Seit 2011 stellt das Junge Musical Leverkusen ebendort große Produktionen auf die Beine, letztes Jahr hatten sie sich sogar die deutsche Erstaufführung von „Natürlich Bond“ gesichert. Dieses Jahr steht „Big Fish“ nach dem Roman von Daniel Wallace und dem bekannten Film von Tim Burton auf dem Spielplan Ein sehr fantasievolles und fantastisches Stück, besonders dieser Umstand könnte für eine Laiengruppe eine Schwierigkeit darstellen, macht aber auch den Reiz aus.

„Big Fish“ behandelt in erster Linie das Leben des Handelsvertreters Edward Bloom, ein großer Geschichtenerzähler, der sein Leben in schillernd bunte und teilweise abstruse Erlebnisse verpackt. Will, sein Sohn leidet darunter, da er seinen Vater nur durch die erfundenen, fantastischen Geschichten kennt, den wirklichen Menschen dahinter aber kaum. Als sich Edwards Gesundheitszustand verschlechtert, begibt sich Will auf Spurensuche durch Edwards Leben und begegnet Riesen, Hexen, Nixen, einem ganzen Zirkus und noch vielem mehr.

Große Fantasie, große Ausstattung

Wie die Story schon erkennen lässt: es ist nicht das einfachste Stück für eine Laiengruppe, die noch dazu mit zwei Besetzungen spielt und dadurch quasi doppelt so viel Arbeit hat. Die Männerrollen sind sehr dominant, es gibt nur zwei echte weibliche Rollen, nämlich die Frauen der beiden Herren, Sandra und Josephine. Auch was die Ausstattung betrifft darf man sich nicht lumpen lassen, um Edwards Welt auf die Bühne zu bringen. Man braucht Hexenkostüme, der Riese taucht auf, ein ganzer Zirkus will ausgestattet werden, dazu kommt noch viel Bühnenbild und schnelle Umzüge.

© Baboo Bandit

Für die Regie arbeitet Nadine Söhnert (spielt Sandra in der anderen Besetzung) mit der Musicaldarstellerin Eveline Gorter zusammen. Das Regiekonzept setzt nach Aussage von Nadine Söhnert stark auf eigenen Input der Schauspieler, sodass die jeweilige Persönlichkeit auf der Bühne nicht verloren geht und genau das hat das Regieteam geschafft. Aber der Reihe nach:

Das ganze Ensemble begeistert durch große Spielfreude und ist mit viel Bühnenpräsenz dabei. Florian Teichen ist in der Hauptrolle des Edward Bloom fast ständig auf der Bühne, eine Rolle, die einem viel abverlangt. Gesanglich geht ihm gerade gegen Ende leider etwas die Puste aus, doch spielt er den Edward auf eine so charmante und leicht überhebliche Art, dass das gar nicht mehr ins Gewicht fällt. Jan Peter Maurer als Edwards Sohn Will ist mit Abstand der stärkste Sänger auf der Bühne. Die emotionale Achterbahn bringt er sehr gut auf die Bühne („Papa, benimm dich –-  Oh, ich heirate –- oh nee, Papa! –- Ein Junge!!!! –- Papa geht’s schlecht?! –- Mama liebt mich –-  Wer ist Jenny Hill?!“  und so weiter….). Leider wirkt er etwas älter als Florian Teichen, was ab und an zu Verwirrung über die Vater-Sohn-Beziehung führt. Edwards Frau und Wills Mutter Sandra wird von Anna Bobach verkörpert. Für mich war sie der Höhepunkt des Abends. Eine fantastische Stimme, zudem spielt sie durch alle Altersstufen und Situationen einfach grandios. Sie reist wie Edward durch die Zeit, man lernt sie als junges Mädchen im Zirkus, Jugendliche auf der Uni, Mutter eines 30-jährigen Sohnes und schließlich als Oma kennen. Leider wurde bei ihr wie auch bei Florian Teichen zu wenig an den verschiedenen Körperlichkeiten des Alters gearbeitet, sie bewegt sich als Oma nicht anders als auf der Uni. Bei Florian Teichen sieht man das ebenfalls, ein kleiner Wehrmutstropfen in dem tollen Spiel.

Ann-Kathrin Alfs ist in die Rolle von Wills schwangerer Ehefrau Josephine geschlüpft. Diese Figur ist bis auf vier Takte Gesang eine Sprechrolle, aber eben erwähnte vier Takte machten durchaus Lust auf mehr. Auch wenn sie gesanglich etwas unterfordert war, konnte sie im Spiel durchaus zeigen was sie kann, besonders in den Szenen mit Will hat sich eine schöne Beziehung der beiden etabliert. Nur eine kleine Anmerkung an das Kostüm: Im 5. Monat Schwangerschaft ist der Bauch noch nicht ganz so voluminös, daher kamen auch die Lacher im Publikum.

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Edwards erste Liebe, seine High-School-Freundin und Front-Cheerleaderin Jenny Hill wurde von Laura Dudek verkörpert. Gesanglich stemmt sie ihre Parts solide, besonders hervorzuheben ist aber ihr Spiel bei Wills Besuch, der den eigentlichen Wendepunkt des Stücks darstellt. Die Alterung in der Rolle sieht man ihr deutlich an und auch der eigentlich so kitschige Dialog erhält eine Tiefe, die ich ihm zuerst abgesprochen hätte.

Die prägenste Figur Edwards Kindheit ist mir Sicherheit die Hexe, ganz großartig gesungen und gespielt von Franziska Neuhaus. Auch von ihr hätte ich gerne mehr gesehen, nur leider gibt das Stück eben nicht mehr Frauenrollen her. Zwei weitere Charaktere, die für Edward später echte Freunde wurden, sind der Riese Karl (Felix Bangert) und der Zirkusdirektor Amos Calloway (Alexander Silva). Diese Rollen passten vom Typ wie die Faust aufs Auge, Felix Bangert trug dank seiner knapp zwei Meter Körpergröße nur Plateauschuhe statt wie üblich Stelzen. Die Tatsache, dass er eher Bariton als Bass ist, entschuldigt man da gerne mal. Alexander Silva gibt einen wunderbar wuseligen Amos, der trotzdem klar auf den Tisch hauen kann. Dass er seine Melodielinien in „Näher zu ihr“ eher frei interpretiert, fällt auch hier nicht so ins Gewicht.

Eine Welt voller Magie

Ein kleines Manko war leider der Chor. Da es nur sechs Männer im Ensemble gibt und diese auch nicht immer auf der Bühne mitsingen, ist es oft sehr frauenlastig, außerdem wurde teilweise der Sopran I herausgestrichen, der aber oft das gewisse I-Tüpfelchen ausmacht. Auch fehlten manche Anfangseinsätze der Nummern, wobei das wohl eher auf ein fehlendes Signal der Mikros zu schieben ist. Ganz großartig waren dagegen die reinen Frauenchornummern – wie in der Szene der Hexe und die Eröffnungsnummer des 2. Akts. Hier passt alles perfekt und die anspruchsvollen Tanznummern stechen besonders hervor (Choreographie: Ludwig Mond).

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Das Bühnenbild (Pascal Torka) ist klein aber sehr funktionell gehalten und besteht vor allem aus Stellwänden, die mithilfe verschiedener Tapeten in ganz unterschiedliche Räume verwandelt werden können. Eher nachteilig für die Produktion ist der weiße Mollton, der als Bühnenhintergrund dient. Zwar lassen sich so tolle Lichtstimmungen zaubern (Technik: Marco Döhmer), dennoch sieht man jede Falte und in schwarz würde alles etwas professioneller wirken.

Schon die ersten Töne des vielköpfigen Orchesters unter der Leitung von Johannes Brüls lassen erahnen, was auf einen zukommt: ein absolutes Ear-Candy. Für mich klang es perfekt, sehr ausgewogen, was mich sehr tief in die Geschichte eintauchen ließ.

Trotz wirklich nur sehr kleinen Kritikpunkten hatte ich einen wunderbaren Abend voll von fantasievollen Gestalten und toller Musik, bei der ich auch ein paar Tränchen verdrückt habe. Ich möchte allen Musical-begeisterten Menschen da draußen das Junge Musical Leverkusen wärmstens ans Herz legen, hier sieht man wirklich echte Leidenschaft und Begeisterung auf der Bühne!

„Big Fish“ – das Musical (Leverkusen)

Uraufführung: 06.10.2013, Broadway, New York (Neil Simon Theatre)
Premiere in Leverkusen: 10. März 2017, Festhalle Opladen
Besuchte Vorstellung:
31. März 2017
Musik und Text:
Andrew Lippa, John August; Basierend auf dem Roman von Daniel Wallace
Regie:
Nadine Söhnert, Eveline Gorter
Choreographie:
Ludwig Mond
Musikalische Leitung:
Johannes Brüls
Bühne: Pascal Torka
Requisite:  Carina Lingstädt
Kostüme: David Naser, Mona Wandelt
Maske: Nina Wolter
Technische Leitung: Marco Döhmer

Besetzung: Florian Teichen (Edward Bloom), Jan Peter Maurer (Will Bloom, Anna Bobach (Sandra Bloom), Ann Kathrin Alfs (Josephine Bloom), Moritz Frank (Junger Will), Laura Dudek (Jenny Hill), Felix Bogart (Karl der Riese), Alexander Silva (Amos Calloway), Franziska Neuhaus (Die Hexe), Christain Knoop (Don Price), Dennis Jantzen (Zacky Price), Pascal Torka (Dr. Bennett/Fischer), Franziska Polten (Nixe/Lagerfeuer), Christian Bespin (General Patterson), Nico Schué (Red Fang)

Amelie Bobach, Sophia rabetz, Vanessa Brettinger, Julian Buhe, Marco Döhmer, Jeannine Engelen, Lara Graß, Alina Johann, Steffi Köb, Alina Maybauer, Navid Naser, Sarah Peters, Nadine Söhnert, Adrian Vidal, Mona Wandelt, Anja Widdenhöfer, Alexandra Wolter, Nina Wolter, Sakia Zikeli

Beitragsbild: © Baboo Bandit