Am 21. Juni 2017 fiel der letzte Vorhang von „Schikaneder“ im Raimund Theater in Wien. In die gerade mal 224 Vorstellungen kamen laut Angaben der Vereinigten Bühnen Wien um die 180.000 Zuschauer, was einer Auslastung von 69 Prozent entspricht. Erwartet wurde allerdings eine Auslastung von mindestens 80 Prozent. Warum konnte das Musical, das die Geschichte des Ehepaars Schikaneder und die Entstehung der Zauberflöte erzählt, trotz international renommiertem Kreativ-Team rund um Komponist Stephen Schwartz und Regisseur Trevor Nunn sowie bekannten Namen wie Mark Seibert, Milica Jovanovic, Franziska Schuster, Katie Hall und Armin Kahl in der Cast nicht den erwarteten Erfolg verbuchen? Lag es womöglich an der schwierigen Kategorisierung dieses Stückes, an der für Musical-Fans ungewohnten musikalischen Richtung, der speziellen Story für österreichische (Musik-)Theater-Kenner oder der daraus resultierenden falschen Ankündigung und Vermarktung? – Der Versuch einer Analyse.

Die Bekanntgabe der Vereinigten Bühnen Wien (VBW), dass sie eine Produktion namens „Schikaneder“ planten, zog direkt große internationale Aufmerksamkeit nach sich, denn niemand geringeres als einer der größten zeitgenössischen Musical-Komponisten, Stephen Schwartz, sollte Musik und Liedtexte schreiben. Als immer mehr Mitwirkende bekanntgegeben wurden und man in der Pressekonferenz schließlich erfuhr, dass dieses Musical mal etwas ganz anderes sein würde, entstand eine bemerkenswerte Euphorie innerhalb der Musical-Community. Am 30. September 2016 wurde dann endlich die langersehnte Welturaufführung von „Schikaneder“ im Raimund Theater gefeiert. Es folgten gute Kritiken (unsere Review ist hier nachzulesen) und positive Publikumsstimmen, die ganze Musical-Welt stellte sich – in bester Tradition von „Elisabeth“ und „Tanz der Vampire“ – auf einen neuen Welterfolg der Vereinigten Bühnen Wien ein. Dieser ist Stand heute wohl ungewisser denn je.

Ziel des Musicals ist Unterhaltung

Begeben wir uns mal ganz an den Anfang, back to the basics. Menschen spielten schon von jeher Theater, um sich zu unterhalten – man verfolgt die Erlebnisse von Figuren auf der Bühne, kann über ihre Probleme und Fehler lachen oder weinen, wird mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen konfrontiert oder flieht vor genau diesen. Der deutsche Begriff Unterhaltung bedeutet, dass es sich um einen seichten, nicht anspruchsvollen Zeitvertreib handelt. Mit diesem Vorurteil sieht sich das Musical-Genre hierzulande schon immer und auch weiterhin konfrontiert. Natürlich trifft das auf den Großteil der Stücke, die aktuell auf den deutschen Spielplänen stehen, zu, doch sollte man sich auch vergegenwärtigen, dass der englische Begriff „entertainment“, der nunmal genauso für die englischsprachigen Musical-Produktionen steht, diese Unterscheidung der Unterhaltung nicht kennt. Im Englischen Sprachgebrauch bezeichnet „entertainment“ jede Art der Unterhaltung, die seichte wie auch die anspruchsvolle. Auch aus diesem Grund bringt man im englischsprachigen Raum den Musicals nicht global dieses Vorurteil der ausschließlich seichten Unterhaltung entgegen. Denn wie bereits bekannt, entsteht in anderen Musicalmetropolen der Welt, in London und New York, gerade eine ganz neue Art von Musicals, die Themen wie Homophobie, Drogensucht, Selbstmord und psychische Krankheiten behandeln. Durchaus keine Themen, die mit einem bunten Kuschel-Musical verarbeitet werden können. Natürlich haben auch die Feel-Good-Musicals ihre Existenzberechtigung, doch es geht prinzipiell um den Umgang mit dem immer gleichen Vorurteil, dass ALLE Musicals anspruchslos sind, bestückt mit den immer gleichen Pop- bzw. Broadwaymelodien, die jeder schon 100 Mal im Radio gehört hat und Storys, bei denen man feststellt, dass jede Teletubbies Folge spannender ist.

© VBW / Deen van Meer

Operette vs. Musical

Weil wir gerade von komplexen Handlungen sprachen, sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass die einfach strukturierte und vor allem lustige Handlung ein Hauptmerkmal von Operetten ist. Dies ist auch jenes Merkmal, mit dem man Operetten und Musical trennen kann.
Seit es verschiedene Musiktheaterformen gibt, beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Problematik der Abgrenzung und Kategorisierung der Oper, Operette und des Musicals.
Während man die Oper von den anderen beiden Gattungen klarer trennen kann, da sie ein durchgesungenes Musiktheaterstück mit den unterschiedlich gewichteten Elementen Text, Musik und Szene ist, ist der Unterschied zwischen Operette und Musical komplexer. Laut unserer KULTURPOEBEL.de-Definition ist das Musical (Abkürzung für Musical Comedy bzw. Musical Play) eine in New York entstandene, in der Regel zweiaktige Form populären Musik-Theaters, die Elemente der Oper, Operette, der Revue, des Vaudevilles, des Varietés und der Extravaganza miteinander verbindet. Es basiert häufig auf literarischen oder Film-Vorlagen und verwendet die Mittel des Pop- Rock-Songs, der Tanz- und Unterhaltungsmusik und des Jazz. Melodien, Liedtexte, Dialoge, Tänze sind in die Handlung integriert, vertiefen und bringen sie voran. Viele bemühen als Unterscheidungsmerkmal, dass Musicals in zeitgenössischen Musikstilen komponiert sind. Aber was bedeutet überhaupt zeitgenössisch?
Heutzutage ganz klar Pop- und Rockmusik, beide Stile herrschen auch vordergründig in Musical-Theatern vor. Doch zu den Anfängen der Kunstform Musical gab es keine elektronisch verstärkten Instrumente. Im Orchestergraben befanden sich Symphonieorchester oder Kammerorchester.

Erst nach und nach erhielten die Musicals ihr heutiges Image, mit Orchestern, deren Hauptbestandteil eine Band ist. Jetzt stellt sich die Frage, wie man Operetten ganz klar von klassischen Musicals unterscheiden kann? Denn Operetten haben wie die ersten Musicals auch einen klassischen Musikstil. Aus heutiger Perspektive bezeichnet man einige Stücke als Musicals, die damals noch als Operetten galten. Das Musical nahm sich etwas Zeit, um sich zu entwickeln. Erst als der Jazz Einzug in die nordamerikanische Musiktheaterwelt hielt, konnte sich das Musical auch musikalisch klar von Operetten abgrenzen. Operetten und Musicals haben den gleichen Ursprung, nur wo das eine Genre seine damalige Errungenschaft behalten hat, hat sich das andere mit der Zeit weiterentwickelt.

© VBW / Deen van Meer

Ist „Schikaneder“ nun eine Operette oder ein Musical?

„Schikaneder“ lässt sich sowohl als Musical als auch als Operette argumentieren.
Operetten kennzeichnen einen klassischen Musikstil, eine einfache komödienhafte Handlung und häufige Tanzeinlagen. In „Schikaneder“ findet sich der klassische Musikstil und ein paar Tanzeinlagen. Allerdings ist die Handlung überwiegend ernst und dramatisch, ab und zu aufgelockert durch einen lustigen Dialog. Der Zuschauer erlebt die Geschichte aus Sicht von Eleonore, die inmitten einer frauenfeindlichen Umgebung auch noch die schwierige Beziehung zu ihrem Mann bewältigen muss. Auch ist es keine Seltenheit in dem Genre, dass Operetten Opern parodieren. Der Kölner Jakob Offenbach schuf 1858 mit seiner Operette „Orpheus in der Unterwelt“ eine Opernparodie, die heutzutage immer noch großen Anklang findet und mit seinem „Can-Can“ eine der bekanntesten Musiknummern der Welt schuf. Offenbachs Operetten haben häufig etwas Groteskes an sich. So werden häufig Situationen dargestellt, die zwar gesellschafts- und sozialkritisch, dabei aber komplett aus der normalen Lebenswirklichkeit gegriffen sind. Die Aussage, dass die Musik von Stephen Schwartz in „Schikaneder“ eine Parodie auf Mozarts Opernwerke ist, geht ein wenig zu weit. Viel mehr ist es Schwartz musikalisch gelungen, einige Statements in Sachen Opernrezeption zu setzten.

© VBW / Deen van Meer

Beispielsweise baute er mit „Freut euch mit mir“ eine Koloraturarie in das Musical ein, in der die neue Geliebte von Emanuel Schikaneder, Maria Anna Miller, Eleonore von ihrem Glück ein Kind zu bekommen erzählt. In dieser Arie steckt die ganze Freude Maria Anna Millers, die sich dann in der Koloratur am Ende des Liedes entlädt.
„Schikaneder“ ist allerdings auch ein Musical, weil beispielsweise die Tanzeinlagen die Geschichte vorantreiben. Die Tänze haben alle direkten Bezug zur Handlung. Da „Schikaneder“ eine Geschichte rund um die Geschehnisse hinter den Kulissen einer Theatergruppe zeigt, ist es kein Wunder, dass der Zuschauer einer Ballettstunde beiwohnt oder Tänze in den Theateraufführungen der Truppe enthalten sind. Die Nummern, in denen plötzlich viele Menschen offensichtlich grundlos auf die Bühne stürmen und einen ausgefallenen Ensemble-Tanz zum Besten geben (wie in so manchen Musicals der Fall), fehlen bei „Schikaneder“. Außerdem hat „Schikaneder“ eine vielschichtige Handlung.
Eleonore fungiert als Erzählerin und berichtet in Rückblenden von ihrer Beziehung zu Emanuel. Diese Erzählungen Eleonores sind aber keinesfalls episodisch aufgebaut. Sie dienen viel mehr dem Spannungsaufbau, da der Zuschauer nun bereits von Beginn an einen Einblick in die missliche Lage bekommt, in welche die romantische Liebesgeschichte letztlich steuert.

„Schikaneder“ orientiert sich eher an filmischen Erzählweisen, da das Handlungsgerüst in Rückblenden gebaut ist. Erwähnenswert ist lediglich, dass sich „Schikaneder“ musikalisch eben nicht an einem populär-modernen Stil orientiert. Obwohl es keine elektronischen Instrumente gibt, lehnt sich die Musik trotzdem im Ansatz an die heutigen Hörgewohnheiten an. Die meisten Lieder haben zum Beispiel eine Strophe-Refrain-Struktur und viele Dialoge werden auch gesungen. Musikalisch ist das Stück somit eher eine Operette, da der Score aus klassischer Musik eines Symphonieorchesters besteht. Von der Handlung her ist es eher ein Musical, da es eine komplexe Handlung mit dramatischen Szenen erzählt.

Ankündigung als Musical

„Schikaneder“ ist somit nicht einwandfrei kategorisierbar. Trotzdem muss man es den VBW hoch anrechnen, dass sie sich getraut haben „Schikaneder“ als Musical zu bezeichnen. In unseren Zeiten, in denen Musical-Produktionen oftmals vom kultur-interessiertem Bürger belächelt werden und dieses Genre einen unangemessen schlechten Ruf hat, ist auch die Zeit für die Erfindung kreativer Namen gekommen, die das Offensichtliche verschleiern wollen. So existieren hier in Deutschland beispielsweise Rockopern, Latin-Pop-Operas und Pop-Oratorien. Wahrscheinlich gibt es auch ein hervorstechendes Merkmal, das die Verantwortlichen dazu bringt, die Stücke so zu benennen, nur leider wird der Zuschauer dadurch auch auf eine falsche Fährte gelockt, denn eigentlich sind es doch alles Musicals, oder haben wir da jetzt etwas verpasst?

Die Frage ist, ob dieser Umstand nicht auch einer der Gründe ist, wieso „Schikaneder“ vielleicht nicht das Zielpublikum erreichen konnte. Die VBW haben als Teil-Zielpublikum die Musical-Fans aus dem deutschsprachigen Raum und sogar Menschen, die teilweise um den halben Globus geflogen sind, um dieses Stück zu sehen. Allgemein aber auch Menschen, die sich prinzipiell Musicals anschauen und dem Genre nicht abgeneigt sind.

© VBW / Deen van Meer

Mit „Schikander“ hätte allerdings, (hier soll gar nicht unterstellt werden, dass dies nicht auch Absicht der VBW gewesen ist!) eine Genre-übergreifende Atmosphäre entstehen können. Die VBW veranstalten jedes Jahr „Opera meets Musical“, ein Projekt, das die beiden Genre näher bringen und auch das Publikum für das jeweils andere begeistern soll. Man weiß nicht wie viele Menschen, die sich generell nie Musicals anschauen, bei „Schikander“ eine Ausnahme gemacht haben, aber um längere Zeit den Theatersaal zu füllen, hat es offensichtlich nicht gereicht.
Vielleicht hätte man „Schikander“ nicht auf eine konkrete Kunstform festlegen sollen. Vielleicht hätte auch der Sparten-Name „Musiktheater“ vollkommen ausgereicht, um das Projekt zu beschreiben. Warum musste es überhaupt kategorisiert werden?! Menschen, die prinzipiell Musiktheater mögen, finden in „Schikander“ bestimmt auch etwas, was ihnen gefällt.
Denn „Schikander“ kann Operette und Musical sein und behandelt darüber hinaus noch ein Thema rund um eine Oper. Mehr zur Vereinigung dieser Kunstformen hätte man ja gar nicht leisten können! Vielleicht gibt es auch einfach nur zu viele Menschen, die sich schwer damit tun, sich auf verschiedene Bereiche des Musiktheaters einzulassen. Die typischen Besucher der Oper und Operette können sich nicht unbedingt mit Musicals anfreunden und dem typischen Musical-Besucher im deutschsprachigen Raum war das Stück musikalisch vielleicht einfach zu klassisch.

„Schikaneder“ als „romantic comedy“?

Stephen Schwartz sagte in einem Interview, dass „Schikaneder“ eine „romantic comedy“ sei, also eine romantische Komödie. Natürlich möchte man dem Komponisten und dem Autor Christian Struppeck nicht widersprechen, schließlich haben sie das Stück geschrieben, allerdings kommt man nicht drum herum, sich trotzdem zu fragen, ob das tatsächlich stimmt, oder einfach nur falsch angekündigt war. „Schikaneder“ hat durchaus einige lustige Szenen, denn es gibt mehrere Charaktere, die den Slapstick-Part übernehmen.

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Trotzdem verfolgt man als Zuschauer vordergründig das Drama von Eleonore. Sie ist die Erzählerin und hat das Publikum von Anbeginn auf ihrer Seite. Auch wenn das Musical keine Frauenemanzipationsgeschichte erzählen möchte, kommt es dennoch so bei den Zuschauern an. Eleonore hat gleich zwei Soli in dem ganzen Stück, in denen sie ihr Leid klagt und neuen Mut fasst. Es ist natürlich schön, dass der historischen Person von Eleonore Schikaneder dadurch die Anerkennung und Aufmerksamkeit zu Teil wird, die sie zuvor nicht hatte. Aber dann hätte man sich überlegen können, ob man es nicht direkt als Musical über Eleonore Schikaneder ankündigt. Der Untertitel des Musicals lautet „Die turbulente Liebesgeschichte hinter der Zauberflöte“, was den Zuschauer erwarten lässt, dass es um die Entstehungsgeschichte der „Zauberflöte“ geht. Es soll hier gar nicht abgestritten werden, dass dies nicht auch ein elementarer Bestandteil der Historie ist, denn die „Zauberflöte“ wäre wahrscheinlich nie ohne die Beziehung der beiden zu Stande gekommen. Aber vielleicht hätte man sich etwas mehr auf die Entstehungsgeschichte dieser Oper konzentrieren können. Schließlich war es für das damalige Publikum eine Besonderheit, dass die „Zauberflöte“ in Deutsch und nicht wie damals meist üblich in Italienisch aufgeführt wurde. Ziel dieses Projektes von Mozart und den Schikaneders war es, eine Oper für das Volk zu schreiben, etwas womit man alle Menschen jeder Generation erreichen konnte. „Die Zauberflöte“ ist ein fantastisches Märchen mit vielen bunten Szenen, aber auch düsteren Elementen. Es ist somit eine Oper für Kinder als auch Erwachsene, jeder findet etwas in der Handlung und der Bühnenausstattung, an dem er sich erfreuen kann.

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Fast so wie heutzutage das Mehr-Generationen-Musical, das ebenfalls zum Ziel hat, eine breite Masse an Menschen zu erreichen. Die Schikaneders und Mozart waren ein wichtiger Bestandteil in der Entwicklung des musikalischen Unterhaltungstheaters für das ganze Volk. Dieses Thema der Zuschauerrezeption und Neuerung für die damalige Theaterzeit, hätte man mit diesem Musical, mal abgesehen von der Liebesgeschichte, noch intensiver behandeln können. Vielleicht wäre die Geschichte dann auch für Fans der historischen österreichischen Musik- und Theaterkultur interessanter gewesen. Natürlich gewinnt das Musical durch seinen Fokus auf das weltliche Thema, nämlich die Liebesgeschichte, einen viel größeren Interessentenbereich, da hiermit die meisten Menschen von sich aus mehr mit anfangen können, doch vielleicht wäre es auch eine Idee gewesen, den Fokus anders zu setzen und das Stück dahingehend „lehrreicher“ zu gestalten.

Zusammenfassend kann man sagen, gewollt war es eine Beziehungsgeschichte zu erzählen, dies kam leider nicht direkt beim Publikum an, da der Emanzipationsgedanke zu vordergründig war und eine Geschichte dieser Art schon zu oft erzählt wurde. Außerdem wurde die Chance vertan, ein weiteres interessantes Thema, nämlich die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der „Zauberflöte“ in dem Musical intensiver zu bearbeiten, was der gesamten Handlung vielleicht mehr Substanz und Tiefe gegeben hätte.

© VBW / Deen van Meer

Musical = Operette + Amerika

Der Theaterwissenschaftler Rüdiger Bering stellt in seinem Buch „Schnellkurs Musical“ die Gleichung auf Musical= Operette + Amerika. Diese (etwas populistische) These sagt aus, dass das Musical aus der Operette durch die Anreicherung mit amerikanischen Themen, Kunstformen (Revue, Extravaganza, Minstrel (wenn man Minstrel als Kunstform bezeichnen möchte)) sowie einem amerikanischen Musikstil hervorgegangen ist. Da Wien schon immer eine Weltstadt der Musik und des Theaters war, stellt sich nun die Frage, ob die Gleichung Musical = Operette + Wien auch stimmt und die VBW tatsächlich eine eigene Art Musical schaffen können. Kann dies unsere deutschsprachige Musical-Kultur leisten? Liegt das überhaupt in der Historie begründet? Haben wir die Möglichkeiten, die Kapazitäten, überhaupt das Publikum, solch eine Gleichung in die Welt hinaus zu vertreten? Alles Fragen, die sich die deutschen Musical-Produzenten stellen müssen. Das Musical ist eine Kunstform aus Amerika, das kann man nicht bestreiten, aber sie ist unter anderem aus dem europäischen Musiktheater hervorgegangen und wurde von europäischen Immigranten maßgeblich beeinflusst. Es ist vielleicht für das Musical die Zeit gekommen, sich wieder anzupassen, seinen Platz in der Theaterwelt zu finden und für den deutschsprachigen Raum wieder eine eigene Identität zu entwickeln. Die Vereinigten Bühnen Wien leisten im deutschsprachigen Raum einen vergleichsweise großen Beitrag zur Entwicklung neuer Stücke. Uraufführungen stehen seit jeher auf dem Spielplan und auch die internationale Vermarktung der Stücke ist ein wirtschaftlich bemerkenswerter Faktor. Wie man hört, plant Stephen Schwartz schon „Schikaneder“ auch an den Broadway zu bringen. Vielleicht geht die Rechnung Musical= Operette + Amerika dann wieder auf und würde am Broadway als Operette, der man den amerikanischen Anstrich verpasst hat, erfolgreich laufen.

© VBW / Deen van Meer

Warum „Schikaneder“ nicht so funktioniert hat wie geplant, kann bestimmt keiner mit Sicherheit sagen. Es ist nur möglich, Vermutungen anzustellen und natürlich gibt es immer verschiedene Meinungen und Interpretationsmöglichkeiten. Vielleicht wird das Stück am Broadway genauso floppen wie hier. Man weiß es nicht. Wo wir auch wieder bei „Schikaneder“ wären, wie heißt es so schön in dem Lied „Geld und Glück“: „Theatermagie baut auf zweierlei Geld und Glück.“

Als Produzent kann man es nur immer und immer wieder versuchen, etwas Neues, Innovatives und Großes zu schaffen. Ob es funktioniert oder nicht, entscheidet letztendlich das Publikum. Vielleicht gibt es noch die Möglichkeit, dieses Musical in ein paar Jahren wieder auszupacken und nochmals zu versuchen. Bis dann kann die Theaterwelt schon wieder ganz anders aussehen und eventuell gibt es dann ja noch eine Chance, dass die Gleichung Europäische Operette + Amerikanisches Musical = „Schikaneder“ bei uns stimmt.

Beitragsbild: © VBW / Deen van Meer

 

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Agnes Wiener
"The musicals, that leave us kind of staggering on our feet, are the ones, that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.