Der Musical-Klassiker „Cats“ von Andrew Lloyd Webber gastiert als Tour im Deutschen Theater in München und schafft, was manche große Theater in den Sommermonaten nur mit viel Rabatten und Werbung hinbekommen: Nahezu ausverkaufte Vorstellungen. Ein Grund mehr, sich näher mit einem der bekanntesten Musicals in Deutschland auseinanderzusetzen.

„Es ist kompliziert“. Müsste ich auf Facebook meinen Beziehungsstatus zu Andrew Lloyd Webber und seinen Musicals angeben, würde ich wohl doch mal in den Genuss dieses Ausdrucks kommen. Ich bin an sich kein großer Fan von „Phantom der Oper“, „Evita“ oder, Gott bewahre, „Joseph“. Jedoch kommt man als Musicalfan einfach nicht drum herum, diesen Stücken Beachtung zu schenken, da sie im Musical-Universum fest verankert sind und vor allem in Deutschland einen großen Beitrag zum Musical-Boom der 80er-Jahre geleistet haben. Auch empfinde ich eine tiefe Verehrung für „Jesus Christ Superstar“, welches ebenfalls aus der Feder von Andrew Lloyd Webber stammt und das ich mehr und mehr zu meinen liebsten Musicals zähle. Auch, wenn für mein Empfinden „Jesus Christ Superstar“ eine ganz andere Schiene als seine Geschwister fährt, darf man doch nicht verleugnen, dass sie alle vom gleichen Komponisten stammen.

Vor allem bei einem Webber-Musical sollte man niemals aus den Augen verlieren, welche Bedeutung es für die heutige Musicalszene hat. Ein Stück bereitet mir mehr Kopfzerbrechen als alle anderen Webber-Musicals zusammen: „Cats“. Ich finde, dass „Cats“ eigentlich alles verbindet, was vor allem Musicalhasser auf die Palme bringt, weil das Stück – in einem Wort zusammengefasst – schon ein wenig „seltsam“ ist. Immerhin geht es um Katzen, die drei Stunden lang tanzen, singen und eine nicht wirklich tiefgründige Handlung erzählen. Und doch bin ich erstaunt, welchen Hype dieses Stück heute noch auslöst. Zum einen sind alle Vorstellungen im Deutschen Theater relativ gut verkauft und das in der doch schwierigen Sommerzeit. Zum anderen ist mir schon früher aufgefallen, dass insbesondere die Generation im Alter meiner Eltern sofort aufhorcht, wenn sie hört, dass es eine Chance gibt, das Musical rund um die Katze Grizabella zu sehen. Hinzu kommt, dass fast jedes Mitglied ebendieser Generation „Cats“ schon mal gesehen hat, lief es schließlich beachtliche 15 Jahre lang in Hamburg. Ob es wirklich gefallen hat, habe ich, um ehrlich zu sein, selten von jemandem ganz deutlich zu hören bekommen, aber gesehen haben es alle. Meine Eltern sind damals sogar bis nach New York gereist, wobei mein Vater immer wieder betont, dass es das wohl teuerste Nickerchen seines Lebens war.

Was ist es also, was diesen Hype rund um „Cats“ auslöst? Ist es die Musik von Andrew Lloyd Webber? Die Choreographie von Gillian Lynne? Ist es einfach das gleiche Phänomen, das uns dazu bringt, Katzen-Videos rauf und runter zu gucken und Grumpy Cat witzig zu finden? Wäre „Cats“ ebenso erfolgreich, wenn „Memory“ von einem streunenden Hund gesungen worden wäre? Fragen über Fragen und im Endeffekt bringt einen das Analysieren auch nicht weiter, sondern eben nur ein Besuch im Theater, um sich an Ort und Stelle und umringt von begeisterten Fans selbst ein Bild zu machen. Und die fast ausverkaufte Premiere im Deutschen Theater in München hatte definitiv eines zu bieten: Ein begeistertes Publikum.

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Jellicle Songs for Jellicle Cats

Die Handlung spielt auf einem Schrottplatz, auf dem sich eines Nachts die Jellicle-Katzen treffen, um den Jellicle-Ball zu feiern: Eine jährliche Zusammenkunft der Katzen, um am Ende eine von ihnen zu bestimmen, der ein zweites Leben geschenkt wird. Die Handlung ist somit schnell erzählt und die fast drei Stunden Spielzeit werden nun damit gefüllt, die einzelnen Katzen und ihre besonderen Fähigkeiten sowie so manche Eigenheit vorzustellen. Vor allem Grizabella, die Glamour-Katze, die einst die Sippe verließ und nun Jahre später wieder in die Gruppe aufgenommen werden möchte, was ihr jedoch von den anderen Katzen verwehrt bleibt, spielt hierbei eine wichtige Rolle. Ihre Leid rund um ihre Trauer und der Sehnsucht nach ihrem alten Leben im Kreis ihrer Familie entlädt sich schließlich im wohl bekanntesten Musical-Song aller Zeiten: „Memory“.

Vorweg muss ich meine Skepsis bezüglich des Stückes gleich mal ausräumen und gestehen, dass ich wirklich positiv überrascht war. „Cats“ wird bestimmt nicht zu meinem Lieblingsmusical aufsteigen, jedoch hat es mir weit besser gefallen als ich zunächst angenommen hatte und ist in meinen Augen wirklich ein kleines Meisterwerk, welches Andrew Lloyd Webber im Jahr 1981 mit seinem damals noch unbekannten Kreativteam rund um heutige Superstars wie Trevor Nunn oder Cameron Mackintosh auf die Bühne gebracht hat.

Das Musical beruht auf den Gedichten von T.S. Eliot und seinem Buch „Old Possum’s Book of Practical Cats“, welche Webber, wie so viele Kinder, von seiner Mutter vorgelesen bekommen hat, als er klein war. „Cats“ mutet schon ein wenig wie ein Kindermusical an, woran man ganz klar erkennt, dass die Geschichte rund um die Jellicle-Katzen die Stories von T.S. Elliot zu Vorlage hat. Die Texte zu der Musik von Andrew Lloyd Webber bestehen zum großen Teil aus den Originalgedichten von Eliot, was nochmals zeigt, welches Mammutprojekt Andrew Lloyd Webber sich hier aufgehalst hat. Schließlich ist es eher üblich, dass der Text anschließend zur Musik geschrieben wird und nicht andersherum. Im Deutschen Theater wird das englische Original als Produktion von Mehr! Entertainment und BB Promotion gezeigt. Somit kommt man hier in den Genuss der wunderschönen Originaltexte der Gedichte von Eliot. Vor allem die einzelnen Elemente der Show wie die Choreographie, das Bühnenbild und die tolle Leistung der Darsteller verleihen diesem „Kindermusical“ dann allerdings ein ganz besonderes Flair und machen es zu einer qualitativ hochwertigen Show.

Das Musical ist eher als eine Art Revue angelegt und nicht wie ein klassisches Musical. Da die einzelnen Nummern von den verschiedenen Katzen gesungen werden und jedes Lied dazu dient, den Charakter der einzelnen Katzen darzustellen, ist die Musik sehr facettenreich und bedient sich verschiedener Stilrichtungen von Pop bis Jazz und hin zu Rock ’n’ Roll. Auch die Tanzeinlagen zeigen eine große stilistische Bandbreite, von Modern Dance bis hin zum klassischen Ballett.

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Ist das Kunst oder kann das weg?

Ich bemängle bei Klassikern ja meistens, dass mir viele Stücke zu verstaubt sind und vor allem die großen Tournee-Produktionen mutlos ihre Inszenierungen durchs Land schicken. „Cats“ spielt hierbei in einer ganz anderen, wenn nicht sogar eigenen Liga, da man das Musical rund um die Jellicle-Katzen in meinen Augen gar nicht anders inszenieren kann als es das Team rund um Andrew Lloyd Webber bei der Premiere im Jahr 1981 getan hat. Es ist so speziell und vielleicht auch in seiner eigenen kleinen Katzenwelt so perfektioniert, dass ich es mir anders gar nicht vorstellen kann. Natürlich hätte ich auf die ein oder andere Kleinigkeit in der Regie von Trevor Nunn verzichten können und insbesondere das steppende Ungeziefer bleibt mir bestimmt bis in alle Ewigkeiten ein Dorn im Auge, jedoch habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt, sobald ich den „Katzen-sind-schon-tolle-Tiere“-Button gefunden und angeknipst hatte.

Das Original-Bühnenbild von John Napier stellt einen Schrottplatz dar und was anfangs ziemlich „trashig“ klingt, wurde doch sehr ansehnlich umgesetzt. So tummeln sich die Katzen durch ihren kleinen Spielplatz und dank der immensen Bühne mit Blick auf den Mond und Lichterketten, die auch außerhalb des Bühne erstrahlen, war ich bei der ein oder anderen Szene dann doch begeistert von so viel, nun ja, Müll auf der Bühne. Das Bühnenbild wartet mit ebenso wenig Überraschungen auf wie das Stück selbst und doch schafft es „Cats“, mit seiner Einfachheit und fast schon kindlichen Leichtigkeit zu einem eigenen Kunstwerk zu werden. Die typischen „Cats“-Kostüme, bestehend aus unterschiedlichen enganliegenden Lycra-Trikots, stammen von John Napier und sind für mich inzwischen fast schon das Markenzeichen dieses Musicals.

Ein großer Bestandteil von „Cats“ sind der Tanz und die katzenähnlichen Choreographien von Gillian Lynne. Bei Tanzeinlagen bin ich leider weit davon entfernt, ein Spezialist zu sein und vor allem bei den doch oft ewig dauernden Tänzen (irgendwie müssen die drei Stunden ja gefüllt werden) zog es sich für mich als Tanzmuffel dann doch ein- bis zweimal etwas in die Länge. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wie es Gillian Lynne gelungen ist, die Darsteller dank ihrer grazilen Bewegungen wie richtige Katzen erscheinen zu lassen.

Gesangliche und vor allem tänzerische Glanzleistungen

Als Grizabella stand Joanna Ampil auf der Bühne. Die Rolle ist definitiv der Star der Show und ihr Solo „Memory“ ist einfach DER Musicalklassiker schlechthin. Man merkte auch sofort im Publikum, dass alle nur auf diesen einen Song gewartet hatten. Was man aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades des Songs und der – oftmals – Starbesetzung der Rolle Grizabella auf der ganzen Welt nicht denkt, ist, dass Grizabella tatsächlich bis auf ein paar Ausnahmen kaum auf der Bühne ist und bis auf den Showstopper der Show singt und tanzt sie auch selten mit. Nichtsdestotrotz hat Joanna Ampil ihre drei Minuten Ruhm voll ausgenutzt und ein begeistertes Publikum zurückgelassen.

Als Rum Tum Tugger war Nathan Johnson zu sehen, der für mich selbst mit Katzen-Make-Up noch zu jung für die Rolle wirkte. Auch war er zwar weit davon entfernt, schlecht zu sein, jedoch tanzte er gemessen am hohen qualitativen Maßstab der gesamten Cast bei seinem ersten Solo ein klein wenig aus der Reihe und auch wirkte seine Coolness für mich etwas zu aufgesetzt. Vor allem im zweiten Akt zog er jedoch mächtig an und hatte mich spätestens bei seiner Performance zu „Mr. Mistoffelees“, bei dem ich dann allerdings schon dem ganzen Stück komplett verfallen war, um den Finger gewickelt. Auch erfuhr ich erst im Nachhinein, dass er „nur“ Swing ist und für die Erstbesetzung am Premierenabend eingesprungen ist, daher verzeihe ich ihm die kleinen Patzer zu Beginn der Show.

Auch die restliche Katzenfamilie rund um Matt Krzan als Munkustrap, Jon Ellis als Old Deuteronomy und Axel Alvarez als Mistoffelees lieferte eine wirkliche grandiose darstellerische Leistung ab und ließ mich zeitweise vergessen, dass keine echten Katzen auf der Bühne stehen. Ich denke, dass das auch genau das Ziel war, welches Andrew Lloyd Webber mit seinem Musical-Hit erreichen wollte.

Andrew Lloyd Webber und ich werden in diesem Leben also bestimmt nicht mehr Hand in Hand in Rollschuhen die Starlight-Express-Rennbahn runterdüsen, aber mit „Cats“ hat er mich überrascht und mir bewiesen, dass unsere Beziehung vielleicht wirklich etwas kompliziert ist, aber noch lange nicht beendet ist.

Uraufführung: 11.05.1981 (New London Theatre, London)
Besuchte Vorstellung: 19.07.2017 (Deutsches Theater, München)
Musik: Andrew Lloyd Webber
Texte: T.S. Eliot
Choreographie: Gillian Lynne
Regie: Trevor Nunn
Kostüme und Bühnenbild: John Napier
Licht: David Hersey
Besetzung: Joanna Ampil (Grizabella), Jon Ellis (Old Deuteronomy), Matt Krzan (Munkustrap), Nathan Johnson (Rum Tum Tugger), Mistoffelees (Axel Alvarez), Jak Allen-Anderson (Macavity), Sophia McAvoy (Victoria)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Alessandro Pinn