Stage Entertainment bringt seine nächste Eigenproduktion auf die Bühne. Nach Stücken wie „Schuh des Manitu“, „Hinterm Horizont“ und „Rocky“ folgt nun im Januar 2018 die Musicalversion zur Komödie „Fack ju Göhte“, die 2013 ins Kino kam und noch in diesem Jahr einen dritten Teil bekommen soll. Gestern startete der Vorverkauf für das gleichnamige Musical, welches von Stage Entertainment in München produziert wird und bisher nicht wirklich euphorisch von den meisten Musical-Fans aufgenommen worden ist.

Ich würde lügen wie gedruckt, wenn ich sagen würde, dass ich Luftsprünge gemacht habe, als vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass Stage Entertainment die nächste Eigenproduktion plant und es sich um eine Musicalversion des Films „Fack ju Göhte“ handeln soll. Wie viele Musical-Fans hatten auch bei mir die Zweifel gewonnen, da in meinen Augen keine wirkliche Verbindung zwischen dieser doch eher seichten deutschen Teenie-Komödie und einem guten Musical bestand. Gleich vorweg: Ich mag die „Fack ju Göhte“-Reihe an sich gerne und habe mich im Kino doch sehr amüsiert, auch wenn es sich bei dem Film natürlich nicht um hochkulturelles Arthouse-Drama handelt. Und doch war die Begeisterung nicht wirklich groß und fiel eher in die Kategorie „Muss man denn aus jedem Hype ein Musical machen?“. Hinzu sei gesagt, dass schon das Musical „Der Schuh des Manitu“, welcher für mich in die gleiche Kategorie fällt wie „Fack ju Göhte“, nicht wirklich funktioniert hat und auch bei dem neuesten Coup von Stage Entertainment werden schon jetzt schwarze Wolken vorausgesagt. Schlimmer noch – und hier bin ich wirklich enttäuscht von manchen Fans – es wird regelrecht ein Flop herbeigesehnt.

„Fack ju Göhte“ handelt von Bankräuber Zeki Müller (im Film gespielt von Elyas M’Barek), der aus dem Gefängnis freikommt und feststellen muss, dass seine versteckte Beute nun unter der neu errichteten Turnhalle der Goethe-Gesamtschule vergraben ist und es doch schwieriger als gedacht wird an diese wieder heranzukommen. Da er das Geld jedoch unbedingt braucht um seine Schulden zu begleichen, bewirbt er sich um die Stelle des Hausmeisters an der Gesamtschule. Letzten Endes wird er mit gefälschten Dokumenten als Aushilfslehrer an der Goethe-Schule angestellt und bekommt es dort mit der gefürchteten 10b zu tun. Zwar überspitzt dargestellt, hatte der Film für mich doch viel Gegenwärtiges zu bieten und ich fühlte mich auf jeden Fall – so wie Millionen anderer Kinogänger, die diesen Film zum erfolgreichsten Film 2013 machten – sehr gut unterhalten. Auch Teil 2 habe ich mir gerne im Kino angesehen, was bei dem kommenden Teil 3 bestimmt nicht anders sein wird. Aber als Musical?

Chantal, sing leise…

Ich stehe in der Regel zwei Dingen in der Produktionswelt von Musicals skeptisch gegenüber: Das sind zum einen Erfolgsfilme, die zu Musicals verarbeitet werden und zum anderen Eigenproduktionen von Stage Entertainment. Das ist keine böswillige Grundeinstellung von mir, aber die Produktionen aus besagtem Hause sind für mich im ersten Moment immer so weit von meinem persönlichen Geschmack entfernt, dass bisher noch keine Idee dabei war, bei der ich von vornherein gesagt habe „Oh ja, das klingt spannend“. Bei „Fack ju Göhte“ kommt natürlich auch noch erschwerend hinzu, dass es sich um einen Film-Vermusicalung (gibt es dieses Wort überhaupt?) handelt, weswegen das Vorhaben ergo sowieso schon bei mir verloren haben müsste. Und doch haben es vor allem die letzten Stücke wie „Hinterm Horizont“ und „Rocky“ geschafft, mich eines Besseren zu belehren. Daher bin ich inzwischen wirklich vorsichtig damit geworden, ein Stück zu verurteilen, bevor ich mir nicht ein genaueres Bild davon machen konnte. Und momentan wird dem Stück leider wirklich nicht die Chancen eingeräumt, welches es nach meiner Auffassung verdient hätte.

Bereits bei Ankündigung der Produktion war ich aufgrund des frischen Kreativteams, welches hinter dem Musical steckt, doch zumindest neugierig. Mit Nikolas Rebscher (Gründer und Frontmann der Band „Lauter Leben“), Kevin Schröder (Songtexter, Übersetzer zahlreicher Musicals, Autor von LOTTE) und Simon Triebel (Gitarrist der Band „Juli“, Komponist und Songtexter, u. a. „Geile Zeit“, „Perfekte Welle“) als Autoren und Komponisten könnte man es durchaus schaffen, ein Musical zu kreieren, das musikalisch tatsächlich einen neuen, für das deutsche Musical bislang untypischen Sound findet. Aus Produktionskreisen ist zumindest zu hören, dass der Score wirklich modern und zeitgemäß anmutet, sehr innovativ und eben nicht aus lingnauischen Schlager-Pop-Referenzen oder Rap à la Kunze besteht. Ich möchte nicht zu groß träumen, bevor ich nicht selbst erste Ausschnitte gehört habe, aber vielleicht schafft man es wirklich, eine neue, junge Zielgruppe auch musikalisch zu begeistern, was im Long-Run-Bereich ohne Bühnenbild-Bombast-Ablenkungen bislang doch leider äußerst selten gelingt.

Mit der Handlung von „Fack ju Göhte“ sind wir definitiv weit davon entfernt, der breiten Masse zu zeigen, dass Musical auch tiefgründiges Unterhaltungstheater sein kann, aber zumindest musikalisch könnte es ein Schritt in die richtige Richtung sein. Und so sehr ich auch die Kompositionen der deutschen Musicalklassiker wie „Elisabeth“ oder „Rebecca“ liebe, wird es in meinen Augen doch Zeit, dass wir mal etwas Neues wagen. Dass wir gute Musicals schreiben können, haben wir schon vor 20 Jahren bewiesen, nun wird es Zeit, endlich auch mal den Fortschritt zu wagen und modernere Töne in unseren Musicals anzuschlagen.

Ich hoffe nur, dass man nicht zu krampfhaft versucht, ein deutsches „Hamilton“ auf die Bühne zu bringen. Der Hinweis, dass es sich um „Pop-Balladen, Rap und Hip Hop“ handeln soll, lässt dies leider vermuten. „Hamilton“ ist für mich das Großartigste, was man im Musicalbereich in den letzten Jahren auf die Bühne gebracht hat und das Stück ist für mich einfach ein Gesamtkunstwerk, in der viele moderne Musikstile stimmig zusammengeführt worden sind. Ein Versuch, das zu kopieren, ist in meinen Augen nur ganz schwer möglich und kann zudem sehr schnell nach hinten losgehen. Daher hoffe ich wirklich, dass Stage Entertainment sich den Hype um das Stück von Lin-Manuel Miranda zwar als Vorbild nimmt, aber doch versucht, sein eigenes Ding zu machen.

Besetzung ist (fast) alles

Dann hätten wir da noch die Besetzungsfrage. Zumindest bei mir war es bei den letzten Eigenproduktionen immer so, dass ich die Stücke erst verflucht habe und dann wurde plötzlich ein Drew Sarich oder Serkan Kaya als Hauptdarsteller bekannt gegeben und plötzlich waren die Stücke nicht mehr ganz so uninteressant. Ich denke, dass es vielen Lesern so ging, daher gebe ich gerne zu, dass der ein oder andere Darsteller eine Produktion für mich einfach aufwertet. Und ich denke, dass dieser Faktor auch bei Stage Entertainment nicht unbekannt ist und sicherlich auch ausgenutzt wird. Ich hoffe nur, dass Mark Seibert sich demnächst nicht die Haare schwarz färbt, da ich bei „Fack ju Göhte“ eher auf noch unbekannte Gesichter hoffe. Auch das hat in den letzten Jahren meist ganz gut funktioniert, wie man bei Oedo Kuipers in „Mozart!“ oder bei der derzeitigen Tour-Cast von „Tanz der Vampire“ gesehen hat, bei der bis auf den Grafen die Hauptrollen mit jungen Künstlern besetzt wurden, die sich inzwischen eine große eigene Fanbase erarbeitet haben.

Und nun muss ich wirklich mal eine Lanze für Stage Entertainment brechen, denn… München bekommt sein eigenes Stage Entertainment-Theater! Die Zeiten, in denen ich mir so ein Theater in meiner Nähe gewünscht habe, sind zwar lange, lange vorbei, aber ein klein wenig Rest-Aufregung ist schon noch vorhanden. Auch wenn es sich hierbei mehr um Sentimentalität handelt. Und doch finde ich es unfassbar aufregend, dass ich zum ersten Mal wirklich nah an einer Produktion von Stage Entertainment dran bin und diese auch ohne vorherige Hotelbuchung und Anreisestress besuchen kann. Für mich war das als Bayerin nie so gegeben und auch wenn wir inzwischen dank dem Gärtnerplatztheater und dem Deutschen Theater in München ein großartiges Angebot an Musicals haben (in meinen Augen eines der vielfältigsten in Deutschland auch ohne eigenes SE-Theater), ist es doch spannend, endlich mal live bei der Entwicklung dabei zu sein und auch mal spontan an der Abendkasse noch Karten besorgen zu können.

Auch scheint Stage Entertainment endlich unsere Gebete erhört zu haben. Wenn ich richtig gezählt habe, hat das neue Theater „Werk7“ im Münchener Ostbahnhof nur knapp 600 Plätze und meine Vorfreude steigt ins Unermessliche, wenn ich überlege, welche Musicalperlen in diesem Theater in hoher Stage-Qualität gespielt werden können. Auch die Ticketpreise sind erschwinglich. Am Samstagabend zahlt man für die teuerste Preiskategorie knapp 100 Euro, an einem Mittwoch-Abend gerade mal 80 Euro und ja, das ist für mich absolut in Ordnung! Ich denke, dass viele vergessen, dass es sich bei Musicals immer noch um Live-Entertainment mit Cast, Orchester, Vorder- und Hinterhaus-Mitarbeiter, die allesamt ordentlich bezahlt werden wollen, handelt und eben nicht um einen Kinobesuch. Wem das immer noch zu teuer ist, kann eine günstigere Kategorie nehmen (hier sind Einstiegspreise von um die 30 Euro auch mehr als bezahlbar!), auf Angebote warten oder muss, hart gesprochen, zuhause bleiben. Nach den ganzen Theater-Schließungen und Berichten, die einem doch Sorge um das finanzielle Wohlergehen von Stage Entertainment beschert haben, ist es zudem eine erfreuliche Nachricht, dass es in gewisser Weise weitergeht. Schließlich ist Stage Entertainment trotz allem ein Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen und würde zudem ein großes Loch in der deutschen Musicallandschaft hinterlassen.

Was sind denn die ewigen Kritikpunkte an Stage? Die immer gleichen Stücke, die wenig innovative Machart, die viel zu teuren Preise. Nun kommt „Fack ju Göhte“, ein neues Stück, musikalisch scheinbar recht innovativ und leisten kann man sich das Ganze auch noch – Was bleibt ist aber die Kritik der Fans!

Ich gehe inzwischen wirklich selten in eine Produktion von Stage Entertainment, eben weil das Angebot in Sachen Musical inzwischen so groß ist, dass ich auf andere Anbieter ausweichen kann. Aber für mich ist Stage Entertainment – was den Produktionsstandard betrifft – immer noch der qualitativ hochwertigste Anbieter in Deutschland. Die Leute, die bei Stage Entertainment arbeiten, verstehen ihr Handwerk und wissen wahrscheinlich besser als wir, was gerade Erfolg hat und wie sich der Markt entwickelt. Leider ist es oft sehr schwierig, das Publikum einzuschätzen und auch eine Prognose zu treffen, was das Publikum letzten Endes sehen will. Auch international große Erfolgsgaranten mit vielen Musicalfans wie „Rebecca“ oder „Wicked“ sind in Deutschland nun mal gefloppt. Umso wichtiger finde ich es, dass Stage Entertainment von seinen eingefahrenen Schienen rund um das große Show-Musical in riesigen Palästen wegkommt und sich mehr und mehr an kleinere Produktionen und Tourneen versucht. Und vielleicht kann auch der eine oder andere Fan ein wenig von eben diesen Schienen abweichen und der Sache erst einmal eine Chance geben, bevor man sich mit Fackeln und Heugabeln auf dem Weg zu deren Vernichtung macht.

Beitragsbild: Constantin Film

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Nadine Jobst

„What if life were more like theatre? Wouldn’t that be grand?“ – (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart… Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.

  • René Heller

    Ein wirklich toller Beitrag Frau Jobst….Klasse. Auch ich gehöre eher zu den Skeptikern, welche sich erst durch Shows wie „Rocky“ oder „Das Wunder von Bern“ des Besseren belehren lassen musste, dass Eigenproduktionen funktionieren können. Nichtdestrotz bleibt ein fader Beigeschmack, weil hier ein Film vermusicalt wird, welcher eben als solcher funktionierte aber auch als Film keinen bleiben Eindruck hinterlassen hat, so wie es die Rocky-Filme oder auch die Karriere von Udo Lindenberg taten. Es wird seitens Stage-Entertainment sehr viel Geld für die Entwicklung und das auf die Bühne bringen ausgegeben, dass es sich mir einfach nicht erschließt, warum Stage dieses Risiko eingeht.

    Warum nimmt man nicht einfach ein aktuelles Stück vom Broadway, wie bspw. „Dear Evan Hansen“, welches einfach die Masse anspricht und eine Story erzählt, welche bisher noch nicht erzählt wurde.

    Ich denke, dass wir gespannt sein können, was auf die Musical-Fans zukommt und lassen uns vom Creative-Department von Stage überraschen.

    Achja und was „Wicked“ angeht…Warum war das Stück gefloppt? Ich habe es erstmals in Oberhausen gesehen und hatte das Glück eine fantastische und gut aufgelegte Willemijn Verkaik als Elphaba bestaunen zu dürfen.

    Stage, please bring back the Witches of Oz!