Floodlight Musicals – kennt ihr noch nicht? Ja, dann wird es Zeit! Im Jahr 2016 kamen Studenten der RWTH Aachen zu der berechtigten Erkenntnis, dass ein Musical-Verein an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden fehlt. Aus der Erkenntnis wuchs ein gemeinnütziger Verein, der schon ein Jahr später sein erstes Baby präsentieren darf: Der Klassiker „Rent“ von Jonathan Larson.

Das Rock-Musical orientiert sich stark an Pucchinis Oper „La Bohéme“ und feierte seine Premiere 1996 am Broadway, genau 100 Jahre nach seinem klassischen Vorbild. Seit 2005 gibt es das Musical außerdem als Spielfilm, darüber hinaus existiert eine Broadway-Videoaufnahme, die seit 2009 auf dem Markt ist.

Wie in „La Bohéme“ geht es in „Rent“ um eine Gruppe junger Menschen, die sich trotz Armut und Krankheit durch Leben und Liebe kämpfen. Neben Homosexualität und Aids werden in dem Musical noch weitere kontroverse Themen wie Drogenmissbrauch, Hausbesetzungen, Obdachlosigkeit und Tod angesprochen.

„Rent“ lief von 1996 bis 2008 ununterbrochen am Broadway, brachte es dort auf 5123 Vorstellungen und belegt zurzeit Rang elf der am längsten laufenden Broadwaymusicals. Jonathan Larson, der Schöpfer dieses und noch anderer Musicals, bekam leider nichts von dem unfassbaren Erfolg seines Stücks mit. Er verstarb am Tag der Premiere.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt …

… das dachte sich die Aachener Studenteninitiative. Für deren erste Produktion unter der Regie von Luise Blodau, Claire Bohn und Mitko Valtchev fiel die Wahl auf das Musical „Rent“, das mit Hilfe von Crowdfunding auf die Bühne gebracht wurde.

In der Geschichte treffen wir als zunächst auf Mark (Pinkas Hoffmann), der am Weihnachtsabend in seiner Wohnung in New York sitzt und uns fortan als Erzähler durch die Geschichte führt. Er wohnt zusammen mit Roger (Simon Braun), einem an seiner verstorbenen Freundin hängenden Musiker. Ein alter Freund, Tom Collins (Lukas Kaiser), wird auf der Straße vor der Haustür zusammengeschlagen und von der Drag Queen Angel (Wenzel Neuhöfer) gefunden und aufgepäppelt. Roger und Marks Flurnachbarin Mimi (Nathalie Slowik) versucht Roger zu verführen, lässt ihn aber noch zappeln. Benny (Jonathan Wendt), ein früherer Freund und Mitbewohner, taucht auf, um die Miete einzutreiben, was seine ehemaligen Freunde ihm natürlich übelnehmen. Um die ganze Geschichte abzurunden, gibt es noch Maureen (Nilufar Toutianoush), Marks Exfreundin, die ihn für die Businesslady Joanne (Lisa Loskamp) verlassen hat.

© Stefan Hense

Die Regie umgeht sehr geschickt die riskanten Stellen in diesem Stück, die es zu kitschig werden lassen könnten. Die Story wurde vom Ende der 1980er-Jahre in die heutige Zeit transferiert. Die Gewichtung sollte nicht, wie in vielen anderen Inszenierungen, auf das Thema Aids gelegt werden, sondern vielmehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, was unheimlich gut gelungen ist. Besonders im zweiten Akt, der fast ausschließlich aus Streitszenen besteht, erkennt man schnell, dass schauspielerisch sehr fundiert gearbeitet wurde. Und das dann alles noch in einer anderen Sprache.

Das Rock-Musical wurde auf Englisch gezeigt, ein Fakt, der mir zuerst leichtes Unwohlsein bereitete, da ich befürchtete, dass die deutsche Aussprache des englischen Originaltextes, die man manchmal leider auf der Theater- oder Musicalbühne erlebt, meinen Hörgenuss beeinträchtigen könnte. Jedoch schien es, als wäre den Darstellern die englische Sprache in den Proben in Leib und Zunge übergegangen, sodass ich fast das Gefühl hatte, in einer Londoner Inszenierung, gespielt von Muttersprachlern, zu sitzen.

Ein starkes Ensemble

Pinkas Hoffmann, in der Rolle des Filmemachers Mark, liefert eine beeindruckende Arbeit ab. Stellenweise ist er vielleicht etwas zu schnell, doch die Rolle des Erzählers passt sehr gut zu ihm und besonders bei seinen Spielszenen im zweiten Akt erkennt man großes schauspielerisches Talent. Auch gesanglich muss er sich absolut nicht verstecken.

Simon Braun als Musiker Roger, der mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat, ist eine Idealbesetzung. Nicht nur, dass er selber bei seinen Songs Gitarre spielt, er ist auch ein grandioser Sänger und bringt die innere Zerrissenheit Rogers sehr gut auf den Punkt. Auch mit der Darstellerin der Mimi harmoniert er sehr schön.

Wo wir schon gleich bei Nathalie Slowik sind, die ebenfalls eine wirklich gute Performance abliefert. Auch sie legt im zweiten Akt schauspielerisch ordentlich nach, vor allem möchte ich hier ihre Interpretation von „Goodbye Love“ hervorheben.

Für mich ist emotionalste Storyline des Musicals die Beziehung zwischen Angel und Collins. Lukas Kaiser als Collins schöpft seine Momente voll aus, ganz besonders bei der Reprise von „I’ll Cover You“. Da blieb wirklich kein Auge im Saal trocken. Wenzel Neuhöfer (Angel), der zuvor im Ensemble war, hatte aufgrund von kurzfristigen Änderungen in der Inszenierung nur einen Monat (!!!) zum Proben, denn die ursprüngliche Idee war, Angel mit einer Frau zu besetzen und somit kein homosexuelles Paar aus Angel und Collins zu machen. Die kurze Probenphase für Neuhöfer fällt aber absolut nicht auf, er passt sich perfekt in die Rolle der Drag Queen ein und beweist eine gehörige Portion Mut. Nur am Kostüm hätte man noch etwas feilen können, ein grünes US Army-Shirt als Kleid wird in meiner Vision einer Drag Queen wie Angel nicht gerecht.

© Stefan Hense

Marks Ex-Freundin, die am Anfang äußerst mysteriöse Maureen, wird von Nilufar Toutianoush verkörpert. Ihre Rolle ist wahnsinnig schwer zu meistern, man braucht Ausdauer, exaktes Timing und eine ganz gehörige Portion Selbstbewusstsein. Toutianoush beweist, dass sie das alles hat und obendrein eine tolle Stimme, wobei sie sich an manchen Stellen noch etwas zurückhält.

Maureens neue Lebensgefährtin Joanne ist das klassische Gegenteil von dem zügellosen Vamp. Als Businesslady erscheint Lisa Loskamp zwar streng und selbstsicher, doch kommt an manchen Stellen auch die pure Verzweiflung überzeugend rüber. Das Duo ist sehr gut gewählt. Loskamt erscheint neben Toutianoush fast blass, doch nur, bis sie anfängt zu singen. „Take Me or Leave Me“, eh schon von jeher ein Showstopper, ist einer der Höhepunkte des Abends und voll von geballter Frauen-Power!

Floodlight Musical arbeitet mit einem Ensemble, dessen Größe man sich erst beim Schlussapplaus bewusst wird, da einige Akteure leider etwas untergingen. Ich möchte jedoch hier besonders Amanda Egge und Deniz Kalaman hervorheben, denn auch, wenn sie nur in kleinen Supportrollen zu sehen waren, konnten sie mit einer Bühnenpräsenz und Ausstrahlung aufwarten, die einigen anderen Ensemblemitgliedern fehlte.

Erik Frach leitet seine 6-köpfige Band fantastisch und es macht einfach nur Spaß, dem rockigen Score von Larson zuzuhören.

Ein kleines Manko waren die teilweise sehr langen Umbaupausen, was das Stück mehr nach einer Aneinanderreihung von Szenen aussehen ließ, als nach einer zusammenhängenden Inszenierung.

Ich hatte insgesamt einen wirklich schönen Abend und es war sehr spannend zu sehen, was eine völlig frische Gruppe so auf die Beine stellen kann.

Uraufführung: 25. Januar 1996, New York
Premiere in Aachen: 23. Juni 2017 (Besuchte Vorstellung: 25. Juni 2017).
Musik und Text:
Jonathan Larson
Regie:
Luise Blodau, Claire Bohn, Mitko Valtchev
Musikalische Leitung:
Erik Frach
Chorleitung und Stimmbildung: Max Battefeld, Pinkas Hoffmann
Technische Leitung: Roman Stelzer
Besetzung: Pinkas Hoffmann (Mark), Simon Braun (Roger), Nathalie Slowik (Mimi), Lisa Loskamp (Joanne), Nilufar Toutianoush (Maureen), Lukas Kaiser (Collins), Wenzel Neuhöfer (Angel), Jonathan Wendt (Benny)
Ensemble: Nele van den Mond, Tobias Holle, Vanchinathan Ganesan, Paula Oberfeier, Philipp Jeschke, Christian Feltes, Amanda Egge, Deniz Kalaman, Marijke Siemens, Dina Schoel, Leonie Schmidt, Johannes Seiffahrt, Elisa Ehret, Finja Bernau

Mehr Informationen zu Floodlight Musicals findet ihr hier.

Rent/Broadway Cast Recording

Price: EUR 10,30

4.9 von 5 Sternen (15 customer reviews)

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Beitragsbild: © Stefan Hense