Der diesjährige Festspielsommer der Freilichtspiele Tecklenburg hat begonnen, den Auftakt machte am 17.6. das Musical „Shrek“ aus der Feder von David Lindsay-Abaire (Text) und Jeanine Tesori (Musik). Nach der DreamWorks Verfilmung von 2001 folgten nicht nur diverse Fortsetzungen, sondern eben auch ein Musical, das im Dezember 2008 am Broadway Premiere hatte. Nachdem es 2014 durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourte, ist es nun noch bis zum 30.8. in Tecklenburg zu sehen.

Wer kennt ihn nicht, den grünen Oger, meist schlecht gelaunt und leicht reizbar, aber wer kann es ihm verübeln, sein Zuhause, der Sumpf wurde zum Ghetto der „Freaks“ erklärt. Um ihn zurück zu bekommen, geht er auf einen Deal mit dem kleinen Lord Farquaad ein, der beweist, dass es viele unangenehme Wege gibt, die eigene geringe Körpergröße zu kompensieren. Er muss auf einer abenteuerlichen Reise Prinzessin Fiona retten. Diese weilt in einem Drachen-beschützten Turm und wartet seit 20 Jahren auf ihren Traumprinzen, der sie rettet. Shrek gabelt auf dem Weg noch den immerzu schnatternden Esel auf und findet in ihm einen wahren Freund.

© Stefan Grothus

Meine Erwartungen an die Inszenierung waren recht hoch, nicht zuletzt aufgrund der grandiosen Broadway-Produktion mit Brian D’Arcy James, Sutton Foster und Daniel Breaker. Insgeheim stellte ich mich auf einen schönen Abend ein, das Stück ist an und für sich ein Selbstläufer, rechnete aber nicht damit, dass es meinen Erwartungen gerecht werden würde.

Starke, unabhängige Inszenierung

Doch genau das geschah! Dass Regisseur Ulrich Wiggers es schafft, sich erfolgreich und bemerkenswert von bestehenden Regiekonzepten zu lösen, sollte sich spätestens seit seiner Inszenierung von „Tanz der Vampire“ in St. Gallen rumgesprochen haben. Bei „Shrek“ löst er sich von der Broadway-Vorlage, die auch die Tourneeproduktion von 2014 bestimmte. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm der Einsatz des Ensembles auf der riesigen Bühnenfläche, auch weil er das Ensemble an weitaus mehr Stellen als vorgesehen mit einbezieht, zum Beispiel als Sonnenblumenfeld mit tanzenden Mohn- und Kornblumen oder als lebender und sehr aufmerksamer Wald. Die hervorragende Herausarbeitung der zahlreichen Pointen bei „Shrek“ ist nur ein Beispiel für das gute Gespür des Regisseurs und neben den üblichen bereits im Stück enthaltenen Anspielungen auf „Wicked“ und „West Side Story“ fügte er noch weitere hinzu („Phantom der Oper“, „Sweet Charity“, „A Chorus Line“ und obligatorisch, wenn es um eine Mauer geht: Trump). Mein Highlight war hier der Mockingjay-Solidaritätspfeifer.

Einen ganz ausgezeichneten Job machte die Ausstattung. Angefangen mit Susanna Buller, die mit der Dreiteilung der Bühne eine gute Trennung der jeweiligen Spielorte erzielt. Nur etwas schade, dass Fionas Turm nur einmal bespielt wird, die Szene im Turmzimmer mit Shrek hätte dort gut hingepasst. Elke Quirmbach und Stefan Becks waren für das Maskenbild und Karin Alberti für die Kostüme verantwortlich. Sie alle haben hier ebenfalls eine wirklich beeindruckende Arbeit geliefert. Dabei hatten sie sicherlich nicht wenig zu tun: Neben den Hauptfiguren wollten auch noch diverse eingedeutschte Märchenfiguren eingekleidet werden. Dazu noch das Ensemble, dessen Mitglieder nicht nur als Dorfbewohner, sondern wie bereits erwähnt auch als Wald, Sonnenblumen oder eine riesige Schar Ratten auftreten. Nur ausgerechnet bei Shrek ging die Fantasie – was seine Kopfform betrifft – etwas zu sehr mit ihnen durch, ein paar Zentimeter weniger Aufbau hätten nicht geschadet. Abgesehen davon kann man wirklich ein großes Lob aussprechen!

© Stefan Grothus

Ebenfalls großartig die Choreographien von Kati Heidebrecht. Sie schafft es hervorragend, die Masse choreographisch zu einer homogenen Einheit zu zusammen zu bringen, auch wenn man die Anzahl der Stepptänzer hätte verstärken können. Giorgio Radoja führt sein großes Orchester meisterhaft und springt auch mal als Hirsch ein, wenn es sein muss.

Freie Fahrt für die Freaks!

Damit will ich nun auch endlich zu den Darstellern kommen, allen voran Tetje Mierendorf in der Titelrolle. Mierendorf ist vor allem durch seine Auftritte als Comedian in der „Schillerstraße“ und anderen Privatfernseh-Formaten bekannt, damals noch 70kg schwerer. Böse Zungen behaupten, er wäre eben der „Promi“ der Produktion, wobei er aber ursprünglich aus dem Musical-Bereich kommt und in das Genre mittlerweile auch wieder zurückgefunden hat. Auch wenn er nicht der stärkste Akteur des Cast ist und gesanglich an mancher Stelle nur schwer über die ersten Reihen hinweg kommt, gibt er doch einen einfühlsamen und emotionalen Shrek. Besonders im Spiel mit Thomas Hohler als Esel schafft er den Spagat, einerseits genervt, andererseits aber auch geschmeichelt zu sein.

Die Rolle der Prinzessin Fiona wurde von der bereits Tecklenburg erprobten Roberta Valentini übernommen. Im vergangenen Jahr spielte sie hier die Morgana in Wildhorns „Artus-Excalibur“. Valentini gibt eine sehr enthusiastische Fiona. Das passt natürlich ausgezeichnet zu einer jungen Frau, die seit 20 Jahren auf ihren wunderschönen Ritter mit edlem Ross wartet. Insgesamt überzeichnet sie Fiona aber so stark, dass der Gesang etwas darunter leidet. Das bessert sich etwas im 2. Akt: Hier ist sie immer noch eine überdrehte Märchenprinzessin, ruht aber nun besser in sich selbst und kann vor allem in ihrem Streitduett mit Shrek und den Balladen zeigen, was sie kann.

Thomas Hohler als Esel war einer der Glanzpunkte des Abends! Er füllt die Rolle des Entertainers perfekt, ist witzig, hat Mut zur Hässlichkeit, Selbstironie und noch dazu Ausdauer und füllt seine Songs mit einer tollen Stimme. Mehr kann man dazu nicht sagen, einfach großartig!

© Stefan Grothus

Und bei großartig sind wir auch schon gleich bei Robert Meyer. Christopher Sieber hat mit seiner Interpretation des bösen Lord Farquaad am Broadway einen Meilenstein geschaffen – und Robert Meyer toppt diese Performance sogar. Gesanglich eine eins, witzig bis zum geht nicht mehr, selbstverliebt, alle Pointen auf den Punkt – und das alles auf Knien! In diesem Zusammenhang möchte ich auch das hervorragende Kostüm hervorheben und auf die außerplanmäßige Situationskomik eingehen, in der Farquaads Rollwagen und der abschüssige Weg der Bühne die Hauptrolle spielen. Das mag vielleicht öfter vorkommen, aber weiterhin so ernst zu bleiben während das Publikum ausrastet, ist eine hohe Kunst.

Jennifer Kohl gibt eine eindrucksvolle Vorstellung als Drache. „Für Immer“ ist aufgrund ihres starken Gesangs zurecht einer der vielen Showstopper des Abends.

Die meiste Zeit spielt das Trio Shrek, Esel und Fiona zusammen. Dann gibt es Einzelszenen um Farquaad und die Gruppe um die Märchenfiguren, die „Freaks“, die in Shreks Sumpf gesteckt wurden. Der Anführer dieser Gruppe ist Pinocchio, der von Nicolai Schwab gegeben wird. Schwab passt schon rein körperlich mit seiner kleinen und schlanken Statur sehr gut auf Pinocchio, singt ihn allerdings eine Oktave tiefer als im Original – verständlich, aber trotzdem schade. Dem Pfefferkuchenmann wird die Ehre des Sächselns zuteil. Das scheint seit Neustem so eine Marotte im Musical-Theater zu sein, wirklich gepasst hat es leider nicht. Hätte er gefränkelt schön und gut (Nürnberger Lebkuchen und so). Die anderen Märchenfiguren bestechen durch ihre individuellen Rollen. Wiggers hat jedem seinen ganz eigenen Auftritt gegeben, ohne jedoch die Gruppe auseinander zu reißen, indem er sie bei der Ankunft im Sumpf nacheinander aus der Kutsche steigen lässt.

© Stefan Grothus

Nur ein Manko

Was die Technik angeht muss man leider sagen, dass der Gesang insgesamt zu leise war, ein Phänomen, das einem im Theater eher selten begegnet. Es kann sein, dass es auch hier wie so oft Lärmschutzbestimmungen der Anwohner zuliebe gibt. Doch gerade Mierendorf hätte sehr davon profitiert, wenn man ihm zu seinen Money Tones mehr Unterstützung von Seiten der Technik gegeben hätte.

Insgesamt hatte ich einen wunderschönen Abend. Wer die Shrek Filme mag, wird das Musical lieben!

„Shrek“ spielt noch bis zum 30.8 in Tecklenburg. Tickets und Infos gibt es hier.

„Shrek“ in Tecklenburg

Uraufführung: 14. Dezember 2008, Broadway Theatre, New York
Premiere in Tecklenburg: 17. Juni 2017 (besuchte Vorstellung: 21. Juni 2017)
Musik und Text: Jeanine Tesori
Buch und Text: David Lindsay-Abaire
Regie: Ulrich Wiggers
Choreographie: Kati Heidebrecht
Musikalische Leitung: Giogio Radoja
Bühne: Susanne Buller
Kostüme: Karin Alberti
Maskenbild: Elke Quirmbach, Stefan Becks

Besetzung: Tetje Mierendorf (Shrek), Roberta Valentini (Fiona), Thomas Hohler (Esel), Robert Meyer (Lord Farquaad), Nicolai Schwab (Pinocchio), Dörte Niedernmeier (Pfeffi, Rotkäppchen), Mathias Meffert (Wolf), Jennifer Kohl (Drache), Kim-David Hammann (Hänsel), Céline Vogt (Gretel, Teen Fiona), Juliane Bischoff (Hexe, Maus), Christian Fröhlich (Struwwelpeter, Rattenfänger), Anne Welte (Frau Holle), Daniel Messmann (Gestiefelter Kater), Fin Holzwart (Peter Pan), Sophie Blümel (Tinker Bell, Maus), Luciano Mercoli (Papa Oger, Drachenkopf), Alexandra Hoffmann (Mama Oger, Schwein), Zoltan Fekete (König Harold, Drachenkopf), Joyce Diedrich (Königin Lillian, Aschenbrödel), Michael Thurner (Prinz), Esther Lach (Max), Andrew Hill (Moritz), Johan Berg (Frosch), Guido Breidenbach (Anführer der Wache, Zwerg), Jan Altenbockum (Anführer der Wache)

Beitragsbild: © Stefan Grothus