Rückblickend betrachtet, hat jedes Jahrzehnt ein Musical vorzuweisen, welches das Genre nachweislich geprägt und weiterentwickelt hat. Wenn man nun die Jahre zurückgeht, vorbei an Stücken wie „Hamilton“, „Rent“, „Evita“, „Jesus Christ Superstar“ und „Hair“ landet man irgendwann Ende der 50er Jahre bei der Reinform aus Tanz, Gesang und Schauspiel und somit bei „West Side Story“. Die „Mutter aller Musicals“ ist wieder auf Tour und gastiert vom 25. April 2017 bis zum 14. Mai 2017 im Deutschen Theater in München.

© Johan Persson

Das Musical mit der Musik von Leonard Bernstein und Lyrics von Stephen Sondheim wurde am 26. September 1957 in New York uraufgeführt und gilt als Meilenstein der Musicalgeschichte, da in diesem Stück zum ersten Mal Gesang, Tanz und Schauspiel auf so hohem Niveau aufeinandertrafen. Bereits 4 Jahre später im Jahr 1961 erschien die Verfilmung des Tanzklassikers, welche mit 10 Oscars ausgezeichnet wurde. Auch das Deutsche Theater in München verbindet eine besondere Beziehung zu diesem Stück, fand hier schließlich ebenfalls im Jahr 1961 die Europapremiere statt. Damals noch auf Englisch. Erst im Jahr 1968 folgte die deutschsprachige Premiere in Wien. Auch das momentane Gastspiel wird komplett auf Englisch mit deutschen Übertiteln gezeigt.

„West Side Story“ erzählt eine moderne Version des Klassikers „Romeo und Julia“ und setzt die Handlung ins New York der 50er Jahre. Hier geht es nicht um verfeindete Familien, sondern um zwei Jugendbanden, die sich in den Straßen von New York aufgrund ihrer unterschiedlichen ethnischen Herkunft bekriegen. Auf der einen Seite stehen die Sharks, welche aus Einwanderern aus Puerto Rico bestehen und von Bernardo angeführt werden. Auf der anderen Seite die US-amerikanischen Jets, welche von Riff angeführt werden. Bei einer Tanzveranstaltung treffen nicht nur die beiden Banden aufeinander, sondern auch Tony und Maria. Tony ist der beste Freund von Riff und Mitbegründer der Gruppe der Jets, aus welcher er sich jedoch mehr und mehr zurückgezogen hat. Maria ist Bernardos Schwester und frisch aus Puerto Rico eingetroffen. Die beiden verlieben sich sofort ineinander und die Geschichte nimmt mit viel Parallelen zu Shakespeares „Romeo und Julia“ kein Happy End.

Die zeitlosen Klassiker von Komponisten Leonard Bernstein wie „Maria“ oder „Tonight“ sind auch nach 50 Jahren immer noch unvergessen. Unter der musikalischen Leitung von Donald Chan erklingen diese nun wieder im Deutschen Theater und zeigen die ganze Bandbreite der Komposition von Bernstein. Während die Sharks immer zu Klängen ihrer südamerikanischen Heimat tanzen und singen, liegt das musikalischen Augenmerk bei den Jets eher auf Jazz. Erst bei den Duetten von Tony und Maria verbinden sich die beiden Stile.

Früher war alles besser?

© Johan Persson

Das Stück zeichnet sich vor allem durch seine anspruchsvollen Choreographien von Jerome Robbins aus und in dieser Tournee-Version, die bereits seit 2004 immer wieder durch die Welt tourt, kommen eben diese Originalchoreographien zum Einsatz. Einerseits ein schöner nostalgischer Faktor, andererseits hat mir doch oft der gefährliche Ausdruck in den Tänzen gefehlt. Die Choreographien sind zweifelsfrei wunderschön anzusehen und ich bin weit davon entfernt, ein Experte auf dem Gebiet des Tanzes zu sein, auch tanzen die Darsteller in dieser Produktion auf ganz hohem Niveau, jedoch sollen die Choreographien Kämpfe und Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Banden darstellen und dafür waren mir die Choreographien oft einfach zu lasch. Gut möglich, dass die Kritik hier falsch platziert ist, schließlich handelt es sich um die Originalchoreo aus dem Jahr 1957, jedoch hätte man bestimmt versuchen können, ein wenig mehr Nervenkitzel zu transportieren.

© Johan Persson

Ich war mir zudem oft unschlüssig, wie alt die Mitglieder der verfeindeten Banden denn nun sind. Zum einen sind sie skrupellos genug zu Töten und zu Vergewaltigen und ihr Handeln letzten Endes auch gut zu finden, wenn jedoch ein Erwachsener mit ihnen schimpft, weinen sie plötzlich wie kleine gemaßregelte Kinder. Das war nun das krasseste Beispiel für die Regie von Joe McKneely, welche sich mir oft nicht erschloss. Auch viele andere Handlungsstränge hinterließen bei mir eher ein Fragezeichen und letztlich den Wunsch offen, doch alles noch einmal zu überdenken und vielleicht etwas subtiler darzustellen. Warum verlieben sich zum Beispiel Tony und Maria ineinander? Sie sehen sich aus weiter Entfernung in einem überfüllten Raum, küssen sich, gestehen sich ihre Liebe und weiter geht’s in der Handlung. Der Glaube an Liebe auf den ersten Blick ist wahrscheinlich eines der Grundpfeiler des Musicalgenres und sollte auf keinen Fall von einem Fan hinterfragt werden, wenn er weiterhin glücklich ins Musical gehen will. Jedoch war es mir bei dieser Produktion von „West Side Story“ nun wirklich zu einfach dargestellt und entbehrte zudem jeglicher Romantik. Dabei hätten für mich oft schon Kleinigkeiten ausgereicht wie eine zufällige erste Berührung der beiden, durch die sie aufeinander aufmerksam werden oder dass sie zum Tanzen gepaart worden wären, was bei einer Tanzveranstaltung auch am meisten Sinn gemacht hätte.

Großer persönlicher Pluspunkt für mich war definitiv das Bühnenbild von Paul Gallis, welches mich stark an die alten Filme aus den 50er und 60er Jahre erinnerte. Da ich ein sehr großer Fan dieser Filme bin, hat mich zumindest hier der Nostalgie-Faktor gepackt. Links und rechts von der Bühne waren jeweils ein Stahlgerüst aus bespielbaren Balkonen platziert, die auch für verschiedene Bühnenbilder verschoben werden konnten. Zusätzlich wurde die hintere Bühnenwand mit alten Schwarz-Weiß-Fotografien von New York projiziert. Für viele Tanzszenen wurden auch nur schöne warme Farben verwendet, welche die ganze Bühne somit zu einem stimmigen Gesamtkonzept verwandelt haben. Auch die Kostüme von Renate Schmitzer versprühten den Flair der 50er Jahre, auch wenn mir das ein oder andere Kostüm doch ein wenig zu sehr aus der Zeit fiel. Vor allem die knappen Röckchen inklusive bauchfreien Tops der Jets-Damen wollte in meinen Augen nicht wirklich in das New York der 50er Jahre passen.

„I’ve just met a girl named Maria“

© Johan Persson

Nicht nur das Stück ist ein Klassiker, welcher in Musicalkreisen hoch angesehen wird, auch für Darsteller ist es immer noch ein Ehre, eine Rolle in diesem Stück zu übernehmen. Allen voran natürlich die Hauptrollen Tony und Maria. In München wurden diese von Kevin Hack und Jenna Burns verkörpert. Die beiden harmonierten sehr gut miteinander und sangen ihre Parts kraftvoll und mit der nötigen Emotion in der Stimme. Während mich ja wie bereits erwähnt vor allem die Kennenlernszene etwas enttäuscht zurückließ, schafften es die beiden schnell, mich im Laufe ihrer weiteren gemeinsamen Szenen von der Zuneigung zueinander restlos zu überzeugen.

Am Besten gefallen hat mir jedoch Keela Beirne als Anita. Neben ihren fantastischen Tanzeinlagen, war sie auch gesanglich am beeindruckendsten und schaffte es, ihre Soli wie „Amerika“ erstaunlich modern klingen zu lassen. Auch die Sharks und Jets inklusive ihrer Anführer Riff und Bernardo legten vor allem tänzerisch eine sehr starke Leistung hin.

Mein Hauptkritikpunkt ist definitiv, dass man das Stück so wie es momentan bei dieser Tour auf die Bühne gebracht worden ist, eins zu eins auch 1957 hätte zeigen können und wir befinden uns nun mal nicht mehr in den 50er Jahren. Ich war doch erstaunt, wie aktuell die Thematik rund um den Konflikt verschiedener ethnischer Gruppen ist. Man kann das Stück ohne Probleme in die heutige Zeit setzen und hätte ein Musical mit einer brandaktuellen Thematik. Warum also alles so machen wie vor 50 Jahren, wenn hier die Chance bestünde, eine spannende und brisante Neuinszenierung zu machen? Ich frage mich hier natürlich, ob ich mich zu kritisch mit der Inszenierung auseinandersetze, schließlich steht bei dieser Tourpoduktion von BB Promotion definitiv der Unterhaltungsfaktor im Vordergrund und diesem wurde definitiv entsprochen. Mehr noch, ich denke, dass viele Zuschauer die Inszenierung sichtlich genossen haben und eine ganze Generation dieses Stück liebt und gerne diese herrliche nostalgische Zeitreise mit all seinen musikalischen Klassikern im Deutschen Theater unternommen hat. Jedoch komme ich persönlich nicht darüber hinweg, dass man hier wirklich gutes Material verschenkt hat und die bereits genannten Probleme der Regie lassen für mich das Musical einfach seicht erscheinen – und das ist die eigentliche (negative) Leistung bei einem doch so anspruchsvollen Stück, welches das monumentale „West Side Story“ eigentlich ist.

„West Side Story“ (Tour) im Deutschen Theater München

Uraufführung: 26.09.1957 (Winter Garden Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 27.04.2017 (Deutsches Theater München)
Musik: Leonard Bernstein
Lyrics: Stephen Sondheim
Buch: Arthur Laurents
Choreographie Original: Jerome Robbins
Choreographie: Joey McKneely
Regie: Joey McKneely
Musikalische Leitung: Donald Chan
Bühnenbild: Paul Gallis
Kostüme: Renate Schmitzer
Lichtdesign: Peter Halbsgut
Tondesign: Rick Clarke
Besetzung: Kevin Hack (Tony), Jenna Burns (Maria), Keela Beirne (Anita), Lance Hayes (Riff), Waldemar Qinones-Villanueva (Bernardo), Dennis Holland (Doc), Julio Catano-Yee (Chino)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Johan Persson

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.