Starlight Express in Bochum wird nächstes Jahr 30 Jahre alt. Das kann ich mir gut merken, denn wir haben fast auf den Tag genau gleichzeitig Geburtstag. Ich bin praktisch mit dem Stück aufgewachsen: Ich habe es gesehen, noch bevor die Y-förmige Bahn durch das Parkett gezogen wurde, ich habe bei der Stella-Pleite 2002 mitgezittert und zum 15-jährigen Jubiläum als quasi gleichzeitiges Geburtstagskind eine ermäßigte Eintrittskarte erhalten. Ich kenne das Stück noch aus einer Zeit, als die Hip Hopper noch Rockies hießen, Caboose zwei Lieder statt einem sang und es noch keine Inline-Skater auf der Bühne gab. Außerdem habe ich in meiner Zeit als Fan sicherlich drei Generationen verschiedener Liebeslieder zwischen Rusty und Pearl auf der Bühne präsentiert bekommen.

„Starlight Express“ kann also in seinem 29. Jahr auf ein – Achtung, Wortspiel – bewegtes Leben zurückblicken. Es ist daher nicht im Geringsten übermütig, wenn das Musical anlässlich des nahenden 30. Geburtstags bereits jetzt mehrere Sondershows präsentiert. Den Anfang machte am 28.3. die englische Show mit dem Titel „One night only“ . Es folgen: „Kids only“ am 11.7. und die „Sing-along“- Show am 24.10. Zusätzlich findet am 1.5. das „Rennen in den Mai“ statt, eine Alternative zum „Tanz in den Mai“, welche bereits die letzten Jahre angeboten wurde.

Das Phänomen „Starlight Express”

„This is Control, this is Control.“- So beginnt das Stück sowohl in der originalen, englischen Fassung als auch bei dieser Sondershow.

© STARLIGHT EXPRESS

Das Kind (in dieser Sondershow gesprochen von der früheren Darstellerin  Georgina Hagen, die Mutter wird in dieser Fassung von Buffy-Darstellerin Sian Velazquez gesungen), das bis gerade noch mit seinen Eisenbahnen gespielt hat, schläft ein. Die Spielzeugeisenbahnen setzen das Wettrennen fort, das es begonnen hat. Es entspannt sich eine Geschichte um die junge Dampflok Rusty, der dieses Rennen unbedingt gewinnen möchte, sich aber zunächst gegen seine technisch besser gestellten Konkurrenten schwer tut und schließlich auch noch um die Gunst seiner Freundin Pearl, einem  Erste-Klasse Waggon, kämpfen muss.

Während noch die Frage durch den Raum schallt, wer dieses Rennen wohl gewinnen wird, frage ich mich zum wiederholten Male, ob überhaupt schon einmal irgendjemand dieses Musical mit der Intention besucht hat, hierauf eine Antwort zu finden. Für diese Sondershow ist diese Frage leicht mit „Nein“ zu beantworten, denn es hat den Anschein, als wäre hier keiner, der das Stück nicht in- und auswendig kennt. Fans, Darsteller und deren Freunde und Bekannte – alle erleben noch einmal gemeinsam das Rennen der Lokomotiven und deren Anhänger.

Doch was bewegt eigentlich Menschen dazu, fast 30 Jahre lang ein Stück zu besuchen, welches mit der Lebenswirklichkeit so gar nichts gemein hat? Während vielen meiner Bekannten als Antwort zunächst das Rollschuhfahren einfällt, bin ich der Meinung, dass „Starlight Express“ mehr ist, als eine bloße Skate-Show. Für mich lebt das Stück immer auch von der Licht- und Bühnentechnik, sowie von der Tatsache, dass der Zauber des Stückes eigentlich schon vor dem eigentlichen Musical beginnt – zum Beispiel mit Betreten des Foyers, das aussieht, wie ein Bahnhof des 19. Jahrhunderts, spätestens aber beim Anblick der extra hierfür gebauten Bühne. Für mich persönlich eröffnet sich hier der Einstieg in eine in sich abgeschlossene Welt, die sich durch eine sich drehende, schwebende Brücke auszeichnet, durch Kostüme, die aussehen, als seien sie gerade einem Science-Fiction Film entsprungen – und durch viel, viel Kunstnebel.

© Starlight Express

Tatsächlich hat dieses Musical, das vom Spektakel lebt wie kein anderes, nichts von seiner Faszination eingebüßt. Zwar hatte ich dies nach meinem letzten Besuch vor einigen Jahren befürchtet, als mir die Show aufgrund aller eingefügten Änderungen zu bunt und zu gewollt modern erschien. Auch das ist wohl Ansichtssache, denn wie Electra-Darsteller Richard Woodford, den ich dankenswerterweise vor der Vorführung interviewen konnte, meint: „Die Leute mögen persönliche Lieblingsszenen haben, weil diese Szenen zu der Zeit in der Show waren, als sie das Stück kennen gelernt haben. Aber die Dinge verändern sich.“ Eine Überlegung, die jedenfalls auf mich zutrifft.

Diesmal war ich allerdings von den Veränderungen geradezu positiv überrascht: Die Bühnen- und Lichteffekte sind so beeindruckend wie eh und je. Hierbei ist nicht nur von der „Starlight Sequenz“ die Rede – eine Szene, in der scheinbar alles an Lasern und Diskokugeln verwendet wird, was diese Halle zu bieten hat, denn auch Electras erstes Lied „AC/DC“ besticht technisch durch einen grünen Lasertunnel und der eben bereits erwähnten schwebenden Brücke  – und wirkt damit auch im Jahre 2017 immer noch futuristisch.

Auch die inhaltlichen Kürzungen im ersten Akt tun der Logik der Geschichte – sofern irgendjemand danach suchen sollte – keinen Abbruch, sie sind sogar dem Stück absolut dienlich, da sie die ohnehin schon temporeiche Show noch flotter machen. Greaseball trennt sich nun erst zu Beginn des zweiten Akts von Dinah und auch wenn ich gerne die englische Version von „There’s me“ live gehört hätte, ist das Streichen dieses Liedes nach dem ersten Rennen zugunsten einer klareren Erzählstruktur absolut vertretbar. Dinah wird zwar durch die gestrichene Szene eindeutig zur Nebenfigur, aber ihre Darstellerin Abigail Dever schafft es dennoch, gerade aufgrund ihres Gesangs aber auch wegen ihres komödiantischen Talents, sehr positiv in Erinnerung zu bleiben.

Die Inlineskater, die ich bei meinem letzten „Starlight Express“ – Besuch noch als Fremdkörper empfand, fügen sich mittlerweile gut in das Gesamtkonzept ein. Ähnliches ist auch zu den nicht im Originalscore erhaltenen Liedern und den, die Rockies ersetzenden, Figuren der Hip Hopper zu sagen, wobei allerdings gerade diese letztgenannte Änderung aufgrund der ähnlichen Kostüme und beinah identischen Liedern ein wenig überflüssig wirkt.

One night only

Das, was also am 28.3. in der Starlight-Halle in Bochum aufgeführt wurde, war eine Version, die man in englischer Sprache sonst noch nirgendwo so gesehen hat. Die neu hinzugekommenen Songs wurden extra für dieses Ereignis auf Englisch übersetzt, die Choreographie auf den neuen Text angepasst. Auch mit Arlene Phillips persönlich wurde geprobt, wie mir Richard Woodford vor der Vorstellung erzählt.

© Starlight Express

An diesem Dienstagabend sind nur noch wenige freie Plätze zu sehen. Die Stimmung ist erwartungsfroh. Im Prinzip ist es die Atmosphäre eines Sportevents. Und tatsächlich springt der Funke auch in dieser ganz eigenen Version über: Alle jubeln beim Auftritt einzelner Lokomotiven und Waggons – und als Papa-Darsteller Reginald Holden Jennings alle auffordert „Steam!“ zu sagen, schallt es „Steam!“ zurück, als hätte das Publikum die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. Die einzige Szene, bei der in meiner näheren Umgebung niemand hörbar mitsingt, ist das Lied „ A Whole Lotta Locomotion“ (in der dt. Übersetzung: „Nie genug“), welches mittlerweile „ A Lotta Locomotion“ (in der dt. Übersetzung: „Ne Lok mit Locomotion“) ersetzt hat. Hier war das Einsetzen eines nicht zum Originalscore gehörigen Songs schon deswegen schade, da der frühere Song durch seinen Refrain zum Mitklatschen anregte, was die ohnehin gute Stimmung an diesem Abend sicherlich noch weiter gefördert hätte.

Die englische Fassung profitiert sehr deutlich von der Ausgefeiltheit der Songtexte (Lyrics: Richard Stilgoe), welche in Englisch stärker hervorsticht als in der deutschen Fassung. Es ist erstaunlich, wie sehr diese das Stück nochmal auf eine andere Ebene heben. Zwar sind die ständigen Doppeldeutigkeiten in den Lyrics nicht jedermanns Geschmack – unter anderem nicht meiner, was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht trotzdem pointiert eingesetzt werden. Wenn die alte Dampflok Papa den Steinwaggon Flat Top darauf hinweist, dass Öl „ the work of the Diesel himself“ sei, so sorgt dies in der „One night only“ – Show für einen Lacher, der in der deutschen Version trotz ähnlichem Wortlaut leicht zu übersehen ist.

© Starlight Express

Ein weiterer Vorteil der englischen Show ist, dass mit Dialekten gearbeitet wird. So singen Michael Quinn und Abigail Dever als amerikanische Züge Greaseball und Dinah mit starker amerikanischer Aussprache, was außerordentlich gut zu den von ihnen dargestellten Charakteren passt.

Die Cast dieser Show weist beinah ausschließlich Erstbesetzungen auf, lediglich die Rollen Buffy, Espresso, Hashamoto, Purse, Ruhrgold und Volta sind mit Covern besetzt. Besonders positiv hervorzuheben ist in dieser Vorstellung Jeffrey Socia als Rusty, der seine Rolle mit viel Charakter ausstattet, wodurch sie nicht mehr ganz so eindimensional wirkt und vor allem im Zusammenspiel mit Pearl-Darstellerin Carla Pullen überzeugt. Diese schafft es, die leicht holzschnittartige Liebesgeschichte zwischen Pearl und Rusty tatsächlich mit etwas Tiefe auszustatten und ist stimmlich auch in den hohen Passagen beeindruckend.

Michael Quinn spielt die machohafte Diesellok Greaseball derart augenzwinkernd, dass die Figur beinah sympathisch wirkt. Richard Woodford ist als sein Kontrahent Electra gesanglich wie schauspielerisch beeindruckend. Besonders seine Szenen mit Michael Quinn bleiben hierbei positiv in Erinnerung. Daniel Ellison, dessen Figur übrigens auch in der „One night only“-Fassung Caboose heißt und nicht etwa C.B. wie im englischen Original, hat es aufgrund der Kürzungen der Songs schwer, alle Facetten des Bremswaggons darzustellen, strahlt aber dennoch eine große Bühnenpräsenz aus und ist stimmlich wie schauspielerisch und tänzerisch sehr solide.

„At the end of the tunnel there‘s a light: Starlight!“

Den Abend insgesamt als „gelungen“ zu beschreiben, wäre eine bloße Untertreibung. Sowohl den Darstellern als auch dem Publikum ist der Spaß an dem Experiment, das Stück in englischer Sprache aufzuführen, sichtlich anzumerken: Als Reginald Holden Jennings am Ende des Stücks von Englisch auf den deutschen Text wechselt und auf „You think I could be converted to steam?“ mit „Genau!“ antwortet, wird ihm mit lachendem Szenenapplaus geantwortet.

So präsentiert sich „Starlight Express“ in seiner ersten Sondershow als kultiges, jedoch keineswegs veraltetes Musical, welches auch nach knapp dreißig Jahren noch immer mit frischen Ideen glänzen kann. Ich bin mir sicher, dass „Starlight Express“ und ich noch viele gemeinsame Geburtstage feiern können!

Premierendatum Uraufführung: 27.3.1984
Premiere der Bochumer Version: 12.6.1988
Besuchte Vorstellung: 28.3.2017
Musik : Andrew Lloyd Webber (mit Einfügung des Duetts „I do“ bzw. „Für immer“ von Alastair Webber)
Texte: Richard Stilgoe
Regie: Trevor Nunn
Bühnenbild und Kostüme: John Napier
Choreographie: Arlene Phillips

Besetzung in der besuchten Vorstellung: Jeffrey Socia (Rusty), Carla Pullen (Pearl), Reginald Holden Jennings (Papa), Michael Quinn (Greaseball), Richard Woodford (Electra), Daniel Ellison (Caboose), Abigail Dever (Dinah), Sophie Wallis (Buffy), Emily Beth Harrington (Ashley), Gavin Ashbarry (Dustin), James Marshall (Flat Top), Brett Shields (Hip Hopper 1), Cyrus Brandon (Hip Hopper 2), Dennis Spee (Hip Hopper 3), Purse (Craig Tyler), Volta (Lindsay Atherton), Joule (Keoma Aidhen), Helen Petrovna (Wrench), Jared Thompson (Krupp), Alex Day (Hashamoto), Espresso (Ross Meagron), Ruhrgold (Tom Nihill), Darren John (Bobo) , Feargal Quinn ( Turnov), Manuel Reckow (Trax 1), Etienne Vogel (Trax 2).

Beitragsbild: © Starlight Express

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.