Es gibt Musicals, von denen man sagt, dass man sie gesehen haben muss. Etwa, weil sie das Musicalgenre geprägt oder eine gesamte Generation beeinflusst haben. „Rent“ wird beides nachgesagt und da mich Jonathan Larsons früheres Werk „tick, tick…BOOM!“ mit ähnlicher Thematik sehr begeistert hatte, freute ich mich, dieses viel bekanntere Stück endlich live erleben zu dürfen. Mich begleitete ein „Rent“-Fan – im Fachjargon „Renthead“, wie ich lernte –  die mir versicherte, dass ich dieses Musical lieben würde. Eines vorab: Aus mir ist kein Renthead geworden. Ich kann aber sehr gut vorstellen, was andere Leute an diesem Stück fasziniert.

„How do you document real life?“

„Rent“ begleitet eine Gruppe junger Künstler, die versuchen, trotz Armut und teilweiser Krankheit ihr Leben möglichst zu ihrer Zufriedenheit zu gestalten. Das Musical basiert auf Puccinis Oper „La Bohème“, was unter anderem an der Ähnlichkeit der Namen der Charaktere ersichtlich wird.

Es ist das berühmteste Stück des zuvor noch relativ unbekannten Komponisten und Texters Jonathan Larson, der den Erfolg seines Musicals nicht mehr miterleben durfte. Wie schon in seinem Vorgänger „tick, tick….BOOM!“ beschäftigt sich Larson auch in „Rent“ mit den Themen Armut und HIV /AIDS. Musikalisch wird das Stück meist als Rock-Musical bezeichnet, wobei gerade in den Ensembleszenen, die ein oder andere Hommage an Larsons großes Vorbild Sondheim deutlich wird. Darüber hinaus legt „Rent“ großen Wert auf authentische und vielschichtige Charaktere. Aufgrund all dieser Vorteile kann sich das Stück zu den wenigen Pulitzer– Preis Gewinnern des Musical-Genres zählen.

In Wien wird das Musical vom V’ET Youth Ensemble auf der Bühne des Vienna‘s English Theatre aufgeführt, welches mich schon letztes Jahr mit seiner „Into the Woods“ – Inszenierung beeindrucken und begeistern konnte. Nicht nur bietet sich mit der Aufführung im English Theatre die Möglichkeit, die sehr ausgefeilten Texte in Originalsprache erleben zu können , sondern auch die DarstellerInnen zeigen verlässlich gute Leistung. Besonders hervorzuheben ist in der besuchten Vorstellung Hisham Moscher, der als Angel derart großartig besetzt ist, dass es eine Freude ist, ihm beim Spielen zuzusehen. Besonders sein Song „Today 4 U“ bleibt hierbei im Gedächtnis. Ebenfalls sehr positiv fällt Jasmina Friedl auf, die den Spagat zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke der von ihr dargestellten Figur der Mimi Márquez sehr überzeugend darstellt.

„Remember a year in the life of friends“?

Trotz all den eben beschriebenen positiven Merkmalen, die das Stück eigentlich zu einem Highlight für Musicalfans machen sollten, muss ich zugeben, dass mich „Rent“ seltsamerweise wenig zu fesseln vermochte – und das ist umso merkwürdiger, da das Musical offenbar eine Generation von Leuten zu porträtieren versucht, die meiner zeitlich nicht besonders fern ist. Dennoch muss ich feststellen, dass mir, die sich eigentlich in jedes noch so absurdes Musicalsetting einfinden kann, die Lebenswelt der Figuren aus „Rent“ auch nach dem Schlussapplaus noch fremd war.

Die Distanz – die ich trotz all dem Respekt vor diesem Musical- zum Stück verspüre, ist insofern schade, da diese eigentlich nicht beabsichtigt zu sein scheint. Denn hier gibt es keine Erzählerfigur, die offen Kritik an der Hauptfigur übt, wie etwa bei „Evita“ oder „Elisabeth“ üblich. Stattdessen soll der Zuschauer offenbar besonders nah an den episodenhaften Geschichten sein, die Mark Cohen (Christopher Aguilar) mit seiner Kamera einfängt.

Auf der recht kleinen Bühne des Theaters wirkt jedoch die ohnehin nicht völlig stringente Erzählweise leider zusätzlich verwirrend. Die Tatsache, dass sich meist ziemlich viele Menschen auf dieser drängen, ist an sich schon verwirrend, dass durch das Stück hindurch das Bühnenbild kaum verändert wird, erschwert jedoch zusätzlich das Verständnis dafür, wo die Charaktere sich gerade befinden. Die ansonsten sehr gelungene, anspruchsvolle Choreographie und Regie trägt durch die ständigen Auftritte und Abgänge zum hektischen Eindruck leider einiges bei. Im Gegensatz dazu wirken andere Szenen – zum Beispiel „I’ll cover you“ –  wiederum arg statisch, weswegen gerade der erste Akt deutliche Längen aufweist.

Ein paar gute Einfälle gibt es dennoch und diese finden sich gerade im zweiten Akt: So bleibt Angels Tod eine choreographisch wie auch durch Licht- und Bühnentechnik beeindruckende Szene und diese ist auch eine der wenigen, die emotional berührt. Auch die Idee, ein weißes Tuch als Projektionsfläche für abgefilmte Ausschnitte zu nutzen, erweist sich als wirkungsvoller Einfall.

Trotzdem hatte ich beim Verlassen des Theaters nicht das Gefühl, ein Jahr im Leben von Freunden („A Year In The Life Of Friends“) verbracht zu haben, sondern eher ein Jahr im Leben von Figuren, zu denen ich nun immer noch keinen Bezug hatte. Meine Begleitung sah das übrigens anders und kaufte sich gleich weitere Tickets.

Trotz aller Kritik bleibt mir „Rent“ als wichtiges Musical in Erinnerung, da es alle dem Musicalgenre nachgesagten Vorurteile umwirft. Denn weder von der, oft mit Musicals in Verbindung gebrachten, seichten Unterhaltung noch von Kitsch ist hier auch nur im Entferntesten etwas zu sehen.

Premierendatum Uraufführung: 26.1.1996
Premiere im English Theatre in Wien:
28.4.2017
Musik und Texte:
Jonathan Larson
Regie:
Adrienne Ferguson
Bühnenbild:
Richard Panzenböck
Kostüme:
Adrienne Ferguson
Choreographie
: Astrid Nowak

Band: Ariana Pullano (Dirigentin / Keyboard), Johnny Pullano (Schlagzeug), Gabriel Gómez (Gitarre), Farhad Manjili (Bass).

Besetzung der Hauptrollen: Christopher Aguilar (Mark Cohen), Tim Al-Windawe (Roger Davies), Jasmina Friedl (Mimi Márquez), Oliver Edward (Tom Collins), Hisham Moscher (Angel Dumott Schunard), Astrid Nowak (Maureen Johnson), Lena Maria Steyer (Joanne Jefferson), Alessandro Felix Frick (Benjamin „Benny“ Coffin III).

Beitragsbild: © Columbia Pictures

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.