Das Musical-Genre entwickelt sich ständig weiter und passt sich dabei immer wieder neu den Sehgewohnheiten des Publikums und aktuellen Strömungen in der (vor allem US-amerikanischen) Popkultur an. Auch innerhalb der Kunstform lassen sich über verschiedene Zeiträume bestimmte Tendenzen in den Subgenres beobachten. Nicht alle diese Trends, die sich im Genre-Hotspot New York abzeichnen, sind bereits in den deutschsprachigen Raum übergeschwappt, aber vor allem am Broadway ist die kontemporäre Musical-Revolution schon längst nicht mehr aufzuhalten.

© Chad Batka

Wenn ich hier von Kostümdramen spreche, habe ich eine ziemlich große Bandbreite an Shows im Kopf, für die mir dieser Sammelbegriff am geeignetsten erschien. Er soll in diesem Zusammenhang auch überhaupt nicht negativ gemeint sein. Ich will diese Stücke damit nicht auf ihre Ausstattung reduzieren oder als oberflächlich abtun – im Gegenteil, viele der Shows, mit denen ich mich hier beschäftige, gehören zu den komplexesten und vielschichtigsten des Genres.

Allerdings lässt dieser Begriff meiner Meinung nach mehr Spielraum zu als „Historien-Musical“, da ich neben Stücken, die auf wahren Ereignissen basieren und sich an Biografien bekannter Persönlichkeiten orientieren, auch fiktive Erzählungen und Romanadaptionen beleuchten will. In diesem Kontext zähle ich zu den Kostümdramen also sowohl Biographicals wie „Elisabeth“ als auch epische Werke wie „Les Misérables“ oder Märchen wie „Die Schöne und das Biest“. Im Groben schaue ich auf Stücke, die zwischen dem 15. und dem frühen 20. Jahrhundert spielen und zudem ihre eigene Geschichte ernst nehmen (also keine Komödien wie „Something Rotten!“).

© Joan Marcus

„Will you join in our crusade?“ – Die große Euro-Invasion

Der Boom des Musical-Kostümdramas am Broadway hat seine Wurzeln in Europa. „Les Miserables“ von Alain Boubil und Claude-Michel Schönberg wurde 1980 in Frankreich uraufgeführt und fünf Jahre später von Cameron Mackintosh in Kooperation mit der Royal Shakespeare Company ans Londoner West End gebracht. Wenig später transferierte es nach New York und läutete damit das Zeitalter der britischen Musical-Invasion am Broadway ein. Von einigen US-Kritikern, die den Untergang ihrer amerikanischen Kunstform befürchteten, wurden diese Stücke schnell als „Euro-Trash“ abgetan.

Nach „Les Mis“ kam Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper, das 1988 (zwei Jahre nach der Uraufführung in London) seine US-Premiere feierte und bis heute das am längsten laufende Theaterstück in der Broadway-Geschichte ist. Als nächsten großen UK-Import legte das „Les Mis“-Team mit „Miss Saigon“ nach, das zeitlich (Vietnamkrieg) vielleicht nicht ideal in meine Definition des Kostümdramas passt, aber sicherlich der Tradition opulenter Euro-Dramen mit üppig orchestrierten Balladen folgte. In den späten 1980er-Jahren dominierten diese Stücke die komplette englischsprachige Musical-Landschaft.

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Auch im darauffolgenden Jahrzehnt setzte der Trend sich fort. „The Secret Garden“ lieferte 1991 am Broadway mit einem wunderschönen, sehr klassisch geprägten lyrischen Score von Lucy Simon eine amerikanische Gegenantwort auf die Welle europäischer Importe. Und nicht nur im englischen Sprachraum stand das Kostümdrama zu dieser Zeit ganz oben im Programm: Nachdem die Vereinigten Bühnen Wien die deutschsprachigen Erstaufführungen von „Les Mis“ und „Phantom der Oper“ präsentiert hatten, lieferten Michael Kunze und Sylvester Levay in der österreichischen Hauptstadt mit „Elisabeth“ 1992 einen wichtigen Beitrag zur Kostümdramen-Blüte auf den internationalen Musical-Bühnen.

Mit „Die Schöne und das Biest“ stieg 1994 auch Disney in das Kostümdramen-Geschäft ein. Gleichzeitig sprang Frank Wildhorn, heute von einem großen Teil der Broadway-Community für seinen Stil geschmäht, mit „Jekyll & Hyde“ und „The Scarlet Pimpernel“ auf die Welle auf. Irgendwann in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre – gerade, als das amerikanische Kostümdrama eine eigene Stimme entwickelte – schien der Zenit überschritten zu sein. Dabei wurden die Werke meiner Meinung nach in dieser Phase gerade erst richtig komplex und ausgereift, aber das Publikum schien nach einem Jahrzehnt des Kostümdramas übersättigt und so verschwanden Juwelen wie „Titanic“, „Side Show“, „Ragtime“ und „Parade“ schon bald wieder von der Bildfläche.

„No mercy at all“ – Alles nur eine Modeerscheinung?

2001 läutete „The Producers“ am Broadway eine Renaissance der traditionellen amerikanischen Musical-Komödie ein. Dies schien der endgültige Todesstoß für neue Stücke zu sein, die sich im Erbe von „Les Mis“ verstanden. In der „Producers“-Saison hatte „Jane Eyre“ keine Chance und gab am Tag nach Verkündigung der Tony-Nominierungen seine Schließung bekannt. Selbst die Namen, die noch zwei Jahrzehnte zuvor den Kostümdramen-Boom überhaupt erst ausgelöst hatten – Boubil & Schönberg und Webber – landeten nun mit „The Pirate Queen“ und „The Woman in White“ große Misserfolge, die schnell wieder in Vergessenheit gerieten. Ebenso kurzlebig war 2008 am Broadway eine Musical-Adaption von Charles Dickens „A Tale of Two Cities“.

© Paul Kolnik

Wenn es in dieser Zeit am Broadway einen noch größeren Garant für einen Flop gab als Kostümdrama, so war das Kostümdrama plus Vampire. „Lestat“ von Elton John und „Dracula“ von Frank Wildhorn brachten es beide auf nur sehr wenige Vorstellungen und bewiesen, dass Vampir-Shows, die sich selbst ernst nahmen, das Broadway-Publikum zu diesem Zeitpunkt genauso wenig interessieren wie komödiantischer Blutsauger-Klamauk. (Von dem legendär gefloppten „Dance of the Vampires“ wollen wir an dieser Stelle besser gar nicht erst anfangen.) Wer weiß, vielleicht wäre das alles anders gelaufen, wenn diese Stücke ein paar Jahre später zu Zeiten des großen „Twilight“-Hypes Premiere gefeiert hätten?

Scott Schwartz’ überarbeitete Fassung von Disneys „Glöckner von Notre Dame“ erntete dieses Jahr in Berlin sehr positive Kritiken. Zuvor war eigentlich ein Broadway-Transfer geplant, der aber nach den bescheidenen Reaktionen auf die US-Tryouts im La Jolla Playhouse und dem Paper Mill Playhouse aufs Eis gelegt wurde. Wäre dieselbe Produktion damals kurz nach dem Spielfilm an den Broadway gekommen, hätte sie vielleicht ähnliche Erfolge feiern können wie „Die Schöne und das Biest“ und der „König der Löwen“.

© Jerry Dalia

Vor zwei Jahren sah ich bei meiner New-York-Reise eine der wenigen Vorstellungen von „Doctor Zhivago“ am Broadway – mit Musik von Lucy Simon („The Secret Garden“). Das Musical war einer der größten Flops der letzten Jahre, nach nur 23 regulären Vorstellungen fiel der letzte Vorhang. Es stimmt schon, dass das Buch und die Regiearbeit vielleicht nicht ganz ausgereift waren, aber für sich genommen hatte die Musik einige wunderschöne Momente zu bieten und das Stück verdiente es meiner Meinung nach nicht, zum großen Insiderwitz der Broadway-Saison zu werden.

© Matthew Murphy

Ich kann mir gut vorstellen, dass „Doctor Zhivago“, das in seiner Struktur etliche Parallelen zu „Les Mis“ aufweist, in den späten 1980er-Jahren das Zeug zum großen Publikumserfolg gehabt hätte. Nach meinem Broadway-Besuch verfolgte ich täglich die Reaktionen auf „Doctor Zhivago“ in den einschlägigen Foren und dort schien der Konsens zu sein: „Diese Art Show will heute niemand mehr sehen.“

Aber was genau ist „diese Art Show“ und was hat dazu geführt, dass sie ausgestorben ist? Als ich kürzlich darüber nachdachte, kam mir plötzlich eine Erkenntnis, die den Grundstein für diesen Artikel legte: Das Kostümdrama ist gar nicht tot. Im Gegenteil – die erfolgreichsten Shows der letzten beiden Jahre, die mit Preisen übersät wurden und von denen zurzeit die ganze Broadway-Community spricht, sind Kostümdramen! Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Das Genre lebt, es hat sich nur weiterentwickelt.

„Include women in the sequel!“ – Das Zeitalter der Revolution

Wenn man darüber nachdenkt, erfüllt auch „Hamilton“ alle Kriterien des Kostümdramas: Inspiriert von Ron Chernows Biografie über das Leben des amerikanischen Gründervaters Alexander Hamilton behandelt der bahnbrechende Erfolg aus der Feder von Lin-Manuel Miranda einen spannenden historischen Stoff. Das komplexe Beziehungsgeflecht der Figuren dreht sich um Revolution, Krieg, Intrigen, Liebe und Schaffensdrang und stellt am Ende die Frage, wer lebt, wer stirbt und wer deine Geschichte erzählt. Die große Beliebtheit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beweist, dass Politikgeschichte nicht trocken und angestaubt sein muss.

© Joan Marcus

Der „Hamilton“-Score ist von Hip-Hop und R&B geprägt, bedient sich aber auch anderer zeitgenössischer Stilrichtungen. Den intelligenten, Pulitzer-preisgekrönten Gesangstexten gelingt die schwierige Balance zwischen historischer Exaktheit und modernen Ausdrucksformen. „Modern“ heißt an dieser Stelle keineswegs vereinfacht: Miranda unterschätzt sein Publikum nicht, sondern traut ihm zu, auch der umfangreichen Handlung gut folgen zu können – durch den temporeichen Rap-Stil besteht das „Hamilton“-Libretto in zweieinhalb Stunden aus über doppelt so vielen Worten wie die meisten anderen Musicals.

© Joan Marcus

Ein weiterer Grund dafür, dass „Hamilton“ auf eine so große Resonanz weit über die Musicalszene hinaus stößt, ist die Diversität (englisch: diversity) der Besetzung. Das Ensemble setzt sich zu großen Teilen aus Personen of Color zusammen – wie Miranda sagte, ist „Hamilton“ eine Geschichte über Amerika damals, erzählt von Amerika heute. Gerade in Angesicht der derzeitigen politischen Lage in den Vereinigten Staaten sorgen Liedzeilen wie „Immigrants, we get the job done!“ am Broadway allabendlich für Beifallsstürme. Dies regt an, sich einmal die Frage zu stellen, warum unsere Geschichtsbücher so weiß sind, aus welcher Perspektive sie geschrieben wurden und ob das rechtfertigt, dass die Repräsentation historischer Stoffe auch heute noch von einer weißen Vorherrschaft dominiert sein muss.

Auch das Lied der Schuyler-Schwestern entwickelte sich schnell zur bestärkenden Hymne für das Theaterpublikum des 21. Jahrhunderts und bietet eine willkommene Abwechslung zu der ewigen Jungfrau in Nöten (englisch: damsel in distress), wie sie in den meisten (vor allem von Männern geschriebenen) Kostümdramen porträtiert wird:

You want a revolution? I want a revelation
So listen to my declaration:
“We hold these truths to be self-evident
That all men are created equal”
And when I meet Thomas Jefferson
I’mma compel him to include women in the sequel!

Das zweite Kostümdrama des 21. Jahrhunderts, das am Broadway zurzeit Kritiker und Zuschauer gleichermaßen begeistert, ist „Natasha, Pierre & The Great Comet of 1812“. Mit einem Score, in dem traditioneller russischer Folk und klassische Musik auf Indie-Rock und EDM (Electronic Dance Music) treffen, beschreibt der Komponist Dave Malloy sein Werk als Electropop-Oper. Auch seine Gesangstexte brechen das festgefahrene Reimschema auf und suchen vollkommen neue, für den Broadway untypische Ausdrucksformen. Wie in „Hamilton“ ist auch hier das Ensemble multi-ethnisch geprägt und dem innovativen Staging gelingt ein Kunststück, über das Theaterwissenschaftler sich schon seit vielen Jahrzehnten den Kopf zerbrechen: Es überwindet das Dispositiv der barocken Guckkastenbühne.

© Chad Batka

Besonders „The Great Comet“ eignet sich gut zum direkten Vergleich mit den anderen Kostümdramen: Das Musical basiert auf einem Romanfragment von Leo Tolstois dickem Wälzer „Krieg und Frieden“. Hier lassen sich Parallelen zu „Doctor Zhivago“ ziehen, das ebenfalls auf einem umfangreichen russischen Roman beruht (Vorlage: Boris Pasternak). Also lässt sich keineswegs pauschal sagen, dass klassische russische Literaturadaptionen heutzutage am Broadway kein Publikum mehr finden – es kommt immer darauf an, wie das Material präsentiert wird und ob es vielleicht neue Wege findet, alte Geschichten zu erzählen.

© Matthew Murphy

Ein weiteres aktuelles Kostümdrama, das auf einem russischen Stoff basiert, ist „Anastasia“. Zurzeit hält es sich noch gut über Wasser, da der Zeichentrickfilm von 20th Century Fox und vor allem dessen Soundtrack eine große Anhängerschaft haben, die sich schon lange nach einer Bühnenadaption sehnte. Diese Neunziger-Kinder sorgen (noch?) für gute Auslastungen, aber bei den Kritikern fiel „Anastasia“ durch und auch bei den Tonys ging das Musical leer aus. Ähnlich wie bei „Doctor Zhivago“ kommt auch hier oft die Aussage, dass das Stück vielleicht zwanzig Jahre zu spät kommt und heute in vielerlei Hinsicht nicht mehr zeitgemäß wirkt.

Und was sagt uns das jetzt? Sollen wir also ein Schema entwickeln, wie in Zukunft erfolgreiche neue Kostümdramen geschrieben werden können? Ich finde, ein verlässliches Erfolgsrezept lässt sich nie erstellen – ein neues Musical ist jedes Mal ein Risiko und oft sind es gerade die sichersten Ideen, die letztendlich am schnellsten scheitern. Wenn ihr mich fragt, liegt das Produktive in einem Schema vor allem darin, dass es gebrochen werden kann. Auch will ich gar nicht sagen, dass klassische Kostümdramen heute keine Daseinsberechtigung mehr haben – Werke wie „Doctor Zhivago“ sollten unbedingt weiterhin geschrieben werden.

Es kann niemand garantieren, ob die Antwort auf unsere Fragen nun in einem Hip-Hop-Musical über Abraham Lincoln oder einer Electropop-Oper zu „Stolz und Vorurteil“ liegt. Dieser Artikel sollte lediglich ein Versuch sein, meine Beobachtungen zu einigen Stücken der letzten Jahre in Kontext zu setzen und dabei eventuell eine Entwicklung herauszulesen. Eine klare Anleitung gibt es nicht, aber in jedem Fall sollte der erste Schritt für die Weiterentwicklung des Genres darin liegen, einfach mal – wie man im englischen Sprachraum so schön sagt – außerhalb der Box zu denken.

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Beitragsbild: © Frank Ockenfels

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Niklas Wagner
“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” - Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: ... dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!