Oft ist im Preis der Musicalkarte mehr inbegriffen als gedacht und vor allem die nicht materiellen Dinge, die wir im Theatersaal erleben und oft mit nach Hause nehmen, machen den ein oder anderen Besuch erst zu etwas ganz Besonderem. „Kein Pardon“ in Leipzig hat mich definitiv ein paar Lektionen gelernt und damit meine ich nicht die Tücken der deutschen Fernsehwelt.

Ich muss gestehen, dass ich momentan von der deutschen Musical-Landschaft wirklich enttäuscht werde. In letzter Zeit konnte mich kein Stück mehr richtig überzeugen, ohne dass ich etwas auszusetzen gehabt hätte. Daher war es in meinen Augen eine wahrlich schlechte Entscheidung, Hape Kerkelings „Kein Pardon“ in Leipzig anzusehen. Ein Stück, welches mir in jeglicher Form widerspricht. Es ist der „Abklatsch“ eines Films, welcher 1993 ins Kino kam und den ich – da mich das Ruhrpott-Setting nicht sonderlich anspricht – auch noch nie gesehen habe. Ich hatte also Zweifel, dass mir die Musicalversion auch nur ansatzweise gefallen könnte. Und hier kommen wir zu der Lektion, da ich dem Stück, hätte es nicht zufällig meine Reisepläne überschnitten, niemals eine Chance gegeben hätte. Aber es hat mir gefallen und dies zeigt mir, dass ich wohl aufpassen muss, nicht die Art Mensch zu werden, die mit viel zu vielen Vorurteilen an Neues oder Unbekanntes herangeht.

Das ganze Leben ist ein Quiz

Das Musical erzählt die Geschichte von Peter und seiner Familie, die im Ruhrpott wohnen und jeden Samstag zusammen begeistert die Show „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ ansehen. Vor allem der Moderator Heinz Wäscher ist nicht nur bei den Damen der Familie Schlönzke beliebt, sondern hat deutschlandweit einen Kultstatus, den wir nur zu gut von vielen Talkmaster im echten Leben kennen. Peter träumt von einer Karriere beim Fernsehen und sein Idol Wäscher einmal kennenzulernen. Nach einer Talentshow des Senders schafft er es zumindest schon mal zum Kabelträger und lernt schnell die Wahrheit hinter der Fassade der heilen Kamerawelt kennen. Vor allem von dem echten Heinz Wäscher ist er so enttäuscht, dass er nach seiner „Beförderung“ zum Glückshasen vor laufender Kamera ausflippt, was dem Publikum und dem Produktionsteam so gut gefällt, dass sie Wäscher, der sowieso seit Jahren nur Probleme macht, feuern und Peter zum neuen Star machen. Leider steigt auch Peter als gefeierter Fernseh-Star bald das Rampenlicht zu Kopf.

Wie bereits erwähnt, kannte ich weder den Film von Hape Kerkeling, auf dem die Bühnenversion basiert, noch das Musical, welches im Jahr 2011 in Düsseldorf uraufgeführt wurde. Ich habe mich im Vorfeld bewusst dafür entschieden, mir den Film vorher nicht anzusehen oder mich auf andere Art und Weise zu genau über den Inhalt des Stückes zu informieren. Offiziell wollte ich mich wirklich überraschen lassen. Inoffiziell hatte ich einfach Angst, dass ich den Film richtig schlecht finde und ich dann mit noch mehr Vorurteilen in das Stück renne als sowieso schon. Ob mein Experiment nun geglückt ist oder es sich einfach nur um eine sehr gute Inszenierung eines schönen Musicals handelt, sei dahingestellt. Ich hatte auf jeden Fall unheimlich viel Spaß in dieser Show. Während der Original-Film von und mit Hape Kerkeling ist, kam die Idee zum Musical von Thomas Hermanns, der dem breiten Publikum sicherlich durch den „Quatsch Comedy Club“ ein Begriff ist.

In “Kein Pardon” wird mit viel Witz die deutsche Fernsehwelt aufs Korn genommen und selbst ich, die dachte, dass sie als Netflix-Generation nicht viel mit dieser Art Komik anfangen kann, war doch positiv überrascht, wie gelungen ich so manchen Scherz oder Running-Gag fand. Ich habe sogar lange nicht mehr so viel in einem Musical gelacht. Vor allem die Handschrift von Thomas Hermanns, der für die Produktion in Leipzig die Regie übernahm, war für mich deutlich sichtbar. Ich habe bereits in „Bussi – Das Munical“ gemerkt, dass er mit seinen Musicals ziemlich genau meinen Geschmack trifft. Seine Stücke sind vor allem eins: Kurzweilige Witzigkeit (gibt es dieses Wort eigentlich?). Bei „Kein Pardon“ kann man sich einfach zurücklehnen, die Show genießen und über die wahren und gut beobachteten Kuriositäten des Lebens lachen.

© Kirsten Nijhof

Frei nach dem Motto “Schuster bleib bei deinen Leisten” sind die Musicals von Thomas Hermanns vor allem eher komisch als dramatisch. Und genau hier kommt in meinen Augen auch die Qualität des Stückes zum Vorschein. Man will einfach das Publikum mit viel Witz unterhalten und das ist auf ganzer Linie geglückt. Hier stecken schließlich zu viele Profis im Kreativteam, als dass es nicht lustig werden würde. Vor allem die persönliche Note, die aufgrund der Intimität entstanden ist, war ein sehr großer Pluspunkt dieser Inszenierung. Hier kommt es auch mal vor, dass die Darsteller einem Zuschauer „Gesundheit“ wünschen. Da das Publikum sowieso schon voll und ganz im Gute-Laune-Modus war, haben solche spontanen, kleinen Details dazu beigetragen, die Zuschauer noch mehr anzuheizen.

Ebenso einfach und doch effektiv war auch das Bühnenbild von Hans Kudlich und die Kostüme von Mario Reichlin, welche immer wieder zwischen grauem Ruhrpott-Charme des heimischen Wohnzimmers der Familie Schlönzke und der glitzernden Fernsehwelt hin und her wechselten. Während man die reale Welt der Schlönzkes in ein graues Alltagsbild gesteckt hat, waren vor allem die Glitzerkostüme des Fernsehens das genaue Gegenteil. Auch das riesige Orchester inklusive Chor unter der Leitung von Stefan Klingele wertete den doch etwas einfachen Score himmelweit auf. Der Begriff „Musikalische Komödie“, welcher bisher für mich immer auf Operetten bezogen war, könnte hier definitiv auch auf Stücke wie „Kein Pardon“ ausgeweitet werden, zumindest entstand für mich so der Eindruck, als der Dirigent mit Frack vor seinem riesigen Orchester stand und mit voller Inbrunst Songs wie „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ dirigierte.

Thomas Hermanns Allstars

In der Hauptrolle des Peter Schlönzke war Benjamin Sommerfeld zu sehen, der die Rolle bereits in der Uraufführung in Düsseldorf als Zweitbesetzung übernommen hat. Ich kannte ihn bereits aus „Bussi – Das Munical“ und möchte hier ungern wie ein kleiner, verrückter Fan klingen, aber er war Christine. Ich das Phantom. Und ich wollte einfach nur, dass er weiter singt. Was schon eine beachtliche Leistung ist, schließlich reden wir hier von einem Musical, dass definitiv ein schönes Stück Theater ist, jedoch bis auf ein paar schöne Songs bestimmt keine Auszeichnung für die beste Musik erhalten wird. Ich empfand seine Stimme als sehr angenehm sowie kraftvoll und auch schauspielerisch hatte er mich als tollpatschiger Träumer schnell um den Finger gewickelt. Leider empfand ich vor allem seine Wandlung im zweiten Akt zum kalten Fernseh-Sternchen zu schnell und ohne wirklichen Übergang, wodurch ich fast das Gefühl hatte, als würde er im zweiten Akt plötzlich eine andere Person spielen. Zwar immer noch glaubwürdig gespielt, hat mir hier der Wandlungsprozess gefehlt.

© Kirsten Nijhof

Cusch Jung übernimmt als Chef-Regisseur der Musikalischen Komödie in Leipzig zum Glück immer noch die ein oder andere Rolle. Somit bekommen wir dank ihm einen herrlich überzogenen und doch glaubhaften Heinz Wäscher. Auch seine Darstellung der Uschi Blum, einer Mischung aus Helene Fischer und Andrea Berg, war einfach nur toll anzusehen und dank der Performance eines der vielen witzigen Highlights der Show. Eine weitere Wiederholungstäterin aus der Düsseldorfer Uraufführung ist Julia Waldmayer als Ulla, welche die Rolle auch bereits als Zweitbesetzung gespielt hat. Sie überzeugte als selbstbewusste, coole Powerfrau mit ebenso kraftvoller Stimme, die als das genaue Gegenteil von Peter Schlönzke agiert und ihm ein wenig zeigt, wo es langgeht.

Auch Familie Schlönzke bestehend aus Oma Hilma (Iris Schumacher), Opa Hermann (Hans-Georg Pachmann) und Mutter Hilde (Anne-Kathrin Fischer) verkörpert die typische deutsche Familie und erntete viele Lacher dank der gut getroffenen Situationskomik des mehr oder weniger problematischen Alltags der Familie. Wahrscheinlich bin ich eine Generation zu spät, aber vor allem das Publikum im Alter meiner Eltern und Großeltern hat sich bestimmt in vielen Szenen mehr als angesprochen gefühlt.

Fazit

Somit hatte ich einen unerwartet gelungenen Abend in der Musikalischen Komödie in Leipzig und freue mich riesig, dass ich dem Stück doch eine Chance gegeben habe und der Glauben an gute und qualitativ hochwertige Shows in Deutschland nicht ganz so hoffnungslos ist. Vor allem, dass ich mal wieder gelernt habe, dass man nicht wirklich im Vorfeld sagen kann, was einem gefällt oder nicht und man nichts vorher verurteilen sollte, nur weil es auf den ersten Blick nicht ganz dem eigenen Geschmack entspricht, war definitiv ein schöner, persönlicher Nebeneffekt.

„Kein Pardon“ – Das Musical

Uraufführung: 12.11.2011 (Capitol Theater Düsseldorf)
Besuchte Vorstellung: 12.05.2017 (Musikalische Komödie Leipzig)
Musik: Achim Hagemann
Lyrics: Thomas Hermanns
Zusätzliche Songs: Thomas Zaufke
Buch: Angelo Colagrossi, Achim Hagemann, Hape Kerkeling
Choreographie: Natalie Holtom
Regie: Thomas Hermanns
Musikalische Leitung: Stefan Klingele
Bühnenbild: Hans Kudlich
Kostüme: Mario Reichlin
Lichtdesign: Thorsten Mengel
Tondesign: Holger Weise, Tobias Finke
Besetzung: Benjamin Sommerfeld (Peter Schlönzke), Cusch Jung (Heinz Wäscher), Julia Waldmayer (Ulla), Iris Schumacher (Hilde Schlönzke), Anne-Kathrin Fischer (Hilma Schlönzke), Hans-Georg Pachmann (Hermann Schlönzke)

„Kein Pardon“ ist an der Musikalischen Komödie Leipzig noch bis zum 22. April 2018 zu sehen.

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Tom Schulze

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.