Das Musical ist ursprünglich eine durch und durch amerikanische Kunstform. Mit einem Blick auf die letzten drei Broadway-Saisons lässt sich feststellen, dass auch heute die wegweisenden Genreentwicklungen nach wie vor in New York stattfinden. Wenn es um das europäische Musical-Zentrum geht, denken die meisten sicher direkt an London mit dem Westend und seiner stetig wachsenden Fringe-Kultur.  

© Micke Sandström

Daneben können auch wir im deutschsprachigen Raum uns mit dem breiten Angebot an Ensuite-Produktionen, Tourneen, Freilichtsommern, Stadt- und Staatstheatern und einer sich langsam etablierenden Off-Szene kaum über einen Mangel an Musicaltheater beschweren. (Auch wenn man sich manchmal eine mutigere Stückauswahl wünschen würde – als sei die Musical-Evolution bei „My Fair Lady“ und „West Side Story“ stehen geblieben …) Interessanterweise ist uns dabei genau vor unseren Augen ein europäisches Land schon die ganze Zeit einen Schritt voraus und keiner hat es mitbekommen: Schweden.

Vom Broadway direkt nach Skandinavien

Die Grundidee für diesen Artikel entstand vor ein paar Wochen, als ich durch Zufall auf Tumblr entdeckte, dass im April 2017 bereits die Europapremiere von „Fun Home“ in Stockholm stattgefunden hatte. Meine Begeisterung, dass mein Lieblingsmusical schon so bald nach der Broadway-Premiere den Sprung über den großen Teich geschafft hatte, mischte sich mit Irritation: Wie konnte es vollkommen an mir vorbeigegangen sein, dass dieses Stück, das mir so am Herzen liegt, schon in einer hochprofessionellen Produktion an einem renommierten europäischen Theater zu sehen war, wo ich doch alle News zu der Show immer mit Spannung verfolge?

© Sören Vilks

Eigentlich ist die Europapremiere von „Fun Home“ – zumindest für mich – eine Riesensache (und sollte es auch für die Musical-Entwicklung in Europa in einem viel größeren Maße sein), aber auf keiner deutsch- oder englischsprachigen Musical-Internetseite wurde auch nur ein einziges Wort darüber berichtet. Dadurch stellte sich mir die Frage, was wohl in den letzten paar Jahren musicaltechnisch noch so alles in Schweden abgegangen sein muss, wovon man hier so gut wie gar nichts mitbekam. Nach einer kurzen Recherche staunte ich nicht schlecht.

© Sören Vilks

Die bedeutenden Musicalhäuser in Schweden sind die Malmö Opera, das Chinateatern und das Kulturhuset Stadsteatern in Stockholm sowie die Wermland Opera in Karlstad. In den letzten Jahren waren dort unter anderem „Next to Normal“, „If/Then“, „Book of Mormon“, „American Idiot“, „Kinky Boots“ und „Billy Elliot“ zu sehen – alles davon Non-Replica-Produktionen, also keine bloßen Kopien der Broadway-Versionen, sondern vollkommen eigene Inszenierungen mit neuer Ausstattung, Regie und Choreografie. Eines haben diese Stücke gemeinsam: Sie waren alle in Schweden zu sehen, bevor sie überhaupt in den deutschsprachigen Raum kamen; von den meisten davon steht die deutschsprachige Erstaufführung überhaupt noch aus.

Mit einem Blick auf „Fun Home“, Next to Normal“ und „If/Then“ war Schweden in dieser Stückauswahl sogar London oft einen Schritt voraus. Die deutschsprachigen Musical-Experten fragen sich schon seit Jahren, ob „Book of Mormon“ bei uns funktionieren könnte – Schweden hat’s einfach gemacht. „Billy Elliot“ ist diesen Sommer endlich erstmals in Deutschland zu sehen, aber eben nur als Station der UK-Tour, weil sich scheinbar keine geeigneten deutschen Kinderdarsteller finden und das deutsche Jugenschutzrecht sehr konsequent und eng gefasst ist. In Malmö und Stockholm wurde das Stück letztes Jahr in schwedischer Sprache und mit schwedischen Jungs aufgeführt. 2008, zwei Jahre nach der Broadway-Premiere, kam „Spring Awakening“ nach Schweden, noch bevor es im Folgejahr in London und Wien aufgeführt wurde.

© Mats Bäcker

Auch bei „Fun Home“ zerbricht man sich den Kopf darüber, ob das Stück nicht zu gewagt ist für uns, ob wir denn überhaupt schon bereit sind für so etwas. In Stockholm wurde es nun vom Publikum frenetisch aufgenommen – in einer Inszenierung, die sich ästhetisch noch näher an Alison Bechdels Graphic-Memoir-Vorlage zu orientieren scheint als die Broadway-Fassung und stellenweise sogar auch mutiger wirkt. (So zog sich Joan vor „Changing My Major“ komplett aus, was auf der amerikanischen Musical-Bühne natürlich viel zu skandalös wäre.) Als Bruce Bechdel stand in Schweden übrigens Frederik Lycke auf der Bühne – die deutsche Gesangsstimme aus Disneys „Hercules“ und Erstbesetzung Phoebus bei der Uraufführung vom „Glöckner von Notre Dame“ 1999 in Berlin. (Nach Drew Sarichs Dernière übernahm er sogar die Erstbesetzung Quasimodo.)

Lustigerweise war sogar „Elisabeth“ – das, wie wir ja alle wissen, erfolgreichste deutschsprachige Musical aller Zeiten – zwei Jahre, bevor es überhaupt zum ersten Mal nach Deutschland kam, schon 1999 in Karlstad zu sehen. „Doctor Zhivago“ – ein ursprünglich englischsprachiges Musical, das 2006 in Kalifornien uraufgeführt wurde –wurde 2014 sogar noch ein Jahr vor der Broadway-Premiere(!) in Malmö gespielt.

© Øyvind Lund

Jason Robert Browns gewaltiges Meisterwerk „Parade“ (auf Platz 5 unserer Liste der schönsten Musical-Scores) wird dieses Jahr von dem Freien Musical-Ensemble Münster endlich zum ersten Mal in den deutschsprachigen Raum gebracht. Ein professionelles Theater traut sich hierzulande bis heute nicht an den Stoff, was eine schreckliche Verschwendung ist. Ihr könnt es euch sicher schon denken: „Parade“ war bereits vor einigen Jahren hervorragend inszeniert in Schweden zu sehen. Die Liste innovativer Broadway-Importe, die vor London und dem deutschsprachigen Raum bereits in Skandinavien über die Bühne gegangen waren, lässt sich ewig fortsetzen. (Neben Schweden bringen auch Norwegen, Finnland und Dänemark viele spannende europäische Erstaufführungen.)

Wohnst du noch oder singst du schon?

Viktoria Tocca, die in Füssen an der Seite von Jan Ammann in „Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies“ (nicht zu verwechseln mit „Ludwig²“) mitspielte, ist in Schweden eine gefragte Singer-Songwriterin, die bald in der schwedischen Erstaufführung von „Die Brücken am Fluss“ zu sehen sein wird. Vor zwei Jahren startete sie gemeinsam mit einigen Schauspielkollegen (darunter Jesper Tydén) die Konzert-Tournee „Från Broadway till Duvemåla“ („Von Broadway nach Duvemåla“), bei der sogar Jan Ammann als Gastsolist dabei war und dem schwedischen Publikum einige Lieder aus „Tanz der Vampire“ präsentierte.

Die Tour ist noch immer erfolgreich in Schweden unterwegs und zog unter anderem die Veröffentlichung eines Albums mit sich. Der Name spielt auf den großen schwedischen Musicalerfolg „Kristina från Duvemåla“ von Benny Andersson und Björn Ulvaeus an, der seit der Uraufführung 1995 in Malmö auch viel internationale Beachtung erfahren hat. Konzertante Aufführungen in englischer Sprache fanden 2009 in der Carnegie Hall in New York und 2010 in der Royal Albert Hall in London statt. Im deutschsprachigen Raum ist „Kristina“ bisher noch gar nicht angekommen. Wenn euch das Stück noch kein Begriff ist, solltet ihr unbedingt mal in „Du måste finnas“ („You Have to Be There“) reinhören.

© Matthew Murphy

Die Musicalproduktion, die in den letzten Jahren wahrscheinlich die größte Mainstream-Aufmerksamkeit in Schweden bekam, war (als eine der wenigen Replica-Produktionen) Cameron Mackintoshs Originalversion vom „Phantom der Oper“ mit Peter Jöback und Anton Zetterholm – also keines der vielen innovativen neuen Werke, sondern ein bewährtes Webber-Stück. Daneben erwies sich vor allem „Billy Elliot“ als Überraschungshit mit breiter nationaler Berichterstattung und Auftritten in großen Fernsehshows. Sprechtheater hat in Schweden eine weit zurückreichende Tradition, aber über Musicals wird selten in den Mainstream-Medien berichtet und wenn, dann sind es eben Stücke wie „Phantom“, die die größte öffentliche Aufmerksamkeit bekommen.

Ein bedeutender Unterschied zu unserer deutschsprachigen Musicalszene liegt darin, dass es keine richtige Online-Community gibt. Wir haben zahlreiche Foren, Facebook-Gruppen, Fanblogs und Online-Magazine. Die leidenschaftlichen schwedischen Musical-Fans haben viel weniger Plattformen dieser Art, weshalb sich ein großer Teil des Austauschs auf Tumblr oder Instagram verlagert.

An dieser Stelle übrigens ein großes Dankeschön an die Tumblr-Userinnen Emma und Karin, die mich mit hilfreichen Tipps und Insider-Informationen über die schwedische Musicalszene beim Schreiben dieses Artikels unterstützten! Tack så mycket!

© Sören Vilks

Innerhalb dieser schwedischen Fanszene haben die nordeuropäischen Musical-Produktionen einen sehr hohen Stellenwert, da die Inszenierungen qualitativ extrem hochwertig sind, was von der Übersetzung über die Ausstattung bis hin zur Besetzung geht.

Die Vernetzung der Fans steht dort zwar noch am Anfang und die Online-Community muss erst „von innen heraus“ auf- und ausgebaut werden, aber was die Stückauswahl und die Standards der Inszenierungen angeht, nimmt Schweden eine nicht zu unterschätzende Vorreiterposition in Europa ein. Manchmal lohnt es sich, ein wenig über den Tellerrand (vor allem Richtung Norden) zu schauen und die Musical-Landschaft im deutschsprachigen Raum kann sich hierbei von den skandinavischen Theaterschaffenden noch mehr als eine Scheibe abschneiden!

Folge Niklas auf seinem Musical-Blog www.theaterdistrikt.net

Beitragsbild: © Sören Vilks

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Niklas Wagner
“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” - Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: ... dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!