Das junge Staatsmusical ist eine Institution am hessischen Staatstheater Wiesbaden. Jugendliche ohne Ausbildung haben die Gelegenheit, auf der Bühne eines professionellen Theaters erste Erfahrungen zu sammeln und in großen Produktionen zu spielen. Die Aufführungen der Jugendclubs sind fast immer ausverkauft und neben fantastischen Produktionen wie etwa Addams Family und „Frühlingserwachen“ steht diese Spielzeit auch „Loserville“ auf dem Spielplan.

Das Junge Staatsmusical

Wer noch nie eine Produktion vom Jungen Staatsmusical gesehen hat: Sie sind fast ausnahmslos super! Es ist unglaublich, was für Talente dort auf der Bühne stehen und wenn ich mir denke, dass es sich hierbei immer noch um Laien handelt, die dort für eine lächerliche Gage und nur des Spaßes wegen spielen, ist es schon beeindruckend, wie nahe die Produktionen doch dem Profi-Bereich kommen! Leider trifft das alles auf „Loserville“ so gar nicht zu.

Die Story

© Bettina Müller

Loserville basiert auf dem 2005 erschienenen Album „Welcome to Loserville“ von der Pop-Punk-Band „Son of Dork“, der Gitarrist und Leadsänger James Bourne schrieb zusammen mit Elliot Davis Musik und Texte. 2009 wurde das Stück für das Youth Music Theater UK geschrieben, spielte ab 2012 aber auch in großen Theatern am Londoner West End, was eine Nominierung für den Olivier Award zur Folge hatte. Warum ist mir persönlich schleierhaft. Die Musik ist immer-gleicher und langweiliger Pop-Rock, die Lieder sind teilweise ermüdend lang und repetitiv, die Story… naja. Prinzipiell geht es um vier Jugendliche „Geeks“, die Anfang der 70er Jahre das Potential von Computern erkennen und vom Weltall fasziniert sind. Zu dem Team stößt Holly, die „Schlau und leider schön“ ist, sich fortan als Nerd verkleidet und letztendlich mit ihren Mitstreitern einen riesigen Coup landet.

Die Story verkörpert auf imposante Weise alles, was viele Hochkulturelle dem Genre Musical (höchst unreflektiert) im Allgemeinen vorwerfen: eine inkonsequente Dramaturgie, langweilige, unstimmige und doch vorhersehbare Liebesgeschichten und flache Charaktere.

Viel Potential…

Für die Vorlage kann man natürlich nichts und da „Loserville“ in England große Erfolge gefeiert hat, kann man es offenbar auch sehr gut auf die Bühne bringen. Dass das in Wiesbaden nicht der Fall war, hat mehrere Gründe.

Das Ensemble hat hierbei das Geringste damit zu tun. Alle 14 Jungschauspieler stehen mit großer Begeisterung und voller Elan auf der Bühne, was dem Stück sehr viel gibt. Auch wenn sie gesanglich nicht gänzlich überzeugen, schauspielerisch ist das Ensemble durch die Bank sehr gut besetzt, auch tänzerisch wird einiges geboten. Das Bühnenbild ist funktional und sehr gut gelungen, genauso wie die Kostüme, die stimmig den 70er Jahren zugeordnet werden können und gut zu den verschiedenen Charakteren passen. Die Story hat auch ein paar sehr nette Elemente, die vor allem „Star Wars“-Fans begeistern sollten (ich frage mich, wie groß die Schnittmenge von Musical- und „Star Wars“-Fans ist). Man erfährt zum Beispiel, dass Lucas an einem Roman schreibt (Verweis auf George Lucas) und wo er seine Inspiration zu Jodas Sprache, R2D2 und Obi-Wan Kenobi her hat.

© Bettina Müller

…zu wenig Vorbereitung!

Schauspielerisch und tänzerisch wurde offenbar viel mit dem Ensemble gearbeitet, leider ist diese Arbeit in der gesanglichen Leistung des Ensembles nicht zu sehen. Die Chorstellen sind schief, gemeinsames Absprechen der Konsonanten selten, die Soloparts sind zwar gut eingeübt, aber weit entfernt von soliden stimmlichen Leistungen. Twäng (mein ehemaliger Gesanglehrer verglich das immer mit dem Schrei eines Pfaus) und nasales Singen ist vielleicht bei „Nonnsens“ für Schwester Amnesia ganz lustig, nur sollte man auch in der Lage sein, normal zu singen und dieses näseln auch nicht in die Sprechstimme ziehen.

Tänzerisch hatte das Ensemble großes Potential, weswegen wahrscheinlich auch so viel Tanz in das Musical mit eingebracht wurde. Die Choreographie an sich war an manchen Passagen passend und witzig, oft aber leider fehl am Platz. Insgesamt war es viel zu viel, was wohl auch ein weiterer Grund für den schlechten Ensemblegesang sein wird.

Last but least

Das größte Manko liegt aber in meinen Augen bei der Technik. Zunächst waren nicht alle Künstler auf der Bühne mit einem Mikrofon ausgestattet. Zu den Sprechszenen zwischen den Songs wurden alle Mikros ausgeschaltet, was die Verständlichkeit erschwerte. Sobald Musik einsetzte, wurden die Mikros, die vorhanden waren, eingeschaltet, auch wenn der Dialog weiter ging und somit war für die Schauspieler ohne Mikro natürlich gar kein Durchkommen mehr. Hinten stand ein Handmikrophon, in das ab und zu gesungen wurde. Sind ihnen die Headsets ausgegangen? Bitte, wir sind im Hessischen Staatstheater, das kann doch nicht sein…

Sechs Personen befanden sich oben am Technikpult. Was sie dort machten, ist mir aber schleierhaft. Der Sound war extrem schlecht abgemischt, im Chor waren teilweise nur die Männer beziehungsweise DER Mann zu hören, Mikros waren offen, wenn sie zu sein sollten und so weiter. Besonders schwerwiegend ist der letzte Punkt, denn eine zentrale Regel des Musiktheaters lautet nunmal: „Hinter der Bühne ist Ruhe“. Es kann immer mal passieren, dass ein Mikro offen ist und da dies hier an der Tagesordnung war, bekamen wir sehr viel mehr mit, als geplant war.

© Bettina Müller

Wenn man es sich ganz genau durch den Kopf gehen lässt, war bestimmt nicht alles schlecht an dieser Inszenierung. Wie schon erwähnt: Schauspielerisch agierten die Darsteller überzeugend, Kostüme und Bühnenbild erzielten ihre Wirkung und vor allem die Einstellung des Ensembles war fantastisch. Zu allem anderen ist bereits genug gesagt worden.

Besonders irritierend finde ich es insofern, da ich bisher vom Jugendclub restlos begeistert war. Wie können so unglaublich gute Leute in einer Laienproduktion spielen und dafür kein Geld bekommen, wo andere Musicals einen Bruchteil davon liefern und ein Mehrfaches davon kosten? Dass „Loserville“ so ins Gegenteil geht, hat mich kurz gesagt entsetzt. Nicht, dass ich diese Inszenierung ausschließlich schlecht fand, bei Laien-Produktionen gelten immer andere Maßstäbe, aber es war dieser unglaubliche Unterschied zu den sonstigen Produktionen, den ich nicht erwartet hatte. Prinzipiell mein Rat: Jugendclub auf jeden Fall, aber lasst lieber die Finger von „Loserville“!

„Loserville“

Uraufführung: 2009 Youth Music Theatre UK South Hill Park Bracknell, England
Premiere in Wiesbaden: 4.3.2017, Wartburg Wiesbaden
Besuchte Vorstellung:
25.3.2017
Musik und Text:
Elliot Davis, James Bourne; Deutsch von Christian Poewe
Regie:
Iris Limbarth
Choreographie:
Myriam Lifka
Musikalische Leitung:
Frank Banger
Gesangseinstudierung: Ulrich Barreis
Bühne: Britta Lammers
Kostüme: Heike Korn
Besetzung: David Rothe (Michael Dork), Nils Hausotte (Lucas Lloyd), Christian Sattler (Francis Wier), Camillo Guthmann (Marvin Camden), Mike Burs (Eddie Arch), Daniel Weldemann (Huey Philips), Fabian Kastl (Wayne Pagoda), Norman Dobrovsky (Convention-Veranstalter/Direktor), Anna Heldmaier (Holly Manson), Lisa Krämer (Leia Dawkins), Fanni Hamar (Elaine Friend), Ilka Ludwig (Samantha Powden), Helen Graffert (Ivanka/Susie Alpine/Conventiongirl), Lisa Schaar (Marina/Davina Glen/Conventiogirl)

Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

Beitragsbild: © Bettina Müller