Man nehme eine fantasievolle Geschichte, eine große Portion Humor gepaart mit einer gefälligen Botschaft und mixe dies mit einem leidenschaftlichen Ensemble samt großartigem Orchester und heraus kommt „Big Fish“ der Musical Inc. Mainz. Seit dem 2. Juni 2017 zeigt die Mainzer Hochschulgruppe das Musical von Komponist Andrew Lippa und Autor John August. Daniel Wallace schrieb 1998 den gleichnamigen Roman, auf dem das Musical basiert. 2004 drehte Tim Burton den zugehörigen Kinofilm zu dem John August ebenfalls schon das Drehbuch verfasste. Nach seiner Uraufführung in Chicago 2013 wurde „Big Fish“ auch am Broadway gezeigt – hier allerdings mit sehr mäßigem kommerziellen Erfolg.

Die Musical Inc. blickt auf eine lange Tradition zurück. 1993 gegründet, erarbeiten die Mitglieder des Vereins jedes Jahr eine Musicalproduktion. Letztes Jahr brachten sie eine fulminante Inszenierung von „In the Heights“ (Unsere Review zu dieser Produktion könnt ihr hier nachlesen) auf die Bühne. Dieses Jahr fiel die Wahl auf „Big Fish“, das noch bis zum 17. Juni 2017 im Theater im P1 an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz zu sehen ist.

Sei der Held deiner Geschichte!

„Big Fish“ erzählt die Geschichte des todkranken Edward Bloom, der einem dezenten Hang zur Übertreibung fröhnt. So erzählt er immerzu die größten und magischsten Episoden seines Lebens, berichtet von Riesen, Hexen und Werwölfen und beschwört so einen Konflikt zu seinem Sohn Will, der den wahren Mann hinter all den Erzählungen nicht zu erkennen scheint. Denn wo Edward alles in den fantastischsten Farben zeichnet, sieht Will die Welt sehr rational und macht sich schließlich auf die Suche nach der Wahrheit hinter all den Erzählungen.

Am Broadway brachte es „Big Fish“ – trotz namhaftem Cast angeführt von Ur-Fiyero Norbert Leo Butz – nur auf 98 Vorstellungen (und 34 Previews). Einerseits schade, denn „Big Fish“ ist wirklich solide Musical-Unterhaltung und hat deutlich mehr Qualität zu bieten als andere Stücke, die an der 42. Straße durchaus erfolgreich laufen. Andererseits wurde das Musical so aber relativ früh nach der Broadway-Premiere auch für den semiprofessionellen Bereich hierzulande freigegeben und bereichert die attraktive Stückwahl der Musical Inc. nun um ein weiteres Musical-Highlight, obgleich die Vorlage nicht ohne Schwächen ist.

Die Handlung steckt voller Fantasie und ist definitiv Musical-tauglich, ich persönlich habe mich aber schwer damit getan, eine Verbindung zu der Geschichte aufzubauen. Während wir Will in der Gegenwart dabei begleiten, wie er die Beziehung zu seinem Vater aufarbeitet, werden immer wieder Zeitsprünge in die Vergangenheit unternommen und die Geschichten des Vaters auch schön bühnenwirksam mit großem Broadway-Tam-Tam, bei dem jeder Song in einem obligatorischen Freeze-Frame endet, nacherzählt. Während also die Haupthandlung in der Gegenwart definitiv das Potential besaß, mich zu berühren – und dies auch letztlich tat -, so hatte ich teilweise doch das Gefühl, einer großen Kurzgeschichten-Sammlung beizuwohnen, deren einzelne Episoden sicherlich ein Großes Ganzes ergaben, wichtig für die Handlung waren und dem Stück auch viel seiner Magie verliehen, aber dennoch zu einigen Längen führten.

Andrew Lippa hat einen überzeugenden Score geschaffen, der viele schöne Melodien bereithält, leider stellenweise aber etwas zu gefällig und austauschbar anmutet. Somit halten die Kompositionen wenig Innovatives bereit, kombinieren aber auf solide Art und Weise das, was im Musicaltheater ohnehin schon seit Jahren funktioniert. Damit kann man nichts falsch machen, aber definitiv auch nicht überraschen. Dennoch: Der Song „Bekämpf die Drachen“ ist ein absolutes Highlight, für mich persönlich DER Showstopper und alleine hierfür würde ich mir das Stück noch ein zweites Mal anschauen. Das Orchester (und hierbei meine ich wirklich Orchester und nicht Band!) spielt unter der musikalischen Leitung von Nicolai Benner kraftvoll auf und entlockt dem Score seine maximale Imposanz. Wirklich beeindruckend!

Auch ansonsten etabliert die Musical Inc. einen bemerkenswerten Produktionsstandard. Der Ton ist exzellent abgemischt, die Technik funktioniert tadellos und rundet den professionellen Eindruck perfekt ab. Die Kostüme sind passend gewählt und verleihen den Akteuren ein stimmiges Erscheinungsbild. Das Set hingegen ist für meinen Geschmack etwas zu funktional gehalten und wird den Fantasie-Welten, die Edward mit Worten kreiert, visuell nicht immer gerecht – aber das ist in dieser Dimension vielleicht auch einfach unmöglich, wenn man nicht Stage Entertainment heißt und über ein Millionen-Budget verfügt.

Ein starkes Vater-Sohn-Duo

Der Geschichtenerzähler Edward Bloom wird in Mainz von Peter Frese verkörpert, für den „Big Fish“ auch gleichzeitig die erste Musical-Produktion überhaupt ist. Frese liefert vor allem stimmlich eine Glanzleistung ab und sorgt für die gesanglichen Höhepunkte des Abends. Aber auch schauspielerisch kann er – vor allem gegen Ende des Stückes – überzeugen, ist humorvoll, sympathisch und schafft im Zusammenspiel mit Johannes Lotz (Will Bloom) intensive Momente. Ein starkes Vater-Sohn-Gespann, das für die Gesamtwirkung des Stückes nicht unwesentlich ist!

Johannes Lotz hat leider die undankbare Aufgabe, auch den (sehr) jungen Will zu spielen. Ich fand es doch etwas irritierend, als ein erwachsener Mann plötzlich mit überzogenen kindlichen Manierismen im Strampler auf der Bühne stand, aber vielleicht kam das auch einfach sehr unerwartet. Dennoch ist seine Performance – vor allem als Gegenwarts-Will – sehr überzeugend. Er verleiht dem konservativen Sohn eine positive Ausstrahlung und agiert mit sicherem komödiantischen Timing.

Jessica Jopp in der Rolle von Edwards Frau Sandra darf im zweiten Akt eines der schönsten Soli des Stückes singen und tut dies mit sicherer Stimmführung und einem eindringlichen Spiel. Die Familie Bloom wird komplettiert durch Clara Vogel als Wills Frau Josephine, die ihrem Ehemann nicht nur einmal ins Gewissen redet und für die Beweggründe des Vaters zu sensibilisieren versucht. Vogel macht dies unaufgeregt und einfühlsam, eben als starke Frau neben einem zweifelnden Mann.

„Big Fish“ steht und fällt zwar mit den Leistungen der beiden männlichen Hauptdarsteller, ist aber aufgrund der Ensemblebreite und Rollenvielzahl für Gruppen wie die Musical Inc. wie geschaffen. So kann ein jedes Cast-Mitglied mindestens einmal in den Vordergrund treten und ausnahmslos alle Akteure machen dies mit großer Spielfreude und bleiben in Erinnerung. Hervorzuheben sind hierbei noch Daniela Stünkel (Hexe), die den Showstopper „Ich weiß, was du willst“ kraftvoll performt und Scarlett Saurat (Jenny Hill), die vor allem schauspielerisch wichtige Akzente setzt. Aber auch Laurin Hess` Darstellung des Riesen ist absolut bemerkenswert, während Jens Emmert in der Rolle des Amos Calloway durch sein energiegeladenes Spiel glänzt. Eine durch und durch großartige Leistung der Amateur-Darsteller.

Wie alles endet…

Will man wirklich kleinlich sein, so könnte man lediglich lamentieren, dass manche Szenen-Übergänge zu lange dauerten und nicht flüssig wirkten. Auch die Ensemblegröße ist Fluch und Segen zugleich. Was einerseits zwar imposant aussieht, wirkt andererseits aber stellenweise auch überladen. Vor allem bei der Eröffnungsnummer „Sei der Held“ hatte ich Angst, dass sich die Darsteller bei der sehenswerten Choreographie von Isabelle Jegotka und Jessica Gleisberg jeden Moment auf den Füßen stehen würden.

Aber diese Kritik führt auch deswegen zu weit, weil die Musical Inc. – obwohl man davon den Großteil der Zeit über nichts merkt – eben doch – und wie es gar nicht oft genug erwähnt werden kann – eine nichtkommerzielle Hochschulgruppe ist und hier wiederholt eine fantastische Show auf die Beine gestellt hat, die berührt, mitreißt und auch ein wenig verzaubert. Und auch wenn die Vorlage nicht das Ende der Musical-Evolutionsleiter ist, so überzeugt „Big Fish“ mit einer bunten Story, liebenswerten und höchst interessanten Charakteren, einer gefälligen Partitur sowie einer inspirierenden Botschaft, die in mir noch sehr lange nachgewirkt hat. Sei der Held deiner Geschichte, höre „richtig“ zu, sprenge die Grenzen deines grauen Alltags und bereichere diesen mit einer kleinen/großen Portion Fantasie. Es tut ja schließlich nicht weh.

Alles in allem wieder eine beeindruckende Produktion der Musical Inc., die sich mehr und mehr auch überregional zum Geheimtipp entwickelt. Das leidenschaftliche Team und die versierte Stückwahl machen es möglich.

„Big Fish“ spielt noch bis zum bis zum 17.06.2017 im Theater im P1 in Mainz. Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

„Big Fish“ in Mainz

Broadway-Premiere: 06.10.2013 (Neil Simon Theatre, New York)
Premiere Mainz: 02.06.2017 (Theater im P1, Johannes Gutenberg-Universität)
Musik & Gesangstexte: Andrew Lippa
Buch: John August
Deutsche Übersetzung: Nico Rabenald
Choreographie: Jessica Gleisberg / Isabelle Jegotka
Regie: Florian Mahlberg, Marie Friedl
Musikalische Leitung: Nicolai Benner
Ausstattung: Safak Sengül
Produktionsleitung: Johannes Lotz, Laurin Hess, Josephine Ludwig, Vidhya Pfeifer, Konstantin Hahn

Besetzung (der besuchten Vorstellung): Peter Frese (Edward Bloom), Johannes Lotz (Will Bloom), Jessica Jopp (Sandra Bloom), Julia Jäger (Sandra Templeton), Clara Vogel (Josephine Bloom), Theresa Noll (Wills Sohn), Ulrich Jungblut (Fischer), Daniela Stünkel (Hexe), Antonia Regis (Nixe), Nils van der Horst (Farmpächter), Sarah Guth (Cheerleader), Scarlett Saurat (Jenny Hill), Martin Brehmen (Bürgermeister), Melina Löffler (Zacky Price), Hendrik von Hülst (Don Price), Alina Berger und Franziska Heger (Alabama Lamm), Laurin Hess (Karl, der Riese), Jens Emmert (Amos Calloway), Ram Paramanathan (Red Jang), Jessica Gleisberg (Showsängerin),

Big Fish (Original Broadway Cast Recording)

Price: EUR 8,99

4.7 von 5 Sternen (3 customer reviews)

1 used & new available from EUR 8,99

Beitragsbild: © Peter Harbauer

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Stephan Huber

„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.