Am 4. Juli 2017 feierte das Musical „Mademoiselle Marie“, das am 18. Juni 2015 im mittelfränkischen Cadolzburg uraufgeführt wurde, im Kulturforum Fürth seine Wiederaufnahme bevor es europaweit auf Tournee geht. Nicht das erste Mal machen die Cadolzburger Burgfestspiele von sich reden. Der gemeinnützige Verein kann bereits auf drei erfolgreiche Musical-Produktionen zurückblicken. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht Kultur, Musik und Theater in der Region zu fördern und dadurch auch den fränkischen Dialekt herauszustellen. Die Musical-Produktionen „Die weiße Witwe“ (2010, 2012), „Aeronauticus“ (2013) und „Fränkische Weihnacht“ (2014) standen die letzten Jahre auf dem Spielplan der Freilichtbühne im Vorhof der Cadolzburg.

Bisher waren es jedoch hauptsächlich regionale Themen, die sich die Amateurgruppe vornahm. So erzählte beispielsweise „Die weiße Witwe“ die fränkische Sage um die Gräfin Kunigunde von Orlamünde und „Aeronauticus“ die Geschichte um den fränkischen Flugpionier Gustav Weißkopf. Durch den Blick auf die neuere deutsche Geschichte wagt sich das Team diesmal an die ganz großen Fragen unserer Zeit: Krieg, Vergebung, Völkerverständigung, Flüchtlinge und Frieden.

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Eine Geschichtsstunde der besonderen Art

Die Story spielt in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges und verfolgt zwei parallel ablaufende Handlungsstränge. Einer erzählt das Leben der Lehrerin Marie in einem fränkischen Dorf, die ihre Kinder allein großziehen muss und auf die Heimkehr ihres Mannes aus dem Krieg wartet. Während des Krieges versteckt sie auf ihrem Hof den französischen Kriegsgefangenen François, der auch nach Kriegsende freiwillig auf dem Hof bleibt und Maries Familie unter die Arme greift. Mit der Zeit entwickelt sich eine romantische Beziehung zwischen den beiden. Marie klammert sich jedoch lang noch an die Hoffnung, dass ihr Mann lebt und aus dem Krieg heimkehren wird.
Der zweite Handlungsstrang stellt den traurigen Alltag ihres Mannes Hans in einem russischen Gefangenenlager dar, der von Entbehrungen, Schikanen und der Erinnerung an seine Familie geprägt ist. Er beginnt Schachfiguren zu schnitzen, was einem russischen Offizier missfällt. Er fordert ihn zum Schachduell, sollte Hans verlieren, müsse er zur Zwangsarbeit in die Quecksilber-Minen gehen, was sein sicheres Todesurteil bedeutet hätte.
Neben diesen beiden Haupthandlungen öffnen sich zwei Nebenschauplätze, zum einen im fränkischen Dorf, zum anderen in einem französischen Dorf in der Nähe von Oradour. Die fränkischen Dorfbewohner geben die Sidekicks, die die Geschichte etwas auflockern. Die Mundart-Szenerie des kleinkarierten fränkischen Dorfalltags mit Problemen, wer die größten Tomaten und wer die meisten Milchkannen hat, nimmt den großen Themen, wie dem Leid der Kriegsversehrten und deren Angehörigen sowie der Integration der Heimatvertriebenen aus dem Osten, die Schwere.

Dazwischen keimt das zarte Pflänzchen Wohlstand in den 1950er Jahren und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die ersten Fernseher halten Einzug in das Leben der Menschen, die Jugend bricht mit den dörflichen Traditionen und lebt den Rock’n’Roll-Lifestyle aus Amerika.
Im Gegensatz dazu sind die Szenen im französischen Dorf voller dramatischer Emotionen, beispielsweise als in einer Rückblende François gegen den Willen seiner Mutter in den Krieg zieht, oder wenn das Schicksal des Dorfes Oradour erzählt wird. Im Massaker von Oradour-sur-Glane, das am 10. Juni 1944 von der deutschen SS verübt wurde, starben über 600 Menschen, es gab nur sechs Überlebende.
Neben den persönlichen und gesellschaftlichen Tragödien, die der Zweite Weltkrieg nach sich zog, wird auch die politische Perspektive nicht aus den Augen verloren. Zum Beispiel stellt eine Gruppe Jugendlicher die Verhandlungen Konrad Adenauers mit Chruschtschow über die Freilassung der deutschen Kriegsgefangen in Russland in dem Musical nach.

Buch und Regie

Der Autor Fritz Stiegler schrieb mit „Mademoiselle Marie“ ein Buch, das von einer Fülle an historischen Informationen getragen wird. Geschickt spinnt er die Handlungen an den verschiedenen Schauplätzen zu einem historischen Bild, das jede Geschichtsunterrichtsstunde in den Schatten stellt. Er spart keine Information aus, sei sie noch so grauenvoll, um dem Zuschauer die Kriegs- und Nachkriegszeit näher zu bringen.
Jan Burdinski schafft es mit seiner Regie, eine über 100 Mann starke Amateurgruppe zusammenzuhalten und eine für Laien überdurchschnittliche schauspielerische Leistung abzurufen. Der Regisseur hält Slapstick und Tragödie weitestgehend im Gleichgewicht, so dass die hohe Emotionalität der dramatischen und schrecklichen Momente transportiert wird und die eingestreuten komödienhaften Elemente nicht zu kurz kommen.
Durch die vielen Schauplatzwechsel lassen sich mehrere Handlungen parallel erzählen, was sich jedoch im Endeffekt bei „Mademoiselle Marie“ als Spannungskiller erweisen sollte. Denn normalerweise bietet eine Story, in der der Zuschauer mehr weiß als die Akteure, eine große Chance die Spannung aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel weiß der Zuschauer im Gegensatz zu Marie, dass Hans noch am Leben ist und um seine Heimkehr kämpft. Symbolisch für diesen Kampf steht das Schachspiel als Spiel der Könige und als Ambivalenz zu den Weltgeschehnissen und dem Alltag im Gefangenenlager. Für Schachkenner ein interessantes Feature, denn hier hat man natürlich ein echtes Schachspiel entwickelt, dessen Züge man auch im Programmheft mitverfolgen kann.

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Als Zuschauer ist man dazu angehalten, mitzufiebern, ob Hans das Spiel gewinnt und es für ihn noch eine Rückkehr aus dem russischen Gefangenenlager gibt. Ebenso entfaltet sich die Dramatik dadurch, dass man auch am Leben von Marie und ihrem neuen Liebhaber teilhat. Der Zuschauer lässt sich nicht komplett auf die Liebesbeziehung zwischen Marie und François ein, da er auf die Rückkehr von Hans hofft. Leider ist dieser Spannungsaufbau im Musical ein Stück weit verloren gegangen. Die vielen Schauplatz- und Themenwechsel zerreißen das Geschehen anstatt dieses spannungsvoll miteinander zu verweben. Hier hätte dringend ein Dramaturg den Zeigefinger heben und auf die unglückliche Entwicklung der Handlung hinweisen müssen.

Musik und Choreografie

Die Komposition von Matthias Lange ist eines der Highlights im Musical. Matthias Lange zeichnete schon für den Score in den vorhergehenden Produktionen der Cadolzburger Burgfestspiele verantwortlich. Die Musik wurde zuvor aufgezeichnet und kam während der Open-Air-Aufführung vom Band, gesungen wurde live. Eingespielt wurde die Musik von den Nürnberger Symphonikern und der Thilo Wolf Big Band. Die Songs zeichnen sich vor allem durch ihre Vielfältigkeit aus. Das Gleichgewicht zwischen Drama und Komödie, Franken und Frankreich spiegelt sich auch in den Kompositionen von Matthias Lange wieder. Von Beginn an hat die Musik starken Filmmusik-Charakter und so führen düstere Streicherparts in die Atmosphäre des Stückes ein. Dazwischen gesellen sich dann fröhliche Volksmusik, schmissige Rock’n’Roll Nummern aus dem fränkischen Heimatdorf neben den Walzerklängen im französischen Dorf, komplettiert von bewegenden Pop-Balladen. Matthias Lange ist es gelungen, durch die Musik die Handlungsschauplätze klar zu definieren und die Geschichte durch die Musik zu erzählen, ohne jedoch die durchgängige musikalische Linie aus den Augen zu verlieren.

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Neben der Musik ist vor allem die Choreografie lobend zu erwähnen. Die Choreografin Kathleen Bengs erschafft vom fetzigen Rock’n’Roll bis zur dramatischen Tanzsequenz auf dem Schachbrett im Gefangenenlager ebenfalls eine Vielfalt an unterschiedlichsten Tänzen. Sie hat ein feines Gespür für die Entwicklung riesiger Tanzszenen mit über 60 Beteiligten auf der Bühne. Sie schafft es, die unterschiedlichen Tanzfähigkeiten der Mitwirkenden richtig einzusetzen und platziert gezielt komplexe Hebefiguren in die Tanznummern. Die Atmosphäre in der Szene wird authentisch aufgefangen und transportiert, egal ob es sich um ernste Momente im Gefangenenlager oder um heitere Sequenzen bei der Dorfkirchweih handelt.

Marie, Hans und François

Romina Satiro spielt die Titelrolle mit leidenschaftlicher Hingabe und gibt auch gesanglich eine ansehnliche Leistung. Durch ihr äußeres Erscheinungsbild nimmt man ihr die selbstständige Frau aus den 50er Jahren voll und ganz ab. Satiro erschafft eine authentische Figur, schade nur, dass ihre Rolle im Vorfeld nicht ganz schlüssig zu Ende gedacht worden war. Der Zuschauer wundert sich, dass eine Französischlehrerin nichts vom Massaker in Oradour wusste oder ebenso nicht über den Umstand informiert war, dass im russischen Gefangenenlager kein normaler Postverkehr möglich war. Nicht so ganz nachvollziehbar sind auch ihre Beweggründe am Ende der Geschichte, wenn sie sich trotz 10-jährigem Hoffen und Bangen, dass ihr Mann zurückkehrt, dann doch für ihren französischen Liebhaber entscheidet und ihren Mann nach seiner Heimkehr im Regen stehen lässt.

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Die stärkste schauspielerische Performance lieferte Klaus Kinzel als Hans. Er lässt den sprichwörtlichen Funken auf das Publikum überspringen und verkörpert die Schrecken der Gefangenenlager mit einer unvergleichlichen Intensität. Die ganzen Entbehrungen und Schikanen, die er über sich ergehen lassen musste, formt Klaus Kinzel in ein eindringliches Gesamtbild. Symbolisch lastet auf seinen Schultern die Kriegsschuld der Deutschen. Trotzdem bewahrt er sich auch in russischer Gefangenschaft seine Würde und verfolgt mit stetiger Konsequenz das einzige Ziel, seine Heimkehr. Er ist ehrlich, zuverlässig und mutig. Alle schrecklichen Erlebnisse führen aber nicht dazu, dass er am Ende als gebrochene Person dasteht. Obwohl er der unglücklichste Charakter im Stück ist, stellt er den eigentlichen Helden der Geschichte dar. Er ist wahrlich der „Hans im Unglück“ oder „Iwan der Schachspieler“, was durchaus auch plausible Namen für das Musical sein könnten, zumal die Geschichte mit ihm beginnt und auch endet.
Manuel Unterburger als François interpretiert diesen mit einer schauspielerischen Leichtigkeit, die sehr erfrischend wirkt. Er gibt den schmeichelnden Liebhaber und ängstlichen Schutzsuchenden, ist aber auch konsequent in seinem Werben um die Gefühle von Marie. Großartig ist auch Unterburgers glaubwürdige sprachliche Ausgestaltung als Franzose. Er spricht mit französischen Akzent und dem typischen französischen Singsang in der Stimme. Selbst in seinem Gesang behält er den Akzent bei. Manuel Unterburger und Romina Satiro harmonieren tadellos als Liebespaar auf der Bühne. Die Rolle des François hat das typische französische savoir-vivre, denn obwohl er auch schreckliche Kriegserfahrungen gemacht hat, zeigt er, dass das unbeschwerte Leben trotz des Krieges möglich ist und stellt in dieser Konstellation den Gegenpart zu Hans dar.

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Das Ensemble

Der Verein der Cadolzburger Burgfestspiele zählt um die 130 Mitglieder, pro Aufführung stehen 60 Menschen aller Generationen vom Kindergartenkind bis zum Rentner auf der Bühne. Die Rollen sind zwei-, manchmal sogar dreifach besetzt. Die große Anzahl an Mitwirkenden ermöglicht eine Rollenvielseitigkeit, die große Volksszenen auf die Bühne bringt. Ob Kirchweihszene oder Weinlese: Die Anzahl der Mitwirkenden im Chor und Tanzensemble sorgt für authentische Momente. So konnten sich auch einige Akteure selbst ohne Sprechrolle durch ihre darstellerischen Leistungen aus der Gruppe herausspielen. Auch in den Nebenrollen zeigte sich schauspielerisches und gesangliches Potential. Erwähnenswert sind hier Anja Lugert als Mutter von François und Lea Weber als Maries Tochter mit ihren gesanglichen Leistungen, sowie Thomas Dröge als russischen Offizier und Bernhard Pfister als fränkischer Bauer mit ihrer eindringlichen Performance.

Von Franken nach Frankreich

Dem Verein und dem Kreativ-Team kann man an der Stelle gratulieren. Es ist ihnen gelungen, einen komplexen Stoff mit Laien-Darstellern und ehrenamtlichen Mitarbeitern hinter den Kulissen auf die Bühne zu bringen. Doch es geht hierbei um viel mehr. Der Verein hat nicht nur den Bühnenerfolg im Blick, sondern sich auch die Förderung der deutsch-französischen Freundschaft auf die Fahnen geschrieben. Die Kontaktaufnahme nach Oradour war daher naheliegend. So besuchten im Sommer 2015 eine französische Delegation die Vorstellung in Cadolzburg, unter ihnen auch Robert Hèbras, ein Überlebender des Massakers in Oradour. Im Herbst 2017 wird „Mademoiselle Marie“ sogar im französischen Oradour gespielt und ist somit ein Beitrag zur Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Im September 2016 erschien in einigen fränkischen Kinos der Musicalfilm zum Musical „Mademoiselle Marie“. Es ist einerseits ein Spielfilm, der die Geschichte des Musicals in filmischer Form wiedergibt, als auch ein Dokumentarfilm über die Entstehungsgeschichte des Musicals und das Massaker in Oradour.

Doch nicht nur die mit dem Stück gepflegte deutsch-französische Freundschaft steckt in der Geschichte. Die Schöpfer des Musicals öffnen viele Türen rund um Themen wie Krieg und Frieden, Freundschaft und Feindschaft, Schuld und Vergebung. Auch das Thema über die Integration von Flüchtlingen ist auf die deutsche Historie betrachtet nichts Neues. In „Mademoiselle Marie“ geht es um eine Gesellschaft, die sich für Ausländer öffnen und diese in ihre Kultur eingliedern soll. Die Cadolzburger Burgfestspiele erhielten nicht umsonst am 20. Oktober 2016 den 2. Preis des Bayerischen Bürgerpreises sowie eine Nominierung für den deutschen Engagement-Preis für ihren Beitrag zur Aufarbeitung der Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges in Oradour-sur-Glane und der Intensivierung der Völkerverständigung zwischen den beiden Nationen.

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Dem gesamten Team ist ein unvergleichlicher Erfolg mit „Mademoiselle Marie“ gelungen. Es ist nicht mehr nur rein ein Musical, in dem starke Themen unserer Zeit aufgearbeitet werden, sondern ein Ideenkomplex an Bürgerinitiativen, der zeigt, was selbst durch Amateurtheater möglich ist. Denn am Ende wird der Zuschauer mit der Botschaft entlassen, dass es nichts wichtigeres gibt, als die Erhaltung des Friedens und die Freundschaft zwischen den Völkern.

Die fünf Vorstellungen der Wiederaufnahme im Kulturforum Fürth sind komplett ausverkauft. Weitere Infos über die Cadolzburger Burgfestpiele, sowie kommende Vorstellungen in Österreich und Frankreich finden sich hier.

„Mademoiselle Marie“

Uraufführung: 18.06.2015, Vorhof der Cadolzburg
Wiederaufnahme: 04.07.2017, Vorhof des Kulturforums Fürth
Buch und Gesangtexte: Fritz Stiegler
Musik: Matthias Lange
Regie: Jan Burdinski
Choreografie: Kathleen Bengs
Besetzung: Romina Satiro (Marie), Manuel Unterburger (François), Klaus Kinzel (Hans), Helmut Köhler (Konrad), Lea Weber (Annelie), Thomas Dröge (Offizier), Hildegard Bösendorfer (Hilde), Bernhard Pfister (Jakob), Martina Pfister (Gretl), Tom Sadurski (Thomas), Lukas Pfister (Petr), Anja Lugert (François Mutter), Jürgen Sadurski (François Vater), u. a.

Beitragsbild: © schäfer fotodesign

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
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Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.