Aus den ungewöhnlichsten Stoffen entstehen die besten Musicals. Und manchmal ist es schon die ungewöhnliche Perspektive auf ein bekanntes Ereignis, die einen alle vorgefertigten Meinungen über Bord werfen lässt. Als ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal hörte, dass ein Musical über den 11. September bald seine Broadway-Premiere feiern sollte, war ich sehr skeptisch.

Wie wollte man das umsetzen, ohne dass es entweder vollkommen patriotisch wirkt oder wie ein geschmackloser Roland-Emmerich-Katastrophenfilm mit Musik und Tanz? Und überhaupt, war es nicht noch viel zu früh für ein 9/11-Musical – wo die Nachwirkungen der Anschläge noch heute deutlich spürbar sind? Doch all meine Bedenken erwiesen sich als unberechtigt, als ich mir vor kurzem zum ersten Mal das Broadway-Album von „Come From Away“ anhörte. Seitdem bin ich regelrecht besessen von dieser kleinen Show, die sich still und heimlich zu meinem Favoriten im diesjährigen Tony-Rennen entwickelt hat.

© Matthew Murphy

Während alle Blicke auf New York gerichtet waren …

… ereignete sich am 11. September 2001 auf der kanadischen Insel Neufundland ein kleines Wunder. Da der amerikanische Luftraum unmittelbar nach den Terroranschlägen für alle Transatlantik-Flüge gesperrt wurde, mussten 38 Flugzeuge in dem kleinen Städtchen Gander notlanden. Fast 7.000 Passagiere waren auf der Insel gestrandet, innerhalb von wenigen Stunden stieg die Bevölkerung in Gander nahezu aufs Doppelte.

Eine absolute Ausnahmesituation, auf die niemand vorbereitet war … und doch ließen alle Bewohner von Gander sofort alles stehen und liegen und zeigten eine unbeschreibliche Gastfreundschaft – mehr noch, eine vollkommen selbstlose Aufopferungsbereitschaft. Unglaublich, wenn man sich vorstellt, wie viele Menschen dort untergebracht und ernährt werden mussten und dass die Inselbewohner keine Sekunde innehielten, um den unfreiwilligen Aufenthalt für alle so angenehm wie möglich zu machen.

© Matthew Murphy

Insgesamt fünf Tage blieben die „Plane People“ – oder „Come From Aways“, wie sie von den Neufundländern liebevoll genannt wurden – auf der Insel. Während diese Tage für den Rest der Welt von Schmerz und Verzweiflung erfüllt waren, entstanden auf Neufundland gleichzeitig positive Erinnerungen und tiefe Freundschaften.

Die Menschen in New York waren schockiert davon, wie viel Grausamkeit es gab, aber als starkes Gegengewicht wurde den Come From Aways in Gander eine unglaubliche Wärme, Menschlichkeit und Güte zuteil. Als die Gestrandeten die Insel schließlich verlassen konnten, wartete auf sie eine Welt, die sich von einer Sekunde auf die andere vollkommen verändert hatte …

Nächster Halt: Broadway

Diese fünf Tage in Gander inspirierten den Theaterproduzenten Michael Rubinoff und das verheiratete Autoren-Duo Irene Sankoff und David Hein zu dem Musical „Come From Away“. Im September 2011 reiste das Ehepaar nach Gander, um die Einheimischen und zahlreiche Come From Aways, die anlässlich des zehnten Jahrestages auf die Insel zurückgekehrt waren, zu interviewen. Die Befragten ahnten dabei nicht, dass ihre emotionalen, lustigen und herzzerreißenden Erinnerungen und Anekdoten als Recherche für ein Bühnenprojekt dienten, das kurze Zeit später Gestalt annehmen sollte.

„Come From Away“ ist ein 100-minütiger Einakter, der ohne Pause gespielt wird. Ein zwölfköpfiges Ensemble schlüpft im Laufe des Abends in viele verschiedene Rollen, welche übrigens alle auf realen Persönlichkeiten basieren und mithilfe der Interviews sowie zahlreicher Zeitungsberichte und Dokumentationen Leben eingehaucht bekamen. Die Musik von „Come From Away“ bietet einen wunderschönen Mix aus Folk und Rock mit keltischen Einflüssen, der mit flotten Geigenmelodien und rhythmischem Stampfen gelegentlich an „Once“ erinnert.

© Matthew Murphy

Auch das Buch von „Come From Away“ ist angenehm unprätentiös und ohne falschen Pathos. Stellenweise ist das Stück wirklich zum Brüllen komisch, gleichzeitig schreckt es nicht davor zurück, auch ernstere Problematiken zu behandeln. So wird unter anderem die (unterschwellige und teilweise auch sehr direkte) Islamophobie nach 9/11 thematisiert, sowie – in dem packenden Solo „Me and the Sky“ – der Sexismus, mit dem Beverley Bass (gespielt von der großartigen Jenn Colella) als erste Pilotin Amerikas in der von Männern dominierten Branche konfrontiert wurde.

Nach verschiedenen Workshops fanden 2015 die ersten professionellen Produktionen im La Jolla Playhouse und dem Seattle Repertory Theatre statt. Dort stieß das Stück auf überragende Publikums- und Kritikerreaktionen und transferierte anschließend nach Washington, wo es ebenso gefeiert wurde. Eine kanadische Produktion in Toronto Ende letzten Jahres brach alle Ticketrekorde in der 109-jährigen Geschichte des Royal Alex Theatre und war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Eine Verlängerung der Spielzeit war trotz der extrem hohen Nachfrage leider nicht möglich – da im Februar 2017 der Broadway-Transfer bevorstand.

© Matthew Murphy

Auch im New Yorker Gerald Schoenfeld Theater spielt das Stück zurzeit allabendlich vor ausverkauftem Haus und erwies sich als großer Überraschungshit der Saison. Aber zur Freude des kanadischen Publikums wird das Musical im Februar 2018 nach Toronto zurückkehren und auch eine US-Tour wurde bereits für nächstes Jahr angekündigt.

Die wahrscheinlich emotionalsten Vorstellungen von „Come From Away“ fanden wohl letzten Herbst direkt am Ort des Geschehens statt – als das Original-Ensemble kurz vor der Broadway-Premiere einige konzertante Shows vor einem in Tränen aufgelösten Riesenpublikum in Gander spielte.

And the Tony goes to …

Du weißt, dass ein Musical dich emotional erreicht hat, wenn ein harmloser „Klopf, klopf“-Witz im Finale dich fast zum Weinen bringt. Wie ich bereits in der Einleitung erwähnt habe, läuft „Come From Away“ bei mir zurzeit in Dauerschleife. Zudem hat es mich inspiriert, mich näher mit der faszinierenden Geschichte der Come From Aways und deren Aufenthalt in Gander zu beschäftigen. (Eine sehr interessante deutschsprachige Doku über die Ereignisse in Gander unter dem Titel „Gestrandet bei Freunden“ gibt es übrigens auch auf Youtube. Wirklich sehenswert!)

Das Musical macht mich jedes Mal unendlich glücklich, und – das lässt sich jetzt schwer beschreiben – nicht nur auf einem persönlichen Level, sondern in einem viel größeren, die Menschheit umfassenden Ausmaß? Wenn ich es höre, ist es wie eine warme Decke, die mich umhüllt. (Gut, als ob ich das bei diesen Monster-Graden draußen nötig hätte … aber ihr wisst, was ich meine.) Auch wenn das verrückt klingt, durch die Musik fühle ich mich auf gewisse Weise „behütet“ – alles wird gut, ich bin in Sicherheit, Beulah hat alles im Griff.

© Matthew Murphy

Wir können erfreulicherweise auf eine extrem starke Broadway-Saison zurückblicken und bei den diesjährigen Tony Awards sind kreative, abwechslungsreiche und innovative Stücke im Rennen. Da es diesmal keinen eindeutigen Favoriten gibt wie „Hamilton“ letztes Jahr, macht es die Verleihungszeremonie spannend und unberechenbar. Alles kann passieren.

„Come From Away“ ist nun für sieben Tonys nominiert, darunter auch als „Bestes Musical“. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich der Gewinn der Haupttrophäe schließlich zwischen „Dear Evan Hansen“ und „Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812“ entscheiden wird. (Mit „Groundhog Day“ habe ich mich bisher zugegebenermaßen zu wenig auseinandergesetzt, um dessen Siegeschancen realistisch einschätzen zu können.)

© Matthew Murphy

„Come From Away“ scheint in diesem Rennen jedenfalls ein bisschen die Position des Underdogs einzunehmen, aber vollkommen unterschätzen sollte man das Musical vielleicht nicht – „the little show that could“, wie man so schön sagt. Überrascht hat uns das Musical schließlich schon oft genug, vielleicht wird es das am 11. Juni wieder tun.

Wenn euch das, was ich geschrieben habe, neugierig gemacht hat, kann ich euch nur empfehlen, das Album von „Come From Away“ auf Spotify einmal mit voller Aufmerksamkeit von vorne bis hinten durchzuhören. Ist man mit der Ausgangssituation ein wenig vertraut, lässt sich der Handlung sehr gut folgen, da die Figuren selbst stets die wichtigen Informationen liefern.

Am Ende des Musicals heißt es: „Heute Abend ehren wir das, was wir verloren. Aber wir feiern auch das, was wir gewannen.“ Die starke Botschaft eines starken Musicals. Wenn man in letzter Zeit die Nachrichten anschaltet, kann man leicht den Glauben an die Menschheit verlieren. „Come From Away“ ist die Umarmung, die wir in solchen Zeiten so dringend brauchen und der beste Beweis dafür, dass Humanität stärker ist als Hass. Eine Ode an die Menschlichkeit und meine Musicalentdeckung des Jahres!

Folge Niklas auf seinem Musical-Blog www.theaterdistrikt.net

Come From Away (Original Broadway Cast Recording) [Explicit]

Price: EUR 9,59

4.0 von 5 Sternen (1 customer reviews)

1 used & new available from EUR 9,59

Beitragsbild: © Matthew Murphy

TEILEN
Vorheriger ArtikelMusicalstar des Monats – Franziska Schuster
Nächster ArtikelReview: „Gypsy“ in Klagenfurt – Ein viel zu selten gespieltes Musical im deutschsprachigen Raum!
Niklas Wagner

“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” – Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: … dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!