2006 wurde das Musical nach dem Blockbuster mit Whoopi Goldberg in Kalifornien uraufgeführt, 2009 holte es Stage Entertainment mit einer co-produzierenden Whoopi Goldberg über London nach Europa. Seitdem haben über 6 Millionen Zuschauer „Sister Act“ auf der Bühne gesehen und es so zu der erfolgreichsten Eigenproduktion von Stage Entertainment gemacht. Im Herbst 2016 premierte schließlich die Tour-Produktion von „Sister Act“ im Berliner Theater des Westens, zog weiter ins hessische Niedernhausen und ist nun vom 19. Mai bis 9. Juli im Deutschen Theater in München zu sehen.

Deloris van Cartier ist eine mehr oder weniger erfolgreiche Sängerin,  die von einer großen Show-Karriere träumt. Durch einen unglücklichen Zufall hat es ihr Ex-Liebhaber aber auf ihren Kopf abgesehen, weswegen sie durch ein Zeugen-Schutzprogramm an einen Ort gebracht wird, wo man jemanden wie sie am wenigsten vermuten würde: ein Kloster. Nach anfänglichen Schwierigkeiten findet Deloris, von nun an Schwester Mary Clarence, aber eine neue Bestimmung und lernt, wie wertvoll richtige Freunde sind.

© Eventpress / Stage Entertainment

Bei der aktuellen Spielserie handelt es sich um eine Tourproduktion. Man könnte sich also vorstellen, dass die Ausstattung nicht vergleichbar ist mit einem Long-Run, wo viele hundert Shows gespielt werden. Aber weit gefehlt. Das einzige, was bei meinem Show-Besuch in Niedernhausen darauf schließen ließ, dass es sich um eine Tourproduktion handelt, war der Rahmen, der auf die sehr große Bühne im Rhein-Main Theater gesetzt wurde. Offenbar ist das Bühnenbild von „Sister Act“ nicht für so große Bühnen ausgelegt, weshalb man sie kurzerhand verkleinerte.

Wenn die Nonnen tanzen

Aisata Blackman in der Hauptrolle der Deloris van Cartier zeigt schon in der ersten Nummer, was in ihr steckt. Diese Energie und Präsenz zieht sie durch den ganzen Abend, den absoluten Höhepunkt erreicht sie bei der ersten Chorprobe mit den Nonnen. Das war für mich DER Wendepunkt im Stück, nicht zuletzt durch Blackman, die zwar etwas überdreht aufspielt, das aber konsequent durchzieht und so jeden im Publikum und auf der Bühne merklich mitreißt. Da verzeiht man ihr auch, dass sie bei „Fabelhaft Baby“ etwas nachhängt.

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Die vor allem als Schauspielerin bekannte Agnes Hilpert übernahm für Niedernhausen und nun auch in München die Rolle der Mutter Oberin. Sie ist wahnsinnig trocken, tappt aber nicht in die Falle, dass es auswendiggelernt und abgespult klingt. Gesanglich bringt sie eine sehr solide Leistung, der eine oder andere Ton wackelt etwas.

An der kleinen, stillen Schwester Mary Robert (Abla Alaoui) gefiel mir besonders gut, dass ihre Figur im Vergleich zum Film an Nervigkeit entschärft wurde und sie auf der Bühne nicht die ganze Zeit wie ein aufgescheuchtes Reh schaut. Alaoui gelingt es, Schwester Mary Robert zwar immer noch schüchtern, aber in sehr viel mehr Farben zu spielen als ihre Vorlage im Film. Maren Somberg dagegen setzt ihrer Rolle der Schwester Mary Patrick im Vergleich zum Film sogar noch einen drauf. Eine Frohnatur, wie sie im Buche steht, witzig, süß und sympathisch. Schwester Mary Lazarus (Regina Venus), die ursprüngliche Chorleiterin, macht wie alle Figuren eine große Entwicklung durch, von der strengen Matrone zu der ober-coolen Rapperin in Glitzeroutfit samt ordentlich Street-Cred.

Die Männerrollen in „Sister Act“ kommen ziemlich kurz, was irgendwie auch mal eine schöne Abwechslung in der sonst Männer-dominierten Hauptrollen-Landschaft ist.

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Karim Ben Mansur ergatterte die sympathischere der beiden Männerrollen. Er spielt den Polizeibeamten Eddi Fritzinger, hier ein alter Schulfreund von Deloris und damals wie heute hoffnungslos in sie verknallt. Mansur verkörperte ihn sehr unschuldig, stellenweise wirkte er wie ein richtiges Kind, was nicht wirklich in die Situation passt. Was ebenfalls nicht in die Situation, geschweige denn in das Stück passt, ist sein Solo à la Jackson Five, das außerdem für Mansur viel zu tief ist. Die Kostümeffekte sind ganz nett und dadurch versteht man den Sinn des Songs auch, wenn man (wie ich) von den tanzenden Obdachlosen zu sehr abgelenkt ist, um auf den Text zu hören. Die Spielszene zwischen ihm und Deloris im zweiten Akt hat auch noch viel Luft nach oben, „Ich kann einfach nicht auf Menschen zielen“ wirkte für mich eher wie ein flirtendes „Ich sage, was sie hören will“ als wie ein ernsthaftes Problem. Mischa Mang als Bösewicht und Deloris‘ Ex-Liebhaber Curtis füllt diese fiese Rolle sehr gut aus. Gesanglich wird sein Potential leider dadurch geschmälert, dass er seine kehlige Bösewicht-Stimme in den Gesang hineinzieht.

Seine drei Sidekicks Joey (Benjamin Eberling), Pablo (Alessandro Pierotti) und TJ (Arcangelo Vigneri) schießen erwartungsgemäß mit ihrem Terzett den Vogel ab. Besonders hervorzuheben ist hier Benjamin Eberling als Joey, der trotz rollentypischer Statur recht unscheinbar im Hintergrund steht. Bei „Hey Schwester“ dreht er ordentlich auf, das war mein persönliches Highlight des Abends. Pablo und TJ hätte man ehrlich gesagt in einer Rolle zusammenfassen können. Ich kenne TJs Gesangsparts auch eher als durchgehend im Falsett gesungen. Vigneri beherrscht diese Technik ganz wunderbar, nur zieht er es nicht durch, was aber auch vollkommen in Ordnung ist. Pierotti dagegen hat auch einige Falsett- Stellen, genauso unterscheiden sich die beiden Rollen in ihrer Nationalität kaum. Pablo ist Spanier, TJ wirkt sehr italienisch. Wie gesagt, entweder mehr abgrenzen oder zusammenfassen.

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Das Bühnenbild hat mich besonders begeistert, vor allem, wenn man sich vorstellt, dass es ein reines Tour-Bild ist! Der Kirchenraum ist imposant und mausert sich langsam vom maroden Gebäude mit zugenagelten Fenstern bis hin zu DER Partyhalle, eine silbern glänzende Maria inklusive. Dass diese sich zum Finale dreht und so zur Diskokugel wird, mag dem einen oder anderen zu viel des Guten sein, ich fand es auf jeden Fall witzig, genauso wie der Papst, der einen kurzen Cameo hat.

Die Story spielt in den 70ern, was einem in Kostüm, Maske und Bühnenbild nur allzu deutlich vor Augen geführt wird, von orangener Tapete bis zur Bartmode. Was ich nicht so ganz verstanden habe, war die Bedeutung der Farbe Lila. Deloris trägt sie am Anfang genauso wie Curtis, außerdem schleicht es sich wieder in ihr Outfit und ihre Kutte als sie im Kloster entdeckt wird. Steht Lila also für die Welt da draußen? Für das „Böse“? Aber warum trägt auch Mutter Oberin eine Kutte mit Lila Streifen? Kommentare und Überlegungen ausdrücklich erwünscht!

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Was ich zuerst befremdlich, danach aber sehr schön fand, war der Chor der Nonnen. In den ersten Szenen singen die Damen schief, ohne Power, kaum Bühnenpräsenz… Aber Hey, genau darum geht’s ja! Einmal darüber Gedanken gemacht, fand ich es fantastisch, dass eben nicht das Klischee „Wir leben in einer perfekten Welt und jeder kann singen“ gegeben wird! Natürlich bessert es sich zunehmend mit Chorstunden bei Deloris und die großen Ensemblenummern sind durchweg gut, aber gerade in den Nummern, wo jede Nonne etwas eigenes zu sagen hat, durften sich die Künstlerinnen richtig austoben.

Ich persönlich stehe Musicals von Stage Entertainment ja sehr kritisch gegenüber. Das liegt vor allem daran, dass meine Erwartungen an ein Stück, für das ich teilweise weit über 100€ Eintritt zahle einfach viel zu hochgesteckt sind und niemals erfüllt werden können. Andererseits find ich so manches von Stage aus künstlerischer Sicht einfach nicht gut. „Sister Act“ ist natürlich immer noch gnadenlos teuer, gefällt mir aber von allen Stage-Produktionen die ich bisher gesehen habe, am besten. Im Newsletter von Stage Entertainment kommen immer mal Angebote mit, damit tut der Kauf einer Karte für München nicht mehr ganz so weh.

Spielzeit am Deutschen Theater München: 19.05.2017 bis 09.07.2017

Weitere Informationen und Tickets für das Gastspiel im Deutschen Theater München findet ihr hier.

„Sister Act“ – Das Musical (Tour)

Uraufführung: 24. Oktober 2006, Pasadena, Kalifornien
Besuchte Vorstellung:
18.3.2017
Musik:
Alan Menken
Text: Glenn Slater
Buch: Bill Steinkellner, Cheri Steinkellner
Inszenierung: Carline Brouwer
Choreographie:
Anthony van Laast
Musikalische Leitung:
Shay Cohen
Kostüme: Lez Brotherston

Besetzung: Aisata Blackman (Deloris van Cartier), Agnes Hilpert (Mutter Oberin), Mischa Mang (Curtis Jackson), Karim Ben Mansur (Eddie Fritzinger), Abla Alaoui (Schwester Mary Robert), Stefanie Irmen (Schwester Mary Patrick), Regina Venus (Schwester Mary Lazarus), Benjamin Eberling (Joey), Alessandro Pierotti (Pablo), Arcangelo Vigneri (TJ), Franz-Jürgen Zigelski (Monsignore O’Hara)

Marcella Adema, Denise Lucia Aquino, Sonja Herrmann, Amani Robinson, Denise Jastraunig, Josefien Kleverlaan, Mona Graw, Claire Brazier, Floor Krijnen, Kristel Constant, Sebastian Rousseau, Hans-Henning Stober, Daniel Tejeda

Beitragsbild: © Eventpress / Stage Entertainment