In dieser neuen Reihe erzählen unsere Autoren ihre ganz persönliche Geschichte, wie sie das Genre Musical kennen und lieben lernten. Uns alle verbindet die Leidenschaft für diese Kunstform, was uns an ihr aber am meisten fasziniert und welches Stück den Fan in uns weckte, ist von Person zu Person unterschiedlich. Teil 2 kommt heute von Nadine.

Unterschwellig war die Begeisterung für Musicals immer schon vorhanden, der große Knall kam jedoch in Stuttgart.

„Musikalische Früherziehung“ by Disney

Da meine Kindheit eine typische Kindheit der 90er Jahre war, gehörten Disney-Filme für mich und wahrscheinlich auch für viele Leser einfach dazu und haben bei mir wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ich eine Liebe für Musicals entwickelte. Schließlich sind die klassischen Disney-Zeichentrickfilme wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Aladdin“ nichts anderes als ziemlich fantastische Musicals in Filmform. Auch wenn ich heute immer wieder enttäuscht bin, wenn ich einen alten Disney-Klassiker live auf der Bühne sehe, waren sie doch meine erste Berührung mit dem großen Genre Musical und bereichern auch heute noch meine verregneten Sonntage.

Mein zweiter wesentlicher „Meilenstein“ in meiner Laufbahn als Musical-Fan waren dann wohl die CDs, welche meine Eltern immer von ihren Musical-Reisen nach Hamburg, Wien oder Stuttgart mit nach Hause brachten. Wir durften leider nie mit als wir noch klein waren, aber die CDs liefen vor allem bei meiner Mutter immer rauf und runter, was bei mir und meiner Schwester natürlich in irgendeiner Form einen bleibenden „Schaden“ hinterlassen musste. Vor allem die zum Teil selbst choreographierten Performances von „Starlight Express“ sind mir noch bildlich in Erinnerung und ich verstehe bis heute nicht, warum meine Eltern uns beide nicht irgendwann zur Adoption freigegeben haben, da ich „Starlight Express“ heute absolut gar nichts mehr abgewinnen kann.

Vor allem eine CD hat bei mir in der Familie einen ganz besonderen Platz im CD-Regal, da sie grundsätzlich im Auto lief, wenn im Laufe des Jahres ein Urlaub anstand: Die CD von „Tanz der Vampire“. Das Musical war auch das erste große Musical, das ich im Jahr 2001 in Stuttgart sehen durfte und war für mich der Startschuss zu vielen Familien-Städte-Trips inklusive der vielen Produktionen von Stage Entertainment (ehemals Stage Holding) und den Vereinigten Bühnen Wien.

The Big Bang

Obwohl ich also bereits früh mit Musicals in Berührung kam und ich auch immer schon viel Begeisterung für das Genre gezeigt habe, war es doch eine eher oberflächliche Beziehung. Außer vielleicht Andrew Lloyd Webber hätte ich keinen einzigen Musicalkomponisten beim Namen nennen können und auch welcher Darsteller da auf der Bühne stand, war mir eigentlich relativ egal. Über den kurzweiligen Unterhaltungswert bin ich bei Musicals also erst einmal nicht hinausgekommen.

© Stage Entertainment

Erst mit dem Musical „Wicked“ hat sich meine Leidenschaft richtig entfaltet und mir von einem Moment auf den anderen eine ganz neue Welt eröffnet, ohne die ich inzwischen nicht mehr leben möchte (hier meine Gedanken zu den Stuttgarter „Wicked“-Zeiten). Der große Knall sozusagen. Als „Wicked“ noch weit entfernt war von seiner deutschsprachigen Erstaufführung in Stuttgart im Jahr 2007, hatte ich bereits die CD der Original Broadway Cast zuhause liegen, hatte alle Videos über das Musical im Internet verschlungen und wollte nichts sehnlicher als dieses Stück live auf der Bühne sehen. Vor allem der Entstehungsprozess zur deutschsprachigen Erstaufführung habe ich verfolgt wie einen guten Krimi und als das Musical endlich in Stuttgart lief, hat es meine Erwartungen so weit übertroffen, dass ich einfach nicht anders konnte als ein Fan der ersten Stunde zu werden.

Nicht gestorben, nur verlagert

Während ich Musicals immer schon wegen der Mischung aus Musik, Tanz und Schauspiel gemocht habe und vor allem von der großen Ausstattung und Technik begeistert war, faszinierte „Wicked“ mich auf einer ganz neuen Ebene. Hier waren die Kostüme, Kulissen und der technische Aufwand zwar atemberaubend und für mich das Schönste was ich je auf einer Bühne gesehen hatte, besonders angetan war ich jedoch von der Geschichte und den Charakteren und wie es die Komposition von Stephen Schwartz schaffte, mich gefühlstechnisch so nah am Bühnengeschehen teilhaben zu lassen.

Auch war dank „Wicked“ schnell der Weg für mein Interesse an Musicals außerhalb Deutschlands geebnet. Während mich in Deutschland noch das Genre an sich interessiert hat, reizten mich vor allem die Vielzahl der kreativen, individuellen Shows am Broadway und im Londoner West End. Besonders, dass es nicht mehr nur noch darum ging, eine schöne Geschichte mit Tanz und Musik zu erzählen, sondern oft auch (ernste) Themen angesprochen werden, die man hierzulande in Musicals nicht erwartet, steigerte meine Leidenschaft für das Genre ungemein.

Zum einen möchte ich die großen Musicalproduktionen, mit denen ich praktisch aufgewachsen bin, auf keinen Fall missen und würde jederzeit gerne wieder eines der vielen Disney-Musicals oder Klassiker wie „Tanz der Vampire“ besuchen, da sie für mich einfach irgendwie auch dazu gehören.  Meine eigentliche Leidenschaft hat sich jedoch inzwischen verlagert und konzentriert sich mehr und mehr auf Stücke vom Broadway, die leider viel zu selten den Weg zu uns nach Deutschland finden oder bei uns nicht den Erfolg erfahren, den sie in meinen Augen verdient hätten. Wenn man mich also nach meinen liebsten Musicals fragt, wäre die Antwort wohl ein wildes Potpourri aus ganz viel „Wicked“, einer Prise deutscher Musicals wie „Tanz der Vampire“ und „Elisabeth“, ein bisschen Musical-Klassiker à la „Jesus Christ Superstar“, „Hair“ und „Pippin“ sowie sehr viel moderne Broadway-Hits wie „Hamilton“ und „Rent“.

Weitere Artikel der Reihe

Hier lest ihr, wie unsere Autorin Anna zum Musical-Fan wurde.

Beitragsbild: © KULTURPOEBEL.de

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.