„Da machen die jetzt ein Musical draus? Echt jetzt?!“, wurde ich von Freunden gefragt, als ich von meinen Plänen erzählte, ein Stück mit dem Titel „Traiskirchen. Das Musical“ anzusehen. Ich war mir noch nicht mal sicher, ob sich hinter dem Titel überhaupt ein Musical verbarg oder ob dieser als Provokation gemeint war.  Schließlich steht der Begriff „Musical“ für die meisten Menschen immer noch für fröhliches, aber inhaltlich oberflächliches Musiktheater – im Gegensatz dazu ist der Ort Traiskirchen zumindest in Österreich zum Sinnbild für die humanitäre Katastrophe geworden, die sich dort abspielte.

Im Sommer 2015 ist die Bundesbetreuungsstelle Ost, wie der als Flüchtlingslager Traiskirchen bekannte Ort offiziell heißt, völlig überfüllt, menschenwürdige Standards werden laut eines Berichts von Amnesty International nicht eingehalten. Die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner steht in ständiger Kritik, während die private Firma ORS, die das Flüchtlingslager leitet, mit den an sie gestellten Anforderungen überfordert scheint. Dies ist auch zwei Jahre später ein in Wien und Umgebung immer noch stark diskutiertes und daher aktuelles Thema, welches Anlass zu diesem Musical gab. Das Stück war im Juni im Wiener Volkstheater  zu sehen – am 27.9. wird es im Stadttheater Wels aufgeführt. Hinter der Show steht das 2015 gegründete KünstlerInnenkollektiv „Die Schweigende Mehrheit“, die gemeinsam mit Flüchtlingen, BürgerInnen und AktivistInnen das Musical schuf.

Ein aktuelles Thema komplex beleuchtet

© Igor Ripak

Episodenhaft fängt das Musical die Stimmung im Sommer 2015 ein, von den wohlmeinenden, aber nicht immer tatsächlich hilfreichen Helfenden bis hin zum wieder aufkeimenden Rassismus. Dazwischen sind weitere Charaktere zu finden: Der Leiter des Flüchtlingslagers etwa, der sich – basierend auf einer wahren Geschichte übrigens – vor allem um den Verbleib seiner Schildkröte sorgt oder der sich selbst so bezeichnende „Quotensandler“ („Sandler“ ist ein umgangssprachlich- österreichischer Ausdruck für Obdachlose), der sich darüber lustig macht, plötzlich zu Argumentationszwecken herangezogen zu werden, ohne, dass ihm zuvor eine solche Aufmerksamkeit zuteilwurde. Weiterhin werden die Reaktionen von Boulevardpresse, Mikl-Leitner und engagierten, aber zum Teil enttäuschten BürgerInnen deutlich. Auch Konflikte zwischen den Flüchtlingen werden nicht ausgespart.

„Die Arbeit war nicht immer konfliktfrei“ steht im Programmheft – eine Aussage, die man aufgrund der Vielzahl und Komplexität an Themen gern glauben will. Doch gerade diese Auseinandersetzungen scheinen notwendig gewesen zu sein, um das Thema mit der wünschenswerten Authentizität auszustatten: Denn durch die Aktualität und der damit einhergehenden Brisanz des Themas mag der ein oder andere Zuschauer befürchtet haben, dass das Musical Vorgänge sehr vereinfacht darstellen wird. Doch tatsächlich ist „Traiskirchen“ ein Stück geworden, welches die Vorgänge in und um Traiskirchen herum meist ohne moralisch erhobenen Zeigefinger schildert und diese mal überspitzt, mal bitterernst, mal provokativ, aber immer mit deutlich bemerkbaren Erfahrungswerten wiedergibt. Dies ist sicherlich ein Grund, weswegen viele Zuschauer beim anschließenden Publikumsgespräch angaben, von dem Geschehen auf der Bühne unmittelbar bewegt worden und dadurch nachhaltig beeindruckt zu sein.

© Igor Ripak

Geniale Umsetzung

Hierzu trägt aber nicht nur der Inhalt, sondern auch die Gestaltung des Stückes bei:  Die unterschiedliche Auswahl an Szenen spricht ein breites Spektrum an Emotionen an – die Musik trägt ihr Übriges dazu bei. Von opernhaften Klängen bis hin zu Rap ist alles vertreten.

Song- und Sprechtexte sind äußerst intelligent und einfallsreich konzipiert. Ein witziger Moment bietet sich zum Beispiel, als ein ORS-Mitarbeiter einen ungeduldig wartenden Flüchtling mit den Worten „You are a waiter!“ anfährt.

Der episodenhaften Erzählweise ist es allerdings manchmal auch anzulasten, dass das Stück nicht völlig in sich geschlossen erscheint. Gerade im zweiten Akt fällt dies verstärkt auf, jedoch beinhaltet dieser auch die stärksten Szenen.

Die Darstellung einer Flucht auf einem Boot etwa bietet eine bildgewaltige und dadurch bereits intensive Szene, deren Eindruck noch durch die – beim Publikumsgespräch bestätigte – Ahnung verstärkt wird, dass einige der DarstellerInnen eine solche Situation tatsächlich erlebt haben. Daneben gibt es aber auch immer wieder humorvolle Stellen. Die absurdeste und witzigste Szene ist wohl die, in der Khalid Mobaid Johanna Mikl-Leitner verkörpert und den „Mikl-Leitner – Blues“ singt.

Das Ensemble zeigt durchweg eine starke Leistung. Nicht alle DarstellerInnen singen, doch schauspielerisch ist der Unterschied zwischen Amateuren und Profis letztlich nicht erkennbar.

Beeindruckendes, lange nachwirkendes Theater-Erlebnis

Durch die Behandlung einer immer noch aktuellen, politischen Thematik zeigt „Traiskirchen. Das Musical“ eindrucksvoll, dass das Musicalgenre eben nicht auf seichte Unterhaltung ohne Aussagekraft beschränkt sein muss, sondern, dass sich gerade durch die Kombination von Schauspiel, Gesang und Tanz eine bewegende Komplexität ergeben kann. Bei Sujets, wie sie in „Traiskirchen“ behandelt werden, bietet sich die Umsetzung als Musical also geradezu an.

Premierendatum Uraufführung: 9.6.2017, Wien (Volkstheater)
Musik
: Texta („Traiskirchen-Rap“), Eva Jantschitsch („High Heels Phantasma“), Emrah Oguztürk („Rojavaye dile min – Der Westen meines Herzens“), Jelena Poprzan („All these wasted people“), Bauchklang („Parolenbattle“), Leonardo Croatto („Spiders in the night“), Mona Matbou Riahi („Nachtchoreographie“), Imre Lichtenberger Bozoki („Farbenlied“, „Nazihardrock“, „Schabhüttllied“, „Troublemaker“, „Mikl-Leitner – Blues“, „Haram-Chor“, „Blumenzüchterlied“ und die Musik für  die Zwischenchoreographien sowie alle Zwischenmelodien bis auf eine)
Musikalische Leitung und Komposition: Imre Lichtenberger Bozoki
Texte: Eva Jantschitsch („High Heels Phantasma“), Sakina Teyna(„Rojavaye dile min – Der Westen meines Herzens“), Tina Leisch („All these wasted people“,  „Spiders in the night“), Richard Schuberth („Mikl-Leitner – Blues“), Bernhard Dechant („Troublemaker“)
Konzept, Text und Regie: Die Schweigende Mehrheit (Tina Leisch und Bernhard Dechant)
Bühne und Kostüme: Gudrun Lenk-Wane
Choreographie
: Birgit Unger, Tim Nouzak
Technische Koordination: Verena Schäffer
Assistenz: Eva Sommer, Azelia Opak, Christina Pröll, Thomas Auer, Abdullah Norani
Ton: Gustavo Petek
Lichtdesign: Dulci Jan
Lichttechnik: Katharina Sperl, Katja Thürriegl
Übersetzung, Übertitel: Margaret Carter, Thomas Auer
Band: Lukas Lauermann (Cello), Mona Matbou Riahi (Klarinette), Jörg Mikula (Schlagzeug und Percussion), Mahan Mirarab (Gitarre), Jelena Poprzan( Viola und Gesang) Sakina Teyna (Gesang)
Ensemble: Bagher Ahmadi, Yasser Alnazar, Stefan Bergmann, Julia Bernhard, Hanna Binder, Alireza Daryanavard, Bernhard Dechant, Ardee Midel Dionisio, Uwe Dreysel, Daniyal Gigasari, Gat Goodovich, Laila Hajoulah, Farzad Ibrahimi, Jasmeet Kaur Samba, Jihad Al-Khatib, Negin Keivanfar, Amin Khawary, Zaher Mahmoud, Johnny Mhanna, Khalid Mobaid, Haidar Ali Mohammadi, Mazen Muna, Nyima Ngum, Dariush Onghaie, Jantus Philaretu, Eva Prosek, Sophie Resch, Basima Saad Abed Wade, Shureen Shab-Par, Futurelove Sibanda, Pal Singh Chopra, Hichran Taptik, Moussa Thiaw

Mehr Infos gibt es hier.

Beitragsbild: © Igor Ripak

TEILEN
Vorheriger ArtikelMusical des Monats: „Parade“ – Jason Robert Browns gewaltiges Meisterwerk
Nächster ArtikelNews: „Hairspray“ mit Uwe Kröger auf Deutschland-Tour
Anna Seifert

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.