Wer an diesem Abend die Eingangshalle des Prinzregententheaters betrat, konnte bereits die lustige, beschwingte Atmosphäre aufnehmen, die er in der Vorstellung erwarten durfte: Familien vom Kindergartenkind zur Großmutter belagerten mit Vorfreude diskutierend das Foyer. Schließlich besuchte man die Aufführung eines Kult-Stückes, das, obwohl es schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, immer noch seinen Zauber entfaltet.
Das berühmte Kinderbuch, von keinem geringeren als Ian Fleming, dem berühmten Schöpfer von James Bond, geschrieben, wurde 1968 verfilmt. Namhafte Musiker wie die Sherman Brothers, die bereits „Mary Poppins“ und „Das Dschungelbuch“ musikalisch untermalt hatten, schrieben die Musik dazu und garantierten somit den Erfolg des Familienfilms. Das Londoner West End machte 2002 aus dem Film ein Bühnen-Musical, das nach dreieinhalb Jahren auch seinen Weg an den Broadway fand.
2014 inszenierte Staatsintendant Josef E. Köpplinger die kontinentale Erstaufführung von „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“. Nach einer Wiederaufnahme 2015 ist der beliebte Klassikers nun seit dem 11. Juni 2017 für wenige Vorstellungen im Prinzregententheater, der Ausweichspielstätte des Gärtnerplatztheaters, zu sehen.

Die Handlung des fantastischen Musicals ist schnell erzählt. Der verwitwete Erfinder Caractacus Potts erfüllt seinen zwei Kindern Jeremy und Jemimas einen besonderen Wunsch, indem er ein Schrottauto kauft und dieses wieder verkehrstüchtig macht. Sein schräger Vater und die offenherzige Truly Scrumptious, Tochter eines Süßwarenfabrikanten, unterstützen ihn. Das reparierte Auto, das sie aufgrund der Geräusche, die es von sich gibt, Tschitti Tschitti Bäng Bäng nennen, hat nicht nur für die Kinder eine besondere Bedeutung, es entpuppt sich auch als magisches Fahrzeug, das sowohl schwimmen als auch fliegen kann. Diese besonderen Fähigkeiten des Wagens wecken aber auch Begehrlichkeiten bei dem diktatorisch regierenden Baron von Vulgarien, der fortan das Auto auf verbrecherische Art und Weise in seinen Besitz bringen will und deshalb den Großvater entführt. Caractacus, Truly, Jeremy und Jemimas begeben sich mit Tschitti Tschitti Bäng Bängs Hilfe auf eine abenteuerliche Reise nach Vulgarien, um den Großvater zu befreien.

© Thomas Dashuber

Abenteuer und Emotionen gebettet in eingängige Musik

Tschitti Tschitti Bäng Bäng nimmt auf dieser Fahrt im wahrsten Sinne des Wortes das ganze Publikum mit. Denn hier ist für jede Altersgruppe was dabei! Durch die vielseitigen Tanz- und Gesangnummern wird jeder Generation Rechnung getragen. Ob die rosarote Szene in der Süßwarenfabrik, die hervorragend Kinder anspricht, der „Bombie-Samba“, in der leicht bekleidete Herren einen erotischen angehauchten Tanz aufführen, oder die Nummer der gefangenen Wissenschaftler in Vulgarien, die in Lumpen und Ketten die politische Komponente beisteuern, in diesem Familienmusical wird jeder Geschmack bedient. Neben dem Abenteuer bietet das Musical auch eine Menge Emotion rund um die Grundidee: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst! Glaub an deine Träume, denn mit Intelligenz, Willenskraft und Erfindungsreichtum werden sie wahr! Wer sich als Zuschauer auf dieses Motto einlassen kann, dem wird eine märchenhafte Welt aufgezeigt, in der das Gute siegt und das Böse langfristig keine Chance hat.

© Thomas Dashuber

Die vielseitige Musik fügt sich wunderbar in das Gesamtkonzept des Musicals ein. Geschickt komponiert ist beispielsweise eine der ersten Szenen, in der Caractacus und seine zwei Kinder vorgestellt werden. Das Lied „Ich hab euch zwei“ wird dann nur kurze Zeit später, als der Großvater auftaucht kurzerhand als Reprise in ein „Ich hab euch drei“ umgedichtet. Ohrwurm-Charakter haben auch Melodien wie „Sandmännchens Berge“, das Wiegenlied, das der Vater am Abend seinen Kindern singt, das beschwingte „Toot Sweets“, „Teamwork“ als wunderbarer Song über Zusammenarbeit und natürlich das Titellied „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“, das sich als wiederkehrendes Hauptmotiv durch den gesamten Abend zieht.
Das Orchester des Gärtnerplatztheaters unter der musikalischen Leitung von Michael Brandstätter zeigte zu jedem Zeitpunkt seine Vielseitigkeit und lieferte einen kräftigen Sound, den man manchmal im Musicaltheater vermisst.

© Thomas Dashuber

Durchwegs perfekt besetztes Ensemble

Peter Lesiak als Erfinder Caractacus Potts spielt die Rolle eines liebenswerten Papas, der nicht perfekt ist, aber seinen Kindern in grenzenloser Zuneigung zugewandt agiert. Er ist sowohl gesanglich, als auch schauspielerisch eine gelungene Besetzung. Als seine Partnerin ist Katja Reichert zu sehen, die durch Potts Kinder eine Verwandlung durchlebt und von der verwöhnten Fabrikantentochter zur liebevollen, besorgten Ersatzmutter wird. Die Kinder, Amelie Spielmann und Marinus Hohmann, die beide schon in anderen Produktionen des Theaters auf der Bühne standen, fungieren mit ihrer Naivität und Schutzbedürftigkeit als Bindeglied zwischen den Erwachsenen und sorgen für so manchen Lacher.
Als Baron Bomburst steht Erwin Windegger auf der Bühne. Dieser versteht es vortrefflich, sich von Beginn an unbeliebt zu machen und dies durch sein komödiantisch übertriebenes Spiel bis zum Ende aufrechtzuerhalten. Sigrid Hauser, als skrupellose Gattin des Barons von Vulgarien, gibt genauso gekonnt die Verkörperung des Bösen, verleiht ihrer Rolle aber gleichzeitig eine Portion Lächerlichkeit, die beim Publikum für Heiterkeit sorgt.
Der Slapstick-Part fällt Patrick A. Stamme und Stefan Bischoff als Spione Boris und Goran zu, die schon beim Betreten der Bühne die Lacher auf ihrer Seite haben.
Daneben steht noch der Chor, der Kinderchor, das Ballett und die Statisterie des Gärtnerplatztheaters auf der Bühne, die durchgehend für lebendige Szenen sorgen.

© Thomas Dashuber

Regie, Choreografie und Ausstattung

Die Inszenierung von Josef E. Köpplinger bleibt dicht an der Geschichte und liefert ein hohes Maß an Unterhaltung. Seine Regie zielt vordergründig auf den Comedy-Faktor ab. Die Dialoge sind schnell, witzig und erfüllen ihren Zweck, nämlich das Publikum zu erheitern. Dem Staatsintendant gelingt es, die vielen Menschen auf der Bühne sehenswert zu koordinieren und aufregende Szenen zu erschaffen.
Ricarda Regina Ludigkeits vielseitige Choreografie begleitet das bunte Treiben auf der Bühne und lässt die verschiedenen Tanznummern sowohl ästhetisch als auch humorvoll erscheinen. Vom Tanz in der Süßwarenfabrik über den bereits erwähnten Samba bis zum ausgelassenen Bambusstock-Tanz auf dem Jahrmarkt – Abwechslung ist hier Programm.
Die Aufführung wird dominiert von aufwändigen Kostümen, Bühnenbild und zuweilen einer dicht bevölkerte Bühne mit fetzigen Tänzen zu schmissiger Musik, die den Saal zum Beben bringen.
Der bereits „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“-erprobte Besucher, der die Geschichte beispielsweise bereits durch den Film oder das Buch kennt, kommt im Vorfeld nicht umhin, sich zu fragen, wie die Aufgabe, ein fliegendes Auto auf die Bühne zu bringen, gelöst werden kann. Die Herausforderung wurde von den Bühnenarbeitern elegant gelöst und brachte anerkennenden Applaus vom Publikum.

© Christian POGO Zach

Zwischen den Gesang- und Tanznummern fließt die Geschichte mit Leichtigkeit dahin, wobei der Regisseur bewusst mit dem Vorwissen der Zuschauer zu spielen scheint. Denn nicht jedes Detail der Erzählung wird herausgearbeitet. So wird der Zuschauer zwar auf die wunderbar lustige Geburtstagsfeier des Barons eingeladen, doch dadurch entgeht ihm leider der Höhepunkt der Geschichte, nämlich die Befreiungsaktion durch das Auto Tschitti Tschitti Bäng Bäng. Wie diese vonstatten gegangen ist, erfährt man nur durch eine Dialog zwischen den Kindern und ihrem Vater und dann befindet man sich plötzlich schon im großen Finale, samt Happy End und fliegendem Auto. Der Zuschauer muss davon ausgehen, dass absichtlich diese Details ausgelassen wurden, um die eigene Fantasie spielen zu lassen.

Abwechslungsreiche Unterhaltung

„Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ ist das, was es sein möchte, nämlich ein kunterbuntes Familienmusical. Auch wenn das Buch den Haupthandlungsstrang lückenhaft verfolgt und es Szenen gibt, welche die Handlung nicht vorantreiben, geht es in diesem Mehr-Generationen-Musical vor allem um Unterhaltung für die ganze Familie. Denn genau darin zeigt es seine Stärke. Durch ein eindrucksvolles Bühnenbild, fantasievolle Kostüme, Musik, die ins Ohr geht und ein großartiges Ensemble wird der Zuschauer für zweieinhalb Stunden in eine märchenhafte Welt entführt.

„Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ läuft noch bis zum 18. Juni 2017 im Prinzregententheater. Tickets und Infos gibt es hier.

„Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ in München

Uraufführung: 16. April 2002, London Palladium
Kontinentale Erstaufführung: 30. April 2014, Prinzregententheater München
Besuchte Vorstellung: 11. Juni 2017, Prinzregententheater München
Musik und Gesangstexte: Richard M. Sherman und Robert B. Sherman

Bearbeitung für die Bühne: Jeremy Sams und Ray Roderick
Deutsche Übersetzung: Frank Thannhäuser
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Regie: Josef E. Köpplinger
Choreografie: Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne: Karl Fehringer, Judith Leikauf
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger, Josef E. Köpplinger
Video: Meike Ebert, Raphael Kurig, Thomas Mahnecke
Choreinstudierung: Felix Meybier
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz

Besetzung: Peter Lesiak (Caractacus Potts), Katja Reichert (Truly Scrumptious), Frank Berg (Großvater Potts), Erwin Windegger (Baron Bomburst), Sigrid Hauser (Baronin Bomburst), Markus Meyer (Der Kinderfänger), Jeremy Potts (Marinus Hohmann), Jemima Potts (Amelie Spielmann), Patrick A. Stamme (Boris), Stefan Bischoff (Goran)
Ensemble: Christian Schleinzer, Lars Schmidt, Evita Komp, Nicola Gravante, Susanne Seimel, Thomas Hohenberger, Peter Neustifter, Alexander Moitzi, Carl van Wegberg, Corinna Ellwanger, Leoni Kristin Oeffinger, Katharina Lochmann
Chor, Kinderchor, Ballett und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Beitragsbild: © Thomas Dashuber

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.