Das Gärtnerplatztheater hat mit dem Jungen Gärtnerplatztheater eine weit ausgebaute Kinder- und Jugendtheater-Sparte. Ob die Kinder und Jugendlichen selbst aktiv Musiktheater gestalten oder sich einige Vorstellungen in der Spielzeit speziell an die junge Generation richten: Das Angebot kann sich sehen lassen. So gab es diese Spielzeit beispielsweise die mobile Kinderoper „Ritter Odilo und der strenge Herr Winter“ mit Musik aus Henry Purcells „King Arthur“ oder das Konzert „Jack und die Bohnenranke“ nach dem gleichnamigen englischen Märchen. Zum Ende der Spielzeit 2016/17 setzte das Gärtnerplatztheater mit seiner Produktion von Peter Schindlers „Zirkus Furioso“, die am Vormittag des 6. Juli 2017 im Circus Krone seine Premiere feierte, ein weiteres Highlight für Kinder jeden Alters.

Bevor es im Herbst für das Gärtnerplatztheater nach 5-jähriger Sanierung wieder ins Haus am Gärtnerplatz zurück geht, gibt es im letzten Monat der Spielzeit noch die Möglichkeit eine der Ausweichspielstätten mit ihren individuellen Vorteilen zu nutzen. Neben dem Prinzregententheater, dem Cuvilliéstheater und der Reithalle wurden in den letzten fünf Jahren auch einige Produktionen im Circus Krone gezeigt, zum Beispiel die Operette „Die Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán oder die konzertante Version von „Jesus Christ Superstar“ im Jahr 2014. Und an welchen anderen Ort passt eine Produktion namens „Zirkus Furioso“ besser, als in ein richtiges Zirkuszelt wie dem des Circus Krone in München.

© Christian POGO Zach

Zirkus als Theater

Der Circus Krone, der 1905 von Carl Krone ins Leben gerufen wurde, blickt auf eine lange Familientradition zurück. Seit 1919 hat der Zirkus einen festen Bau in München und wird während der Sommermonate, wenn der Circus Krone auf Reisen ist, für verschiedene Kulturveranstaltungen genutzt. Das Format „Wanderzirkus“ ist in Deutschland leider am Aussterben. Es gibt zwar hierzulande noch um die 300 registrierte Zirkusse, allerdings wird ihnen der Rang von verschiedenen anderen Großveranstaltungen wie „Flic Flac“ oder „Cirque du Soleil“ abgelaufen. Diese Veranstaltungen zeichnen sich durch ein bestimmtes Element aus, dass die Vorstellung genau definiert. So gibt es, nicht wie im traditionellen Zirkus verschiedene Nummern mit Tieren, Artistik und Clowns, sondern hier wird das Augenmerk beispielsweise nur auf Akrobatik gelegt.

Das Wort Zirkus, das sich von dem lateinischen Wort circus für Kreis, Ring oder Arena ableitet, bezeichnet eine Kunstform zur Unterhaltung, die in unterschiedlichen Bereichen Attraktionen bietet, wie Artistik, Tierdressur, Clownerie, Zauberei und Akrobatik. Zirkus kann man theaterwissenschaftlich als eine Form von Theater definieren. Schließlich treffen dort Akteure und Zuschauer zeitlich und räumlich begrenzt aufeinander, agieren und reagieren im Aufführungsmoment miteinander.
Im traditionellen Zirkus reihen sich einzelne Nummern und Attraktionen aneinander, die nicht direkt aufeinander aufbauen und unabhängig voneinander betrachtet werden können. Anders verhält es ich mit der Gattung des Zirkusmusicals. Diese spezielle Form bezeichnet eine Kombination aus den Kunstformen Zirkus und Musical. Im Gegensatz zum herkömmlichen Zirkus werden die einzelnen Zirkusnummern in eine Gesamthandlung zusammengefügt und erzählen, wie im Musiktheater üblich, eine homogene Geschichte mit Musik und Gesang.

© Christian POGO Zach

„Zirkus Furioso“ – das Chaos ist perfekt!

Zur Handlung: Der „Zirkus Furioso“ gastiert auf seiner großen Deutschland-Tournee nun auch in München. Das Ehepaar Pimpelmoser, das den Zirkus leitet, muss mit einer Vielzahl von Pannen und Problemen während der Zirkusvorstellung kämpfen. Viele der Nummern, die sie ankündigen, erweisen sich als Flop. Sie sind auf der Suche nach dem Tiger, der aus dem Käfig entkommen ist, versuchen den Bären zu seinem Auftritt zu überreden, der aufgrund eines Mausebisses nicht in sein Fell schlüpfen möchte. Als dann auch noch der Zauberer seinen Zauberspruch vergisst und die Zirkusdirektorin in einer riesigen Seifenblase gefangen ist, erfordert dies kreative Ausreden und Improvisationskünste.
Das Zirkusmusical speist seine Komik aus dem Scheitern der Zirkusnummern. Der Zuschauer verfolgt die Gespräche zwischen den Akteuren, die darüber beraten, welche Ausrede am Besten die Situation retten könnte. Die Spannung steigert sich während der Aufführung, wenn die Protagonisten versuchen aus der unangenehmen Situation halbwegs unbeschadet herauszukommen. Vor allem die Geschichte rund um den Tanzbären, der sein Fell nicht mehr anziehen wollte, sorgte für heiteres Mitfiebern, ob der Bär denn nun endlich auftreten werde. Etliche Male wurde dieser angekündigt und immer stürmte der Dompteur auf die Bühne und schilderte von einem weiteren Problem mit dem Bären. Als „Running Gag“ erwies sich auch das wiederkehrende Blitzen, Funkensprühen und der damit einher gehende Rückwärtsfall des Dummen Augusts, wenn die Zirkusdirektorin mit überschwänglichen Gesten den Namen des Zirkus ausruft, um von den Missständen in den Programmpunkten abzulenken.

© Christian POGO Zach

Von Zirkusdirektoren, Clowns und dem Kinderchor

Peter Schindler entwickelte mit seinem „Zirkus Furioso“ ein Kinder-Zirkusmusical, das sich speziell für die Aufführungen von Kinder- und Jugendtheatergruppen eignet. Im Gärtnerplatztheater übernehmen die drei Solisten Dagmar Hellberg, Frank Berg und Erwin Windegger einige der Rollen und Gesangparts. Das restliche Ensemble besteht aus dem Kinderchor des Gärtnerplatztheaters. Diese sitzen im Zuschauerraum neben der Bühne und sind durch die geschickte Platzierung von jedem Platz aus gut zu beobachten. Die Mitglieder des Kinderchors bilden einerseits das Publikum, das auf die Geschehnisse im Zirkuszelt reagiert und stellt andererseits Akteure dar, die in einem ständigen Wechsel selbst Teil der Zirkusnummern werden, Pferde, Elefanten, Tiger, Jongleure und Assistenten, um sich dann wieder dem Chor anzuschließen. So gab es immer einen Teil des Chores, der die Gesangparts übernahm, während der andere auf der Bühne spielte. Ein großes Lob muss hier den Kindern und Jugendlichen ausgesprochen werden.

Als Zirkusdirektoren fungierten Dagmar Hellberg und Erwin Windegger, die gemeinsam ein urkomisches Ehepaar abgaben und als solches wussten, wie sie den jeweils anderen necken und herausfordern konnten. Neben ihnen vervollständigte Frank Berg das Trio und trat als „Furioser Frank“ in wechselnden Rollen, beispielsweise als Bärendompteur oder Feuerschlucker Signor Vulcano, auf. Allen voran beeindruckte Erwin Windegger mit seiner Performance. Er mimte mit viel Witz einen Ehegatten, der meist von seiner Frau in die Ecke komplimentiert wird, aber trotzdem die Fähigkeit besitzt das Publikum ganz von seiner durchdringend lustigen Art zu überzeugen. Auch gesanglich gaben die drei eine ideale Ergänzung zum Kinderchor und sorgten auch hier für effektvolle Augenblicke.

© Christian POGO Zach

Hereinspaziert, hereinspaziert in unser Zirkuszelt!

Peter Schindler komponierte die Musik eingängig und abwechslungsreich. Von der Pop-Ballade bis zur fetzigen Rocknummer ist alles geboten. Schon das erste Lied schafft einen temporeichen Swing-Rhythmus, der direkt zum Mittanzen einlädt. Diese Grundstimmung wird auch in den folgenden Musiknummern aufgenommen, die viel Möglichkeit für kreative Tänze bietet und die Vielfalt der Zirkusnummern auch in der musikalischen Ausgestaltung aufnimmt.
Die Regie von Lukas Wachernig zielt auf kurzweilige Unterhaltung ab. Die unterschiedlichen Nummern und dazwischen platzierten Dialoge gehen fließend ineinander über und so wechseln sich ausgeprägte Choreografien, eingängige Soli und humorvolle Dialoge ab. Geschickt setzt er den Fokus auf einige wiederkehrende Elemente und Handlungsstränge, um das Zirkusmusical als Gesamtheit zu einem versöhnlichen Ende hin zu manövrieren.
Daniel Sommergruber entwarf eine fantasievolle Zirkusbühne. Neben bunten Schriftzügen, war auch ein Schminktisch und ein nostalgischer Zuckerwattenverkaufswagen zu sehen, beides komplettierte die authentische Zirkusatmosphäre. Auch die Kostüme lebten von ihrer bunten Farbenpracht und den verspielten Formen. Die Darstellung der verschiedenen Tiere, die im Zirkus auftraten, wurde von jeweils fünf Mitgliedern des Kinderchors realisiert. Beim Elefanten, wie auch beim Tiger, stellte jedes Kind einen Körperteil, Vorder- und Hinterfüße sowie einen Kopf dar, was eine kunstvolle und ästhetische Idee ist. Michael Heidinger, für das Licht verantwortlich, schaffte außerdem viele eindrucksvolle Momente, die durchwegs Begeisterung beim Publikum auslösten.

Mit „Zirkus Furioso“ ist es gelungen, ein Kinder-Zirkusmusical in einer authentischen Umgebung mit eingängiger Musik, ideenreicher Ausstattung, einem großartigen Ensemble und vor allem sehr viel Witz auf die Bühne zu bringen. Kinder wie auch Erwachsene gleichermaßen haben Freude an diesem Zirkusmusical, das beeindruckend vor Augen führt, was durch eine Vereinigung der beiden Kunstformen Zirkus und Musical entstehen kann.

„Zirkus Furioso“ in München

Uraufführung: 12. Juni 2010, Kinderoper Dortmund
Besuchte Vorstellung: 6. Juli 2017, Gärtnerplatztheater München
Musik: Peter Schindler
Text: Babette Dieterich, Peter Schindler
Musikalische Leitung: Andreas Partilla
Regie: Lukas Wachernig
Bühne und Kostüme: Daniel Sommergruber
Licht: Michael Heidinger
Dramaturgie: Daniel C. Schindler

Besetzung:
Erwin Windegger (Zirkusdirektor Pimpelmoser/Dummer August), Frank Berg (Der furiose Frank), Dagmar Hellberg (Frau Zirkusdirektor Pimpelmoser/Graziosa), Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Beitragsbild: © Christian POGO Zach

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.