„Next to Normal“ hat den deutschsprachigen Musical-Raum mittlerweile längst erobert und ist nach Produktionen in Fürth (Wien/ Dresden), Linz, Hildesheim, Berlin (München), Dortmund, Hamburg und Lüneburg mittlerweile kein Exot mehr auf den Spielplänen deutscher Stadttheater. Man liest viel von den Gründen, die den Erfolg des Musicals ausmachen. Dabei sind diese – meiner Meinung nach – höchst subjektiv.

Kaum war der letzte Ton von „Light“ bei der Premiere der Wiederaufnahme von „Next to Normal – Fast Normal“ am Stadttheater Fürth verklungen, sprang die Zuschauer mit einer Synchronität von ihren Sitzen, die ich bislang noch selten miterleben durfte. Der folgende Jubel und Schlussapplaus war mehr als gigantisch und stellte eine ernsthafte Herausforderung für mein eigentlich Lautstärke-robustes Trommelfell dar. Spätestens in diesem Moment wurde mir wieder klar, welch besonderes Stück „Next to Normal“ doch ist und wie viele Menschen es nicht nur begeistert, sondern mehr noch packt und mitreißt. Dabei war die deutschsprachige Uraufführung im Jahr 2013 an eben jenem Stadttheater Fürth in der Übersetzung und Inszenierung von Titus Hoffmann ein absolutes Wagnis. Denn „Next to Normal“ ist ja selbst in Amerika ein Ausnahme-Stück, das ähnlich wie „Rent“ mehr als zehn Jahre zuvor an die Lebenswirklichkeit einer Generation und Zeit anknüpfte und dafür – vollkommen zurecht – auch mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Aus viel Mut geschaffen – Die Inszenierung von Titus Hoffmann

Nun entwickelt sich das Genre hierzulande ja nicht unbedingt im Gleichschritt mit Amerika und England – im Gegenteil. Zum Leidwesen vieler Musical-Fans, die mittlerweile ihrem Bedürfnis nach zeitgemäßer Musical-Unterhaltung nur mehr mit Reisen ins Londoner West End entsprechen können.
Daher war der Schritt, dieses Musical vier Jahre nach der Broadway-Premiere ins nicht unbedingt als Musical-Hochburg bekannte Fürth zu bringen alles andere als selbstverständlich und noch heute spürt man diese Besonderheit – und beinahe schon Aufbruchstimmung –, die gerade Titus Hoffmanns Inszenierung umgibt. Diese kehrte nach einer Wiederaufnahme in Fürth und einem Wien-Gastspiel im letzten Jahr nun über Ostern für wenige Vorstellungen zurück an den Ort ihres Ursprungs und spielt momentan noch eine Serie an der Staatsoperette Dresden.

Ich habe seit der deutschsprachigen Erstaufführung nun schon viele der oben genannten Inszenierungen gesehen und auch wenn ich manche Regie-Einfälle mal hier und mal dort etwas ergreifender oder besonders gelungen fand, so finde ich Hoffmanns Inszenierung immer noch am überzeugendsten, weil sie für mich – fernab von der augenscheinlichen Nähe zur Broadway-Inszenierung – das rundeste Gesamtkonzept bietet.

Hinzu kommt die umwerfende Cast, die nicht prominenter – und was noch viel wichtiger ist: besser – besetzt sein könnte. Pia Douwes ist vor allem schauspielerisch ein großes und intensives Erlebnis – eine absolute Idealbesetzung der Diana! Ihr zur Seite steht seit dem Wien-Gastspiel nicht mehr Thomas Borchert, sondern der nicht weniger renommierte Felix Martin, der gesanglich beeindruckend agiert und ein glaubwürdiges Bild des bodenständigen Dan kreiert. Der Moment, in dem Dan seinen Sohn erkennt und nicht länger ignoriert, ist einer der ergreifendsten, der meiner Meinung auf einer Musicalbühne zu sehen ist.

Dirk Johnston gibt einen Gabe, wie ihn sich seine Mutter Diana nicht besser vorstellen könnte. Draufgängerisch, charmant, aber eben auch gefährlich – all das drückt er in seiner Darstellung aus, obgleich er am Premieren-Abend stimmlich mit manchen Tönen etwas zu kämpfen hatte.

Der heimliche Star des Abends ist meiner Meinung nach aber Sabrina Weckerlin, die jede Facette ihrer Natalie gekonnt ausspielt. Sie ist herrlich pubertär angenervt, schrecklich enttäuscht, gar verzweifelt und geht am Ende doch voller Hoffnung und eben fast normal aus der Situation hervor. Stimmlich ist Sabrina Weckerlin sowieso über alle Zweifel erhaben und gibt zusammen mit Pia Douwes ein beeindruckendes Mutter-Tochter-Gespann ab, das sich hinter dem fulminanten Broadway-Duo Alice Ripley/ Jennifer Damiano nicht verstecken braucht.

Dominik Hees spielt den Henry von Grund auf sympathisch. Gesanglich meistert er seinen Part mit Bravour. Er holt ebenso wie Ramin Dustdar als Dr. Fine / Dr. Madden das Maximum aus seiner Rolle heraus.

Das Auffällige bei dieser Cast ist, dass man sich konsequent bei jeder Rolle für Musicaldarsteller entschieden hat. Andere Inszenierungen haben ausgewählte Rollen beispielsweise mit reinen Schauspielern besetzt, was meiner Meinung nach den gesanglichen Aspekt etwas vernachlässigt hat. „Next to Normal“ ist sicherlich ein Stück, das sehr starke Schauspieler erfordert – aber auch starke Sänger: Somit zusammengefasst eben starke Musicaldarsteller. Solchen dieses Stück schauspielerisch nicht zuzutrauen, würdigt meiner Ansicht nach eine ganze Berufsgruppe herab. Wo mir also bei der Berliner oder Hamburger Inszenierung in manchen Rollen die kraftvollen Stimmen fehlten, sucht das gesangliche Niveau dank des konsequenten Castings in Fürth (und momentan Dresden) seinesgleichen – auch international.

Hinzu kommt, dass ich bislang keine Band erlebt habe, die den Rock-Charakter der Partitur so betont hat und den Kompositionen damit so gerecht wurde, wie jene unter der musikalischen Leitung von Christoph Wohlleben. Was die Tontechnik betrifft erlebe ich gerade bei Rock-Musicals – und ein solches ist „Next to Normal“, obgleich der Score sehr vielseitig ist und auch Jazz-, Pop- und klassische Elemente besitzt – häufig, wie viel Qualität auf der Strecke bleibt, wenn E-Gitarren und Drums eher in den Hintergrund gemischt werden und die Lautstärke Oma-Anneliese-verträglich eingestellt wird. In solchen Momenten wird aus einem Rock- gerne mal ein gefälliges und nicht sehr überzeugendes Pop-Musical. Sicherlich ist das mein sehr subjektiver Eindruck, umso mehr aber bin ich auch musikalisch von der Fürther Inszenierung beeindruckt, die „Next to Normal“ mit der richtigen Portion Rock und eben in der passenden Lautstärke präsentiert.

Tolle Inszenierung, grandiose Darsteller und eine fulminante Band – Was will Musical-Fan mehr?

Nun sind dies sicherlich die „handwerklichen“ Faktoren, die eine tolle Vorlage zu einem letztlich überzeugenden Theater-Besuch machen. Will man den Hype um „Next to Normal“ verstehen, muss man insbesondere die Vorlage von Tom Kitt und Brian Yorkey betrachten.

Warum ist „Next to Normal“ so ein besonderes Musical?

Erstmal sei hier das Thema genannt: Ein Musical über eine Mutter mit einer bipolaren Depressionsstörung ist keine alltägliche Musicalkost. Hinzu kommt, dass genau dieses Thema eines ist, mit dem sich unsere heutige Gesellschaft in besonderem Maße identifizieren kann. Es gibt unfassbar viele Menschen, die an einer Depression oder einem Burnout leiden. Allein dem sonst so politischen SPIEGEL war diese Krankheit die letzten Jahre über mehrere Titelgeschichten und ein ganzes Sonderheft („Das überforderte Ich“) wert. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe spricht sogar von einer Volkskrankheit. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns – wenn nicht direkt betroffen – doch einen Nahestehenden nennen kann, der unter dieser Krankheit leidet. Der besondere Verdienst von Kitt und Yorkey ist aber nicht, dass sie ein gesellschaftsrelevantes Thema „vermusicalt“ haben, sondern die Art und Weise, wie dies getan haben.

„Next to Normal“ ist ein Musical für alle Emotionen. Man lacht, man weint, man ist glücklich und entsetzt. Diesen Gefühls-Cocktail zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht zu halten, ist die wahre Meisterleistung! Hierbei wird die Familie Goodman so authentisch dargestellt, dass nicht eine Sekunde und wirklich kein einziger Moment ins Kitschige, Pseudo-Tiefgründige oder Unglaubhafte rutscht. Sicherlich kann man einzelne Aspekte, wie beispielsweise die ganze Behandlung Dianas durch EKT oder das Verhalten von Dr. Fine und Dr. Madden kritisch hinterfragen. Aber darum geht es nicht: Kitt und Yorkey haben ein realistisches Bild der Gefühle einer depressiven Person samt den Auswirkungen, welche diese Krankheit für die Angehörigen bedeutet, geschaffen und treffen dabei zu jedem Zeitpunkt den richtigen Ton.

Hinzu kommt – nicht gerade unwesentlich bei einem Musical -, dass Tom Kitt eine außergewöhnliche Partitur geschaffen hat, die sich der Handlung einerseits zwar unterordnet, andererseits aber doch so viele Highlights beinhaltet, dass ich sehr stark überlegen muss, welcher Score mich die letzten zehn Jahre nur annährend so überzeugt hat. Die Stärke der Musik besteht insbesondere darin, dass sie Gefühle transportiert und intensiviert. Tom Kitt trifft auch hier mit jeder Note die richtige Aussage und auch wenn ich zum Beispiel das Titellied „Next to Normal“ an sich nicht für das stärkste Duett aller Zeiten halte, so wurde ich aber selten von einem Song ähnlich berührt.

Das Geheimnis liegt in jedem selbst

Eigentlich sollte das als Begründung für die Faszination rund um „Next to Normal“ und insbesondere die Fürther Produktion eigentlich schon reichen. Bei mir geht es aber nochmal einen Schritt tiefer – Hier wird es nun etwas persönlich, aber ich denke, das sollte gerade bei einem Stück wie „Next to Normal“ erlaubt sein.

© Thomas Langer

Vor sieben Jahren ist ein wichtiger Menschen in meinem Lebens gestorben. Das Jahr 2010 war für mich zweierlei: Der Endpunkt einer sehr intensiven Zeit und der Startpunkt dafür, mit dem, was man erlebt hat, irgendwie klar zu kommen. Denn für die Hinterbliebenen geht es nach einem Verlust nunmal unbarmherzigerweise darum, wieder einen Alltag zu finden, obwohl es diesen eigentlich nicht mehr gibt. Und wo Menschen von Natur aus unterschiedlich sind, so gehen sie mit einer solchen Situation eben auch höchst unterschiedlich um. Wo ich den Dan-Weg eingeschlagen habe, es versucht habe zu ignorieren, zu verdrängen und einfach zu funktionieren, sind andere Menschen, die mir nahestehen, eben an einer Depression erkrankt.

2010 war letztlich auch das Jahr, in dem ich zum ersten Mal auf ein Musical namens „Next to Normal“ gestoßen bin und mich intensiv damit beschäftigt habe. Das Musical hat mir in dieser Zeit unsagbar viel bedeutet, weil es für mich eben nicht zwangsläufig und ausschließlich von einer Frau mit bipolarer Störung handelt. Aus meiner damaligen Situation heraus betrachtet, geht es in „Next to Normal“ mehr noch darum, mit einem Verlust und einer psychisch herausfordernden Situation umzugehen, eben wieder zurück in den Alltag zu finden.

Vor allem aber hat Tom Kitt in einer unvorstellbaren Intensität mit seiner Musik meine Gefühlswelt nachgezeichnet und ich kann nicht ansatzweise rekonstruieren, wie oft ich alleine die Songs „A Light in the Dark“ und „Light“ gehört habe!

Somit verbinde ich dieses geniale Musical auch immer mit einer besonderen Zeit meines Lebens und ich glaube, dass es vielen ähnlich geht. Denn wenn es nicht die Depression an sich ist, so kann sich jeder von uns doch bis zu einem gewissen Grad mit dem Thema Verlust identifizieren und findet so einen emotionalen Anknüpfpunkt zu „Next to Normal“.

Ein Stück, das wie kein zweites berührt, nachdenklich stimmt und direkt ins Herzen der Zuschauer zielt, aber trotz allem eben Hoffnung schenkt.

Somit bin ich fest der Überzeugung, dass die Faszination für „Next to Normal“ – fernab der großen Qualität der Vorlage oder inszenatorischen Feinheiten – bei den meisten auf sehr individuellen und persönlichen Aspekten oder Erlebnissen beruht. „Next to Normal“ trifft einfach den Nerv der Zeit und seines Publikums. Und das ist etwas, was wirklich nur die ganz großen Musicals schaffen!

„Next to Normal – Fast Normal“ – Staatsoperette Dresden

Termine Dresden: 27.04.2017 bis 30.04.2017

Broadway-Premiere: 15.04.2009 (Booth Theatre)
Premiere Dresden: 27.04.2017 (Staatsoperette)
Buch und Texte: Brian Yorkey
Musik: Tom Kitt
Musikalische Leitung: Christoph Wohlleben
Regie: Titus Hoffmann
Ausstattung: Stephan Prattes
Besetzung: Pia Douwes (Diana), Felix Martin (Dan), Sabrina Weckerlin (Natalie), Dirk Johnston (Gabe), Dominik Hees (Henry), Ramin Dustdar (Dr. Fine/ Dr. Madden)

Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Thomas Langer

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Stephan Huber

„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.

  • Astadena

    Gerade kamen wir von der letzten Vorstellung in Dresden zurück … die leider ausfiel, weil Pia Douwes leider akut erkrankte. Es war so kurzfristig, dass das Publikum schon gesammelt vor Ort war. Der Rest des Ensembles und der Regisseur Titus Hoffmann wollten dem Publikum aber trotzdem einen Einblick in das Stück gewähren und so erzählte Titus Hoffmann die Handlung und die Sänger sangen die Songs, die ohne die Hauptfigur gesungen wurden. Dabei saßen alle auf Barhockern auf der Bühne und so herrschte doch irgendwie eine besondere Atmosphäre. Titus Hoffmann erzählte auch etwas zum Hintergrund des Stücks und so gelang es, dem Abend trotz des Ausfall eine besondere Note zu geben. Schade ist, dass es die letzte Aufführung war, da der heutige Abend eigentlich Lust auf das ganze Stück gemacht hat. Gerade mit diesem tollen Cast. Natürlich werden die Karten erstattet, aber ich hoffe, dass ich das Stück trotzdem einmal mit diesem Cast sehen werde.