…wird endlich gut? So oder so ähnlich könnte man die Produktion von „Dreamgirls“ im Londoner Savoy Theatre bezeichnen, schließlich hatte das Musical bereits 1981 Premiere am Broadway und es hat nunmehr 35 Jahre und einen Film gedauert, bis es diese Erfolgs-Show nun endlich mit einem Staraufgebot nach London geschafft hat.

Brinkhoff/Mögenburg

Von einem Erfolg und einer qualitativ hochwertigen Show konnte man bestimmt schon vor 35 Jahren sprechen als „Dreamgirls“ am 20. Dezember 1981 im Imperial Theatre am Broadway Premiere feierte. Das Musical von Henry Krieger (Musik) und Tom Eyen (Lyrics & Buch) spielte fast 4 Jahre am Broadway und wurde mit 6 Tony Awards ausgezeichnet. Nach zahlreichen weiteren Produktionen wurde das Musical im Jahr 2006 verfilmt und konnte dank Beyoncé Knowles in der Hauptrolle auch in Deutschland einen nicht unwesentlichen Erfolg feiern, was für Musicalfilme ja allgemein eher eine Seltenheit darstellt. Der Film hat noch dazu bei 8 Nominierungen 2 Oscars gewonnen.

Das Musical erzählt die Geschichte der Freundinnen Deena, Lorrell und Effie, die als „The Dreamettes“ von ihrem großen Durchbruch in der Musikindustrie träumen. Bei einem Talentwettbewerb im Jahr 1962 lernen sie den Autoverkäufer Curtis Taylor Jr. kennen, der ihr Manager wird und ihnen einen Job als Backgroundsängerinnen bei James „Thunder“ Early besorgt, mit dem sie erste Erfolge feiern. Curtis will die Gruppe nun groß herausbringen und benennt die Gruppe nicht nur in „The Dreams“ um, sondern beschließt auch, dass die schlankere Deena die neue Leadsängerin der drei Damen werden soll. Besonders Effie, welche mit Curtis zusammen ist, ist schwer gekränkt, weil sie nur wegen ihres Äußeren als Leadsängerin der Truppe verbannt wird und verlässt die Gruppe nach mehreren Auseinandersetzungen und als sie erfährt, dass Curtis bereits einen Ersatz für sie engagiert hat. Jahre später sind „Deena Jones and the Dreams“ gefeierte Stars und Deena ist mit Curtis verheiratet, während Effie als alleinerziehende Mutter versucht, über die Runden zu kommen. Ihr Bruder C.C., der als Songwriter bei Curtis angestellt ist, bittet sie schließlich seinen Song „One Night Only“ mit ihr als Sängerin aufzunehmen, da er mit der Disco-Version, die Curtis für Deena daraus gemacht hat, nicht einverstanden ist. Gerade als Effies Version des Songs erste Erfolge feiert, veröffentlicht Curtis ebenfalls den Song von Deena, um Effies lang ersehnten Traum doch noch zu zerstören. Als Deena davon erfährt, trennt sie sich von Curtis, der ihr schon länger bei ihren eigentlichen Karrierewünschen im Weg stand und versöhnt sich mit Effie.

„You’re gonna love me“

Ich möchte ein Musical ungern von der Leistung einer einzelnen Person abhängig machen und es gab viele Elemente, die „Dreamgirls“ sehenswert gemacht haben, jedoch hat Amber Riley in der Rolle der „Effie White“ mich so sprachlos und begeistert zurückgelassen, dass ich hier einfach mal ein paar Lobeshymnen anstimmen muss. Die Rolle der Effie war für mich schon immer ein wenig die eigentliche Hauptrolle. Während sie in der Filmversion vor allem aufgrund von Beyoncé, welche die Deena spielt, zur Nebenrolle degradiert worden ist, hat sie einfach die meisten und vor allem herausragendsten Songs des Musicals. Die Rolle scheint immer eine besondere Karriere für die jeweilige Darstellerin bereit zu halten. Sei es nun die grandiose Jennifer Holliday in der Uraufführung oder Jennifer Hudson (die sich die gleiche Vorstellung wie ich angesehen hat) in der Filmversion, welche als damaliger Niemand den Oscar als beste Nebendarstellerin abgeräumt hat. Hier reiht sich nun auch Amber Riley ein, die bei den vergangenen Olivier-Awards nun die Auszeichnung als „Beste Darstellerin in einem Musical“ gewonnen hat.

Als Fan von „Glee“ war mir schnell nach Cast-Bekanntgabe klar, dass ich Amber Riley, die durch diese Serie bekannt wurde, sehr gerne in der Rolle sehen möchte. Nach den ersten Promo-Auftritten war es kein Wollen mehr, sondern schlicht ein Müssen und ich wurde definitiv nicht enttäuscht. Vor allem ihr „And I am gonna telling you, I’m not going“, welches den ersten Akt abschließt, hat mich und das gesamte Publikum so sehr begeistert, dass es bereits bevor sie mit dem Lied fertig war, alle zu Standing Ovations hingerissen hat. Für mich eine der stärksten Performances, die ich von einer Einzelperson auf der Bühne gesehen habe. Auch die beiden Zweitbesetzungen Marisha Wallace und Karen Mav sollen laut Erzählungen sehr sehenswert sein, weswegen ich alleine wegen der Rolle „Effie White“ jeden Fan nur raten kann, diese Show zu sehen.

© Brinkhoff/Mögenburg

Auch die restliche weibliche Besetzung kann sich jedoch durchaus hören und sehen lassen. Liisi LaFontaine als „Deena Jones“ und Asmeret Ghebremichael als „Lorrell Robinson“ machen die ursprüngliche Girlband vollständig. Vor allem Liisi LaFontaine hat mir dank ihrer sanften Stimmfarbe äußerst gut gefallen. Auch „Listen“, welches für die Filmversion neu geschrieben worden und dank Beyoncé auch abseits der Musicalbühne bekannt geworden ist, ist nun kein Solo von Deena mehr, sondern ein Duett zwischen Deena und Effie und hat mir weit besser gefallen und mich mehr berührt als das Film-Original.

© Brinkhoff/Mögenburg

Joe Aaron Reid als „Curtis Taylor Jr.“ war mir bereits aus „In The Heights“ im King’s Cross Theatre ein Begriff. Hier fällt seine Rolle nicht ganz so charmant aus und neben den starken Damenstimmen im Ensemble hat es ein Mann gesanglich definitiv schwer. Jedoch zeigt er vor allem in der beeindruckenden Tanzszene „Stepping to the bad side“ seine Stärken. Auch die beiden weiteren Herren Tyrone Huntley als Effies Bruder C.C. und Adam J. Bernard als Jimmy Early machen diese ohnehin schon fantastische Cast perfekt. Vor allem die schrillen Showeinlagen von Adam J. Bernard sind sensationell und lassen vergessen, dass er eigentlich eine Szene spielt und keine eigene One-Man-Show abliefert. Nicht umsonst wurde auch er mit einem Olivier-Award als „Bester Nebendarsteller in einem Musical“ ausgezeichnet.

Glanzvolle Inszenierung

Auch das Kreativteam rund um die Regie und Choreographie von Casey Nicholaw, der sich bereits bei seinen letzten Arbeiten am Broadway und im West End mehr als bewährt hat, macht diese Show zu etwas ganz Besonderem. Vor allem bei Effie merke ich bei genauerer Betrachtung, dass sie eigentlich eine ziemlich eingebildete, ehrgeizige Kuh ist und doch feiert und liebt man sie die ganze Show hindurch für Ihre eigentlich doch arrogante Art. Dass sie und auch die anderen Charaktere einem so ans Herz wachsen und der Zuschauer es problemlos schafft, die Wandlung, die vor allem Effie und Deena innerhalb von 10 Jahren, welche in knapp 3 Stunden Show gepackt werden müssen, problemlos und authentisch „mitzuerleben“, ist hier definitiv der grandiosen Inszenierung zu verdanken.

Meine größte Sorge bei Kostümen und Bühnenbild ist ja immer, dass Stücke optisch auch in der Zeit stecken bleiben, in der sie spielen und so sehr ich die 1960er auch liebe, war ich etwas in Sorge, dass alles etwas altbacken daherkommt. Bereits bei der ersten Szene mit den wunderschönen Kostümen von Gregg Barnes und dem stimmigen Lichtdesign von Hugh Vanstone konnte ich mich jedoch gleich entspannt zurücklehnen. Man hat vor allem bei den Show-Kostümen definitiv nicht am typischen Showglitzer der 60er und 70er Jahre gespart, jedoch ist alles in einem stimmigen Rahmen und da die Bühne meist etwas schlichter gehalten wird, gleicht sich alles wieder weit genug aus, um nicht wie eine schlechte Kopie, sondern eher wie zeitgemäße und geschmackvolle Show auszusehen. Auch das Bühnenbild von Tim Hatley ist hervorragend umgesetzt, um das passende Feeling des damaligen Showbusiness aufzufangen.

Wem das alles noch nicht reicht, darf sich hier noch einmal die grandiose Musik von Henry Krieger und Tom Eyen zu Gemüte führen. Hier reiht sich einfach Showstopper an Showstopper und Songs wie „One night only“ oder „Dreamgirls“ kann man getrost in das Repertoire der zeitlosen Klassiker der Motown-Generation mit aufnehmen. Die CD zur aktuellen Produktion soll auch im Mai als Live-Mitschnitt erscheinen.

„Dreamgirls“ – London

Uraufführung: 20.12.1981 (Imperial Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 30.03.2017 (Savoy Theatre, London)
Musik: Henry Krieger
Buch & Lyrics: Tom Eyen
Regie & Choreographie: Casey Nicholaw
Musikalische Leitung: Harold Wheeler
Bühnenbild: Tim Hatley
Kostüme: Gregg Barnes
Lichtdesign: Hugh Vanstone
Ton: Richard Brooker
Besetzung: Amber Riley (Effie White), Liisi LaFontaine (Deena Jones), Asmeret Ghebremichael (Lorrell Robinson), Joe Aaron Reid (Curtis Taylor Jr.), Adam J. Bernard (Jimmy Early), Tyrone Huntley (C.C. White)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Brinkhoff/Mögenburg

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.