In den letzten Tagen sahen sich die Produzenten des vielfach gelobten Broadway-Musicals „Natasha, Pierre & The Great Comet of 1812“ (kurz: „The Great Comet“) scharfer Kritik ausgesetzt, nachdem sie für die Show eine kurzfristige Besetzungsänderung verkündet hatten. Ein Schachzug, der die Show eigentlich retten sollte, könnte nun das genaue Gegenteil bezweckt haben. Nach großem Online-Aufruhr ist „The Great Comet“ zwei seiner Hauptdarsteller los und könnte sehr viel näher vor der Schließung stehen, als irgendjemand noch vor einer Woche befürchtet hätte.

Die Kurzfassung: Okieriete Onaodowans Engagement in „The Great Comet“ sollte frühzeitig beendet werden, damit Mandy Patinkin Mitte August die Rolle des Pierre übernehmen konnte. Nach äußerst unglücklicher Kommunikation und großer Aufregung im Internet steht die Show nun in zwei Wochen ganz ohne Pierre da. Die Ereignisse schlugen über die Musical-Szene hinaus Wellen und wurden in vielen einflussreichen Tageszeitungen und popkulturellen Medienportalen diskutiert. Chris Peterson, Gründer des „OnStage“-Blogs, sprach von dem größten Broadway-Fiasko der letzten zwanzig Jahre.

© Thomas Loof

Was genau ist passiert?

Im Oktober 2016 feierte „The Great Comet“, der große Off-Broadway-Erfolg basierend auf einem Romanfragment von Tolstois „Krieg und Frieden“, seine Broadway-Premiere. In der Rolle des Pierre gab Josh Groban, ein US-amerikanischer Star-Bariton mit Multi-Platin-Status, sein Broadway-Debüt. Die Show erhielt blendende Kritiken und wurde von der New York Times als bestes und innovativstes Broadway-Musical seit „Hamilton“ bezeichnet.

Grobans Vertrag lief Anfang Juli aus und als sein Nachfolger wurde bereits vor Monaten Okieriete „Oak“ Onaodowan angekündigt, der in der Doppelrolle Hercules Mulligan / James Madison zum Original-Ensemble von „Hamilton“ gehört hatte. Ohne, dass die Produktion dafür eine Erklärung lieferte, wurde seine Premiere eine Woche aufgeschoben und fand nun am 11. Juli statt. Für seine Darbietung als Pierre erhielt er viel Lob.

© Nadav Kander

Ursprünglich war sein Engagement auf neun Wochen angesetzt, doch am 26. Juli wurde bekanntgegeben, dass er die Show bereits drei Wochen früher als geplant verlassen würde. Ab 15. August sollte der renommierte Schauspiel-Star Mandy Patinkin ( „Evita“, „Sunday in the Park with George“) bis Anfang September die Rolle des Pierre übernehmen. Es wäre seine Rückkehr an den Broadway nach 17 Jahren Film- und Fernsehkarriere (aktuell: „Homeland“) gewesen.

Neben dem Unmut darüber, dass Onaodowan vor Ablauf seines Vertrages durch einen größeren Namen ersetzt werden sollte, stieß die Neuigkeit auch deswegen auf Frustration und Enttäuschung, weil ein schwarzer Künstler frühzeitig entlassen wurde, um Platz für einen weißen Darsteller zu schaffen.

In einem öffentlichen Statement begründeten die Produzenten ihre Entscheidung damit, dass sie sich nach Patinkins „Homeland“-Terminen richten mussten und sagten, dass sie sich sehr darüber freuen würden, wenn Onaodowan Anfang September zur Show zurückkehren würde. Gleichzeitig schrieb Onaodowan auf Instagram, dass er „The Great Comet“ dauerhaft verlassen würde. Patinkin teilte mit, dass ihm die Rolle unter falschen Umständen angeboten worden war und er das Engagement aus Solidarität und Respekt seinem Schauspielkollegen gegenüber nicht antreten werde.

Dave Malloy, aus dessen Feder Musik, Buch, Gesangstexte und Orchestrierung zu „The Great Comet“ stammen und der am Off-Broadway selbst den Pierre gespielt hatte, entschuldigte sich auf Twitter für die Situation. Er sagte, dass es finanziell schlecht um die Show stand und sie dringend einen großen Star-Namen brauchte, um sich über Wasser halten zu können. Noch vor drei Wochen schrieb ich in meinem Artikel über die Neuerfindung des Kostümdramas, dass „The Great Comet“ zurzeit sehr erfolgreich läuft. Tatsächlich lag die Auslastung auch in den Wochen nach Grobans Weggang noch bei 98 Prozent, aber für den Spätsommer scheint der Vorverkauf nicht mehr gut zu laufen.

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Vom 3. Juli bis 13. August steht die erfolgreiche Singer-Songwriterin Ingrid Michaelson in „The Great Comet“ als Sonya auf der Bühne – da die Erstbesetzung Brittain Ashford sich aus „persönlichen Gründen“ eine Auszeit nehmen würde, wie es hieß. Dave Malloy sagte auf Twitter, dass der Vorverkauf für die Vorstellungen nach Michaelsons Spielzeit „katastrophal niedrig“ sei und gab zu, dass in Wahrheit auch Brittain Ashford von den Produzenten gebeten wurde, die Show für einige Wochen zu verlassen, um Platz für einen bekannteren Namen zu schaffen.

Ashford begleitet „The Great Comet“ bereits seit der Geburtsstunde des Stückes am Off-Broadway vor fünf Jahren. Sollten die Ereignisse der letzten Wochen tatsächlich zu einer unvorhergesehenen Schließung Mitte August führen, hätte sie bereits unfreiwillig ihre allerletzte Vorstellung als Sonya gespielt, ohne davon zu wissen.

Mandy, Oak & Das große Besetzungs-Chaos von 2017

Auf BroadwayBlack.com schrieb die Theaterjournalistin Jamara Wakefield, dass die Art und Weise, wie Onaodowan von den Produzenten behandelt wurde, die Frage aufwirft, wie schwarze Darsteller am Broadway gewürdigt und unterstützt werden. Kristolyn Lloyd (zurzeit Alana Beck in „Dear Evan Hansen“) kommentierte dazu auf Twitter, dass sie dieses Spiel nur zu gut kenne. Auch Cynthia Erivo (Tony-Preisträgerin 2016) sagte, dass die Respektlosigkeit, die beiden Darstellern (Onaodowan und Patinkin) entgegengebracht worden war, höchst bedenklich sei.

Auch Azudi Onyejekwe, ein Darsteller des „Great Comet“-Ensembles, der an der New York University einen Bachelor mit Auszeichnung in afrikanischen Diaspora-Studien abschloss, äußerte sich auf Twitter zu der Diskussion und den Rassismusvorwürfen. Er schrieb:

Rasse (englisch: race) spielt immer eine Rolle. Vor allem, wenn es um Repräsentation geht. Wir leben nicht in einer farbenblinden Gesellschaft. Auch wenn sie [race] ein soziales Konstrukt ist, hat sie sehr reale Auswirkungen. Jeder, der etwas anderes sagt, lebt in ignoranter Glückseligkeit.

Gleichzeitig fordert er einen produktiven Dialog und sagt, dass Dave Malloy und Rachel Chavkin (Regisseurin von „The Great Comet“) zwei der aufrichtigsten white allies sind, die er kennt und dass beide in der Lage sind, ihre Fehler anzuerkennen und ständig nach neuen Lösungen für mehr Diversität (englisch: diversity) am Broadway zu suchen. Erst vor ein paar Wochen erhielt die Produktion von Actors’ Equity eine Auszeichnung für „extraordinary excellence in diversity of Broadway“. Die Ereignisse der letzten Tage sind sicher nicht auf mutwilligen Rassismus zurückzuführen, aber ob sie das weniger unsensibel und problematisch macht?

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Auch Josh Groban äußerte sich auf Twitter und schrieb: „This was handled poorly plain and simple.“ Einige Theaterkritiker vermuten, dass die Unfähigkeit des Stückes, auch ohne großen Namen zu funktionieren, ihren Ursprung darin haben könnte, dass es bei der Broadway-Premiere direkt als „Show mit Star“ ins Rennen gegangen ist. „The Great Comet“ wurde sehr stark mit Josh Grobans Präsenz beworben, was sicher für einen guten Start gesorgt hat, aber dadurch verlor die Show vielleicht direkt die Chance, selbst der Star zu sein und in der Wahrnehmung des Publikums nicht erst durch bekannte Namen relevant zu werden.

Im Frühjahr war „The Great Comet“ noch das Stück mit den meisten Tony-Nominierungen der Broadway-Saison 2016/17 – für zwölf Preise war das Stück nominiert. In solchen Fällen wird manchmal unterschätzt, wie viel tatsächlich vom Ausgang der Tony Awards abhängen kann. „The Great Comet“ wurde bei der Preisverleihung in den Hauptkategorien ignoriert – teilweise sehr unberechtigt, wie ich bereits in meinem Tony-Recap schrieb – und konnte letztendlich nur die Auszeichnungen für Bühnenbild und Lichtdesign gewinnen. Wäre es auch für Regie, Score und Orchestrierung ausgezeichnet worden, was ich mehr als verdient gefunden hätte, sähe der Vorverkauf jetzt vielleicht schon ganz anders aus.

© Chad Batka

Einige Fans spekulierten in Foren, dass die Eskalation in den letzten Tagen vielleicht hätte vermieden werden können, wenn die interne Kommunikation besser und professioneller gelaufen wäre. Niemand weiß, wie spontan der Entschluss kam, Patinkins Engagement dazwischenzuschieben. Aber hätte man vorher abklären können, unter welchen Umständen er die Rolle übernimmt und ob Onaodowan hinterher zurückkehren wird oder nicht, hätten all diese Informationen gebündelt und transparent in einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gebracht werden können.

Stattdessen schien jeder der Beteiligten einen anderen Wissensstand zu haben, wodurch es innerhalb weniger Stunden in den sozialen Netzwerken zu verschiedenen widersprüchlichen Aussagen kam. Auch das letzte Statement des Produzenten Howard Kagan hat einen unschönen Beigeschmack. Hier heißt es, dass die Produzenten den falschen Eindruck davon hatten, „wie Oak sich über die Casting-Bekanntgabe fühlen würde“ und ich habe das Gefühl, dass das immer noch ein wenig den Punkt verfehlt, der für so viel Missmut und Enttäuschung gesorgt hat.

Wie geht es mit der Show weiter?

Selbst, wenn sich kurzfristig noch ein Ersatz-Pierre findet, bleibt fraglich, wie schnell die Show sich von dem Fiasko der letzten Tage wieder erholen kann. Mag sein, dass Onaodowan in seiner ersten Woche als Pierre die Ticketverkäufe noch nicht so stark antrieb, wie die Produzenten sich das erhofft hatten. Mag sein, dass der Zusatz „ehemaliger Hamilton-Darsteller“ nicht so sehr zog, wie man hätte erwarten können. Mag sein, dass die Produzenten in dem Moment keine andere Wahl sahen, als Mandy Patinkin so bald wie möglich ins Boot zu holen, um die Show zu retten. Aus wirtschaftlicher Sicht vielleicht nachvollziehbar.

Auch wenn wir es uns bei der Kunst manchmal anders wünschen würden, am Ende des Tages zählt eben doch jeder Dollar. Und in der Hinsicht ist der Broadway wirklich knallhart: Da kann eine Show auch mal an einem Dienstag bekanntgeben, dass am Sonntag der letzte Vorhang fällt – und plötzlich sind über Nacht hundert Leute arbeitslos. Dass diese Krise „The Great Comet“ als Nächstes treffen könnte, hätten von uns wohl die wenigsten gedacht. Yet here we are.

Wie es nun mit „The Great Comet“ weitergeht, ist bis auf weiteres ungewiss. Ich finde nicht, dass die Ereignisse der letzten Tage direkt wieder unter den Teppich gekehrt werden sollten – vielleicht lernt daraus ja der ein oder andere Produzent etwas für die Zukunft. Trotzdem wünsche ich der Show von Herzen, dass sie diese Krise irgendwie überstehen kann, sie vielleicht als Tiefpunkt in ihrer Broadway-Spielzeit verbucht und dem Great White Way noch einige Zeit erhalten bleibt. Für mich ist sie ein modernes Kunstwerk und verdient etwas Besseres, als durch eine so dumm gelaufene Woche den endgültigen Todesstoß versetzt zu bekommen.

Folge Niklas auf seinem Musical-Blog www.theaterdistrikt.net

Beitragsbild: © Chad Batka

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Niklas Wagner

“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” – Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: … dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!

  • Eva

    Schade, dass überhaupt gar nicht darauf eingegangen wurde, dass The Great Comet bei den Tonys leider übergangen und nicht ansatzweise angemessen gewürdigt wurde: Die Auszeichnung fürs Best Musical hätte die Show nämlich durchaus verdient gehabt und die Tatsache dass es gegen Dear Evan Hansen – ein Stück was sicherlich nicht schlecht ist, jedoch in Sachen Innovativität etc. nicht an The Great Comet heran reicht – verloren hat, hat die Show leider auch um viel verdiente Publicity gebracht. Der Tony-Snub ist daher sicherlich auch mitverantwortlich dafür, dass die Ticketverkäufe nicht so gut sind, wie sie sein könnten.

    • Liebe Eva, danke für deinen Kommentar. Darauf bin ich tatsächlich in meinem Text eingegangen und habe dem Tony-Snub unter der Zwischenüberschrift „Mandy, Oak & Das große Besetzungs-Chaos von 2017“ einen ganzen Absatz gewidmet, da ich das auch als nicht zu unterschätzenden Grund für die schlechten Verkaufszahlen sehe:

      „Im Frühjahr war „The Great Comet“ noch das Stück mit den meisten Tony-Nominierungen der Broadway-Saison 2016/17 – für zwölf Preise war das Stück nominiert. In solchen Fällen wird manchmal unterschätzt, wie viel tatsächlich vom Ausgang der Tony Awards abhängen kann. „The Great Comet“ wurde bei der Preisverleihung in den Hauptkategorien ignoriert – teilweise sehr unberechtigt, wie ich bereits in meinem Tony-Recap [mit Link-Verweis auf den Artikel] schrieb – und konnte letztendlich nur die Auszeichnungen für Bühnenbild und Lichtdesign gewinnen. Wäre es auch für Regie, Score und Orchestrierung ausgezeichnet worden, was ich mehr als verdient gefunden hätte, sähe der Vorverkauf jetzt vielleicht schon ganz anders aus.“