Nach der konzertanten Aufführung von „Jesus Christ Superstar“ aus dem Jahr 2014 wagt sich das Gärtnerplatztheater und ihr Intendant Josef E. Köpplinger noch einmal an die Rockoper (oder ist es nicht doch einfach ein Musical?!) von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Manche würden schimpfen „schon wieder“, andere, mich eingeschlossen, freuten sich bereits im Vorfeld riesig über diese Produktion, welche nun dank kleiner Änderungen in der diesmal vollszenischen Inszenierung sogar noch besser und „ausgereifter“ wirkte.

Es ist ein wenig wie Heimkommen. Man legt die Grundsteine von der Person, die man einmal wird, geht von Zuhause weg um den Charakter zu formen und kommt nach langer Zeit nach Hause, nur um festzustellen, dass es dort, wo alles anfing, am schönsten ist. Genauso ist es bei „Jesus Christ Superstar“ und mir. Im Jahr 2014 habe ich die Inszenierung von Josef E. Köpplinger zum ersten Mal gesehen und fand das Stück zu meiner Überraschung fantastisch. Die letzten Jahre habe ich viele Inszenierungen des Musicals sehen dürfen. Manche fand ich gut, manche katastrophal schlecht. Und nun – 3 Jahre später – läuft es wieder unter der Regie von Herrn Köpplinger in München und ich muss sagen, dass nicht nur ich mich weiterentwickelt habe was dieses Musical angeht, auch das Stück wurde zum Positiven überarbeitet und während die Ansätze von damals immer noch erkennbar sind, scheint das Konzept nun viel runder zu sein und funktioniert als modernes Stück.

© Christian POGO Zach

Das Musical (von allen, die sich nicht trauen, es so zu nennen, auch gern als Rockoper bezeichnet) von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice aus dem Jahr 1971 erzählt die letzten 7 Tage im Leben von Jesus Christus. Für mich persönlich war es damals eine absolute Überraschung, wie sehr mich das Musical begeisterte, als ich es zum ersten Mal im Circus Krone sah. Damals noch als konzertante Aufführung mit Drew Sarich und Alex Melcher in den Hauptrollen, hätte ich nach einer begeisternden ersten Vorstellung mein letztes Hemd dafür gegeben, um noch einmal eine Karte für die wenigen, leider bereits allesamt ausverkauften Vorstellungen zu ergattern. Daher war ich umso erfreuter als bekannt wurde, dass das Stück noch einmal vom Gärtnerplatztheater inszeniert wird. Zwar spielt hier bestimmt auch die Tatsache eine Rolle, dass die Renovierung des Haupthauses am Gärtnerplatz noch einmal um ein weiteres Jahr nach hinten verschoben wurde und es sich beim Spielplan 2016/2017 um den Notfallplan handelt bis das Haus im Herbst 2017 wiedereröffnet wird, meiner Euphorie hat dies jedoch definitiv keinen Abbruch getan.

Jesus Christ Superstar“ ist in den letzten Jahren von keinem Stadttheater wegzudenken. Und das Schöne an diesem Stück ist, dass man es mit vielen Ansätzen und auf verschiedenste Art und Weise inszenieren kann. Somit kann man sich dieses Stück guten Gewissens auch immer wieder ansehen – langweilig wird es kaum. „Jesus Christ Superstar“ ist einfach ein sehr starkes Musical und gibt jedem Regisseur unglaublich viel Freiheiten, sich dem Stoff anzunähern. Von daher kann ich von diesem Musical nie genug bekommen und freue mich jedes Mal wieder, wenn dieses Stück in näherer Umgebung inszeniert wird. Seit dem 18. Mai 2017 läuft das Stück also nun wieder in München und während allen voran Josef E. Köpplinger weiterhin als Regisseur die Fäden zieht, ist das Stück nun als vollszenische Inszenierung mit neuer Besetzung in der Reithalle zu sehen. Fast möchte ich sagen, dass „Jesus Christ Superstar“ in München erwachsen geworden ist. Waren wir beide im Juli 2014 noch jungfräulich, bin ich nun um ein paar Inszenierungen dieser „Rockoper“ reicher. Und so viel sei vorweg gesagt: Ich fand es bis zur letzten Minute herausragend!

Vom konzertanten Zirkuszelt zur vollszenischen Lagerhalle

Ich muss gestehen, dass sich bei mir bisher immer die Nackenhaare aufgestellt haben, wenn ich gehört habe, dass man „Jesus Christ Superstar“ NICHT konzertant auf die Bühne bringt. Ein Musical über Jesus Christus ist in meinen Augen eine äußerst schmale Gradwanderung und kann bereits durch Kleinigkeiten in den allerschlimmsten Kirchen-Kitsch abdriften. Hierbei muss ich sagen, dass ich das Stück bisher nur einmal in einer vollszenischen Inszenierung gesehen habe, was leider ein sehr niederschmetterndes Erlebnis war. Vor allem in München zeigt man jedoch eindrucksvoll, wie man es richtig macht. In dieser Aufführung sind die Kostüme von Anja Lichtenegger modern und könnten eins zu eins so auf die Straßen von München übertragen werden. Während die Anhänger Jesus` in Jeans, T-Shirt, Lederjacke und Kapuzenpullis gekleidet sind, tragen die Priester Anzug und Krawatte und wirken ein wenig wie Banker. Auch die Accessoires versetzen die Geschichte in die heutige Zeit. Ein absoluter gelungener Aspekt dieser Inszenierung, schließlich kann man die Geschichte von Jesus Christus und seinen Jüngern/Anhängern problemlos ins 21. Jahrhundert transportieren.

Somit wird das klassische Bild vom letzten Abendmahl von Leonardo da Vinci nicht nur mit der Handykamera aufgenommen und findet neben Bierdosen und Pizzaschachteln statt, auch der politische Aspekt wird in die heutige Zeit gerückt. Neben Wahlplakaten wird Jesus wie ein heutiger „Superstar“ gefeiert – samt Facebook und Co.

© Christian POGO Zach

Der eigentlich zentrale Umstand des „Sohn Gottes“ wird durch diese moderne Komponente fast ein wenig in den Hintergrund gerückt, schließlich hat Gott in der heutigen Zeit immer weniger Raum. Ich weiß nicht, ob das eine inzwischen automatische Reaktion in meinem Kopf ist, dass ich momentan keinen Platz mehr für all diese religiösen Glaubensfragen habe, jedoch lag für mich der Hauptaspekt eher in der Tatsache, dass hier ein politischer Superstar gefeiert wird und eben nicht der Sohn Gottes.

© Christian POGO Zach

Das Stück wird in Englisch aufgeführt und man hat zur Abwechslung darauf verzichtet, irgendwo den Text auf Englisch oder in einer (oftmals falschen) deutschen Übersetzung über einen Bildschirm seitlich oder oberhalb der Bühne laufen zu lassen. Stattdessen arbeitet man mit wunderbaren Videosequenzen, welche die Reithalle mit seinem Lagerhallen-Charakter ebenfalls ein wenig aufwertet. Auch laufen öfter die Zeilen „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wonach suchen wir?“ über die Wände. Dies regt das Publikum nicht nur zum Nachdenken an, sondern zeigt vor allem in der Overtüre den Grundgedanken der Inszenierung, als nach und nach immer mehr Menschen suchend auf der Bühne herumirren. Wobei oftmals nicht ganz klar ist, ob es dem Menschen überhaupt bewusst ist, wonach er sucht. Die Menschen scheinen in Jesus endlich den Mann gefunden zu haben, den sie glauben gesucht zu haben und feiern ihn somit anfangs euphorisch. Als jedoch die Zweifel aufkommen, wendet sich die Menge schnell gegen ihn.

Hinter der Bühne oder eher dem Bühnengeschehen, da man in der Reithalle nicht wirklich über eine deutlich abgegrenzte Bühne verfügt, sitzt das Orchester unter der musikalischen Leitung von Jeff Frohner. Der rockige Score von „Jesus Christ Superstar“ kommt einfach viel besser zur Geltung, wenn die Musik von einem Orchester gespielt wird, jedoch ist die Akustik nicht optimal und übertönte zu meinem großen Bedauern oftmals die Soloparts der Darsteller.

Wonach sucht der Mensch?

© Christian POGO Zach

Armin Kahl ist in dieser Produktion in der Titelrolle zu sehen und ich kann voller Dankbarkeit berichten, dass er einen fantastischen Jesus spielt und singt. Nachdem ich schon Angst hatte, dass ich bald eine eigene Religion für Drew Sarich gründen muss, weil mir bisher niemand auch nur ansatzweise in der Rolle, sei es nun wirklich im Musical selbst oder nur bei dem Lied „Getshemane“ auf Konzerten, gefallen hat, war ich schon etwas verzweifelt. Bis mir Armin Kahl zeigte, dass dieses Stück auch ohne Drew Sarich sehenswert ist. Schauspielerisch hat mir Armin Kahl sogar in vielerlei Hinsicht besser gefallen, wobei hier einfach der Vorteil einer vollszenischen Inszenierung zur Geltung kommt. Vor allem, wenn bei ihm merklich die Zweifel aufkommen, ob das alles richtig ist, was hier mit ihm passiert und ob er das wirklich auch so möchte, hat seine Rolleninterpretation den Jesus für mich auf eine unfassbar menschliche Ebene gesetzt. Hier kommt auch das Besondere an dieser Produktion zum Tragen. Jesus ist nämlich kein Mythos und unnahbar, er ist für das Publikum greifbar und menschlich.

© Christian POGO Zach

Als Judas und somit in der heimlichen Hauptrolle des Stücks ist David Jakobs zu sehen. Ein Darsteller, den ich bereits seit „Hair“ in der Reithalle grandios finde und der wahrscheinlich nun dank der Titelrolle in „Der Glöckner von Notre Dame“ auch für viele weitere Fans mehr und mehr ein Begriff werden wird. Auch hier musste ich mich etwas vom gewohnten Bild der Rolle lösen, war Judas für mich bisher mit den Rock-Röhren der deutschen Musical-Szene besetzt. David Jakobs wirkt definitiv nicht ganz so rockig wie seine mir bekannten Vorgänger, jedoch tut es dem Stück, welches sich fast ein wenig von diesem 70er Jahre Rock-Klischee entfernen möchte, absolut gut. War Judas für mich bisher immer ein wenig das bockige Kind, das aus Trotz seinen besten Freund verpfeift, merkte ich hier zum ersten Mal wirklich, dass Judas als einziger das Unheil sieht, das folgerichtig auf Jesus zukommt. Hier steht ein ernster und intelligenter Mann auf der Bühne, der einfach nur weiß, wo es hingeht, während der Rest der Menschen auf der Bühne immer noch geblendet ist und wie in Trance einem Mann folgt, der auch schon lange den Weg verloren hat.

Noch ein bekanntes Gesicht aus der Produktion von „Hair“ war Bettina Mönch als Maria Magdalena. Auch hier zieht sich die einwandfreie gesangliche und schauspielerische Darstellung wie ein roter Faden durch den Abend und auch sie zeigte mir ganz neue Facetten ihrer Rolle. Sie war nicht nur die Frau, die den Übermensch Jesus ein wenig betreut, sondern man hat ihr stets angesehen, was sie für diesen Mann empfindet. Darüber hinaus war sie viel emanzipierter als ich die Rolle bisher wahrgenommen habe.

Auch die restliche Besetzung ist auf den Punkt genau besetzt und zeichnet sich durch junge und spielfreudige DarstellerInnen aus, welche genau den Spirit transportieren, den sowohl Jesus an seine Anhänger als auch Andrew Lloyd Webber an sein Publikum damals vermitteln wollte und welcher bestimmt einen wesentlichen Teil des Erfolgs seines Musicals ausmacht. Beachtlich war auch die Größe des Ensembles. In vielen Szenen war – auch dank der Statisten ein regelrechtes Gewusel auf der Bühne.

Somit zeigt das Gärtnerplatztheater nicht nur die erste vollszenische Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“, die mir ohne Wenn und Aber gefällt, mehr noch ist es die bisher beste Version eines Stückes, welches ich bereits seit meiner ersten Begegnung ins Herz geschlossen habe. Wie bereits bei meiner allerersten Vorstellung von „Jesus Christ Superstar“ im Circus Krone werde ich wohl wieder öfter in dieses Stück rennen und bitterlich trauern, wenn es nach den wenigen Spielterminen wieder vom Spielplan des Gärtnerplatztheaters verschwindet.

„Jesus Christ Superstar“ – Das Musical (München)

Uraufführung: 12.10.1971 (Mark Hellinger Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 21.05.2017 (Reithalle, Gärtnerplatztheater, München)
Musik: Andrew Lloyd Webber
Lyrics: Tim Rice
Choreographie: Ricarda Regina Ludigkeit
Regie: Josef E. Köpplinger
Musikalische Leitung: Jeff Frohner
Bühnenbild: Rainer Sinell
Kostüme: Anja Lichtenegger
Licht: Michael Heidinger, Josef E. Köpplinger
Dramaturgie: Daniel C. Schindler
Besetzung: Armin Kahl (Jesus), David Jakobs (Judas), Bettina Mönch (Maria Magdalena), Erwin Windegger (Pontius Pilatus), Previn Moore (Herodes), Maximilian Mayer (Simon Zelotes), Benjamin Oeser (Petrus), Levente Páll (Kaiphas)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Christian POGO Zach