Die diesjährige Abschlussklasse der Musical Arts Academy of the performing Arts in Mainz feierte am 20. April 2017 mit ihrer Produktion des Musicals „Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ Premiere in den Mainzer Kammerspielen. Obwohl ich mit Märchen noch nie wirklich etwas anfangen konnte und außerdem Musicals, deren Story auf Fantasie-Elementen beruhen und die somit (zumeist) wenig mit „dem echten Leben“ zu tun haben, äußerst skeptisch gegenüberstehe, lies mich die Ankündigung eines Musical-Thrillers aufhorchen und so wagte ich mich in den Mainzer Märchenwald.

Märchen sind doch Old-School

Das dachten sich Autor Peter Lund, der für das Buch zu „Grimm!“ 2015 den Deutschen Musical Theater Preis in der Kategorie „Bestes Buch“ erhielt, und Komponist Thomas Zaufke anscheinend auch und entschlossen sich dazu, das Genre „Märchen“ in ihrem Musical mal ein wenig zu hinterfragen: Was wäre, wenn die Geschichten über den bösen Wolf gar nicht wahr wären? Wie würden die Bewohner der Märchen-Welt damit umgehen?

Genau darum geht es in „Grimm!“. Das Musical vereint die Märchen „Rotkäppchen und der böse Wolf“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und „Die drei kleinen Schweinchen“ und strickt eine Story um die Hauptcharaktere dieser drei Geschichten. Rotkäppchen ist 14 Jahre alt und schon schlägt die Pubertät zu: Sie möchte ihren Spitznamen loswerden und mit ihrem richtigen Namen, Dorothea, angesprochen werden und außerdem ist das spießige Dorf, in dem sie lebt, ja auch viel zu langweilig. So zieht es sie in den dunklen Wald, in dem der – angeblich ach so böse – Wolf Grimm wohnt, der gemeinsam mit seinen Vorfahren für die allseits bekannten (Schauer)-Märchen verantwortlich sein soll.

Surprise surprise, Dorothea trifft im Wald auf Grimm und stellt fest: Der ist ja eigentlich ganz nett und auch noch gutaussehend! Und darüber hinaus sind die alten Geschichten auch gar nicht wahr! Rotkäppchen, äh, ich meine natürlich Dorothea, versucht ihre neuen Erkenntnisse den Bewohnern ihres Dorfes zu vermitteln und Grimm in die Gemeinschaft zu integrieren. Nicht ahnend, dass ihr nett gemeinter Aktionismus gravierende Veränderungen in ihrer Heimat auslöst und lang gehütete Geheimnisse ans Tageslicht befördert.

© Musical Arts Academy

Die alte Leier: Entertainment vs. Anspruch

Achtung, jetzt wird es sehr subjektiv: Neben dem „Musical-Thriller“ wurde in den Pressepublikationen geschrieben, dass „Grimm!“ genau das ist, was das Genre Musical heutzutage sein kann: Bewegendes Theater, anspruchsvoll, verblüffend und unterhaltsam. Über diese Ankündigung begann ich in Bezug auf „Grimm!“ jedoch im Nachhinein zu grübeln. Ja, modernes Musiktheater kann bewegend, anspruchsvoll, verblüffend und zugleich unterhaltsam sein. Viele Stücke wie beispielsweise „Next to Normal“ beweisen dies. Das Problem: „Grimm!“ gehört für mich leider nicht unbedingt zu dieser Kategorie von Musicals.

„Grimm!“ ist in erster Linie unterhaltsam. Wenn es einem leichtfällt, sich auf das Thema Märchen und die Figuren darin einzulassen und die Thematik des Stückes, die für die heutige Gesellschaft durchaus relevante Elemente wie Vorurteile, den Umgang mit Fremden, Anpassung an fremde Lebensumstände oder auch die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, beinhaltet, auf die eigene Lebenswirklichkeit zu übertragen, kann das Musical definitiv auch bewegend sein. Durch die oben genannte Thematik von „Grimm!“ kann man auch nicht behaupten, dass das Musical ohne Anspruch sei.

Ihr fragt euch wahrscheinlich: Warum beschwert sie sich denn dann? Der Haken an der Sache: Die Umsetzung. Die Hintergedanken zur Story von „Grimm!“ sind toll. Doch wenn man das Musical mal mit einer Disney-Produktion vergleicht, ist die klassische Moral hinter der Geschichte in „Grimm!“ nicht unbedingt tiefgründiger als die von „Der König der Löwen“. Ich möchte jetzt keine Grundsatzdiskussion über das Thema „Anspruch“ oder „moderne Musicals“ auslösen und meine Empfindung ist sicherlich auch sehr subjektiv.

Nur so viel sei aus meiner Sicht gesagt: Genau wie die Disney-Musicals ist „Grimm!“ schön anzusehen, unterhaltsam und nicht gänzlich ohne Botschaft. Da jedoch der Unterhaltungsfaktor durch die Ansiedlung der Geschichte in der Märchen-Welt und vor allem durch die zahlreichen (teilweise auch recht schmutzigen) Witze an oberster Stelle steht, ging die Tiefgründigkeit im Laufe des Stückes für mich leider etwas verloren, was dem Abend, sobald man sich darauf eingestellt hatte, jedoch keinesfalls einen Abbruch tat.

Tolle Unterhaltung mit kleinen Mängeln

© Musical Arts Academy

Versteht mich nicht falsch, „Grimm!“ ist ein tolles Musical, welches vor allem durch seinen fantastischen Humor besticht. Lund und Zaufke schaffen es, die Klischees der Märchen- und Musical-Welt auf intelligente Art und Weise zu bedienen, sodass stellenweise kein Auge trocken blieb.

Dies ist darüber hinaus auch der Regie von Claudia Wehner zu verdanken, die aus den Texten des Musicals jede noch so kleine Pointe herauskitzelt und durch einige Änderungen in der Figurenentwicklung (im Vergleich zur Wiener Fassung) sogar noch stärker betont. So entwickelt beispielsweise Schweinchen Didi eine Art Gollum-Komplex, der durch die fantastische Darstellung von Amina Marjam Liedtke zu einem der Highlights des Abends wurde.

Die Kostüme von Claudia Wehner und Andrea Schnabel sind fantasievoll und gleichzeitig sehr modern, sodass sie einen tollen Mittelweg zwischen der altertümlichen Märchen-Welt und der aktuellen Thematik des Musicals darstellen. Das Bühnenbild von Nathalie Meyer ist – für einen Märchenwald – recht minimalistisch, aber erfüllt seinen Zweck voll und ganz.

Einen kleinen Wehrmutstropfen stellte die Licht- und Tontechnik dar. Der Theatersaal der Kammerspiele Mainz ist mit einer umfassenden Lichtanlage ausgestattet, die meiner Meinung nach etwas ausgiebiger hätte genutzt werden können. Einige Stimmungswechsel beim Licht waren zwar vorhanden, ein paar mehr Effekte hätten aber vor allem bei den großen Show-Nummern des Musicals, choreografiert von Chris Ertelt, für den letzten Schliff gesorgt. Über einen zu leisen Ton bei der Vorstellung konnte man sich bei „Grimm!“ wirklich nicht beschweren, eher im Gegenteil: Die Stimmen waren leider manchmal nicht optimal abgemischt, sodass sie teilweise sogar zu laut und an manchen Stellen schwer zu verstehen waren. Ab und an fielen die Headset-Mikrophone gänzlich aus, was bei einer Live-Show jedoch durchaus mal passieren kann. Es gab kein Live-Orchester, was man stellenweise leider sehr deutlich gehört hat.

Der große Vorteil eines Musicals wie „Grimm!“ ist, dass die Studenten der Musical Arts Academy of the performing Arts wirklich zeigen konnten, was sie gelernt haben. Die Musik ist so komponiert, dass nicht nur (fast) jede Rolle entweder ein Solo oder größere Gesangsparts hat, sondern dass auch viel Platz für Tanz und Choreografie ist. Aus meiner Sicht passten die Tanzeinlagen leider in manchen Szenen durch ihre teilweise sehr klassischen Elemente stilistisch nicht unbedingt zur Figur oder zur Situation. Ein Wolf, der ballettartig zu einem Song über seine Bedrohlichkeit tanzt, wirkt auf mich zum Beispiel nicht sehr angsteinflößend. Hier hätte man vielleicht auf eine tänzerische Untermalung der Szene verzichten können. An den durch die Musik vorgegebenen Stellen waren die Tänze jedoch sehr passend choreografiert.

Die Musik des Musicals empfand ich als sehr unspektakulär, leider ging ich ohne einen richtigen Ohrwurm nach Hause. „Grimm!“ bleibt jedoch durch seinen großen Unterhaltungsfaktor durchaus im Gedächtnis, sodass dies ausnahmsweise gar nicht so schlimm ist, obwohl ich normalerweise einen sehr großen Wert auf die Partitur lege (die bei einem Musical ja auch nicht unbedingt einen unerheblichen Teil des großen Ganzen ausmacht).

Gesanglich waren alle Darsteller aus Mainz wirklich solide. Leider war die Mehrstimmigkeit, die man sich von professionell ausgebildeten Musicaldarstellern durchaus wünschen darf, an einigen Stellen unsauber oder wurde sogar ganz weggelassen.

© Musical Arts Academy

Valerie Wilhelm gab eine sehr sympathische Dorothea/Rotkäppchen und konnte auch in den Gesangsparts weitgehend überzeugen. Grimm-Darsteller László Nagy riss mich persönlich leider nicht vom Hocker, da er in meinen Augen das Verführerische seiner Rolle nicht hinreichend zum Ausdruck brachte und durch seinen Akzent (und die schwächelnde Tontechnik) akustisch stellenweise nur schwer zu verstehen war.

Hervorzuheben ist, dass die schauspielerische Darbietung der gesamten Cast trotzdem sehr beeindruckend war. Dabei stachen Amina Marjam Liedtke als Schweinchen Didi, Nathalie Hack als schrullige Oma Eule und Sol Spies Bermúdez als Schweinchen Wild besonders heraus. Wenn man bedenkt, dass es sich bei den Beteiligten um Darsteller handelt, die ihre Ausbildung gerade erst abgeschlossen haben, war die gesamte Darbietung (abgesehen von ein paar gesanglichen Schwächen) wirklich gelungen. Allen Darstellern waren ihre Spielfreude und die Leidenschaft für diese Produktion deutlich anzusehen, was sich auch schnell auf das Publikum übertragen hat.

Fazit

„Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ ist ein unterhaltsames Musical mit einer schönen Botschaft, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und trotz kleiner technischer Fehler einen tollen Musical-Abend bei den Kammerspielen Mainz bereitet. Wer im Hinterkopf behält, dass es sich „nur“ um ein Abschlussprojekt einer Musicalakademie handelt und nicht um eine professionelle Musicalproduktion inklusive dementsprechend erfahrenen Darstellern, wird definitiv auf seine Kosten kommen.

Zusatzvorstellungen finden vom 15. bis zum 18. Juni 2017 statt.

Karten und Infos gibt es hier.

Uraufführung: Dezember 2014, Kinder- und Jugendtheater Next Liberty, Graz
Premiere in Mainz: 20. April 2017
Besuchte Vorstellung: 20. April 2017
Musik: Thomas Zaufke
Text: Peter Lund
Regie: Claudia Wehner
Regieassistenz: Anne Liebisch
Choreographie: Chris Ertelt
Musikalische Leitung: Björn Breckheimer
Musikalische Einstudierung: Kate Nelson/David Lee Krohn
Kostüme: Claudia Wehner
Schneiderei: Andrea Schnabel
Technische Leitung: Bernhard Bamler
Vorstellungstechnik: Bernhard Bamler, Jan Liebisch
Besetzung: Valerie Wilhelm (Dorothea), László Nagy (Grimm), Nathalie Hack (Oma Eule), Sol Spies Bermúdez (Schweinchen Wild), Christin Reiter (Gisela Geiß), Julian Schier (Sultan), David Lee Krohn (Rex), Dorothee Weingarten (Schweinchen Schlau), Amina Marjam Liedtke (Schweinchen Didi), Lisa Maria Wehle (Schweinchen Dicklinde), Annedore Antrie, Svenja Baumgärnter, Anna David, Lea Hieronymus, Nadine Lauterbach, Jana Messerschmidt, Katharina Sieben (Geißlein)

Beitragsbild: © Musical Arts Academy

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Marina Pundt
"After silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music." - (Aldous Huxley)

Lieblings-Musical(s): "Hedwig and the Angry Inch", "Next to Normal", "American Idiot", “Once”
Lieblings-Komponist: Jeder, der es schafft, mich mit seiner Musik zum Tanzen oder zum Weinen zu bringen. Oder beides gleichzeitig.
Lieblings-Texter: Stephen Trask
Musical-Fan seit: … ich entdeckt habe, dass es Musicals mit Tiefgang und Rock-Musik gibt.
An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.