Nachdem „Shrek“ letzten Monat den Musical-Festspielsommer auf der Freilichtbühne Tecklenburg eröffnet hat, schließt sich nun die zweite Produktion für diese Saison an. „Rebecca“ – nach dem Roman von Daphne du Maurier, der 1940 von Alfred Hitchcock verfilmt wurde. Eine wunderschöne Inszenierung mit tollen Hauptdarstellern!

Ich hab‘ geträumt von Manderley…

Es geht um eine junge Frau, deren Namen während des ganzen Stückes nicht fällt und deswegen Ich genannt wird. Sie ist die Gesellschafterin der amerikanischen Lady Mrs. van Hopper und mit dieser im Monte Carlo-Urlaub. Dort lernt sie den kürzlich verwitweten Maxim de Winter kennen und verliebt sich Hals über Kopf in den gutaussehenden, älteren Herren. Seine teilweise etwas schroffe Art steuert nur noch etwas mehr zu dem Mysterium rund um seine Person bei. Von allen Seiten bekommt Ich zu hören, dass seine verstorbene Frau, Rebecca de Winter, die schönste und fantastischste Frau war, die man kannte und wie sehr Maxim unter dem Verlust leide. Als Mrs. van Hopper eines Tages überstürzt abreisen will, macht Maxim der jungen Ich spontan einen Heiratsantrag und nimmt sie als seine Ehefrau mit nach Manderley, seinem Anwesen in Cornwall. Dort angekommen, lernt Ich neben Frank Crawley, Maxims besten Freund, auch die Haushälterin Mrs. Danvers kennen. Sie war die engste Vertraute von Rebecca und kann deren Tod nicht überwinden, was sie die neue Mrs. de Winter auch spüren lässt. Als Ich beim Kostümball in Manderley auf eine Falle von Mrs. Danvers hereinfällt und kurze Zeit später ein Schiffsunglück in der Bucht von Manderley passiert, überschlagen sich die Ereignisse und die ganze Affäre um Rebeccas Tod wird neu aufgerollt.

© Andre Havergo

Andreas Gergen führt bereits zum fünften Mal bei einem Musical in Tecklenburg Regie. Das auffälligste an seinem Regiekonzept sind die Schatten, ganz in schwarz vermummte Ensemblemitglieder, die an verschiedenen Stellen die Bühne bevölkern und in bester „Harry Potter“-Manier wie Dementoren unter den Zuschauern Unwohlsein verbreiten. Damit gelingt ihm schon ein sehr starker Einstieg ins Stück, bei dem Mrs. Danvers auch schon unverkennbar als „Unheil“ positioniert wird. Die Präsenz der Schatten zieht sich durch die Story, besonders in Monte Carlo sind sie allgegenwärtig, bringen Maxim auf die Bühne, halten sich jedoch auf Abstand, sobald Ich ihren Zauber auf Maxim ausübt. An manchen Stellen veranschaulichen sie das Gesungene und spielen die Szenen nach. Höhepunkt ist hier die Untermalung zu „Kein Lächeln war je so kalt“, wo Maxim Ich von Rebeccas letzten Minuten erzählt. Im Allgemeinen ähneln sich das Buch von du Maurier und das Musical sehr stark, bis auf eine Kleinigkeit Rebeccas Tod betreffend. Vorsicht: Spoiler-Anfang: Im Musical wird EINDEUTIG gesagt, dass es sich um einen Unfall handelte. Was im Buch passiert, kommt auf der Bühne nicht vor, davon wird nicht gesungen. Das Geschehen des Buches durch die Schatten zu visualisieren, ist in meinen Augen schlichtweg falsch. Spoiler-Ende!

Die Schatten bergen viel Potential, da die Schauspieler unter dem schwarzen Stoff eine ganz besondere Spannung ausstrahlen. Doch an den wirklich wichtigen Stellen fehlten mir die Schatten. Beispielsweise in Maxims Song „Gott warum“, in dem er sich fragt, warum er wieder zurück nach Manderley kam. Andererseits dienen die Schatten auch als unterhaltsames Tanzensemble beim Maskenball, was ihnen jegliche furchteinflößende Wirkung nimmt.

© Andre Havergo

Abgesehen von dem Einsatz seiner Schatten hat Gergen ein sehr gutes Gespür, sein Ensemble auf der Bühne zu verteilen. Die zur Verfügung stehende Spielfläche wird klug ausgenutzt, durch die vielseitigen Auftritts-Möglichkeiten bekommt das ganze Bild eine andere Dimension. Sehr beeindruckend fand ich die reinen Sprech- und Dialogszenen, besonders im 2. Akt rund um Favells Konfrontation und den Arztbesuch. Normalerweise warte ich bei einer Spielszene im Musical immer nur darauf, dass die Akteure endlich wieder singen, das war an diesem Abend ganz und gar nicht der Fall.  Außerdem bleibt der Song „Wir sind britisch“ weiterhin gestrichen, vielen Dank dafür!

Die musikalische Leitung lag in der Hand von Tjaard Kirsch und war nur einer der vielen Gründe für eine fantastische Premiere. Musikalisch bewegt sich „Rebecca“ (Musik: Sylvester Levay) zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite eine Vielzahl an grandiosen Showstoppern, fantastische Nummer, die sowohl musikalisch als auch textlich überzeugen und mit zu dem Großartigsten zählen, was auf deutschen Musical-Bühnen zu sehen ist. Auf der anderen Seite fast schlageresker Kitsch, der sich nicht so ganz in die doch eher düstere Story einfügen will. In der Summe macht Letzterer aber den deutlich kleineren Teil aus.

© Andre Havergo

Die Choreographie von Danny Costello war präzise und auf den Punkt. Castello schafft mit sehr kleinen Bewegungen durch das große Ensemble einen enormen Effekt. Etliche Szenen hätten aber ohne Ensemble-Choreo auch funktioniert und wirkten so eher eingeübt und unnatürlich. Bei dem Titelsong „Rebecca“ wurden Möglichkeiten für das Tanzsolo leider nicht voll ausgeschöpft.

Wie auch bei „Shrek“ ist Karin Alberti für die Kostüme verantwortlich. Sie bewegt sich sehr stilsicher in den 1920 Jahren, was man ebenfalls von Elke Quirmbachs und Stefan Becks Maskenbild sagen kann. Besonders gut gefällt mir, dass Ich in dieser Inszenierung keine Perücke trägt, sondern Jovanovics Haare gekonnt in Wasserwelle gelegt wurden. Das Bühnenbild von Susanna Buller hat die für Tecklenburg übliche Teilung, es fällt auf, dass dem Anwesen Manderley hier nicht so viel Bedeutung beikommt wie in der Romanvorlag oder dem Film. In der Inszenierung liegt der Fokus eher auf dem Bootshaus als Ort allen Übels. Es funktioniert aber zweifellos ebenso gut und wurde vor allem durch blutrotes Licht sehr gut veranschaulicht.

Ein Traumcast

© Andre Havergo

Milica Jovanovic in der Rolle der anfangs schüchternen Ich ist eine absolute Idealbesetzung. Jovanovic war zuckersüß und absolut liebenswert, aber dennoch von Beginn an eine eigenständige und starke Person, die ob Mrs. Van Hoppers Launen auch mal die Augen verdreht. Sie findet zu jedem ihrer Spielpartner den richtigen Umgang – wahnsinnig verliebt mit Ammann, freundlich und etwas bewundernd zu Douwes, liebevoll mit Fröhlich. Gesanglich ist sie eine Wucht und kann mit Douwes` Divenstimme problemlos mithalten. Am beeindruckendsten fand ich ihre Verwandlung. Maxim sagt den Satz „Das Kind in deinen Augen ist verschwunden“ und obwohl sie mit dem Rücken zum Publikum steht: In ihrer Antwort „Ich werde nie mehr ein Kind sein“ hört man, dass das Kindliche nicht nur aus ihren Augen, sondern auch aus ihrer Stimme verschwunden ist. Danach ist sie wie ausgewechselt und hat offensichtlich Spaß an der Eliminierung der alten Hausherrin.

© Andre Havergo

Maxim de Winter, der Witwer der Titelfigur Rebecca, wird verkörpert von Jan Ammann. Schon alleine durch seine Körpergröße wirkt er beeindruckend, sein Spiel trägt das Übrige dazu bei, dass er sich in den attraktiven, mysteriösen Mann verwandelt. Stets kühl und distanziert, nur in manchen Szenen, in denen er mit Ich alleine ist, sprudelt nur so die Verliebtheit und Lebensfreude über. Der Hochzeitsantrag bekam zurecht Szenenapplaus. Genauso aber auch Ausbrüche in die andere Richtung, dann werden auch in Panik und Wut Stühle über die Bühne geschmissen. Dabei wirkt er stets authentisch und in keinster Weise übertrieben. Seine Solosongs zählten zu meinen vielen Highlights des Abends, „Kein Lächeln“ war nicht zu toppen, sowohl gesanglich als auch schauspielerisch.

© Andre Havergo

Pia Douwes. Ja, was soll man sagen. DIE Diva des Musicals, die schon alles erreicht hat, was man so erreichen kann. Wer schon bei seinem ersten Auftritt auf die Bühne mit Applaus begrüßt und vor der Pause unter Standing Ovations verabschiedet wird, macht so einiges richtig. Dass sie die Idealbesetzung für diese Rolle ist, ist sowieso jedem klar. Ihre Ausstrahlung: phänomenal. Gesanglich hält sie sich anfangs noch recht zurück, nur um später umso mehr auszuteilen. Durch ihre markante Gesangsstimme fällt sie noch mehr auf. Sie spielt die strenge Matrone hervorragend von oben herab, ist nicht bereit, das Heiligenbild ihrer Rebecca erschüttert zu sehen. In die Pause geht man mit großen Erwartungen auf den 2. Akt, da sie sich im Finale des 1. Akts zu DEM absoluten Bösewicht entwickelt. Ich kann es nicht anders sagen: Ich bin absolut überwältigt von dieser Frau und der minutenlange Applaus mit Standing Ovations war mehr als gerechtfertigt.

Dominik Hees sollte eigentlich die Rolle des schmierigen Jack Favell, des „Lieblings“-Cousins von Rebecca übernehmen, doch erlitt dieser Anfang Mai bei einer Probe eine Knieverletzung. Für ihn sprang Robert Meyer ein, den man auch als Lord Farquaad in „Shrek“ genießen darf. Auch Meyer ist fantastisch. Überheblich, selbstverliebt, arrogant, doch auch tief verletzt und verunsichert, als die Wahrheit über Rebecca ans Licht kommt.

© Heiner Schäffer

Anne Welte als schrille Mrs. van Hopper besticht schon auf den ersten Blick durch ihre kleine Körpergröße, was sie zu einem wirklich witzigen Pendant zu Maxim macht. Sie ist schrill und laut, scheucht alle herum, ein wahrer Spaß ihr zuzuschauen.

Frank Crawley, Maxims bester Freund und Verwalter von Manderley, wird gespielt von Thomas Hohler, der auch als Esel in „Shrek“ zu sehen ist. Ich finde die Figur des Frank Crawley etwas blass, sie hat für mich eher die Funktion eines immer freundlichen Hafens in dem Meer von feindlich gesonnenen Bediensteten. Gesanglich brilliert er, doch sehr viel zeigen kann er rollenbedingt leider nicht. Und dann steht er mitten in seinem Song auch noch alleine da, weil Ich einfach motivationslos (wahrscheinlich zum Umzug) abgeht.

© Andre Havergo

Ebenfalls Teil des „Shrek“-Casts ist Roberta Valentini. Bei „Rebecca“ übernimmt sie die Rolle der Beatrice, Maxims Schwester. In dem ganzen Gewirr aus Abneigung und dem Zwang sich zu beweisen, bildet sie mit ihrem Mann Giles (Mathias Meffert) einen erfrischenden Gegensatz.

Noch hervorheben möchte ich Christian Fröhlich als Ben. Einen Menschen mit einer Behinderung, besonders einer geistigen, auf der Bühne darzustellen, birgt große Risiken, welche Fröhlich aber perfekt umging und so emotional spielte, dass es mir glatt die Tränen in die Augen trieb.

Das süße Städtchen Tecklenburg ist schon ohne Musical einen Besuch wert. Und wenn dann noch so grandiose Inszenierungen zu sehen sind, dann nichts wie hin! „Rebecca“ spielt noch bis zum 9. September 2017. Erst kürzlich wurde eine Zusatzvorstellung für den 23.08.2017 angekündigt.

Weitere Informationen und Tickets findet Ihr hier.

„Rebecca“ – Das Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay

Uraufführung: 28. September 2006, Raimund Theater Wien, Österreich
Premiere in Tecklenburg:
21. Juli 2017
Musik:
Silvester Levay
Buch, Musik: Michael Kunze
Regie:
Andreas Gergen
Choreographie:
Danny Costello
Musikalische Leitung:
Tjaard Kirch
Bühne:
Susanna Buller
Kostüme:
Karin Alberti
Maskenbild:
Elke Quirmbach, Stefan Becks

Besetzung: Milica Jovanovic (Ich), Jan Ammann (Maxim de Winter), Pia Douwes (Mrs. Danvers), Robert Meyer (Jack Favell), Anne Welte (Mrs. Van Hopper), Roberta Valentini (Beatrice), Thomas Hohler (Frank Crawley), Mathias Meffert (Giles), Christian Fröhlich (Ben), Johan Berg (Obest Julian), Guido Breidenbach (Frith), Fin Holzwart (Robert), Sophie Blümel (Clarice), Jan Altenbockum (Richter Horridge), Nicolai Schwab, Micheal Thurner, Zoltan Fekete, Daniel Messmann, Andrew Hill, Kim-David Hammann, Luciano Mercoli, Juliane Bischoff, Jennifer Kohl, Alexandra Hoffmann, Esther Lach, Céline Vogt, Joyce Dietrich, Dörte Niedernmeier, Janina Niehus

Beitragsbild: © Andre Havergo