänner immer noch nicht an ihr eigentliches Ziel, Sams Arbeits-Codes, gekommen sind, ist nun Molly in Gefahr. Zusammen mit Oda Mae Brown, einer Wahrsagerin, die ihn und andere Geister hören kann, versucht er nun Molly zu retten.

© Reinhard Winkler

Das Musical „Ghost“ hat es auf jeden Fall geschafft, etwas Eigenständiges zu kreieren und sich von der Filmvorlage zu differenzieren. Jedoch ist ein Besuch des Stücks selbstverständlich auch ein Muss für Fans des Films, da die Geschichte und die vielen Kult-Elemente wie die Töpfer-Szene und „Unchained Melody“ auch in der Bühnen-Version noch vorhanden sind. Wichtigstes Merkmal der Musicalfassung ist für mich, dass „Ghost“ optisch in der heutigen Zeit spielt und nicht Anfang der 1990er Jahre. Auch Sam und Molly haben vom Aussehen her nicht mehr viel mit ihren Filmvorgängern gemein. Somit bekommt zumindest das Auge viel Neues geboten und die Bühnenfassung wird eben nicht zu einem traurigen Nostalgie-Versuch, der einzig und allein zum Ziel hat, den Film haargenau wiederzubeleben (#DirtyDancing).

Auch der Score von Dave Stewart und Glen Ballard trägt seinen Teil dazu bei, dass die ganze Inszenierung sehr modern und neu gegenüber ihrer Filmvorlage wirkt. Die gefühlvollen Balladen, dramatischen Solo-Nummern der Hauptdarsteller sowie mitreißende Ensemble-Nummern erweisen sich als abwechslungsreich und besitzen viel Ohrwurmpotenzial. In Linz sitzt die Band „Black Beauty and Friends“ im Orchestergraben und spielt mit viel Hingabe unter der musikalischen Leitung von Stefan Diederich den poppigen Sound mit Ausflügen in Richtung Rock, Soul und ein wenig Elektro.

© Reinhard Winkler

Wie bereits erwähnt, bin ich ein großer Fan des Musiktheaters in Linz, welches dieses Jahr seinen vierten Geburtstag feiert. Die große Bühne von der ich anfangs noch so begeistert war, sollte dann jedoch ausgerechnet zum Verhängnis werden. Das Bühnenbild von Hans Kudlich wirkte wie eine große, nicht enden wollende Halle und lies sich problemlos ohne viel Änderungen in das Loft von Molly und Sam oder in einen anderen Ort in New York verwandeln. Bei den Ensemble-Szenen wie „Mehr/More“ oder den U-Bahn-Sequenzen, eben wenn man die Bühne voll ausnutzen konnte, war dies von Vorteil und passte auch ideal zum Bild, das man vom heutigen New York kennt.

Leider schafften es deswegen jedoch die Szenen in der Wohnung von Molly und Sam nicht, mich so zu fesseln wie in London. Auch die sonstige Ausstattung auf der Bühne fiel eher sparsam aus, wodurch es fast so wirkte, als hätte der Kauf des riesigen und wahrscheinlich überteuerten Wohn-Ateliers, Sam und Molly so weit in den finanziellen Ruin getrieben, dass sie kein Geld mehr für die Einrichtung übrig hatten und daher nur noch ein Kühlschrank, eine Couch und eine Töpferbank finanziell machbar gewesen sind. Auch die emotionalen Songs wie „Mit dir/With you“ in der Molly einfach nur verloren im letzten Eck der Wohnung saß, konnte mich aufgrund der Größe irgendwie nicht erreichen. Natürlich kann es bei einem Stück wie „Ghost“ schnell gefährlich in Richtung Kitsch abgleiten, gerade wenn die Bühne zu überladen ist, daher finde ich den Grundgedanken, alles ein wenig schlichter zu halten gut, jedoch hätte es mit einer kleineren Bühne oder einer Eingrenzung zwecks mehr Intimität vielleicht besser funktioniert.

Auch das Videodesign, welches ebenfalls von Hans Kudlich stammt, erfüllte seinen Zweck, verlor aber aufgrund der Weitläufigkeit der Bühne wieder ein wenig seiner Wirkung. Für das Herzstück des Musicals, die optischen Täuschungen, mit denen dargestellt werden soll, dass Sam als Geist keinen festen Körper besitzt, wurde Zauberkünstler Nils Bennett ins Boot geholt. Die Illusionen sind grandios umgesetzt und stehen jenen der Ur-Version in Nichts nach. Auch die Choreographien von Lee Proud werden vor allem den dynamischen Ensemble-Nummern mehr als gerecht.

Die deutsche Übersetzung der Songs von Roman Hinze sind im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, was jedoch immer der Fall ist, wenn man jahrelang immer nur die englischen Texte gehört hat. Nach dem ersten „Schock“ funktionieren diese jedoch sehr gut und man kann nach dem ersten Hören von einer gelungenen Übersetzung sprechen. Auch die Live-CD ist bereits in Arbeit und soll Mitte Mai erscheinen.

Es muss nicht immer Swayze oder Seibert sein

© Reinhard Winkler

Nun ist die Musik von „Ghost“ bestimmt nicht für dünne Stimmchen gedacht und vor allem die Hauptdarsteller sollten ordentlich Power mitbringen, was in Linz auf ganzer Linie geglückt ist. Allen voran glänzt Riccardo Greco in der männlichen Hauptrolle des Sam Wheat. Vor allem gesanglich ist es ein absoluter Genuss, ihm zuzuhören und auch schauspielerisch findet er die perfekte Balance zwischen Traummann und Bodenständigkeit, damit nicht alles in zu perfekten Kitsch abdriftet. Ihm gegenüber steht Anais Lueken als Molly Jensen. Bei ihr hatte ich anfangs ein wenig Sorge, dass Riccardo Greco sie an die Wand singt. Jedoch war dies nur der erste Eindruck und legte sich schnell wieder. Wie bereits erwähnt, konnte sie mich emotional leider nicht zu jedem Zeitpunkt abholen, was jedoch an meinem persönlichen Problem mit der Inszenierung lag. Gesanglich und schauspielerisch gelang es ihr letztlich ebenfalls, beeindruckende Akzente zu setzen. Lueken und Greco harmonieren darüber hinaus sehr gut zusammen auf der Bühne und es wäre eine Schande die beiden nicht auch für die Fortsetzung der Produktion in Berlin zu engagieren.

© Reinhard Winkler

So wie die Rolle der Oda Mae Brown im Film für Whoopie Goldberg geschrieben worden zu sein scheint, ist dies im Musical offenbar der Fall bei Ana Milva Gomes. Sie gibt der Rolle viel Witz und glänzt in ihren Solos mit so viel Stimmgewalt, dass es eine reine Freude ist, ihr dabei zuzuhören. Peter Lewys Preston als Carl hat die undankbare Rolle des hinterhältigen, besten Freundes abbekommen und meistert diese zum Glück sehr gut. Man will ihn irgendwie nicht in eine Schublade stecken, da er zwar zum einen seinen Freund auf dem Gewissen hat, zum anderen merkt man jedoch, dass er da ohne böse Absichten hineingeraten ist. Auch gesanglich bildet er ein gutes Trio mit Riccardo Greco und Anais Lueken. Das restliche Ensemble inklusive Rob Pelzer als Krankenhaus-Geist und Gernot Romic als Geist in der U-Bahn singt und tanzt sich mit viel Spielfreude durch das Stück.

So grandios besetzt das Stück auch war, so schaffte es die Produktion in Linz leider nicht, mich so zu berühren, wie es in London der Fall gewesen war. Vor allem bei der Schlussszene, wenn Molly sich endgültig von Sam verabschiedet, fiel mir auf, wie sehr mich die Inszenierung von Matthias Davids doch kalt lässt. In London brachen bei mir spätestens bei der Abschieds-Szene alle Dämme, während ich in Linz hiervon leider weit entfernt war. An sich war es jedoch eine gelungene deutschsprachige Erstaufführung eines grandiosen Stücks und ein weiterer Meilenstein für das Musiktheater in Linz. Stage Entertainment holt das Stück als Co-Produzent nach der Spielzeit in Linz nach Berlin ins Theater des Westens, wo es ab Dezember 2017 zu sehen sein wird.

„Ghost – Nachricht von Sam“ – Das Musical in Linz

Uraufführung: 28.03.2011 (Opera House, Manchester)
Besuchte Vorstellung: 18.03.2017 (Musiktheater Volksgarten, Landestheater Linz)
Musik & Lyrics: Dave Stewart, Glen Ballard
Buch & Lyrics: Bruce Joel Rubin
Übersetzung: Ruth Deny (Dialoge), Roman Hinze (Gesangstexte)
Regie: Matthias Davids
Choreographie: Lee Proud
Musikalische Leitung: Stefan Diederich
Bühnenbild und Videodesign: Hans Kudlich
Kostüme: Leo Kulas
Illusionen: Nils Bennett
Dramaturgie: Arne Beeker
Besetzung: Riccardo Greco (Sam Wheat), Anais Lueken (Molly Jensen), Ana Milva Gomes (Oda Mae Brown), Peter Lewys Preston (Carl Bruner), Rob Pelzer (Krankenhaus-Geist), Gernot Romic (U-Bahn-Geist)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Reinhard Winkler

TEILEN
Vorheriger ArtikelReview: „The Addams Family“ in München – Kurzweiliger Spaß mit Längen
Nächster ArtikelNews: Jan Ammann im Mai in „Tanz der Vampire“ in Stuttgart
Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.