Nun klaue ich in der Überschrift doch tatsächlich die Werbung der Bayerischen Theaterakademie. Zum einen, weil es einfach perfekt meinen vergangenen Theaterabend im Münchner Akademietheater beschreibt, zum anderen, weil diese Aussage auch der Grund war, das Stück überhaupt erst zu besuchen. Ich kannte diese kleine Musicalperle von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens nämlich noch nicht und hätte ich nicht im Überfliegen der Stückinfo das versteckte „Musical“ entdeckt, hätte ich wohl einen wahrlich glorreichen Theaterabend versäumt.

Ich muss sagen, dass ich bis zum Vorstellungsbeginn nicht genau wusste, was mich nun erwartet. Ich werde mehr und mehr ein Fan des Duos Stephen Flaherty und Lynn Ahrens, auch wenn sich meine Erfahrungen mit dem Autoren-Duo bisher nur auf deren Musicals „Rocky“ und „Anastasia“ beschränkt und ich mich gerade erst, aufgrund eines sehr guten Artikels von Niklas (hier nachzulesen), in das Musical „Ragtime“ rein höre. Das Musical „Die Glorreichen“ war nun völliges Neuland für mich und auch die Beschreibungen und wenigen Ausschnitte haben mich eher noch mehr verwirrt, als dass ich mir wirklich ein Bild von dem Stück hätte machen können. Vor allem die im Vorfeld viel beworbene Leidenschaft für das Improvisationstheater ließ mich etwas stutzig zurück. Als zu Beginn der Vorstellung also alle in den Theatersaal gingen und ihre Plätze auswählten (es war freie Platzwahl), hörte ich doch die ein oder andere Aussage, dass die erste Reihe gemieden wird, da man sich nicht sicher war, ob es sich vielleicht um eine Art „Mitmach-Theater“ handelt. Ich war also wohl nicht die Einzige, die aufgrund der Beschreibung etwas unsicher war. Und falls noch jemand hingeht und keine Lust hat, mitten in der Vorstellung bei irgendwas mitmachen zu müssen, kann ich jetzt ruhigen Gewissens die erste Reihe empfehlen. Es wird im Stück selbst weder improvisiert, noch muss das Publikum bei irgendwelchen spontanen Aktionen der Darsteller mitmachen.

© Jean Marc Turmes

Improvisation ist alles

Die Handlung erzählt die Geschichte der Theatertruppe „I Gelosi“, die im 16. Jahrhundert durch Italien zieht und ihre komischen Stücke zum Besten gibt. Die Truppe besteht aus Flaminio, dem Chef der Truppe, und seinen sechs Schützlingen Pantalone, Colombina, Armanda, Dottore, Isabella und Francesco. Zu Beginn der Handlung erzählt jeder Charakter, wie er Flaminio kennen gelernt hat und auch, welche Funktion er in der Truppe übernimmt. Die Stücke von „I Gelosi“ und deren Witze sind meist improvisiert und feiern große Erfolge in Italien. So groß, dass sie eines Tages an den französischen Hof eingeladen werden, um dort vor dem König zu spielen. Die Bedenken von Francesco, dass der italienische Humor vielleicht zu derb für den französischen König sein könnte, wird von Flaminio wütend abgetan. Jedoch passiert genau das und die Truppe wird nach ihrer Vorstellung aus dem Land gejagt. Nun überdenkt das Gespann ihr eingefahrenes Improvisations-Theater, welches vielleicht vor vielen Jahren gut ankam, jedoch inzwischen überholt ist. Und so versuchen sie sich an einem geschriebenen Stück von Francesca, welches mit festen Drehbuch aufgeführt werden soll. Vor allem Flaminio ist nicht begeistert von dieser Idee, da es für ihn nichts Schöneres gibt als die Improvisation.

© Jean Marc Turmes

„Die Glorreichen“ ist eine Produktion der Bayerischen Theaterakademie August-Everding und besticht wieder mit einer grandiosen Inszenierung, aus der mit kleinen Mitteln das Maximale herausgeholt wurde. Aufgeführt wird das Stück im Akademietheater, einem kleinen, intimen Theater, das Teil des Prinzregententheaters ist. Das Stück dauert nur eineinhalb Stunden ohne Pause und verlangt den sieben Darstellern, die fast pausenlos auf der Bühne stehen, einiges ab. Gleichzeitig ist das Musical eine Art „Spielplatz“, wenn es darum geht, das in der Akademie Gelernte auf die Bühne zu bringen. Es wird gelacht, geweint, gesungen und getanzt und das alles in einem doch eher überzogenen Ausmaß. Somit ist es also perfekt, um dem Publikum zu zeigen, was der Nachwuchs einer der besten Theaterschulen im deutschsprachigen Raum zu bieten hat. Und ich war, wie schon so oft, begeistert von den jungen Talenten des Studiengangs „Musical“.

Das Musical ist ein Stück im Stück und die eigentliche Handlung rund um „I Gelosi“ wird oft durch Sketche untermalt, die die Theatertruppe vor ihrem Publikum aufführt und die im 16. bis 18. Jahrhundert typisch waren. Diese Art des improvisierten Theaters wird als „Commedia dell’Arte“ bezeichnet und ist ein wichtiges Kapitel der Theatergeschichte. Diesen geschichtlichen Aspekt des Musicals fand ich besonders interessant inszeniert. Ich war erstaunt, wie oft selbst ich als Laie in den vielen Sketchen ganz klar die Vorgänger zeitgemäßer Komödien wiedererkannte, wie Pantomime, Charlie Chaplin oder auch Szenen, die ich so aus Zeichentrickserien meiner Kindheit kenne. Besonders eine Szene am Schluss empfand ich fast ein wenig als Schlüsselszene: Flaminio stellt die Frage aller Fragen, was von ihm am Ende noch übrig bleiben wird. Daraufhin zücken die anderen Darsteller ihre Handys und animieren sich gegenseitig, lustige Videos im Internet anzusehen, welche zuvor bereits so ähnlich von den einzelnen Mitgliedern der Schauspieltruppe zum Besten gegeben worden waren. Nur sehen wir sie heute nicht mehr auf dem Marktplatz von einer Schauspieltruppe dargeboten, sondern im Internet. Somit zieht sich der geschichtliche Hintergrund rund um die Commedia dell’Arte und ihre heutige Bedeutung wie ein roter Faden durch die Inszenierung und findet einen gelungenen Abschluss.

© Jean Marc Turmes

Auch das zweite große Thema dieses Musicals, dem Interessenkonflikt zwischen den jüngeren Mitgliedern rund um Francesco, welche Neues ausprobieren möchten und der alten Generation, die wie Flaminio an Traditionen und Dingen, die er kennt und liebt, festhält, wurde anschaulich thematisiert. Zwar empfand ich es auf der Bühne nicht so ausgeprägt dargestellt, aber das Programmheft verriet viel zum eigentlichen Entstehungsprozess der Inszenierung und der Tatsache, dass man versucht hat, das Kreativteam sowohl mit jungen, als auch mit erfahreneren Theatermachern zu besetzen. Da das Ergebnis sich durchaus sehen lassen kann, ist dieses Experiment somit mehr als geglückt und zeigt, dass dies auch in vielen anderen Lebenslagen genau der richtige Weg sein sollte.

Komischer Geschichtsunterricht

Das Bühnenbild ist einfach gehalten, was perfekt zu der intimen Theateratmosphäre des Akademietheaters passt. Es gibt eine Drehbühne, auf der sich noch einmal ein rundes Podest befindet, welches oft als Bühne für das „Stück im Stück“ dient. Auf der Bühne waren verschiedene Vorhänge positioniert, die über Seile bewegt werden konnten. Hier hat man es geschafft, mit einfachen Mitteln und geschickten Einsatz ebendieser Vorhänge und Lichtern ein zum Teil beeindruckendes und vor allem zweckmäßiges Bühnenbild zu schaffen. Auch das kleine Orchester unter der musikalischen Leitung von Liviu Petcu spielte die herrlichen Melodien von Stephen Flaherty mit den deutschen Texten von Roman Hinze (Originaltexte: Lynn Ahrens) voller Leidenschaft. Alles in allem passte das Stück perfekt in das kleine Akademietheater in München und wird vom Kreativteam und den Darstellern auf der Bühne bis ins kleinste Detail voll ausgenutzt.

© Jean Marc Turmes

Auch von den Darstellern wurde ich an diesem Abend nicht enttäuscht. Leider muss ich sagen, dass einige Charaktere mehr herausstachen als andere, was jedoch nicht an der darstellerischen Leistung, sondern eher am Buch und der Charakterzeichnung festzumachen ist. Allen voran ist Timothy Roller als Flaminio zu erwähnen. Er ist der Gründer und Chef der Theatergruppe und verkörpert auf der Bühne perfekt den selbstbewussten Theatermenschen. Als tolles Gegenstück zu ihm empfand ich Miriam Neumaier als Colombina. Sie ist sozusagen der sexy Vamp der Gruppe und übernimmt zudem immer die weibliche Hauptrolle neben Flaminio. Die beiden performten ihre Parts mit ganz großem Selbstbewusstsein auf der kleinen Bühne, ohne, dass es zu übertrieben oder aufgesetzt wirkte.

Patrizia Unger als Armand erinnerte mich mit ihren Strümpfen und ihrem ganzen Schauspiel stark an Pippi Langstrumpf (allerdings im absolut positiven Sinne, falls jemand etwas Schlechtes an Pippi Langstumpf finden sollte). Auch Daniel Wagner als Francesco überzeugte mich als Sympathieträger der „Glorreichen“ auf ganzer Linie.

Tobias Stemmer als Pantalone, Johannes Osenberg als Dottore und Tamara Pascual als Isabella verkörperten ebenfalls ihre Rollen auf grandiose Art und übernahmen ihren festen Part in der Truppe. Jedoch waren ihre Rollen etwas kleiner ausgelegt, weswegen sie leider ihre Fertigkeiten nicht so facettenreich zeigen konnten wie die anderen Darsteller.

Wer sich also auch auf die „Musical“-ische Zeitreise rund um die Commedia Dell’arte begeben möchte, kann dies noch bis zum 22. Juli 2017 tun.

Uraufführung: 27.04.2007 (Public Theater, Pittsburgh)
Besuchte Vorstellung: 14.07.2017 (Akademietheater, München)
Musik: Stephen Flaherty
Lyrics und Buch: Lynn Ahrens
Choreographie: Timo Radünz
Regie: Frieder Kranz
Musikalische Leitung: Liviu Petcu
Bühnenbild und Kostüme: Christl Wein
Maske: Jennifer Brünn, Evgenia Stamler
Licht: Georg Boesheinz
Ton: Miriam Reinhardt, Matthias Schaaf
Dramaturgie: Andras Borbely T.
Besetzung: Timothy Roller (Flaminio), Tobias Stemmer (Pantalone), Miriam Neumaier (Colombina), Patrizia Unger (Armanda), Johannes Osenberg (Dottore), Tamara Pascual (Isabella), Daniel Wagner (Francesco)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Jean Marc Turmes

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.