Mit „Gypsy“ war in Klagenfurt ein im deutschsprachigen Raum selten gespielter Broadway-Klassiker für einige Aufführungen auf dem Spielplan des Stadttheaters. Wird „Gypsy“ in den USA von vielen Kritikern als bestes amerikanisches Musical überhaupt bezeichnet und hat am Broadway seit seiner dortigen Erstaufführung im Jahre 1959 inzwischen schon vier Revivals erlebt, so ist das Stück in unseren Musical-Kreisen kurioserweise so gut wie unbekannt. Leute, die mich kennen, werden es als gewaltige Untertreibung empfinden, wenn ich von mir sage, dass ich ein Fan des Stücks bin. Spätestens seitdem ich die Cast-Aufnahme aus dem Jahr 2008 mit der großen Patti LuPone im Regal stehen habe, bin ich regelrecht vernarrt in dieses Musical. Das zeigt sich auch daran, dass ich vor ein paar Jahren gleich zwei Mal nach London geflogen bin, um Imelda Staunton als legendäre Mama Rose zu sehen. Und diese ebenso legendäre, Olivier-preisgekrönte Darstellung wurde – den Produzenten sei Dank! – auch auf DVD gebrannt, deren Aufnahmen ich seitdem selbstredend exzessiv konsumiert habe. Kurzum: ich bin besessen. Vielleicht ebenso besessen, wie es die Hauptfigur dieses Musicals ist.

Normalerweise bin ich kein Fan von Inhaltsangaben aber da „Gypsy“ im hiesigen Musical-Bewusstsein wie gesagt nicht so präsent zu sein scheint, möchte ich doch kurz zusammenfassen, worum es im Stück eigentlich geht. Wie bereits angedeutet, geht es um Besessenheit. Und zwar um die Besessenheit von Rose, die ihre beiden Töchter Louise und June unter allen Umständen zu Stars machen möchte. Gemeinsam mit einigen anderen Kinderdarstellern ziehen sie durch die amerikanische Vaudeville-Landschaft der 20er/30er Jahre, in der jedoch jene Unterhaltungsform am Aussterben ist. Scheint Roses Traum vom Ruhm in einer sterbenden Form des Theaters an sich also schon ein sehr hoffnungsloses Unterfangen zu sein, gibt es bald ein weiteres Problem: die Kinder entwachsen den von ihrer Mutter konzipierten unschuldig-bunten Tanz- und Gesangsnummern. Rose lässt sich jedoch davon nicht irritieren und zwingt die inzwischen erwachsenen Darsteller weiter aufzutreten. Tochter June verlässt der Sache überdrüssig die Darsteller-Truppe, womit diese ihr talentiertestes Mitglied verliert. Ihre ambitionierte Mutter lässt sich jedoch davon immer noch nicht unterkriegen und wirft ihr Auge nun rigoros auf die vermeintlich untalentierte Louise. Letztendlich wird diese auch zum Star, doch am Ende steht kein Triumph für Rose.

© Karlheinz Fessl

Broadways Antwort auf König Lear

Es ist schon eine Besonderheit, dass „Gypsy“ relativ ernüchternd endet und das trotz seinem klar erkennbaren Ursprung in der Musical Comedy. Umso bedauerlicher finde ich es, dass es hier nie so richtig Fuß fassen konnte, bietet es meines Erachtens doch eine weitaus spannendere Protagonistin als etwa eine Eliza Doolittle in „My Fair Lady“, das landauf landab beinahe bis hin zur Bedeutungslosigkeit gespielt wird. Mehr als noch Eliza dominiert Rose ihr Stück wie kaum eine andere Frauenfigur im Bereich Musical. Sie ist eine Bravour-Rolle des Musicals, sowohl schauspielerisch als auch gesanglich und wurde deshalb nicht umsonst von New York Times-Theaterkritiker Frank Rich als Broadways Antwort auf Shakespeares König Lear bezeichnet. Ethel Merman, die Ursprungs-Rose war vielleicht nicht die versierteste Schauspielerin, doch sie war es, der die Rolle auf den Leib geschrieben wurde. Librettist Arthur Laurents hatte zunächst kein Interesse daran, die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der US-Stripteasekönigin Gypsy Rose Lee zu erzählen. Doch in deren Memoiren, die bis zu einem gewissen Grad als Vorlage für das Musical dienten, ging es vor allem auch um das Verhältnis zur ihrer Mutter Rose Hovick, eben jener Verkörperung der Bühnenmutter, die auch in „Gypsy“ im Mittelpunkt steht. Mit dieser Rolle wollte sich die Komödiantin Merman auch im dramatischen Fach etablieren. Ihr Einfluss auf die Entstehung des Stückes war dabei so groß, dass sie einen in ihren Augen zu jungen und unerfahrenen Stephen Sondheim (!) die Verantwortung für Musik und Songtexte entziehen ließ, ihm nur das Verfassen von Letzteren ermöglichte und den alteingesessenen Jule Styne zum Komponisten von „Gypsy“ machte. That’s what I call Diva-Power!

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Mama Rose – eine unaufhaltsame Dampfwalze

So wie es Madame Rose im Stück tut, verkörperte auch Ethel Merman wie kaum jemand anderes das Showbusiness. Der von Irving Berlin geschriebene Standard „There’s No Business Like Showbusiness” wurde zur Hymne des zugkräftigen Broadway-Stars. Und auch in Gypsy wurden Merman mit Nummern wie „Some People“ Bravourarien anvertraut, die von Antriebswillen, rigoroser Ambition und Showbiz-Optimismus nur so strotzen. Merman war stets die stabile Broadway-Madame gewesen, die im Zentrum einer Show und einer Bühne nie eine Aufführung verpasste, ohne Mikrofon in den Zuschauerraum schmetterte und dabei nie einen Ton verfehlte. Sie hielt die Maschinerie am Laufen und war eine unaufhaltsame Dampfwalze, wie auch die Figur der Rose eine ist. Der Charakter hat seitdem in dieser Hinsicht zwar durch namenhafte Darstellerinnen wie Angela Lansbury, Bernadette Peters oder zuletzt LuPone und Staunton eine Differenzierung erfahren, doch bleibt dieser unkaputtbare Antrieb des Merman-Geistes, der Mama Rose in „Gypsy“ wohl immer innewohnen wird.

Eines der besten Akt I-Enden der Musical-Geschichte

Wie also behauptete sich Susan Rigvava-Dumas als unaufhaltsame Bühnenmama in der Inszenierung vom Stadttheater Klagenfurt? Stimmlich sehr gut! Ich würde sogar behaupten, dass Rose noch nie besser gesungen wurde. Das bereits benannte Akt I-Finale „Everything’s Coming Up Roses“ wird auch hier zum Gänsehaut-Moment, als das Orchester unter der Leitung von Mitsugu Hoshino der Hauptdarstellerin nach einem Ritardando sogar noch eine kurze Kunstpause einräumt, bevor sie ihren letzten Ton in den Zuschauerraum schmettern darf. Diese letzte Note unterstreicht auch in Klagenfurt, dass es sich beim Akt I-Abschluss in „Gypsy“, wohl um einen der besten in der Geschichte des Musicals handelt (Rose braucht nämlich im Gegensatz zu Elphaba keinen Bühnenlift, um zu gefallen. Nicht’s für Ungut, Wicked!). Rose letzter Ausruf vor der Pause endet auf dem Wörtchen „You“. (Die Songtexte bleiben in Klagenfurt übrigens auf Englisch.)  Mit „You“ ist Louise gemeint, das arme, kleine Ding, das von der verblendeten Mutter zum Star gepusht wird. Auf diesen Starpodest hievt sie Rose in Klagenfurt sogar buchstäblich in Form von gestapelten Koffern, von deren Spitze die ängstliche Louise hilflos dabei zusehen muss, wie sie nun in den ambitionierten Fokus ihrer Mutter gerät. Eine Idee der Inszenierung, die gefällt (Regie: Igor Pinson). Doch leider muss ich sagen, dass dies eine der wenigen Regie-Highlights an diesem Abend ist.

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Mama Rose ist Showgeschäft

Der Inszenierung fehlt es nämlich vor allem an einem und das ist Tempo und davon ist alles betroffen. Ich räume ein: die Aufführungspraxis eines Repertoirestadttheaters ist nicht vergleichbar mit dem En-Suite-Spielbetrieb eines Broadway- oder West End-Hauses. Bei letzterem hat man im Vergleich zum ersteren die Möglichkeit der Übung und Perfektionierung des Materials, einfach weil man fast jeden Abend über einen langen Zeitraum hinweg spielt. Doch nicht nur ist „Gypsy“ die Verkörperung des Broadway-Musicals schlechthin und man erwartet damit fast schon einen exakten, präzisen und flinken Ablauf, vergleichbar mit dem lebhaften Verkauf eines Geschäfts. (Eines Showgeschäfts eben.) Auch Mama Rose ist flink, sie ist laut, sie ist geschäftstüchtig. Sie ist Showgeschäft. Sie übermannt die Theaterbesitzer mit ihrer rigorosen Redseligkeit („Madame Rose, Sie sind immer in der Mitte eines Satzes!“), feilscht bei der Bezahlung ihrer Theatertruppe um jeden Dollar, stielt für ein wenig Zusatzverdienst in einem Restaurant das Tafelsilber vom Tisch und geht sogar soweit mit ihrer Besessenheit nach Erfolg, dass sie Louise auf die Bühne eines Stripschuppens schubst. Diesem Geist von „Gypsy“ wird man in Klagenfurt nicht komplett gerecht, leider auch nicht Frau Rigvava-Dumas trotz all ihrer Stimmgewalt. Die Dialoge zwischen ihrer Rose und den anderen Charakteren ziehen sich in die Länge. Intensität will nicht so richtig aufkommen. So auch nicht z.B. mit Nigel Casey als Herbie, dessen Figur eigentlich als Mann gezeichnet werden sollte, der ständig zwischen Treuegefühl und Unverständnis gegenüber dieser unmöglichen Frau umherschwankt. Caseys Herbie ist viel mehr eleganter Song- und Dance-Man als  ein bodenständig-liebevoller Partner, der Roses Ego einfach nicht gewachsen ist. (Casey ist zudem stimmlich komplett überqualifiziert.) Vor allem auch das Verhältnis von Mutter Rose zu Tochter Louise (Annemieke van Dam), der komplette Wandel ihrer Machtpositionen im Verlauf des Stückes sollte etwas ungemein Spannendes und Persönliches sein. Dies bringt aber weder das Spiel auf der Bühne so richtig rüber, noch das Drumherum.

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Im Backstage-Bereich

In Klagenfurt denkt man sich anscheinend: Broadway-Musical, das heißt „groß“ und „opulent“ und ich muss zugeben: das Bühnenbild aus im Verlauf des Stückes immer größer werdenden Bühnenbögen macht schon was her (Jürgen Kirner). Mich stört auch nicht am meisten, dass auf Grund der Größe der Szenerie ständig auf- und abbauende Bühnenarbeiter zu sehen sind. Auch wenn dies durchaus irritierend ist (v.a. weil die Arbeiter teilweise mit modernsten Headsets ausgestattet sind), spielt ein Großteil des Stücks im Backstage-Bereich amerikanischer Theater. Ihre Sichtbarkeit kann also dramaturgisch einigermaßen erklärt werden. Doch die zu aufwendigen Umbauten dauern teilweise so lange, dass diese das Orchester mit längeren Zwischenspielen begleiten muss, die in der Partitur ursprünglich gar nicht vorgesehen sind. Szenen werden noch weiter auseinandergerissen, die Figuren und ihre Verhältnisse zueinander wollen nicht so richtig rüberkommen und der Abend dauert am Ende über drei Stunden, was nicht sein müsste. Ich habe es schon anders gesehen. Daher muss ich leider auch einem anderen Zuschauer zustimmen, der außerhalb des Theaters sein Urteil über den Abend abgibt und welches sinngemäß lautet: gut aber zu lang. Und diese Wirkung auf den Zuschauer nur für ein imposantes Bühnenbild, wenn man sich anstatt dessen gemäß dem Motto „Weniger ist mehr“ auf die Charaktere und die Story hätte konzentrieren können?

Das beste Book-Musical überhaupt

Ich finde es schade, dass „Gypsy“ in Klagenfurt größtenteils seine dramatische Wirkung verfehlt, denn Arthur Laurents schuf mit seinem Libretto das beste Book-Musical überhaupt. Das Stück erzählt nicht nur einfach eine unterhaltsame Backstage-Story, es hat viel zu sagen über unser Verhältnis zu unseren Eltern, unser Bedürfnis nach Liebe und Aufmerksamkeit und die Illusion des amerikanischen Traumes. Ja, es ist eine Komödie, denn über Rose‘ oftmals unbegreiflich überbordendes Verhalten und die unerträglich kitschigen und bunten Vaudeville-Nummern (Choreographie: Matthew Couvillon) darf gelacht werden. Lisa Habermann ist in Letzteren oft der strahlende Mittelpunkt als talentierte June und ihre aufgesetzte Glückseligkeit erscheint umso lustiger, wenn man sich bewusst ist, wie überdrüssig June den für sie viel zu kindischen Nummern schon längst ist. Gerade wegen Nebenfiguren wie ihrer sind auch in Klagenfurt aus dem Zuschauerraum immer wieder Lacher zu hören, zum Beispiel, wenn drei abgestumpfte und in die Jahre gekommene Stripperinnen (Seraphine Rastl, Bettina Schurek und Odette Brenninkmeijer) Louise die besonderen Maschen ihrer Stripkunst vorführen.

© Karlheinz Fessl

Von der Burlesque-Amateurin zum Striptease-Star

Doch am Ende ist es weder das Bühnenbild, noch die Witzeleien, welche die Stärke von „Gypsy“ ausmachen. Das sieht man letztlich auch in Klagenfurt, nämlich dann, wenn das Stück im späten zweiten Akt noch einmal richtig Fahrt aufnimmt. Als Rose nach der Ankunft im Burlesque-Theater und dem Kennenlernen mit den dortigen Stripperinnen ihre introvertierte Tochter auf die Bühne schickt, dann bleibt einem auch in Klagenfurt das Lachen im Halse stecken. Und die daraufhin folgenden letzten Minuten des Stücks sind auch der Grund dafür, warum ich die Aufführung an jenem Abend doch noch zufrieden verlassen habe. Es ist eine Art Szenenmontage, in der Annemieke van Dam als Louise immer wieder vor den Vorhang treten darf, jedes Mal in einem schickeren Burlesque-Outfit (Kostümbild: Katja Wetzel), jedes Mal ein wenig selbstbewusster, jedes Mal sich ein wenig mehr entblätternd. Es zeigt die im Stück über die Jahre stattfindende Verwandlung von der ängstlichen Burlesque-Amateurin Louise zum lasziven Striptease-Star Gypsy Rose Lee und Frau van Dam gelingt es hier mit ihrem Rollenporträt eine komplett überzeugende Entwicklung darzustellen. Wirklich atemberaubend wie van Dam als Gypsy von Auftritt zu Auftritt immer mehr Sexappeal, Eleganz und Koketterie versprüht. Das hier ist eine Frau, die zwar von ihrer Mutter zum Strippen gezwungen wurde, letztendlich aber dennoch Gefallen daran findet und ihr eigenes Ding daraus macht. Man kann völlig nachvollziehen, warum Louise letzten Endes doch noch die Zuschauermassen begeistert und durch ihr eigenes Tun zum Star wird.

Der Inbegriff der „11 o‘ Clock Number“

Der Star und seine Mutter Rose geraten in der darauffolgenden Szene in einer Umkleide aneinander. Die Tochter wirft der Mutter an den Kopf, dass sie sie endlich loslassen müsse und macht ihr klar, dass sie sie nicht mehr brauche. Rose zieht geschlagen ab und sinniert in ihrer finalen Nummer „Rose’s Turn“ über ihr eigenes Bedürfnis nach Star-Ruhm und alle ihre Nächsten, die sie durch ihr besessenes Streben verloren hat. Während sich ihre Tochter inzwischen professionell zur Stripperin entwickelt hat, verführt Rose quasi einen Seelenstriptease. Es ist der Inbegriff der „11 o‘ Clock Number“ und Susan Rigvava-Dumas wird hierbei nicht nur stimmlich dem Ganzen gerecht. Sie scheint auch darstellerisch mehr Register zu ziehen, bis zu dem Punkt, dass ihre Rose voller Verzweiflung auf die Knie geht. Und auch wenn ich an der Klagenfurter Inszenierung einiges auszusetzen habe und mich speziell in dieser Szene wieder einige Bühnenbild-verschiebende Arbeiter hinter Frau Rigvava-Dumas von ihrer Performance ablenken, so ist es in diesem Moment dann doch eine Performance, die es Wert ist, zumindest kurz niederzuknien. Denn bei allen Kritikpunkten: letzten Endes liebe ich „Gypsy“. Also heißt es am Ende Danke zu sagen, Stadttheater Klagenfurt, dass du dieses Musical mal wieder in deutschsprachige Gefilde gebracht hast!

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„Gypsy“ – Stadttheater Klagenfurt

Broadway Uraufführung: 21.05.1959, Broadway Theatre (New York)
Premiere im Stadttheater Klagenfurt: 23. März 2017
Besuchte Vorstellung: 22. April 2017
Musik: Jule Styne
Songtexte: Stephen Sondheim
Libretto: Arthur Laurents
Regie: Igor Pison
Choreographie: Matthew Couvillon
Musikalische Leitung: Mitsugu Hoshino
Bühne: Jürgen Kirner
Kostüme: Katja Wetzel
Dramaturgie: Philine Kleeberg

Besetzung: Susan Rigvava-Dumas (Rose), Nigel Casey (Herbie), Annemieke van Dam (Louise), Lisa Habermann (June)

Beitragsbild © Karlheinz Fessl