Vielleicht habt ihr es schon gelesen oder irgendwo gehört: Marina und ich schreiben nicht mehr länger nur über Musicals, wir produzieren auch welche. Was mit dem Format „KULTURPOEBEL.de produziert“ und der Inszenierung von Jonathan Larsons („Rent“) „tick…tick…BOOM!“ in Bremen begonnen hat, mündet nun in der Gründung des Musical-Start-Ups Off-Musical Frankfurt.

Warum machen die das überhaupt?

Der Plan ist in uns schon länger gereift – was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Wir haben KULTURPOEBEL.de mit dem Ziel gegründet, gerade dem modernen Musiktheater in New York und London eine journalistische Plattform zu bereiten, weil wir die Musical-Entwicklung der Genre-Hotspots etwas unterrepräsentiert in deutschen Fachmedien fanden. Zudem wagen wir durch unsere Herangehensweise an Rezensionen und Kommentare eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Kunstform, was uns als Website – so die Hoffnung – besonders macht.

Im Rahmen von Ausbildung und Studium haben wir irgendwann begonnen, uns mit den wirtschaftlichen Hintergründen des Genres auseinanderzusetzen und so entwickelte sich schließlich eine Idee zu einem Plan und der Plan zu einem konkreten Geschäftsvorhaben. Zum einen ist da unsere Leidenschaft für diese einzigartige Kunstform, zum anderen die Erkenntnis, dass es so viele tolle Musicals in New York und London gibt, die selten oder gar nicht den Weg nach Deutschland finden. Woran das liegt, ist nochmal einen eigenen Artikel wert. Fakt ist: Das Genre Musical ist über alle Maßen vielseitig und Heimat sowohl unterhaltender als auch höchst anspruchsvoller Stücke – inhaltlich wie musikalisch. Und in Deutschland gibt es neben den Großproduktionen sehr viele tolle Stadttheater-Inszenierungen, aber moderne und innovative Musicals haben es nach wie vor schwer, eine geeignete Bühne zu finden. Und genau hier setzt Off-Musical Frankfurt nun an.

Was haben die vor?

Mit Off-Musical Frankfurt wollen wir eine Art Off-Szene begründen für Stücke, an die man sich in Deutschland sonst nur selten oder eben gar nicht traut. Wo andere Produzenten sich in erster Linie fragen, welches Thema oder Stück das größte Publikum anspricht, überlegen wir, welches Musical wir unbedingt sehen wollen, welches Stück nicht nur gut, sondern künstlerisch hervorragend ist. Wenn ihr es so wollt, so stehen hinter Off-Musical Frankfurt zwei Musical-Fans, die einfach Bock auf phänomenale, moderne Musicals haben und niemals etwas auf die Bühne bringen würden, hinter dem sie nicht mit voller Überzeugung und Hingabe stehen. Natürlich können wir am Ende des Tages aus wirtschaftlicher Sicht nicht traumfängerisch agieren, aber wir wollen mit unserer Stückauswahl ein Ausrufezeichen setzen und sind überzeugt davon, dass gut gemachte Musicals ihr Publikum finden. Es gibt unserer Meinung nach viele Menschen, die dem Genre – aus welchen Gründen auch immer – skeptisch gegenüberstehen und von ihrem Glück, dass sie Musicals begeistern könnten, nichts wissen. Für alle, die Musical-Musik zu klassisch finden, gibt es „American Idiot“ oder „Hamilton“, für jene, die Inszenierungskonzepte zu unausgefeilt erachten, gibt es „Frühlings Erwachen“, diejenigen, welche die schwache Charakterentwicklung und Dramaturgie in Musicals kritisieren, können mit „Fun Home“ oder „Hedwig and the Angry Inch“ bekehrt werden und wer Musicals generell zu seicht findet, soll sich mal „Next to Normal“ ansehen. Was ich damit sagen möchte: Es gibt viele Vorurteile der Kunstform gegenüber, aber mindestens genauso viele Stücke, mit denen man diesen begegnen kann. Wir hoffen letztlich, mit unserer Stückwahl dem Image, das dem Genre Musical anhaftet, selbstbewusst entgegentreten zu können und all die Skeptiker eines Besseren zu belehren.

Wie wollen die das machen?

Unsere ersten Produktionen werden „Hedwig and the Angry Inch“ (Premiere: 22.09.2017, Brotfabrik Frankfurt) und die deutschsprachige Erstaufführung von Green Days „American Idiot“ (Premiere: 17.01.2018, Batschkapp Frankfurt). Zwei Musicals, die selten bzw. gar nicht in Deutschland aufgeführt wurden/ werden. Da wir kein festes Theater im Hintergrund haben, konnten wir für beide Stücke auf die Suche nach der optimalen Spielstätte gehen und haben mit der Brotfabrik bzw. Batschkapp zwei Locations gefunden, die das perfekte Umfeld für unsere Musicals bieten. Bei Cast und Kreativteam legen wir besonderen Wert darauf, eine ausgeglichene Mischung aus jungen Talenten und Newcomern sowie erfahrenen, renommierten Künstlern zu etablieren. Ich bin überzeugt davon, dass dies der Schlüssel ist, unseren Musicals einen zeitgemäßen und auch innovativen Look zu verpassen. Dies erlaubt uns, manches radikaler und unkonventioneller zu denken.

Hinzu kommt, dass wir Musicals nicht als Premium Entertainment sehen, sondern in der preispolitischen Tradition des Londoner West Ends als relevantes kulturelles Erlebnis, das den Standort Frankfurt am Main bereichern und zu erschwinglichen Preisen auch einer jungen Zielgruppe zugänglich gemacht werden soll. Die teuersten Karten kosten weniger als 60 Euro und die günstigsten um die 20 Euro, wobei auch am Tag der Vorstellung Stehplätze zum Preis von nur 9 Euro angeboten werden.

Wie soll es nach „Hedwig and the Angry Inch“ und „American Idiot“ weitergehen?

Wir wollen im Jahr drei Produktionen auf die Bühnen der Region Rhein-Main bringen. Ein ambitioniertes Vorhaben, sicherlich, aber Stücke, die Marina und ich sehen wollen und toll finden, gehen uns erstmal nicht aus. Wichtig ist, dass unsere Produktionen angenommen werden und ihr Publikum finden.

Was bedeutet das jetzt für KULTURPOEBEL.de?

Erstmal nicht so viel, außer, dass KULTURPOEBEL.de als Medienpartner unserer Produktionen agiert und neben Bannerwerbung eben auch News und Interviews zu unseren Inszenierungen platziert werden. Rezensionen zu unseren Produktionen wird es aber auf keinen Fall geben. KULTURPOEBEL.de war, ist und bleibt ein ambitioniertes, journalistisches Projekt von jungen Musical-Fans,-Nerds,-Fachleuten und berichtet weiterhin unabhängig. Sicherlich könnte man Marina und mir nun einen Interessenskonflikt vorwerfen, einerseits als Musical-Produzenten tätig zu sein und andererseits über Konkurrenten zu schreiben und zu berichten. Wir versprechen euch aber, dass wir in Zukunft – gerade in Anbetracht dessen – noch mehr Wert darauf legen werden, unsere Eindrücke nachvollziehbar und ausführlich zu beschreiben und weiterhin selbstreflektiert etwaige Interessenskonflikte zu erkennen. Marina und ich könnten es niemals mit unserer journalistischen Tätigkeit vereinbaren, eine gute Produktion schlecht zu rezensieren, nur um einem Konkurrenten zu schaden. Das wird es auf KULTURPOEBEL.de nicht geben. Das Kommentieren aus einer eindeutigen Subjektivität heraus ist unser Markenzeichen, aber diese Subjektivität wird niemals aus wettbewerbstechnischen Gründen gesteuert. Wenn wir merken, dass dies irgendwann der Fall ist, werden wir uns aus KULTURPOEBEL.de zurückziehen. Dafür ist uns das, was wir die letzten Jahre aufgebaut haben, zu wichtig. Vielmehr unterscheiden wir stark zwischen unserer journalistischen und produzierenden Tätigkeit und haben der Transparenz zuliebe auch die Pseudonyme aufgelöst, um hier mit maximaler Offenheit auftreten zu können.

Wir haben noch viel vor. Sowohl mit KULTURPOEBEL.de als auch mit Off-Musical Frankfurt und wir würden uns nichts mehr wünschen, als dass ihr uns auf diesem spannenden Weg begleitet.

Mehr Informationen zu den Produktionen von Off-Musical Frankfurt findet ihr hier.

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Stephan Huber

„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.