Unverhofft kommt oft – Ich bin nicht gerade enthusiastisch nach Berlin gereist, um mir die Neu-Inszenierung des Menken-Schwartz-Musicals anzuschauen – und verließ mehr als begeistert – ja beeindruckt, berührt und – was mir selten passiert – sprachlos – das Theater des Westens. „Der Glöckner von Notre Dame“ ist Musical-Unterhaltung in Perfektion.

Manche Zeitungen schrieben, Disney sei erwachsen geworden. Diese Feststellung ist zwar etwas zweifelhaft, denn das selbst im Hause Disney häufig ignorierte „AIDA“ von Elton John und Tim Rice ist weiterhin wohl das dramatischste Stück des mächtigen Konzerns, aber dennoch kann ich gut nachvollziehen, auf was die Kritiker hierbei hinauswollten. Die Musical-Version des Glöckners ist tatsächlich eher untypisch, betrachtet man die bisherigen „Vermusicalungen“ bekannter Disney-Zeichentrickfilme. Ich persönlich – in meiner Kindheit wohl der allergrößte Anhänger der Stuttgarter „Die Schöne und das Biest“-Version – tat mich in den letzten Jahren mit Disney-Musicals immer etwas schwer. Ich glaube, wer sich mit dem Genre Musical intensiv auseinandersetzt, kann sich weiterhin an dem gefälligen Bühnentreiben und den enormen Schauwerten erfreuen, ich persönlich kam aber in vielen Fällen eben auch nicht umhin, mich an dramaturgischen Schwachpunkten, schwach entwickelten Charakteren, den – sagen wir – sehr einfach gehaltenen Scores und der Extraportion Kitsch zu stören. Wenn Musicals das Blockbuster-Entertainment des Musiktheaters sind, so sind Disney-Musicals nunmal die Blockbuster innerhalb des Blockbuster-Genres – überspitzt formuliert.

Und das ist vollkommen in Ordnung, Disney-Musicals erhalten weiterhin enormen Zuspruch und bereiten vielen Menschen glückliche Stunden in bunten Welten fern des tristen Alltags. Und für all jene, die einen anderen Anspruch an ihre Musical-Unterhaltung haben, gibt es genug Stücke, die einen andere Schwerpunkt setzen.

„Der Glöckner von Notre Dame“ aber hat mich absolut mitgerissen und zeigt, was entstehen kann, wenn sich begnadete Menschen mit viel Leidenschaft und Feingefühl einem totgeglaubten Thema annehmen und einen Status Quo unkonventionell neu denken.

Von Berlin – Nach Berlin

„Der Glöckner von Notre Dame“ feierte am 05. Juni 1999 seine Premiere am Theater am Potsdamer Platz. Damals eine große Sensation, denn schließlich fand hiermit zum allerersten Mal die Welturaufführung eines Disney-Musicals nicht in den USA, sondern eben in Deutschland statt. Disney und Stelle hatten schon bei der London-Premiere von „Die Schöne und das Biest“ zusammengearbeitet, Berlin sollte der Startschuss für eine internationale Verwertung des Glöckners werden, eine Art Try-Out für Broadway und West End. Was folgte, ist wohl leider bekannt. Die Stella ging pleite, „Der Glöckner von Notre Dame“ wurde am 30. Juni 2002 abgesetzt und fand nie den Weg nach New York oder London. Über ein Jahrzehnt lang wurde es still um das Musical über den buckligen Quasimodo und die schöne Esmeralda – bis sich Disney des Stoffes erneut annahm. Die beiden Oscar-Preisträger Alan Menken und Stephen Schwartz überarbeiteten die Partitur, änderten, strichen und fügten Songs hinzu, Scott Schwartz, der Sohn von Stephen Schwartz, besorgte eine komplett neue Inszenierung und so feierte das Musical im Jahr 2014 endlich seine nordamerikanische Erstaufführung am La Jolla Playhouse im kalifornischen San Diego.

Johan Persson ©Disney

Nun ist die Neuinszenierung von Scott Schwartz also wieder in Berlin zu sehen – diesmal am Theater des Westens, weiter zieht die Produktion im Herbst nach München, ins Deutsche Theater. Offiziell deklariert als Tour, was ich persönlich aber eher einen kürzeren Long-Run nennen würde.

Warum ist „Der Glöckner von Notre Dame“ so anders als die „Tarzans“ und „Aladdins“ dieser Welt?

Erstmal sei hier die Handlung genannt. Wo Victor Hugos Roman für den Disney-Film Kinder- und Happy-End-tauglich gemacht wurde, so hat man sich in der Bühnenversion von diesem Ansatz stark entfernt und erzählt die Geschichte des Glöckners nun in seiner vollen Dramatik. So wird aus dem Disney-Film ein Musical für Erwachsene. Und statt einem typischen Disney-Ende, bei dem es höchstens dem Bösewicht mal an den Kragen geht, sterben erstaunlich viele Hauptprotagonisten.

Johan Persson ©Disney

Aber auch abgesehen hiervon, hält die Story viele Momente bereit, die nachdenklich stimmen und gar schockieren. Die Szene beispielsweise, in der Quasimodo zum Opfer des entfesselten Mobs wird, ist in ihrer Darstellung sehr radikal und birgt das Potential, bei manchen Zuschauern große Bestürzung hervorzurufen.

Wo also sonst alles in bester Disney-Manier schön rosa-wolkig verpackt wird, ist „Der Glöckner von Notre Dame“ in der Musical-Version äußerst kompromisslos – und das unterstützt die Botschaft des Abends – in beunruhigenden Zeiten des Fremdenhasses – auf eindrückliche Art und Weise.

Was die Inszenierung betrifft, so ist es beeindruckend zu sehen, welch von der Berliner Uraufführung so verschiedenes Stück durch die Regie von Scott Schwartz entstanden ist. Ich habe den Eindruck, der Glöckner hat erst im Jahr 2014 zu seiner wahren Bühnenversion gefunden.

Die Geschichte von Quasimodo, dem von Erzdiakon Frollo großgezogenen, missgestalteten und von der Welt versteckten Glöckner, der sich nichts mehr wünscht, als einmal „Da Draußen“ durch die Straßen von Paris zu ziehen, wird nun sehr viel nachvollziehbarer und dramaturgisch klar gezeichnet. Dies verleiht der kompletten Handlungsentwicklung viel mehr Substanz und die Beweggründe der Charaktere werden näher beleuchtet. Hinzu kommt, dass sich das gesamte Regie-Konzept stark an jenem griechischer Tragödien orientiert und das gesamte Ensemble als Erzähler fungiert. Es gibt also nicht den einen Che oder Lucheni, sondern gleich mehrere Darsteller, welche die Handlung entwickeln und sich den sprichwörtlichen Ball zuspielen, was der Erzählung sehr viel Dynamik verleiht. Vielmehr ist der Rahmen des Musicals, dass eine Art Theatergruppe die Geschichte des Glöckners von Notre Dame erzählt, was den Grundstein für das komplette Inszenierungskonzept legt. So betritt der Darsteller des Quasimodo aufrecht gehend die Bühne und lediglich ein Buckel, der ihm vor den Augen des Publikums umgehangen wird und zwei schwarze Rußstriche, mit den Fingern über das Gesicht gezogen, verwandeln diesen “normalen“ Menschen zu dem missgestalteten Glöckner, eben dem Außenseiter. Ein starker Moment, ein grandioser Einfall. Der Clou hierbei eben auch: Die Geschichte wird mit den ausstatterischen Mitteln jener Theaterleute erzählt.

Weniger ist manchmal mehr

Nun kann man Disney nicht unbedingt einen Mangel an Kreativität vorwerfen, aber mit sehr viel Geld und folglich sehr vielen Mitteln, kann man eben auch leicht mal sehr kreativ sein. Die Inszenierung des neuen Glöckners folgt aber eher dem Prinzip, aus wenigen Mitteln eine große Wirkung zu erzielen. So entstehen extrem starke Bilder und viele Wow-Effekte, beruhend auf dem effektvollen Einsatz verschiedener Requisiten und Bühnenteile. So werden Szenerien teilweise auch abstrakter dargestellt, was letztlich aber nur die Fantasie des Publikums anregt. Hierbei entsteht die pure Theatermagie nicht durch großen Bühnenbombast, knallende Konfettikanonen und über das Publikum fliegende Kindermädchen, sondern durch die fantasievolle und wirklich kreative Neukombination verschiedener Bühnenelemente.

Somit ist im Theater des Westens eine von futuristischen Projektionen befreite und sehr viel bodenständigere, konsequente und wohl durchdachte Inszenierung des Glöckners zu sehen, die dramatisch-düster daherkommt und mehr will als die reine Unterhaltung. Dieses Regiekonzept wirkt nach, legt verborgene Facetten der Vorlage bewusst offen, setzt neue Schwerpunkte und ist dabei überraschend zeitgemäß. Bravo!

Johan Persson ©Disney

Wenn Menken und Schwartz zusammenarbeiten…

Die Musik von Alan Menken mit Texten von Stephen Schwartz ist ein absoluter Genuss. Hier reiht sich Ohrwurm an Ohrwurm und eine schöne Melodie an die nächste. Für mich persönlich ist es eine der durchdachtesten Disney-Partituren aller Zeiten. Zudem hat die Überarbeitung den Kompositionen sehr gut getan und es wurde behutsam geändert, wofür man eine bessere Lösung parat hatte. Ich hatte Angst, dass an manchen Stellen „verschlimmbessert“ wurde, aber das Gegenteil war der Fall: Meiner Meinung nach entstand eine sehr viel rundere und überzeugendere Partitur, welche die Stärken der Ur-Version besser herausstellt und meiner Meinung nach eigentlich keinen einzigen schwachen Song besitzt. Hinzu kommen absolute Highlights wie „Da Draußen“, „Einmal“ oder „Hoch über der Welt“. Also hat eine tolle Vorlage mit wunderschöner Musik nun die passende Inszenierung gefunden. Und was für Berlin gilt: Auch in Besetzungsfragen wurde alles richtig gemacht.

Große Ensembleleistung

Ich war erst ein wenig enttäuscht, als ich auf dem Besetzungsmonitor sah, dass David Jakobs nicht spielen würde. Schließlich waren die Kritiken – was ihn betrifft – mehr als euphorisch. Ich hatte ihn bereits in „Das Wunder von Bern“ (Hamburg) und „Hair“ (München) gesehen und seine phänomenalen Auftritte in diesen beiden Stücken, ließen nur Gutes hoffen. Sein aktuelles Engagement als Judas in „Jesus Christ Superstar“ (München) verhinderte, dass sich diese Hoffnung bestätigte und ermöglichte wiederum, dass ich einen anderen Darsteller zum ersten Mal auf der Bühne sah, der mich absolut überwältigte. Die Rede ist von Jonas Hein, der einen rundum fantastischen Quasimodo gibt. Die Rolle ist ein schauspielerischer und gesanglicher Kraftakt. Mit welcher Intensität und Spielfreude er diesen Part meistert, ist beeindruckend. Eine Idealbesetzung! Da soll mal nochmal einer etwas gegen Cover sagen…

Als Erzdiakon Frollo steht Felix Martin auf der Bühne des Theater des Westens. Und er tut dies in beispielloser Imposanz. Mit kraftvoller Stimme intoniert er das anspruchsvolle „Feuer der Hölle“ und gibt darstellerisch einen diabolischen und dennoch – oder gerade deswegen? – charismatischen Gottesmann, dessen Angst vor der eigenen Fehlbarkeit letztlich der Schlüssel für das eigene zweifelhafte Handeln ist. Eine bemerkenswerte Performance.

Johan Persson ©Disney

Die Australierin Sarah Bowden spielt und singt die weibliche Hauptroll der Esmeralda tadellos. Ihre Solos „Hilf den Verstoß`nen“ und das beinahe hymnische „Einmal“ sind emotionale Höhepunkte der Show und im Zusammenspiel mit Maximilian Mann gibt sie ein wirklich schönes Paar ab, dem man das gemeinsame Happy End mehr als gönnen würde. Maximilian Mann war als Phoebus de Martin eine der großen Überraschungen für mich. Ich kannte ihn bislang nur als Rollen-bedingt zurückhaltender Kaiser Franz Joseph in „Elisabeth“. Nun spielt er den draufgängerischen Hauptmann Phoebus de Martin und überzeugt mit seiner sympathischen und bemerkenswerten Darstellung des Kriegsheimkehrers. Hier passt jeder Satz, hier sitzt jeder Ton, eine wirklich starke Leistung.

Als Clopin Trouillefou gehörte Jens Janke schon zur Cast der Welturaufführung, nun kehrt er zu der Rolle zurück. Und zwar mit einer Spielfreude, als hätte er die letzten 15 Jahre genau hierauf gewartet. Es bereitet großen Spaß, Janke dabei zuzuschauen, mit welcher Energie er über die Bühne wirbelt und die Fäden im Hintergrund zieht.

Auch das restliche Ensemble ist bis in die kleinste Rolle überzeugend besetzt. Und das ist auch absolut notwendig, bedenkt man, wie sehr jedes einzelne Ensemblemitglied in die Handlungserzählung integriert wird. So wechseln die Darsteller fast minütlich zwischen den unterschiedlichsten Rollen hin und her – eine eindrucksvolle Leistung jedes Einzelnen.

Das Besondere ist hierbei aber auch, dass ein Live-Chor die Solisten unterstützt und auf zwei Ebenen verteilt durchgängig präsent ist. So entstehen große musikalische Höhepunkte, welche in dieser Intensität vom Band oder einem kleineren Ensemble nicht ansatzweise hätten entstehen können.

Fazit

Ich bin sicherlich niemand, der immer und bei jeder Produktion vollkommen kritiklos ein Loblied anstimmt. Gerade was die Produktionen von Stage Entertainment angeht, so haben vergangene Inszenierungen nicht gerade wenig Raum für Kritik geboten. „Der Glöckner von Notre Dame“ aber ist in meinen Augen wirklich ganz großes Musicaltheater, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen darf. Eine starke, Ohrwum-reiche und einfach wunderschöne Partitur, eine berührende Geschichte in einer intelligenten, zeitgemäßen und in höchstem Maße kreativen Inszenierung, wie man sie nicht alle Tage sieht. Und natürlich ein durchweg stark besetztes Ensemble. Es geht doch!

„Der Glöckner von Notre Dame“ – Das Musical von Alan Menken und Stephen Schwartz

Uraufführung: 05.06.1999 (Berlin, Theater am Potsdamer Platz)
Uraufführung der Inszenierung von Scott Schwartz: 28.10.2014 (La Jolla Playhouse, San Diego)
Musik: Alan Menken
Lyrics: Stephen Schwartz
Buch: Peter Parnell
Deutsche Übersetzung: Michael Kunze
German Score and Script Supervisor: Robin Kulisch
Choreographie: Chase Brock
Regie: Scott Schwartz
Musikalische Leitung: Shay Cohen
Bühnenbild: Alexander Dodge
Kostüme: Alejo Vietti
Lichtdesign: Howell Binkley

Besetzung: David Jakobs (Quasimodo), Jonas Hein (Quasimodo besuchte Vorstellung), Felix Martin (Erzdiakon Claude Frollo), Sarah Bowden (Esmeralda), Maximilian Mann (Hauptmann Phoebus de Martin), Jens Janke (Clopin Trouillefou)

„Der Glöckner von Notre Dame“ ist noch bis zum 04.11.2017 im Theater des Westens, Berlin zu sehen. Am 12.11.2017 feiert das Musical Premiere im Deutschen Theater München. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: Johan Persson © Disney

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Stephan Huber

„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.