Wenn auch nur mit zwei Darstellern und einer vierköpfigen Band besetzt, ist “Hedwig and the Angry Inch” wohl eines der komplexesten Musicals, die das Genre zu bieten hat. Das Landestheater Linz nahm das Werk von John Cameron Mitchell und Stephen Trask im Frühjahr 2017 wieder auf.

Auf den ersten Blick ist „Hedwig and the Angry Inch“ ein unkonventionelles Musical mit moderner Rock-/Country-/Punk-Musik, das den Zuschauer für ca. zwei Stunden in eine Art Drag Queen-Welt entführt und am Ende des Abends wieder in die langweilige Realität entlässt. Doch das Musical bietet so viel mehr – hinter der Fassade der Figuren, der Story und der Musik.

Das Mädchen aus Ostberlin – Wait, what?

Hedwig wurde als Hansel in Ost-Berlin geboren. Aus Liebe zu dem amerikanischen GI Luther und um der tristen Welt hinter der Mauer durch eine Heirat zu entfliehen, lässt er sich zur Frau umoperieren. Die OP wird durch einen betrunkenen Arzt jedoch so verpfuscht, dass von Hansels Glied ein kleines Stück übrigbleibt, ein angry inch eben, sodass Hansel fortan als Hedwig in einer Welt zwischen Mann und Frau gefangen ist. In den USA wird Hedwig von Luther verlassen und lernt bei einem Babysitter-Job den 16-jährigen Tommy Speck kennen, den sie zum Rockstar Tommy Gnosis formt. Dieser macht sich jedoch genau so schnell wie Luther aus dem Staub und geht auf Welt-Tournee – mit den Songs, die Hedwig für ihn geschrieben hat. Hedwig tourt mit ihrem Mann Yitzhak und ihrer Band „The Angry Inch“ durch schäbige Clubs und heruntergekommene Bars und erzählt dem Zuschauer in dem Musical „Hedwig and the Angry Inch“ während eines ihrer Konzerte ihre Lebensgeschichte, die genau an diesem Abend eine bedeutende Wendung nehmen soll…

© Patrick Pfeiffer

Das Buch von John Cameron Mitchell bietet zwar eine gewisse Grundlage für die textliche und szenische Inszenierung des Musicals, ist jedoch vom Autor bewusst als lediglich eben diese gehalten: Mitchell weist ausdrücklich darauf hin, dass der Text auf die jeweilige Location und Stadt/Region, in der das Musical spielt, angepasst werden soll. So entsteht jedes Mal eine individuelle Text-Version von „Hedwig“. Doch auch die Inszenierung des Musicals ist sehr frei: Von Drag Queen-Revue über Rock-Konzert bis hin zur Therapie-Stunde ist im Grunde alles möglich.

Weniger ist mehr

Die Linzer Produktion von Johannes von Matuschka (Regie) macht einen Spagat zwischen dem schwarzen Humor Hedwigs und ihrer zerbrochenen Persönlichkeit. Die Inszenierung ist – für Musical-Verhältnisse – sehr schlicht gehalten. Die Blackbox beherbergt nur eine kleine Bühne, die mit wenig Bühnenbild auskommt, was dem Stück guttut, denn viele denken bei „Hedwig and the Angry Inch“ an eine Art opulente Drag Show, welche der Vorlage von Mitchell und Trask jedoch absolut nicht gerecht werden würde. Zwar wurde das Musical über Monate hinweg von Mitchell durch seine Auftritte in einem Drag Queen-Club entwickelt, sollte jedoch keinesfalls eine solche Show werden, da Hedwig streng genommen ja auch gar keine Drag Queen ist.

© Patrick Pfeiffer

Riccardo Greco zeigt eine zynische und leicht Diven-hafte Version von Hedwig, die im Laufe der Show jedoch immer mehr von ihrer wahren Gefühlswelt preisgibt und am Ende erkennt, dass die Fassade aus Make-Up, Kleidung und Perücke eben nur ein Schutzwall ist,den Hedwig um ihren Körper und ihr Innerstes gebaut hat und den sie schlussendlich einreißt. In den ersten 20 Minuten hatte man das Gefühl, dass er sich etwas in die Rolle hineinfinden musste, nahm ihm danach die Hedwig jedoch vollkommen ab. Sein Meniskus-Riss wurde auf witzige Art und Weise in die Show eingebaut und dass Hedwig Chucks statt High Heels trug, tat Grecos Performance keinen Abbruch.

Yitzhak, gespielt von Ariana Schirasi-Fard, wurde in der Linzer Produktion besser integriert als in der Berliner Inszenierung von Guntbert Warns, was aufgrund des wenigen Sprech- und Gesangstextes gar nicht so leicht ist. Schirasi-Fard und Greco harmonierten sehr schön, sodass mir besonders die Szene, in der Hedwig Yitzhak „freigibt“ und ihm seine Perücke überreicht, um ihm die Bühne für seinen Auftritt als Drag Queen zu überlassen, im Gedächtnis blieb.

Die Band (Leitung: Bela Fischer jr.) spielte die Songs von Stephen Trask sehr kraftvoll und voller Energie, was durch die gute Tonmischung in der Blackbox noch stärker hervorgebracht wurde.

Das „Problem“ von „Hedwig and the Angry Inch“

Die innere Zerrissenheit von Hedwig und vor allem ihre Verwandlung bzw. Selbsterkenntnis am Ende des Musicals darzustellen, ist eine riesige Herausforderung, die nur schwer zu meistern ist. Die Berliner Inszenierung beispielsweise lieferte eine wahnsinnig gute Abendunterhaltung, bei der das gesamte Theater lachend unter den Tischen lag, konnte aber vor allem denen, welche die Story von „Hedwig and the Angry Inch“ vorher nicht kannten, nicht zeigen, welch komplexe Persönlichkeit hinter der Figur der Hedwig steckt. Die Produktion in Linz vermag dies schon besser, aber auch hier hatte ich das Gefühl, dass Zuschauer, die an diesem Abend zum ersten Mal mit der Geschichte von Hedwig in Berührung kamen, etwas verwirrt zurückgelassen wurden. Die in dieser Hinsicht sehr schwere Vorlage ist gleichzeitig also Segen und Fluch: Die Herausforderung für die Regie, dieses Musical zu inszenieren ist spannend und nervenaufreibend, kann den Zuschauer fragend zurücklassen oder auch zum Nachdenken anregen.

Daher mein Appell an alle, die sich „Hedwig and the Angry Inch“, egal in welcher Inszenierung, ansehen wollen: Beschäftigt euch vorher mit dem Musical! „Hedwig“ kann pures Entertainment sein. Wenn man sich jedoch beispielsweise den Mythos der Kugelmenschen von Platon, auf der Hedwigs Sicht auf das Thema Liebe beruht oder John Cameron Mitchells Ansicht, dass wir uns nicht über unsere Sexualität, sondern über die Liebe definieren sollten, zu Gemüte führt, ergibt sich ein ganz anderer, tieferer Blick auf das Musical und auf die Figur der Hedwig selbst. Und das ist es, was „Hedwig and the Angry Inch“ zu einem so besonderen Stück macht.

„Hedwig and the Angry Inch“ ist noch bis zum 17. Juni an verschiedenen Terminen in Linz zu sehen. Mehr Infos gibt es hier.

Uraufführung: 14.02.1998, Jane Street Theatre, New York
Besuchte Vorstellung: 23. Mai 2017 am Landestheater Linz
Musik und Lyrics: Stephan Trask
Buch: John Cameron Mitchell
Deutsche Übersetzung: Rüdiger Bering und Wolfgang Böhmer
Regie: Johannes von Matuschka
Musikalische Leitung: Bela Fischer jr.
Bühne und Kostüme: Cristoph Rufer
Lichtdesign: Johann Hofbauer
Musical Staging: Philip Ranson
Illustration: Giovanna Bolliger
Dramaturgie: Arne Beeker
Maske und Perücken: Elisabeth Karsten
Band: Bela Fischer jr. (Keyboard), Wolfgang Bründiger (Gitarre), Wolfgang Buokal (Bass), Ewald Zach (Drums)
Besetzung: Riccardo Greco (Hedwig), Ariana Schirasi-Fard (Yitzhak)

Hedwig and the Angry Inch

Price: EUR 22,15

5.0 von 5 Sternen (2 customer reviews)

15 used & new available from EUR 11,09

Beitragsbild: © Patrick Pfeiffer