Die Kammermusical-Rockfassung des modernen Wildhorn-Klassikers wird in Trier sehr mutig und gegen den Strich inszeniert und bietet damit viele interessante Denkansätze – lässt jedoch auch einige Fragen offen.

„Jekyll & Hyde“ gehört mittlerweile zu den modernen Klassikern des Genres und ist neben „Dracula“ und „Bonnie & Clyde“ eines der bekanntesten Werke des „Balladen-Königs“ Frank Wildhorn. Nach der Uraufführung 1990 wurde es einige Male bearbeitet und mit neuen Songs und Arrangements versehen. Der radikalste Umbau vollzog sich 2006 mit der Quasi-Neufassung „Jekyll & Hyde Resurrection“. Diese Kammermusical-Fassung kam nun in Trier auf die Bühne des Großen Hauses des Staatstheaters.

In der letzten Zeit hat sich Trier in der Großregion einen Namen für hochwertige Produktionen und spannende Regiekonzepte im Musical-Bereich gemacht. Die fantastische „Jesus Christ Superstar“-Fassung ist hier als überzeugendster Vertreter zu nennen. Auch „Jekyll & Hyde Resurrection“ hält sich keine Minute mit bekannten und schon tausendfach gesehenen Inszenierungsideen auf. Die vom Komponisten überarbeitete Neufassung kommt mit lediglich drei Hauptdarstellern und völlig ohne Ensemble aus, was inszenatorisch entsprechend viele Freiheiten lässt.

(Ent-)täuschende Ausstattung, druckvoller Sound

Vor Beginn hat man fast den Eindruck, aus Versehen eine Konzertkarte gekauft zu haben. Die Bühne ist fast völlig leer, es finden sich lediglich drei Mikrofone auf Stativen, ein Flügel und einige wenige Requisiten vor einer mit vielen Symbolen, Schlagwörtern („VANITY“; „COSMIC LOVE“, „VIOLENCE“, …) handbeschriebenen und mit Kunstdrucken beklebten Packpapierwand. Zu dem Konzerteindruck passt auch der Auftritt des musikalischen Leiters und Pianisten Dean Wilmington im weißen Frack und der drei Darsteller in neutralem Bühnenschwarz. Gleich zu Beginn werden diese gerade erst geweckten Erwartungen schon wieder enttäuscht – ent-täuscht im wörtlichen Sinne: Die Rückwand dient gleichzeitig auch als Videoprojektionsfläche für Einspielungen und eine von den Darstellern geführte Handkamera und verschwindet noch während der ersten Minuten komplett, um die Sicht auf einen weiteren Bühnenbereich freizugeben. Hier thront der Rest der Band, in hartem Kontrast zum Frack des Pianisten in „Kiss“-inspiriertem Hard Rock– Outfit und -makeup. Außerdem finden sich weitere Graffiti-Wände und sparsame Ausstattung wie ein auffälliges rotes Sofa. In dieser Umgebung spielt sich ab dann die komplette Handlung ab. Wechsel des Handlungsorts und der Zeit werden über Requisiten, Licht und Zwischentexte (dazu später mehr) erkennbar gemacht.

Die Neufassung macht besonders musikalisch deutliche Unterschiede – Wo vorher orchestrale Klänge dominierten und man im balladigen Wildhorn-Klischee schwelgen konnte, ist der Sound nun deutlich rockiger und treibender. Die Band unter Wilmingtons Leitung zeigt dabei dennoch eine große Ausdruckspalette und dynamische Bandbreite. Gerade an den sehr lauten Stellen leidet dann aber etwas die Textverständlichkeit. Hier zeigt sich das typische Rockmusical-Dilemma, das auch im Publikum immer wieder für Uneinigkeit sorgt – legt man mehr Wert auf druckvollen Sound oder setzt man die Texte als erste Priorität? Die Trierer Fassung ist definitiv eher auf der lauteren Seite, was unserer Meinung nach dem Stück sehr gut stand.

Zwei Inszenierungen in einer

Kathrin Hanak (Emma), Foto: Theater Trier

Die sowohl der Romanvorlage als auch der ursprünglichen Musicalfassung innewohnende Grundthematik, zwei gegensätzliche Wesenszüge in der gleichen Person darzustellen bzw. ihren inneren und äußeren Konflikt greifbar zu machen, offenbart sich so von Anfang an sehr deutlich im Bühnen- und Bandkonzept. Auch der Rest der Inszenierung von Malte C. Lachmann spielt ständig mit diesem Thema. Eigentlich spielen sich hier auch zwei verschiedene Stücke zur gleichen Zeit und am gleichen Ort ab. Da ist zum einen die schon aus der Originalfassung bekannte Handlung um Jekyll/Hyde und „seine“ beiden Frauen. Da alle Ensembleszenen und auch sämtliche Dialoge gestrichen wurden, schrumpft das eigentliche Musical auf knapp eine Stunde Spielzeit zusammen. Statt der Dialoge sprechen die Darsteller immer wieder direkt zum Publikum und erzählen die Zwischenhandlung in sehr kurzen, sachlichen Worten.

Das sorgt auf der einen Seite für einen sehr straffen Handlungsfortschritt und macht die Inszenierung sehr kurzweilig, erlaubt aber keine wirkliche Immersion, da man aus den sehr emotionalen Songs immer wieder in die „Wirklichkeit“ des Theaterraums gestoßen wird. Diese Dualität ist also im Kontext des Stücks durchaus nachvollziehbar, braucht aber etwas Eingewöhnung. Umso mehr, als die Inszenierung eine weitere Ebene einführt: Die Musicalhandlung wird immer wieder kurz unterbrochen, um Interview-Fragmente auf die Video-Leinwand einzuspielen. Diese Gespräche illustrieren und kommentieren die Handlung aus der Perspektive der Jetztzeit und „unserer“ Realität. Die Darsteller sprechen dabei den Originalton nach und schlagen dadurch die Brücke zwischen ihrer Musical-Rolle und der entsprechenden realen Person. Es kommen dabei eine Prostituierte, ein Priester und eine Frau mit einer schizoaffektiven Störung zu Wort. Diese Interviews nehmen vor allem im späteren Verlauf des Abends gefühlt sehr viel Raum ein, sodass sich tatsächlich das Gefühl einstellt, hier eine zweite Inszenierung, eine Art dokumentarisches Theater, anzuschauen.

Christopher Ryan (Jekyll/Hyde), Foto: Theater Trier

Drei Darsteller – Sieben Persönlichkeiten

Dabei meistern alle drei Darsteller das Kunststück, sich übergangslos mit voller Energie in die Szene hineinzustürzen und gleich darauf als Erzähler oder „Synchronsprecher“ für die Videos wieder herauszutreten. Christopher Ryan als Jekyll/Hyde hat dadurch gleich drei gegensätzliche Aufgaben. Mit teils nur minimalen Änderungen seiner Körpersprache und des Tonfalls macht er zu jeder Zeit klar, in welcher „Funktion“ er gerade agiert und überzeugt schauspielerisch auf ganzer Linie. Besonders als Hyde bringt er eine unglaublich intensive Körperlichkeit auf die Bühne. Auch stimmlich zeigt er sich sehr wandelbar und unterstreicht sowohl Jekylls sanfte Seite als auch Hydes animalische Aggression mit entsprechendem Stimmeinsatz. Sidonie Smith darf bei der Showstopper-Nummer „Schafft die Männer ran“ auch im Publikum für Unruhe und bei einigen per Handkamera in Nahaufnahme auf die Bühnenleinwand gebrachte männlichen Zuschauern sicherlich auch für unangenehme Aufmerksamkeit sorgen – was sie ebenso auskostet wie die sehr verletzlichen Balladen, von denen es wie in jedem Wildhorn-Musical einige gibt. Kathrin Hanak scheint zu Beginn etwas weniger präsent, überzeugt aber mit Stimmgewalt und intensivem Spiel besonders in den Duetten (Highlight: „In his eyes“).

Fluch und Segen der Inszenierung

Christopher Ryan (Jekyll/Hyde), Sidonie Smith (Lucy)

Der insgesamt sehr spannende und kurzweilige Abend (die Spieldauer beträgt nur knapp 90 Minuten, keine Pause) wird etwas durch scheinbar nicht konsistente Regieeinfälle eingetrübt. Die erwähnten Handmikrofone werden etwa teilweise sehr intensiv genutzt – die Darsteller agieren mit der Band wie auf einem Konzert – der Bezug zur Handlung erschließt sich aber nicht immer. Ebenso bleibt unklar, warum manche Songs in deutscher Übersetzung gesungen werden, andere aber im Original bleiben. Zunächst scheint es, als wäre hier ein weiterer Dualismus (innerer vs. äußerer Monolog) angelegt, das wird aber nicht konsequent durchgehalten. Durch die insgesamt sparsame Inszenierung und Ausstattung möchte man in solchen Merkmalen gerne eine höhere Bedeutung sehen (und wird durch die Abstraktion über die Videos auch irgendwie in diese Richtung geschoben), hat aber dann doch irgendwie das Gefühl, das Stück nicht wirklich verstanden zu haben. Das kann natürlich mit gutem Recht auch als Stärke der Inszenierung und Anreiz zu weiterer Beschäftigung mit der Thematik „Was ist das Böse?“ begriffen werden – wer hätte das einem „Balladen-Musical“ zugetraut!

„Jekyll & Hyde Resurrection“ in Trier

Welt-Premiere: 22.08.2006 (Album-Release)
Premiere Trier: 17.06.2017 (Großes Haus)
Besuchte Vorstellung: 24.06.2017
Buch/Lyrics: Leslie Bricusse
Musik: Frank Wildhorn
Musikalische Leitung, Arrangements: Dean Wilmington
Inszenierung: Malte C. Lachmann
Regieassistenz: Sabine Lamberty
Inspizienz: Christian Niegl
Ausstattung: Daniel Angermayr
Besetzung: Christopher Ryan (Jekyll/Hyde), Sidonie Smith (Lucy), Kathrin Hanak (Emma)

Band: Dean Wilmington (Leitung, Klavier), Johannes Still/Marco Lehnertz (Keyboard), Christoph „Junior“ Haupers (Guitars), Stefan Schoch (Drums), Edgar Weidert/Peter Kasper (Bass), Andreas Steffens (Sax), Maria Kulowska (Cello)

Vorstellungen im Theater Trier: 17.06.2017 bis 15.07.2017
Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

Beitragsfoto: © ArtEO, Theater Trier