Jason Robert Brown gilt als einer der anerkanntesten Komponisten der zeitgenössischen Musical-Kultur. Hierzulande hat er sich vor allem mit seinem intimen Zwei-Personen-Stück „Die letzten fünf Jahre“ („The Last Five Years“) einen Namen gemacht und dieses Jahr ist auch endlich sein wunderschönes Kleinod „Die Brücken am Fluss“ („The Bridges of Madison County“) im deutschsprachigen Raum angekommen. „Parade“ hingegen ist hier bisher noch ziemlich unbekannt, was ich unheimlich schade finde – ich halte es nämlich definitiv für Jason Robert Browns bestes Werk und überhaupt für eines der stärksten Musicals der letzten 50 Jahre. Unser Musical des Monats!

Das Stück ist wesentlich düsterer und bedrückender, als der eher nichtssagende Titel vielleicht im ersten Moment vermuten lässt. Da dieser bei mir eigentlich die Assoziation eines bunten Festumzuges hervorrief, ignorierte ich „Parade“ für lange Zeit – was ein großer Fehler war. Beim ersten Hören des Broadway-Albums wurde ich von der Gewaltigkeit des Scores fast erschlagen und zähle das Stück heute zu meinen absoluten Lieblings-Musicals. So schaffte es Jason Robert Browns Musik letzten Sommer auf Platz 5 in unserem Geheimtipp-Ranking der schönsten Musical-Scores aller Zeiten.

Nach der Broadway-Premiere 1998 wurde Jason Robert Brown von vielen Genre-Liebhabern als Stephen Sondheim des bevorstehenden Jahrtausends bezeichnet. In seinem Artikel „Sondheim and the Next Generation“ schrieb der Theaterkritiker Scott Miller 1999 über das Stück:

So wie „Assassins“ oder „Passion“ kann man sich auch diese Show nicht einfach anschauen. Sie verlangt mehr von uns, als die meisten Musicals überhaupt wagen würden. Aber das macht sie nicht zu einem Problemstück – es macht sie zu etwas Besonderem.

Der Fall Leo Frank

„Parade“ basiert auf einem wahren Gerichtsfall, der auch heute noch von vielen Rechtswissenschaftlern als großer Justizirrtum eingeordnet wird. Die 13-jährige Mary Phagan wird im April 1913 in Atlanta im Keller der Bleistiftfabrik, in der sie arbeitete, ermordet aufgefunden. Trotz mangelnder Beweise entwickelt sich der Fabrikleiter Leo Frank schnell zum Hauptverdächtigen in dem Mordfall. Er soll das junge Mädchen vergewaltigt und anschließend umgebracht haben. Der aus Brooklyn stammende Jude ist ein schwarzes Schaf in der Südstaaten-Gemeinde und wird, nachdem die Geschworenen ihn einheitlich für schuldig befunden haben, zum Tode verurteilt.

Die Zeitungen begleiten den Prozess sensationsfreudig und stellen Leo Frank als mörderischen Kinderschänder dar, der sich regelmäßig an minderjährigen Fabrikarbeiterinnen vergriffen haben soll. Obwohl sich die öffentliche Mehrheit gegen ihn verschworen hat, hält seine Frau Lucille unbeirrt zu ihm. Zwei Jahre nach dem Verbrechen stößt John Slaton, der Gouverneur von Georgia, auf Hinweise, die den Verurteilten entlasten. Das Todesurteil wird daraufhin in lebenslange Haft umgewandelt, aber ein Lynchmob, der sich „The Knights of Mary Phagan“ nennt, entführt Leo Frank aus dem Gefängnis und nimmt den „Hammer der Gerechtigkeit“ selbst in den Hand.

Die Ereignisse sorgten für ein Wiederaufleben des Ku-Klux-Klans und führten zudem zur Gründung der jüdischen Bürgerrechtsorganisation ADL (Anti-Defamation League). Wie sich später herausstellte, war jede einzelne Zeugenaussage, die Leo Frank vor Gericht belastet hatte, gelogen. Der Mord an Mary Phagan ist bis heute ungeklärt, aber es deutet vieles darauf hin, dass der Hausmeister Jim Conley etwas mit dem Verbrechen zu tun hatte. Noch ein Jahrhundert später sorgt der Stoff für große Faszination und zog eine Vielzahl von Büchern, Dokumentationen und Verfilmungen nach sich.

Lynchmord – Das Musical?!

© Joan Marcus

Harold Prince, der 21-fach Tony-preisgekrönte Regisseur der Orginal-Broadway-Inszenierungen von u. a. „Cabaret“, „Sweeney Todd“, „Evita“ und „Das Phantom der Oper“, sah in dem Stoff Potenzial für ein Musical. Nachdem Stephen Sondheim das Projekt abgelehnt hatte, wandte Prince sich auf Empfehlung seiner Tochter an den jungen Jason Robert Brown. Der aufstrebende Komponist hatte bisher nur den Liederzyklus „Songs for a New World“ geschrieben – „Parade“ war seine erste Broadway-Arbeit.

Alfred Uhry, aus dessen Feder das Buch des Musicals stammt, hat eine persönliche Verbindung zu dem Stoff: Dem Schwager seiner Großmutter gehörte die Bleistiftfabrik in Atlanta, in der Mary Phagan ermordet wurde. Der Titel des Musical bezieht sich auf den Südstaaten-Gedenktag (Confederate Memorial Day). Mary Phagan wurde 1913 an dem Feiertag umgebracht und der alljährliche Umzug zur Feier der im Bürgerkrieg gefallenen Soldaten ist im Stück ein wiederkehrendes Element, welches das Verstreichen der Jahre markiert.

© Joan Marcus

„Parade“ wurde im Dezember 1998 am Broadway uraufgeführt. Dem Publikum schien der Stoff zu bedrückend zu sein und der große Erfolg blieb aus. Wenn schon eine Kritik am Rechtssystem, dann bitte schön satirisch mit einem Augenzwinkern wie in „Chicago“ (auf dessen Revival zu dieser Zeit jeder abfuhr), aber bloß nicht zu authentisch! Auch die Kritiken fielen insgesamt gemischt aus, weshalb im Vivian Beaumont Theatre bereits im Februar 1999 der letzte Vorhang fiel. Trotzdem gewann das Musical nach seiner Schließung sechs Drama Desk Awards und wurde für neun Tonys nominiert, wovon es letztendlich zwei bekam (bestes Buch und bester Score). Auch kam ein Cast-Album auf den Markt, über das ich Jahre später das Musical zum ersten Mal entdeckte und mich sofort verliebte.

In der Broadway-Inszenierung standen Brent Carver als Leo Frank und Carolee Carmello als seine Ehefrau Lucille auf der Bühne. Die Beziehung des Paares bildet den emotionalen Kern des Stückes. Zu Beginn der Geschichte leben die beiden voneinander entfremdet und führen eine distanzierte Ehe, da Leo sehr verschlossen ist und Lucille nicht an sich heranlässt. Erst der Prozess schweißt die beiden zusammen und Lucille kämpft unerbittlich, um die Unschuld ihres Mannes zu beweisen und ihn wieder nach Hause zu bringen. Somit ist „Parade“ nicht nur ein Justiz-Thriller, sondern erzählt auch die Geschichte eines Ehepaars, das sich Jahre nach seiner Hochzeit – im Angesicht des Todes – ineinander verliebt und im rührenden Duett „All The Wasted Time“ die verschwendete Zeit bedauert.

“Hail the resurrection of the South’s least favorite son”

Wer bereits mit anderen Musicals von Jason Robert Brown vertraut ist, wird auch in „Parade“ ganz klar seine Handschrift erkennen. Durch den Score ziehen sich Einflüsse von Folk, Rhythm and Blues, Pop-Rock und Gospel. Der Prolog „The Old Red Hills of Home“ ist eine der besten Eröffnungsnummern, die ich je gehört habe. In einer patriotischen Hymne wird hier Atlanta fast schon als eigener Charakter vorgestellt. Interessanterweise kommen Leo und Lucille in diesem Lied noch gar nicht vor. Zuerst wird der Schauplatz mit seiner Südstaaten-Mentalität etabliert und dann werden die beiden Figuren als Fremdkörper in diesen Mikrokosmos gesetzt.

Die Bühnenautorin Lisa Kron sagte einmal über die Entstehung von „Fun Home“, wie wichtig es war, die Figur Bruce im Prolog zunächst als sympathischen Menschen, der sich leidenschaftlich für sein Hobby begeistert, vorzustellen. Wäre er direkt mit seinen negativen Seiten und dunklen Geheimnissen in die Handlung eingeführt worden, würde es dem Publikum viel schwerer fallen, die später gezeigten positiven Momente zu akzeptieren.

© Annabel Vere

Im Gegensatz dazu entscheidet sich „Parade“ hier für den harten Weg: Leo ist zu Beginn unnahbar und lässt weder seine Frau noch den Zuschauer emotional an sich heran. Er wirkt zunächst unsympathisch und sogar unhöflich, wodurch es leicht fällt, ihn ebenso zu verdächtigen, wie es jeder auf der Bühne tut. Erst im Laufe des Abends öffnet er sich langsam und gibt seine Sorgen und Ängste preis – was die Reise für das Publikum schwieriger macht, aber dafür umso befriedigender. Jason Robert Brown sagte später in einem Interview, dass er sich sehr schwer damit tat, eine verschlossene Person wie Leo zu musikalisieren und dass „How Can I Call This Home?“, Leos erstes Lied in der Show, tatsächlich das letzte war, das er schrieb.

© Øyvind Lund

Das Großartige an „Parade“ ist, wie viele Perspektiven es präsentiert. Nicht jeder, der gegen Leo ist und ihn bestraft sehen will, ist hier einfach der verachtenswerte Antagonist. Auch, wenn viele der Zeugen manipuliert wurden, sind die Bewohner von Atlanta aufrichtig vom Tod des Mädchens erschüttert und kämpfen aus ihrer Sicht für die Gerechtigkeit. Mein Lieblingslied aus dem Musical, das mich jedes Mal aufs Tiefste berührt, ist „It Don’t Make Sense“, das auf Marys Beerdigung von einer Gruppe Jugendlicher gesungen wird, die nicht verstehen können, wie jemand ihre Freundin so grausam aus dem Leben reißen konnte. Frankie Epps, ein Junge aus der Gruppe, schwört dabei Marys Mörder um jeden Preis Rache und man kann seine Position gut nachvollziehen.

„A Rumblin’ and a Rollin’“ thematisiert, wie die schwarze Community von Atlanta, die täglich mit Rassismus und Unterdrückung konftrontiert wird, auf die Berichterstattung um den Mordprozess reagiert. Innerhalb der christlichen Gemeinde ist Leo als Jude zwar der Außenseiter und wird Opfer von Antisemitismus, aber als Weißem wird ihm immerhin noch das Privileg zuteil, dass die Medien sich überhaupt für sein Schicksal interessieren:

I can tell you this as a matter of fact
That the local hotels wouldn’t be so packed
If a little black girl had gotten attacked.

They’re comin’, they’re comin’ now, yessirree!
’Cause a white man gonna get hung, you see.
There’s a black man swingin’ in ev’ry tree
But they don’t never pay attention!

© Øyvind Lund

Der Spieß dreht sich um, als der schwarze Jim Conley (der implizierte Mörder von Mary) Hauptbelastungszeuge wird. In seinem packenden Solo „That’s What He Said“ während der Gerichtsverhandlung am Ende des ersten Aktes schiebt er Leo das Verbrechen in die Schuhe. Als Zuschauer befindet man sich im Konflikt, da man wegen dem wahnsinnig energiegeladenen Lied am liebsten in Jubel ausbrechen möchte, aber gleichzeitig von der skrupellosen Lüge vollkommen angewidert ist und Jim verurteilt. Eine ähnliche Reaktion ruft der kraftvolle Blues „Feel the Rain Fall“ hervor, den Jim im zweiten Akt mit anderen Sträflingen im Gefängnis singt – man möchte ihn am liebsten ausbuhen, aber gleichzeitig, das muss man schon sagen, ist es einfach ein verdammt geiles Lied.

Parade 2.0 – Das Kammerspiel-Update

© Tristram Kenton

Die originale Broadway-Inszenierung von „Parade“ war üppig orchestriert und bestand aus einem großen Ensemble. 2007 feierte eine neue Kammerspiel-Version, für die Jason Robert Brown sein Material stark überarbeitet hatte, im Londoner Donmar Warehouse Premiere. Die Orchestrierung wurde auf neun Musiker reduziert, die Nebendarsteller übernahmen mehrere Rollen und insgesamt wurde das Stück von einer schwergewichtigen Großproduktion auf ein intimes Konzept reduziert, das den Fokus vollkommen auf die Handlung und die Figuren rückte.

Von dieser Produktion entstand eine Doppel-CD, die für Sammler besonders attraktiv ist, da sie neben den Liedern auch alle Dialoge enthält und die Show gut in ihrer heutigen Form repräsentiert, wie sie vor allem in den Vereinigten Staaten von vielen Community-Theatern gespielt wird. Für mich geht aber dennoch nichts über die musikalische Opulenz des Broadway-Albums von 1999, auf dem der Score mit viel mehr Druck und Klanggewalt zur Geltung kommt. Um das Stück in seiner Gesamtheit kennenzulernen, ist die Londoner CD wunderbar, aber wenn man sich in der Musik verlieren will, spreche ich eine klare Empfehlung für die Original-CD aus.

© Tristram Kenton

Die Donmar-Inszenierung von 2007 stieß auf überragende Reaktionen und transferierte ein Jahr später sogar nach Los Angeles. Hier standen T. R. Knight („Grey’s Anatomy“) als Leo und Lara Pulver (BBC-„Sherlock“) als Lucille auf der Bühne. Diese Produktion sorgte für einen großen „Parade“-Trend auf den amerikanischen Spielplänen und brachte dem Stück endlich die Wertschätzung, die ihm bei der Broadway-Premiere verwehrt geblieben war. Auch in Großbritannien wird das Stück gerne gespielt und war seit der Donmar-Premiere unter anderem im Southwark Playhouse (London) und dem Hope Mill Theatre (Manchester) zu sehen.

Diesen September wird zudem im britischen Hemel Hempstead eine immersive Inszenierung in der Frogmore Paper Mill, der ältesten mechanischen Papierfabrik der Welt, stattfinden: Die Szenen werden in verschiedenen Bereichen des Gebäudes gespielt, sodass die Zuschauer sich von Station zu Station bewegen müssen. (Mehr Informationen hier.)

© Craig Schwartz

“This is not over yet!”

Produziert von Manhattan Concert Productions fand 2015 im New Yorker Lincoln Center eine konzertante Aufführung von „Parade“ statt, die von Jason Robert Brown selbst dirigiert wurde. Hier wurde nicht die Kammerversion gespielt, sondern wieder die opulente Original-Orchestrierung mit großem Live-Orchester und riesigem Chor. Als Leo stand Jeremy Jordan auf der Bühne, seine Frau Lucille wurde von Laura Benanti verkörpert und auch die Nebenrollen waren mit profilierten Darstellern wie Ramin Karimloo und Andy Mientus hochkarätig besetzt.

© Kevin J. McCormick

Mein Traum ist eine Verfilmung von „Parade“ mit Jeremy Jordan und Anna Kendrick. Die beiden haben bewährte Leinwand-Chemie („The Last Five Years“), Jeremy Jordan ist bereits „Parade“-erprobt und Anna Kendrick erwähnt immer wieder in Interviews, dass „Parade“ ihr absolutes Lieblingsmusical ist. Kann das passieren? Bitte?

Wie die meisten mutigen Broadway-Musicals, deren Premiere bei uns noch aussteht, war „Parade“ natürlich bereits in Schweden zu sehen. (In unserem Bericht über die schwedische Musical-Szene erwähnten wir auch unter anderem das Stück.) Im November 2017 bringt das Freie Musical-Ensemble Münster die deutschsprachige Erstaufführung von „Parade“. Es ist schön, dass eine Amateurproduktion den Mut beweist, sich endlich diesem Stück anzunehmen, das von professionellen deutschsprachigen Theatern bisher vollkommen ignoriert wurde. Hoffentlich wird sich dies bald ändern – das Stück verdient es, auch hierzulande viele Liebhaber zu finden.

Ich hoffe, mein Artikel über unser Musical des Monats konnte euch einen kleinen Eindruck von „Parade“ und meiner Leidenschaft für dieses sträflich vernachlässigte Juwel vermitteln. Wenn ihr also mal wieder auf der Suche nach einem richtig gewaltigen Score seid, der wirklich etwas bewegt und einen noch lange, nachdem das letzte Lied verklungen ist, beschäftigt, kann ich euch das Broadway-Album von „Parade“ nur wärmstens ans Herz legen. Um meinen Artikel mit einer Liedzeile aus dem Musical zu schließen: „What are you waiting for?“

Folge Niklas auf seinem Musical-Blog www.theaterdistrikt.net

Beitragsbild: © Craig Schwartz

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Niklas Wagner

“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” – Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: … dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!