„Aha, was ist denn das?“ wurde ich von mehreren, sich selbst als theateraffin bezeichnenden Personen gefragt, als ich begann, ihnen von meinem Besuch des Stückes „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ zu erzählen. Bei der Antwort, es handele sich hierbei um ein Musical, welches derzeit in der Volksoper zu sehen sei, wurde dann oftmals desinteressiert abgewunken. „Soso, ein Musical, na ja, was die jungen Leute heutzutage so für Kultur halten“ – schienen die Gedanken der meisten wohl zu sein.

In dem am 4.3. publizierten und meiner Meinung nach ziemlich oberflächlichen Süddeutsche-Zeitung-Artikel „Musicals – kitschiger Kommerz oder großes Gefühl?“ wird „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ wenig überraschend nicht erwähnt. Das könnte einerseits daran gelegen haben, dass das Stück den Autoren des Artikels nicht bekannt war, andererseits aber wäre das Stück wahrscheinlich auch weder auf der Pro noch auf der Kontra-Liste erschienen, da es sich weder in die Kategorie „kitschiger Kommerz“ noch „großes Gefühl“ einordnen gelassen hätte.

Wer das gesamte Musicalgenre auf – wenn überhaupt –  eine Qualität reduzieren möchte, wird aller Wahrscheinlichkeit nach von „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ ziemlich überrascht sein und spätestens hier feststellen, wie pauschal seine Kategorisierung doch war.

Wie man einen Pulitzer-Preis gewinnt

In dem Stück mausert sich J. Pierrepont Finch (Mathias Schlung) dank eines Ratgebers vom Fensterputzer zum Werbechef der World Wide Woppel (im engl. Original: World Wide Wicket) Company. Der Titel des Ratgebers? – „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“, genau. Und den befolgt Finch Wort für Wort. Er schenkt der Sekretärin seines Vorgesetzten Blumen, gibt sich als Studienkollege seines Chefs aus und sollte doch mal etwas schiefgehen, schiebt er die Schuld seinem Konkurrenten Bud Frump (Marco di Sapia) in die Schuhe. Auch die meisten seiner ArbeitskollegInnen treibt die Aussicht auf Karriere an: Der eben bereits erwähnte Bud Frump versucht, über Beziehungen emporzukommen, die Sekretärin Rosemary (Lisa Antoni) sieht in Finch eine potenzielle gute Partie und versucht ihn für sich zu gewinnen, obwohl oder gerade weil sie weiß, dass er sie zugunsten seiner Karriere vernachlässigen wird.

Das Musical aus den 60er-Jahren ist eine Satire auf den Arbeitsalltag in einer großen Firma. Die Charaktere neigen dementsprechend oft zum Klischee, etwa im Beispiel von Chef Mr. Biggley (Robert Meyer), der seine Liebhaberin als Sekretärin einstellt. Dennoch stellen sie zumindest zunächst völlig glaubwürdige Figuren dar, deren überspitzt dargestellten Schwächen erst durch Interaktion mit Finch auch dem Publikum bekannt und dann mit Liebe zum Detail ausgeleuchtet werden.

Seine besten Momente hat das Stück jedoch in seinen in Text und Musik ausgedrückten Pointen. Hierbei schafft es die Übersetzung von Roman Hinze mit einem eingefügten Text von Alexander Kuchinka („Kaffee her!“) in seinem subtilen Witz an das Original heranzukommen. Musikalisch grundsätzlich gelungen ist, dass der Komponist Frank Loesser die Musik derart weich und beschwingt gewählt hat, dass sie damit im Kontrast zum Inhalt und den sehr dichten Songtexten steht. Dies vermag sicherlich Teile des Publikums irritieren, ist jedoch ein geniales Mittel, um die Doppelbödigkeit der Konversationen herauszustellen.

Die Musik bietet weiterhin besonders für Musicalkenner das ein oder andere Schmankerl: So meint man in den Liedern augenzwinkernde Anklänge an bekannte Broadwayhits wie etwa „Cell Block Tango“ oder „Maria“ herauszuhören; die für ein Musical so obligatorisch scheinende Liebesgeschichte – ich erinnere nochmals an „kitschiger Kommerz oder großes Gefühl?“ – findet nicht etwa zwischen Finch und Rosemary, sondern zwischen Finch und seinem eigenen Spiegelbild statt („Ich vertrau auf dich“).

Völlig nachvollziehbar ging daher der Pulitzer Preis des Jahres 1962 an eben dieses Musical.

Wie man ein Stück stimmig inszeniert

In der Volksoper, die „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ in einer Kooperation mit der Staatsoper Hannover auf die Bühne bringt, wird das Stück in die Zeit seiner Uraufführung, also in die 60er-Jahre gesetzt. Das erstaunt insofern, da das Thema durchaus zeitlos ist und dementsprechend auch durchaus eine Modernisierung des Stückes problemlos möglich gewesen wäre. Allerdings verstärkt das dementsprechend kühle Ambiente die distanzierte Erzählweise des Stückes. Diese wird bereits durch die Farbgebung von Kulissen und Kostümen unterstützt: Grau ist das Ambiente und die Arbeitsutensilien in der World Wide Woppel Company, grell stechen dagegen die Farben der Kostüme im Stil der 60er-Jahre hervor. Eine Hintergrundprojektion zeigt die großen, fast schon sterilen Glasfenster eines modernen Gebäudes. Wie ein Fahrstuhl fährt sie die Etagen hinauf und hinab und stellt so dar, wo sich in diesem unübersichtlichen Gebäude die Hauptperson befindet. Durch diese Art der Bühnengestaltung kann der Zuschauer mit einigem Abstand das Geschehen auf der Bühne verfolgen – von den Intrigen innerhalb der Firma hin zur abwertenden Haltung gegenüber den Sekretärinnen.

Daran, dass es sich trotz aller kühlen Atmosphäre um eine Komödie handelt, lässt die Inszenierung jedoch keinen Zweifel.  Durch Regie und Choreographie werden die ohnehin schon parodierten Charaktere nochmals überspitzt wiedergegeben – etwa, wenn sich die Angestellten bei der Nachricht, die Kaffeemaschine sei kaputt, über die Choreographie in Zombie-ähnliche Kreaturen verwandeln. Dies scheint angesichts des teilweise sehr versteckten Humors des Textes, welcher sich unter anderem aus dem Gebrauch wunderschöner Worthülsen wie dem Firmenslogan „World Wide Woppel- for wider world“ ergibt ein mitunter arger Kontrast, welcher vielleicht nicht unbedingt notwendig, allerdings doch sinnvoll erscheint, wenn man bedenkt, dass auch in anderen Bereichen der Inszenierung mit Kontrasten gespielt wird.

Die Darsteller Mathias Schlung und Lisa Antoni brillieren in ihrem Volksopern-Debüt. Hierbei gelingt Mathias Schlung sehr gut die Gratwanderung zwischen der Strebsamkeit mit der die von ihm verkörperte Figur Finch seine Karriere verfolgt und der charmanten, gewitzten Seite seiner Figur, welche die Strukturen in seiner Firma sofort durchschaut und sich diese zunutze macht. Ein ebenso einfaches wie einfallsreiches Mittel der Regie hilft, letzteren Charakterzug hervorzuheben: Jedes Mal, wenn Finch einen Gedanken hat, wie er weiter aufsteigen könnte , wird dieser Moment  durch einen Lichteffekt festgehalten und von Mathias Schlung dadurch betont, dass er hierbei dem Publikum noch einmal zulächelt. Auch Lisa Antoni spielt souverän, hält sich aber ihrer Rolle gemäß immer im Hintergrund. Die anderen Darsteller sind gesanglich, schauspielerisch und tänzerisch ebenso souverän. Besonders hervorzuheben ist hier Marco di Sapia als Bud Frump, der in seiner Position als Neffe des Chefs viel Gelegenheit zur Komik hat, die er in jeder Minute nutzt.

„Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ ist also aufgrund von Anspruch, Witz und Thema ein großartiges Musical. Dass hierbei all diese Qualitäten auf einem solch hohen Niveau durchgehalten werden, ist nicht nur für das Musical-Genre erstaunlich. Es ist gerade dann, wenn ein weit weniger gesellschaftskritisches Stück wie „La La Land“ Erfolge feiert, erfreulich, dass die Volksoper mit „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ ein Musical zeigt, welches sich wie ein Gegenentwurf zu diesem darstellt.

Denn auch in der deutschsprachigen Aufführung zeigt sich dieses Musical als witziges Stück mit Tiefgang, das so gar nicht dem üblichen Musicalklischee entspricht. Durch diese Inszenierung sollte spätestens deutlich geworden sein, dass Musical, wie jedes andere Genre auch, auf vielfältige Weise beeindrucken und begeistern kann.

Liebes Musical – ich vertrau auf dich!

„Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ – Das Musical

(Engl.: „How to Succeed in Business Without Really Trying“)

Premierendatum Uraufführung: 14.10.1961 (46th Street Theatre, New York)
Premiere dieser Inszenierung in Wien: 25.2.2017 (besuchte Vorstellung: 25.2. 2017)
Musik und Gesangstexte: Frank Loesser
Buch: Abe Burrows, Jack Weinstock, Willie Gilbert
Deutsche Übersetzung: Roman Hinze (mit Einfügung von Alexander Kuchinka)
Regie: Matthias Davids
Bühnenbild: Mathias Fischer-Dieskau
Choreographie: Melissa King
Kostüme: Judith Peter
Licht: Michael Grundner
Choreinstudierung: Thomas Böttcher
Besetzung der Hauptrollen: Mathias Schlung (J. Pierrepont Finch); Lisa Antoni (Rosemary); Robert Meyer (J.B. Biggley); Marco di Sapia (Bud Frump); Ines Hengl-Pirker (Hedy LaRue), Julia Koci (Smitty).

Letzte Vorstellungen an der Wiener Volksoper: 27. März, 1., 4. April 2017

Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

Beitragsbild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.