Grundsätzlich hört ja meine Liebe zum Musical bei den Bombast-Werken von Webber & Co. ab den 70er/80er Jahren auf. Ich bevorzuge den Good Old Broadway mit seinen West Side Storys, Funny Girls und Hello, Dolly!s. Ich würde daher gerne behaupten, dass meine Faszination für das Genre schon immer auf diesen Stücken aufgebaut hat. Tatsächlich kam ich speziell mit Bernsteins Meisterwerk schon in der 5. Klasse des Gymnasiums in Berührung, als wir im Rahmen des Lehrplans die Filmversion anschauen durften/mussten. Ich schien auch der einzige Junge in der Klasse zu sein, der angesichts des Liebens, Schmachtens, Leidens und Sterbens von Tony, Maria & Co. auf der Leinwand nicht in pubertäres Gelächter ausbrechen wollte.

Im gleichen Jahr durfte ich auch Andrew Lloyd Webber kennenlernen und es wäre eine Lüge zu behaupten, dass ich ihm schon immer skeptisch gegenüberstand. Gemeinsam mit dem Unterstufenchor gab ich nämlich auf dem alljährlichen Schulkonzert eine Interpretation von „Memory“ zum Besten, die es in sich hatte. Dieser von fünfzig Kinderstimmen unisono angestimmte Katzenjammer wurde dabei zwar dem Inhalt des Stückes gerecht, sollte jedoch keine Ausgangssituation für meine ausufernde Musicalpassion sein. Da unserer Chorleiterin allerdings viel an unserer fachgemäßen Vorbereitung lag, durften wir uns in den Proben auch die Filmaufnahme von Cats ansehen und ich war sofort besessen, nicht nur weil Elaine Paiges Gesangsdarbietung im Gegensatz zu der unseres Chores in positiver Hinsicht für Gänsehaut sorgte. Die eingängigen Songs, der exzentrische Tanz, die vielen unterschiedlichen Katzencharaktere: Spätestens als mein Vater mir die DVD-Version von „Cats“ schenkte, war es um mich geschehen.

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Also ja, wie viele andere Musical-Ottonormalverbraucher war ich in meiner Kindheit ein Webber-Fan und lernte auch andere Stücke wie „Das Phantom der Oper“, „Joseph“ oder „Jesus Christ Superstar“ kennen, die ja unter Musicalfans nicht gerade als Geheimtipps gelten. Hier zu Lande jedoch nicht ganz so populäre amerikanische Broadway-Musicals schienen im direkten Vergleich bei mir trotzdem immer eine Nasenlänge vorne zu sein. Am besten kann da wohl meine kleine Schwester ein Lied von singen, die mich ja fast schon anflehte, endlich mal andere Songs als die aus „Chicago“ anzustimmen. Die Oscar-prämierte Filmversion des Kander & Ebb-Musicals war eine Obsession meiner Jugend. Starke Frauenfiguren, kreischender Jazz und heißer Tanz werden mich auf einer Musicalbühne seitdem immer mehr begeistern können, als unschuldige Mädchen, rührselige Popballaden und Massenaufmärsche.

Die amerikanische Serie „Glee“ tat ihr Übriges. Schaue ich heute zurück, würde ich sie schon eher als Guilty Plessure bezeichnen, vor allem weil ich die autogetunten Gesangsstimmen der Serien-Cast bei einem heutigen Reinhören einfach nicht mehr ertragen kann. Doch „Glee“ hat insofern sein Soll erfüllt, dass es mir dabei half mein Wissen über amerikanische Musicals um noch viel mehr Stücke zu erweitern. So kenne ich etwa meinen absoluten Musical-Favoriten „Gypsy“ dank „Glee“. Und auch meine Liebe zu „Anything Goes“ geht auf die Serie zurück.

Cole Porters Hitparaden-Show scheint dann auch Anteil an meiner endgültigen Bekehrung zur Musical-Religion gehabt zu haben. Da meine Berufsausbildung nach dem Abitur nicht gerade eine Lebenserfüllung für mich darstellte, nutzte ich jede Sekunde meiner Freizeit umso mehr, alles anzubeten, was der Broadway-Himmel mir so offenbarte. Ein Segen war dabei auch Sutton Foster, die als blonder Engel Reno im Broadway-Revival von „Anything Goes“ 2011 über die Bühne steppte und seitdem in mir einen liebenden Anhänger gefunden hat. Obwohl ich mich eher als Religionsskeptiker bezeichnen würde, hab ich im Musical seitdem wohl auch meine ganz eigene Glaubensrichtung gefunden, die mir auch durch diese nicht immer ganz glückliche Zeit geholfen hat.

Dieser Glaube an das Musical begleitet mich bis heute, nicht nur weil er seitdem für viele vergnügliche Stunden im Theater gesorgt hat oder weil ich dank ihm ein neues Hobby, nämlich den Stepptanz für mich entdeckt habe oder weil ich wegen ihm nach meiner Ausbildung ein Studium begonnen habe, in dem ich wissenschaftliche Arbeiten über ihn schreiben darf. Nein, das Musical ist für mich einfach eine Konstante, es gibt immer die passenden Songs für jede Lebenssituation, passende Themen, die einen immer wieder zum Nachdenken anregen und passende Aussagen, die einen bestätigen, auch wenn es mal nicht so rund läuft. Und ja, – ich räume es ein –  daran hat auch Herr Webber seinen Anteil.

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