Ich gebe es zu: ab und zu verfalle ich mal ganz gerne der Anbetung von Diven (Neudeutsch: Diva-Worship). Es ist also auch kaum verwunderlich, dass Musicals, die sich komplett um eine starke Frauenfigur drehen und von den Machern meist auch einer ebenso starken Frauenfigur auf den Leib geschrieben wurden, mich noch viel mehr ansprechen, als es die Gattung im Allgemeinen ohnehin schon tut. Ich weiß nicht warum dem so ist: vielleicht ist ein Mutterkomplex, vielleicht bin ich manchmal selber auch eine kleine Diva oder wäre das zumindest gerne (Dazu muss man ohnehin nicht unbedingt eine Frau sein. Viele Leserinnen in festen Partnerbeziehungen werden mir da sicherlich zustimmen.) Wie dem auch sei: Gebt mir Diven und ihre Musicals und ich bin im siebten Showqueen-Himmel! So z.B. Ethel Merman in „Gypsy“, Carol Channing in „Hello, Dolly!“ oder Barbs in „Funny Girl“ (ja, ich nenne Barbra Streisand so und das allein sagt schon einiges!).

Mit großer Spannung habe ich also der Premiere von „Evita“ am 12.04.2017 im Deutschen Theater München entgegengesehen. Wahrlich, ich bin nicht der größte Bewunderer von Webbers Werken. Dafür werden mir seine Stücke einfach zu viel gespielt und sind mir zu sehr auf Kommerz ausgerichtet, weshalb ich ihnen in den letzten Jahren etwas überdrüssig geworden bin. Doch die Titelfigur in seiner mit Songtexter Tim Rice verfassten, durchkomponierten Pop-Oper ist nun mal eine Frau, sie ist ständig auf der Bühne und wurde schon von so namenhaften Musical-Diven wie Patti LuPone und Elaine Paige gegeben. (Über eine gewisse Madonna in einer gewissen Film-Version von 1997 reden wir nicht!) Da ich zudem das Musical noch nie live gesehen habe, scheinen die Sterne am Showqueen-Himmel günstig genug zu stehen, um einen tollen Abend voller Diva-Worship zu erleben.

Emma Hatton ist ein Triumph

© Pamela Raith

So viel sei gesagt: Für mich ist es ein leichtes in dieser Rezension der schieren Bewunderung von Emma Hatton in der Titelrolle zu verfallen. (Ich gebe zu, ich bin auch nicht ganz unvoreingenommen: Emma war meine erste Elphaba am West End.) Sie sieht wunderschön aus, als sie in ihrer ersten Szene in einem weißen, mit roten Blumen besetzen Kleid die Treppen herabsteigt und mit ihrer Bühnenpräsenz alle Augen auf sich zieht. Sie spielt mit voller Hingabe den Fall der Eva Perón von der kühl kalkulierenden, machthungrigen First Lady Argentiniens herab zur ängstlichen, schmerzerfüllten Todkranken kurz vor ihrem frühen Ableben. Und vor allem beherrscht sie trotz ihrer kleinen Statur mit großer Stimmgewalt die Bühne, wechselt dabei beinahe problemlos zwischen klassischem Sopran und poprockigem Belt und könnte mit dieser wohl tatsächlich à la Evita die Massen bewegen. Emma Hatton bezwingt diese Gesangspartie, die wahrlich ein Monster ist. (Broadway-Evita Patti LuPone schreibt nicht nur deswegen in ihren Memoiren, dass Webber Frauen vermutlich hasse, ansonsten hätte er nicht so eine Rolle für sie komponiert.) Die Britin wird dementsprechend meinem speziellen Bedürfnis nach Diven-Anbetung voll und ganz gerecht, insbesondere in „Rainbow High“. In dieser Nummer darf sich Hatton, von einer ganzen Horde männlicher Stylisten mit Spiegeln umringt, in einen weiteren schicken Nerz werfen, um als Eva ihren repräsentativen Eroberungsfeldzug durch Europa anzutreten. Das Outfit sitzt, die Boys sind zahlreich, die End-Pose ist triumphal. Das können Dolly, ihre Treppe und ihre Ober auch nicht besser. Und Carol Channing hat nicht diese Stimme, die auch der Madonna-Evita im direkten Vergleich gehörig in den Allerwertesten treten würde.

Ein Hauch von West End-Flair in München

Auch die restliche Besetzung lässt aufhorchen. So etwa Oscar Balmaseda als schmieriger Magaldi, der in Eva Duartes besagter Auftrittsszene „On This Nights of A Thousand Stars“ anstimmt. Gian Marco Schiaretti als temperamentvoller Che sorgt insbesondere in der Ensemblenummer „And The Money Kept Rolling In“ im 2. Akt mit enormen Höhen für Gänsehaut. Überhaupt besticht das gesamte englischsprachige Ensemble durch eine tolle Intensität auf der Bühne und verströmt dadurch echtes West End-Flair in München. Der freudige Tanz in Evas I Want- Nummer „Buenos Aires“ reißt mit, das überhebliche Stolzieren der aristokratischen Eva-Widersacher in „Perón’s Latest Flame“ amüsiert (Choreographie: Bill Deamer). Kevin Stephen-Jones, der rollenbedingt als Perón eher kühl bleibt, darf es zwischen Eva und sich in „I’d Be Surprisingly Good For You“ ausnahmsweise ordentlich knistern lassen. Diese und noch andere Nummern werden fetzig von den Musikern im Orchestergraben begleitet (Musikalische Leitung: David Harrison-Steadman). Man kann diese zwar nicht als Orchester gelten lassen, doch in Form einer argentinischen Band mit Akkordeon, südländisch klingender Gitarre und schmetternder Trompete wissen sie dennoch zu überzeugen. Nicht zuletzt, weil der Sound im Deutschen Theater so gut ist, wie schon lang nicht mehr. Diese Tour-Version (Regie: Bob Tomson & Bill Kenwright) scheint also kaum Mängel zu haben, weder enorm von musikalischer oder gar darstellerischer Seite und schon gar nicht vom Bühnenbild oder der Beleuchtung, die hier nicht vergessen werden sollen. Ich bin wirklich begeistert, wie viele unterschiedliche Szenerien man hier durch ein paar herabfahrende Säulen, verschobene Treppenelemente, bereitgestellte Möbel und ein wenig Lichtzauber kreiert. (Bühnen- und Kostümdesgin: Matthew Wright; Licht-Design: Mark Howett)

© Pamela Raith

Eine von Webbers besten Partituren

Und bei aller Skepsis gegenüber Webber finde ich tatsächlich, dass es sich bei „Evita“ um eine von seinen besten Kompositionen handelt. Sie birgt tolle Melodien in sich, die auch mal etwas dissonant und befremdlich ausfallen dürfen, was der Thematik, nämlich dem Aufstieg einer Diktatorengattin, ja durchaus gerecht wird. „Don’t Cry For Me Argentina“ ist zwar die bekannteste Nummer des Stückes, doch sicherlich nicht unbedingt die komplexeste. In ihrer Simplizität und Eingängigkeit kommt sie jedoch fast einem Geniestreich Webbers gleich, denn ebenso wie sich das Premierenpublikum nach Emma Hattons Darbietung der genannten Nummer zu Szenenapplaus hinreißen lässt, bewegt Eva Perón durch ihre zur Schau gestellte Bescheiden- und Volkstümlichkeit die Massen vor der Casa Rosada. So wie das argentinische Volk ihrer manipulativen First Lady auf den Leim geht, so geht auch das Publikum dem Evita-Ohrwurm auf den Leim. Die Partitur nutzt gleichzeitig auch intelligent das Aufgreifen dieses musikalischen Motiv Evas. So wird es etwa vom omnipräsenten Erzähler Che zu Beginn des Stückes schon vorweggenommen, jedoch als ironischer Kommentar. Und auch als Eva ihre letzte Rede vor ihrem Tod hält, stimmt sie ihr Motiv an: „Have I said to much? There’s nothing more I can think of to say to you.“

Eva Perón – Thema für ein Musical?

Bei allen bisher geäußerten Lobpreisungen möchte ich nun aber das große Problem benennen, dass ich mit „Evita“ habe. Ich bin mir nie wirklich sicher, ob die Macher ein Mitfühlen des Zuschauers mit Eva im Sinn haben oder ob dieser das ganze wirklich nur kritisch betrachten soll, quasi fast schon im Stil eines Bertolt Brechts. Für ersteren Fall würde sprechen, dass Eva Peróns Erkrankung und ihre damit verbundene Verzweiflung durchaus herzergreifend präsentiert wird, nicht nur durch die Musik, sondern auch das tolle, gefühlsbetonte Schauspiel, das man zu sehen bekommt. Gegen eine Identifikation mit Evita spricht wiederrum die Figur des Ches, der einem Brecht’schen Erzähler gleich, gehässig über die Bühne streift und stichelnd kommentiert. Er nimmt dieser „Santa Evita“ damit ihr heilig-reines Image und sollte dadurch auch die Position des Zuschauers ihr gegenüber verändern. Doch dann bricht er aber am Ende angesichts von Evas Ableben verzweifelt im Bühnenvordergrund zusammen, was mich wiederum verwirrt. Soll ich als Zuschauer jetzt Mitleid haben? Ich werde schlicht und ergreifend aus der Erzählweise des Stückes nicht schlau. Was möchte dieses Musical sein? Sentimentale Lebensgeschichte? Nacherzählendes Historienspiel? Brecht’sche Machtkritik?

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Vielleicht hätte man hier bei der Entstehung des Stückes einen klareren Kurs fahren und sich für eine Stilistik entscheiden sollen. Und womöglich ist diese Inszenierung bei aller handwerklichen Feinheit nicht die richtige Wahl für „Evita“, da sie in Kostümierung, Szenerie und Schauspiel einfach zu oft naturalistisches, mitfühlendes Theater sein möchte. Eine abstraktere Herangehensweise, wie sie etwa Hal Prince in seiner Originalinszenierung umgesetzt hat, wäre vielleicht angebrachter gewesen, um dem kritischen Blick auf eine zwielichtige Frauenfigur gerechter zu werden. Es fällt mir nämlich durchaus schwer, so etwas wie Gefühle gegenüber Eva Perón aufzubauen. Ich versteh zwar, dass ihre Rags-To-Riches-Story durchaus interessant für ein Musical ist, schließlich wurde dieses Schema im Showbusiness schon oft genug erfolgreich bedient. Doch am Ende gelingt Eva der Aufstieg in erster Linie nur dadurch, dass sie sich hochschläft. Ja, man möchte hier der historischen Vorlage gerecht werden, denn Eva beschreibt sich selbst singend schließlich auch nur mit „a little touch of star quality“. Sex ist hauptsächlich das, was ihr hilft an Einfluss zu gewinnen. Eine derart einseitige Figur erweist sich in einem Musical wie „Evita“ allerdings als Problem, denn Webbers einfühlend und opernhaft-sentimental komponierte Musik schreit ja gerade zur nach Identifikation mit der Hauptfigur. Ob das bei Eva Perón überhaupt möglich ist, sei dahingestellt. Die Frage steht letztendlich im Raum, ob die Figur überhaupt für ein Musical geeignet ist.

Ein wenig Musical-Sentimentalität

Exemplarisch sei hier abschließend die Nummer „Another Suitcase in Another Room“ genannt. Gesungen wird sie von Peróns ehemaliger Geliebten, die von ihm zu Gunsten von Eva verlassen wird. Am Premierenabend kann ich beobachten, wie sich ein Pärchen einige Reihen vor mir dabei verliebt aneinanderschmiegt. Zugegeben, Sarah O’Connor intoniert diesen zweiten Hit des Musicals wunderbar. Doch ganz abgesehen davon, dass der Song thematisch die Verzweiflung über die ständig so schnell endenden Liebesbeziehungen der Figur behandelt und daher einem Liebespaar gar nicht erst den Anreiz geben sollte, sich aneinander zu schmiegen, sorgt er für Einfühlung, obwohl man diese in einem Stück wie Evita gar nicht brauchen sollte. Diese Geliebte, die mit ihrem Song genauso schnell verschwindet, wie sie aufgetaucht ist, sollte es im Stück eigentlich gar nicht geben, zumindest nicht als bemitleidenswert aufgewühltes Mädel. Wäre es den Machern wirklich daran gelegen, die Figur der Eva Perón kritisch zu zeigen, hätten sie das hübsche „Another Suitcase“ weglassen sollen. Die Figur und ihr Song existieren nur für ein wenig Sentimentalität. Webber & Co. fallen hier auf ihr eigene Gattung herein und das nur, um für ein paar Liebesbekundungen im Publikum zu sorgen. Ich verstehe, dass man solche Nummern braucht, um bei einem breiten Publikum anzukommen. Musical ist nun mal eine kommerziell orientierte Kunstform. Doch durch mehr, mutigeres Abstandnehmen wäre man der Thematik meines Erachtens um einiges gerechter geworden. Am Ende bleibt ein nicht ganz schlüssiges Musical. Das kann weder diese tolle Produktion verhindern, noch all der fabelhafte Diven-Zauber verschleiern. Und Gott weiß, wie sehr ich den liebe!

„Evita“ – Das Musical

Letzte Vorstellung im Deutschen Theater München: 23.04.2017

Welturaufführung: 21.06.1978, Prince Edward Theatre (London)
Premiere München: am 11.04.2017, Deutsches Theater
Songtexte: Tim Rice
Musik: Andrew Lloyd Webber
Regie: Bob Tomson, Bill Kenwright
Choreographie: Bill Deamer
Musikalische Leitung: David Harrison-Steadman
Design: Matthew Wright
Licht-Design: Mark Howett
Sound Design: Dan Samson

Besetzung: Emma Hatton (Eva), Gian Marco Schiaretti (Che), Kevin Stephen-Jones (Perón), Oscar Balmaseda (Magaldi), Sarah O’Connor (Mistress)

Tickets und weitere Informationen findet Ihr hier.

Beitragsbild: © Pamela Raith