Man kann es nicht hoch genug anrechnen, wenn sich Theater ganz ohne Gewinnstreben jungen Künstlern annehmen und ihnen den Start in die Branche erleichtern. Schließlich ist es nicht alltäglich, dass man als Einsteiger im Bühnenberuf die Chance bekommt, vor einer Fachjury sein Können unter Beweis zu stellen. Am Samstag, den 10. Juni 2017 fand das Finale des diesjährigen MUT- Wettbewerbes (MUT steht für Musikalisches Unterhaltungs Theater) statt, welcher bereits zum zweiten Mal vom Münchner Gärtnerplatztheater ausgetragen wird.

Dieser Wettbewerb richtet sich an junge Künstler zwischen 18 und 27 Jahren, die eine abgeschlossene oder begonnene Ausbildung als Darsteller und Sänger für Operette, Musical oder Chanson haben. Die Kandidaten mussten sich gesanglich wie auch schauspielerisch in einem der Vorentscheide in München, Berlin oder Wien stellen. 13 Kandidaten schafften es ins Semi-Finale, das am 8. Juni 2017 am Gärtnerplatztheater vor Publikum ausgetragen wurde. Aus diesem gingen sechs Finalisten hervor, die sich zwei Tage später nochmals in der Reithalle vor Fachjury, Medienjury und Publikum zeigen konnten. Insgesamt gab es fünf Preise, die mit einem Preisgeld dotiert waren, zu gewinnen: drei Preise der Fachjury, mit 1000 € für den 3. Platz, 2000 € für den 2. Platz und 3000 € für den 1. Platz, außerdem einen Medienpreis mit 1000 € und einen Publikumspreis ebenfalls mit 1000 €.

© Helge Bauer

Die Jury bestand aus Staatsintendant des Gärtnerplatztheaters Josef E. Köpplinger, dem Operndirektor der Komischen Oper Berlin, Philip Bröking, Choreograf und Regisseur Adam Cooper, Sängerin und Schauspielerin Dagmar Hellberg, Moderator, Entertainer, Produzent, Autor und Regisseur Thomas Hermanns, Alice und Ellen Kessler, dem Chefdramaturgen des Gärtnerplatztheater Michael Alexander Rinz, dem Geschäftsführenden Direktor des Theaters St. Gallen Werner Signer und Musikproduzent Markus Spiegel – allesamt namhafte Persönlichkeiten der Branche.

MUTige Idee

Initiator des Wettbewerbs ist Josef E. Köpplinger, der bereits Erfahrung mit der Organisation solcher Veranstaltungen hat. Schließlich hat er schon den Autorenwettbewerb in St. Gallen und während seiner Intendanz am Stadttheater Klagenfurt den MUT-Wettbewerb ins Leben gerufen.
2015 fand der MUT-Wettbewerb erstmals am Gärtnerplatztheater statt. Auch damals bewarben sich viele junge Künstler, die durch diesen Wettbewerb die Möglichkeit bekamen, in eine erfolgreiche Karriere zu starten. Im Jahr 2016 fand am Gärtnerplatztheater der MUT-Autorenwettbewerb statt. In diesem Jahr wurden internationale Autoren und Komponisten mit ihren Werken im Bereich des musikalischen Unterhaltungstheater ausgezeichnet.

© Christian POGO Zach

MUTige Kandidaten

Die Reithalle, unter anderem gefüllt mit den jeweiligen „Fan-Clubs“, Freunden und Familien der Finalisten, die zu deren Unterstützung zahlreich angereist waren, wurde zu Beginn des Finales am 10. Juni 2017 von der Band bestehend aus Klavier, Keyboard, Reeds und Schlagzeug unter der Leitung von Jeff Frohner mit dem Lied „There’s No Business Like Show Business“ eingeheizt.
Alle Finalisten hatten ein Programm vorbereitet, das zwei bis drei im Stil unterschiedliche Lieder aus dem Genre Operette, Musical und Chanson sowie einen Monolog beinhaltete, der idealerweise inhaltlich in das Gesamtkonzept ihres Vortrags gepasst hat.
Den Anfang machte Juliette Khalil, die 2015 schon beim MUT-Wettbewerb dabei war und mit „Das Mädchen vom 4. Stock“ das erste Highlight des Abends setzte. In diesem Stück konnte sie zeigen, wie präzise ihr der Wechsel zwischen Jazz und klassischem Gesang gelingt, denn dieses Lied erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in einem Hochhaus zwischen einer Jazzsängerin und einer Opernsängerin wohnt und dem ganzen Tag dem Gesang der beiden ausgesetzt ist. Juliette Khalil kann schon auf einige Engagement an der Volksoper Wien zurückblicken.
Valentina Inzko Fink überzeugte als Zweite mit ihrer eingängigen Stimme. Das Chanson „Johnny, wenn du Geburtstag hast“ von Friedrich Hollaender interpretierte sie genauso eindringlich wie „An Old-Fashioned Love Story“ aus dem Andrew Lippa-Musical „The Wild Party“. Die Stimme ist ihr scheinbar in die Wiege gelegt worden, denn ihre Mutter ist die Opernsängerin Bernarda Fink.

Der am Gärtnerplatztheater durch sein Engagement in „Jesus Christ Superstar“ (unsere Review zu dieser Inszenierung ist hier nachzulesen) bereits bekannte Benjamin Oeser, sorgte mit seiner ganz eigenen Fassung von „Sweet Transvestite“, in der Hühner die Hauptrolle spielten, für ausgelassene Stimmung in der Reithalle. Auch schauspielerisch konnte er durchwegs überzeugen und räumte nicht umsonst drei Preise ab. Er wurde mit dem Medien- und Publikumspreis ausgezeichnet und belegte den ersten Platz gemeinsam mit Maximilian Mayer. Dieser wiederum ist auch kein Unbekannter in München.
Maximilian Mayer war ebenfalls sowohl in „Jesus Christ Superstar“ als auch in „Die Dreigroschenoper“, „Liliom“ und „King Arthur“ am Gärtnerplatztheater zu sehen. Mit seiner Interpretation von „Dein ist mein ganzes Herz“ aus der Operette „Das Land des Lächelns“ von Franz Léhar konnte er seine Stärke im klassischen Gesang zeigen und wählte dahingehend geschickt „Dies ist die Stunde“ aus dem Musical „Jekyll & Hyde“ aus.

© Christian POGO Zach

Der nächste Kandidat Lukas Witzel, mag dem regelmäßigen KULTURPOEBEL.de – Leser ein Begriff sein, spielte er doch 2016 im Bremer Schnürschuh Theater die Rolle des Jon im von KULTURPOEBEL.de produzierten Jonathan Larson-Musical „tick…tick…BOOM!“. Aus diesem präsentierte er im Finale das Lied „Warum?“. Sein fulminantes „I Believe“ aus dem Musical „The Book of Mormon“ wurde mit tosendem Applaus belohnt. Doch nicht nur Musical zählt zu seinem Repertoire, denn mit „Die Julischka aus Budapest“ aus der Operette „Maske in Blau“ zeigte er auch seine Fähigkeiten im klassischen Gesang und belegte damit verdientermaßen den 3. Platz. Lukas Witzel wird ab Herbst 2017 in der Produktion „Hedwig and the Angry Inch“ von Off-Musical Frankfurt in der Brotfabrik Frankfurt die Rolle der Hedwig spielen (Weitere Infos findet ihr hier).

Als letzte Finalistin beendete die erst 21- jährige Jasmin Eberl mit ihrem Programm den MUT-Wettbewerb in der Reithalle. Als Einzige im Wettbewerb integrierte sie auch das Element Tanz in ihrer Performance. Dies gelang ihr „A Chorus Line“-würdig einwandfrei, hatte sie doch bereits Erfahrung mit Tanzwettbewerben, schließlich ist sie 2010 Erstplatzierte beim „Dance World Cup“ auf Sardinien geworden.
Es hat sich bemerkbar gemacht, dass einige Kandidaten bereits auf Engagements an großen Theater zurückblicken können. Insgesamt war das Niveau aller Auftritte sehr hoch und man kann davon ausgehen, dass alle Künstler sich in den nächsten Jahren in der Sparte Musiktheater etablieren werden, auch wenn sie nicht zu den Preisträger zählen.

© Christian POGO Zach

Somit war der MUT-Wettbewerb ein gelungener und unterhaltsamer Abend. Doch leider trat Moderator Christoph Wagner-Trenkwitz, in seinem Bemühen die Atmosphäre aufzulockern, in so manch ein Moderations-Fettnäpfchen und schlitterte gelegentlich in die deplatzierte Ironie-Schiene, was beim Publikum zuweilen erstauntes Kopfschütteln auslöste.

MUTiges Theater

Der MUT-Wettbewerb hat sich als ein fester Bestandteil im Gärtnerplatztheater gemausert. Nächstes Jahr am 28. Juli 2018 findet der MUT-Autorenwettbewerb am Gärtnerplatztheater statt. Dann treten Komponisten und Autoren mit ihren Musical- und Operettenideen an, um die Fachjury zu überzeugen. Das Gärtnerplatztheater begeht mit diesen Wettbewerben einen zukunftsweisenden Weg, indem es den Nachwuchs entsprechend fördert und musikalisches Unterhaltungstheater nicht als minderwertige Kunstform ansieht.

Musikalisches Unterhaltungstheater ist meiner Meinung nach das Theater der Zukunft, da es ein breites Publikum anspricht und nicht nur für einen elitären Kreis konzipiert ist. In Zeiten, in denen es im Theater immer mehr um Auslastung, Finanzierungen und den messbaren Erfolg von Produktionen geht, ist es umso wichtiger, Menschen für das Theater zu begeistern.

Beitragsbild © Christian POGO Zach

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Agnes Wiener

„The musicals, that leave us kind of staggering on our feet, are the ones, that really reach for a lot.“ – (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre – ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.