Am 14. Februar feierte der zweite und dritte Jahrgang der Abteilung für musikalisches Unterhaltungstheater der „Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien“ Premiere mit einer Produktion aus der Feder des erfolgreichen Berliner Musical- Duos Thomas Zaufke und Peter Lund: „Grimm! – Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“. Auf der Bühne zu sehen sind die großen Namen von morgen, inszeniert von Werner Sobotka – das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen!

 Es war einmal…

… ein Mädchen mit dem Namen… Halt! Rotkäppchen hat ihren Spitznamen gründlich satt! In Wirklichkeit heißt Rotkäppchen nämlich Dorothea. Und Dorothea ist alles andere als angepasst und niedlich…
Und weil es besonderen Spaß macht, etwas zu tun, was ihr alle anderen in ihrem kleinkarierten Dorf verbieten, nämlich in den „Dunklen Wald“ zu gehen, ist es genau das, was Dorothea will! Dort soll ein gefährlicher, böser, zähnefletschender und durch und durch unsympathischer Wolf namens Grimm hausen…

Und siehe da – Überraschung – Grimm, der Wolf, ist nicht nur hypersensibel und kennt sich gut mit der Psyche der Frauen aus, er ist auch noch ziemlich gutaussehend… Aber, er hat eine ganz eigene Geschichte; eine Geschichte, die so ganz und gar nicht zu dem passen will, was Dorothea schon als kleines Kind ständig eingebläut wurde…
Was wäre, wenn all die Geschichten über das Fremde und Unbekannte nur erstunken und erlogen sind? Wenn wir nur vorurteilsfrei und vorbehaltlos aufeinander zugingen? Vielleicht ist der „Andere“ wesentlich netter als der eigene Onkel…?

Der Wolf im Mann

Schon einmal vorneweg die Frage, die einen die ganze Zeit nicht loslässt: Ist „Grimm!“ von Zaufke/Lund ein Stück für Kinder? Schaut man sich die Berliner Inszenierung von 2015 an: NEIN! Es gibt einfach viel zu viel… nunja, Schweinkram eben. Und damit meine ich nicht, „sich im Schlamm wälzen“, „in der Sonne liegen“ und was Schweinchen eben sonst noch so gerne tun. Aber erst einmal der Reihe nach…

„Grimm!“ ist DAS Musterbeispiel für ein Musical mit vielen, gleichberechtigen Hauptrollen und insofern ideal für die Studenten des zweiten und dritten Jahrgangs der Wiener Musik und Kunst Privatuniversität, ehemals Konservatorium Wien. Zwar liegt das Hauptaugenmerk natürlich auf Rotkäppchen, genannt Dorothea, dennoch geht keiner im Ensemble unter und jeder hat auch mindestens eine Substory plus Song. Vor allem dreht es sich um Vorurteile und es sind erschreckend viele Parallelen zur heuten Zeit, vor allem in Bezug auf Flüchtlinge zu finden.

 

© Rita Newman

Diese Verschiedenheiten in Einstellung, Herkunft, sozialer Stand und so weiter wurde ganz wunderbar von der Regie (Werner Sobotka) und dem Kreativteam herausgearbeitet. Das zeigt sich zum Beispiel schon an den Kostümen (Elisabeth Gressel): Das Dorf als spießig und kleinkariert in österreichischer Tracht, daneben die wilden Tiere des Waldes im Punk-Look als krasses Gegenteil, dazu noch ein Körnchen Politik: Alle Waldtiere tragen irgendwo am Körper Mexiko-Flaggen. Das Konzept mag auf den ersten Blick etwas befremdlich erscheinen, ist aber in sich sehr stimmig und schön durchgesetzt. Auch wurde die Entwicklung von manchen Figuren so besonders deutlich: Nachdem Dorothea im Wald war, trägt auch sie Lederjacke und Schweinchen Dicklinde bekommt von Schweinchen Wild ein Leder-Nieten Halsband geschenkt, als sie sich ihrer Liebe zueinander versichern.

Das Bühnenbild von Karoline Hogl tut seinen Teil dazu. Links die Idylle mit rot/weiß karierten Vorhängen, rechts bemooste Bretterrampen, ein Irrgarten aus Holz. Dazwischen ein Zaun, ein „Zutritt verboten“-Schild, später rot/weißes Absperrband. Besonders die Umsetzung des Waldes ist sehr gelungen, da oft Figuren in den Wald verschwinden und durch die Herumkletterei auf den Podesten einen viel weiteren und beschwerlichen Weg zurück in den Wald haben.

Christian Holemy schuf eine abwechslungsreiche, passende und sehr oft unglaublich komische Lichtstimmung, ich denke hier vor allem an pinke Spots, wenn es zwischen zwei Figuren „Ping“ macht.

Es gibt einen kleinen Wemutstropfen: Es gibt keine Live Band, die Musik kommt vom Band. Das vergisst man aber ganz schnell bei dem tollen Klang, den das Ensemble auf die Bühne des Theaters zaubert (Musikalische Leitung: Michael Schnack). Die Choreographien von Simon Eichenberger sind stimmig, witzig und durchdacht, man findet oft Themen wieder, Grimm hat seinen eigenen „Signature Move“.

Das Cast besteht zur Hälfte aus Studenten des dritten Jahrgangs, die alle 30 (!) Shows spielen und zur anderen Hälfte aus dem zweiten Jahrgang, die jeweils 15 aufeinanderfolgende Vorstellungen haben.

Florine Schnitzel übernimmt die Rolle der Dorothea und ist fast die ganze Zeit auf der Bühne. Sie spielt mit wahnsinnig viel bodenständiger Energie ohne aber im Mindesten überzogen zu wirken.

Lukas Weinberger ist in der Titelrolle als ein sehr bubenhaft schelmischer Wolf zu sehen (und ja, sexy ist er auch mit seinem Fuchsschwanz), der vor allem durch seine sympathische Keckheit zum Publikumsliebling wird. Genauso spielt er aber auch verwirrt und verletzlich, die Chemie mit Dorothea stimmt auf jeden Fall.. Auch die übrigen Figuren sind eigentlich zu einzigartig, um sie alle mit nur einem Satz abzuspeisen. Oma Eule (Enny Alejandra Grijalva Villalobos) hat mit ihrer einzigartigen Körperlichkeit die Rolle auf den Punkt getroffen.  und auch hre wilde Vergangenheit als heißeste Nachteule sorgt für Lacher. Einer ihrer Verflossenen ist der Alte Hofhund Sultan (Tom Wagenhammer), der als Bürgermeister in die Rolle des Erzählers schlüpft. Leider ist Sultan für meinen Geschmack in Kostüm und Maske viel zu jung geraten. Es wird erzählt, dass er – schon in Dorotheas Kindheit – „alt und grau geworden“ war und das liegt etwa 10 Jahre zurück. Das ergab für mich einen ziemlichen Knick in der Logik, dennoch füllte Tom Wagenhammer die Figur mit väterlicher Autorität und Charme.

© Rita Newman

Katharina Gorgi als supercooles, punkiges Schweinchen Wild ergab ein tolles Gespann mit Schweinchen Dicklinde, Diana Schnierer. Schweinchen Didi (Lukas Müller) kommt eine tragende Rolle in dem Putschversuch von Schweinchen Schlau (Kaj Luis Lucke) zu und erfährt auch sein ganz eigenes und fantastisches „Ping!“ (mit rosa Licht, wir erinnern uns). Top aktuell war die Figur dieses Schweinchen Schlau, schon die geföhnte Frisur lässt zarte Rückschlüsse auf gewisse politische Veränderungen der letzten Monate zu und ein paar vorsichtig gewählte Ausdrücke runden das ganze noch hübsch ab („Make the Dorf great again!“). Zu Schweinchen Schlaus Vorstellung, wie man mit den Waldtieren – hier nochmal ein kleiner Verweis auf die Mexiko-Flaggen -, die über die Grenze kommen, umzugehen hat, muss man also nicht mehr viel sagen, außer, dass Kaj Luis Lucke diesen Despoten großartig unsympathisch umgesetzt hat, besonders im Zusammenspiel mit Sultan, dem offiziellen Bürgermeister.

Sultans Sohn Rex (Raphael Groß), der junge Hof- und Jagdhund und bester Freund Dorotheas, macht eine erstaunliche Wandlung durch: Vom verängstigten Schoßhündchen, der sich nicht alleine in den Wald traut, bis zum Hund, der seine Wildinstinkte wieder entdeckt und mit Grimm eine flotte Sohle auf`s Parkett legt. Last, but definetly not least, bleibt noch Giesela Geiß-Bock-Hirsch (Alexandra-Yoana Alexandrova) als alleinerziehende Proll-Mutti in Glitzer-BH, High-Heels und hautenger Silberleggins, die ihre Kinderschar, bestehend aus Katharina Gorgi, Enny Alejandra Grijalva Villalobos, Lisa-Marie Rettenbach  und Inés Vogt über die Bühne jagt. Die sehen in ihren Plüsch – Onesies allerding eher wie Kühe aus, sind aber zweifellos praktisch für schnelle Umzüge. Mutter Geiß‘ Tango mit Grimm hätte  zwar viel Potential, allerdings wurde hier die Erotik nur angedeutet. Von der Männerfressenden Nymphomanin leider nicht mehr so viel übrig ist und die ganze Szene wirkt unrund und etwas fad.

„Grimm!“ beschäftigt sich in dieser Inszenierung in allererster Linie mit den Themen Vorurteile und Fremdenhass. Ganz offen werden diese Themen angesprochen und verdeutlicht, in beide Richtungen. Keiner im Dorf weiß, wie ein Wolf aussieht, genauso erkennt aber auch Grimm nicht, dass Dorothea zur Rasse der Menschen gehört, die er so verachtet.

.„Grimm!“ im Theater der Jugend in Wien ist definitiv einen Besuch wert, die Musik ist große Klasse und man darf gespannt sein, wohin es diese talentierten, jungen Leute noch bringen.

„Grimm!“

Uraufführung: Dezember 2014, Kinder- und Jugendtheater Next Liberty, Graz
Premiere in Wien: 14.2.2017, Theater der Jugend, Wien
Besuchte Vorstellung:
25.2.2017
Musik:
Thomas Zaufke
Text:
Peter Lund
Regie:
Werner Sobotka
Choreographie:
Simon Eichenberger
Musikalische Leitung:
Michael Schnack
Bühne: Karolin Hogl
Licht: Christian Holemy
Kostüme: Elisabeth Gressel
Dramaturgie: Wolfgang Türks
Besetzung:
Florine Schnitzel (Dorothea), Lukas Weinberger (Grimm), Enny Alejandra Grijalva Villalobos (Oma Eule, Geißlein), Katharina Gorgi (Schweinchen Wild, Geißlein), Tom Wagenhammer (Sultan, der alte Hund), Raphael Groß/Alexander Ernst Doevendans (Rex, Sultans‘ Sohn), Kaj Luis Lucke (Schweinchen Schlau), Diana Schnierer (Schweinchen Dicklinde), Lukas Müller/Alexander Rapp (Schweinchen Didi), Alexandra-Yoana Alexandrova (Giesela Geiß), Martina Pallinger/Lisa-Marie Rettenbacher, Celina des Santos, Inés Vogt (Geißlein)

Vorstellungen im Theater der Jugend, Wien noch bis zum 11. März 2017. Mehr Informationen gibt es hier.

Beitragsbild: © Rita Newman