Der Name Jan Ammann ist aus der deutschen Musicallandschaft nicht mehr wegzudenken. Seine Anhängerschaft ist zahlreich und zeugt von der grandiosen Arbeit, die er auf der Bühne leistet. Große Rollen schmücken seine Biografie, seine außergewöhnlichen Darstellungen haben bereits Kult-Status erreicht. Ob deutsche Musical- oder Konzertbühne: Jan Ammann hat sie alle schon erobert. Zur Freude seiner Fans war das Jahr 2017 für ihn ein Zurückkehren in frühere Rollen. Grund genug für uns, ihn als Musicalstar des Monats zu küren.

Jan Ammann wurde am 25. August 1975 in Billerbeck, Westfalen geboren. Als Sohn einer Cellistin war ihm die Musikalität bereits in die Wiege gelegt. Schon im jugendlichen Alter legte er seinen Grundstein für die Gesangsausbildung, als er im Schulchor sang und nebenbei Gesangsunterricht nahm. Er gewann auch den 1. Platz beim Musikwettbewerb „Jugend musiziert“ – da war es später naheliegend, ein klassisches Gesangstudium aufzunehmen. Seine Ausbildung zum Sänger und Schauspieler absolvierte er an der Hochschule fur Theater und Musik in München. Weitere Stationen seiner Ausbildung waren Texas, New York, Leipzig, Los Angeles, Salzburg und Hamburg.
Schon während seines Studiums bot sich ihm die große Chance, sein Talent auch im Musical-Theater unter Beweis zu stellen, als für die Produktion „Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies“ im Festspielhaus Füssen ein klassischer Sänger gesucht wurde. Schließlich hatte er bereits während seiner Ausbildungszeit 1999 auf der Freilichtbühne Coesfeld den Tony in der „West Side Story“ gesungen. Von 2000 bis 2003 verkörperte er den Märchenkönig und kehrte 2005 in der gleichen Rolle an das Festspielhaus Füssen zurück. Diesmal allerdings in einer anderen Musical-Produktion über das Leben von Ludwig II., „Ludwig2“.

© Musiktheater Füssen GmbH & Co. KG, Bettina Müller

2007 führte ihn sein Weg ans Opernhaus Halle, wo er in der deutschen Erstaufführung des spanischen Kult-Musicals „Mar i cel“ die Rolle des Piratenkapitän Said spielte.
Direkt im Anschluss übernahm er die Rolle des Biestes in „Die Schöne und das Biest“ im Theater am Potsdamer Platz und sprang damit kurzfristig für den erkrankten Yngve Gasoy Romdal ein. Es folgte ein Engagement in Bad Hersfeld in der Doppelrolle des Dr. Jekyll und Mr. Hyde im gleichnamigen Musical. Für seine Portraitierung des exzentrischen Wissenschaftlers wurde er 2008 mit dem Publikumspreis der Bad Hersfelder Festspiele ausgezeichnet.

Einem breiteren Publikum wurde er bekannt, als er im Herbst 2008 die Rolle des Grafen von Krolock in der Oberhausener Produktion von „Tanz der Vampire“ bekam. Auch nach dem Umzug ins Palladium Theater Stuttgart blieb er dem Musical bis 2011 erhalten und war bis 2016 fester Bestandteil der Stuttgarter Musical-Szene. Er spielte von 2011 bis 2013 in der deutschen Erstaufführung von „Rebecca“ den Maxim de Winter (als Nachfolger der Premierenbesetzung Thomas Borchert) im Palladium Theater und schwang sich von 2014 bis 2016 im Apollo Theater als Affenhäuptling Kerchak in „Tarzan“ durch den Dschungel.

© Stage Entertainment

Kleine Ausflüge machte er im Sommer 2013 wieder nach Bad Hersfeld zum Musical „Show Boat“, wo er Gaylord Ravenal verkörperte und im Winter 2012/2013 ans Schauspielhaus Stuttgart, wo er in der Musical-Komödie „Victor/Victoria“ den King Marchand spielte.
Im Juli 2016 kehrte Jan Ammann zu seiner Paraderolle als Graf von Krolock in der „Tanz der Vampire“- Tour-Produktion zurück und verkörperte den Ober-Vampir bei Stationen in Berlin, München und Stuttgart (Unsere Review zum Grafenwechsel in München ist hier zu lesen). Auch diesen Sommer ist er in bereits bekannten Rollen zu sehen. Bei den Freilichtspielen Tecklenburg verkörperte er wieder den Maxim de Winter in „Rebecca“ (Die Review ist hier nachzulesen.) und ist nebenbei noch in einigen Vorstellungen von „Ludwig2 – Der König kommt zurück“ im Festspielhaus Füssen zu sehen. Bereits angekündigt ist sein Engagement 2018 in der Titelrolle von „Doktor Schiwago“. Diese Produktion ist die deutschsprachige Erstaufführung des Broadway-Musicals und wird ab dem 27. Januar 2018 in der Oper Leipzig gezeigt.

© Stephan Drewianka

Neben seinen Theater-Engagements ist Jan Ammann mit einigen Kollegen aus der Musical-Branche in verschiedenen Konzert-Formaten zu erleben. Er tourte beispielsweise in den letzten Jahren mit „The Milestones Project“, „Die Superstars des Musicals“, „Die größten Musical Hits aller Zeiten“, „Michael Kunze – A Musical Tribute“, „Gentlemen of Musical“, „Musical Moments“ und „Musical Tenors“ durch den deutschsprachigen Raum. Er ist auf zahlreichen CDs zu hören und hat außerdem die vier Solo-Alben „Musical…“ (2010), „Lampenfieber“ (2012), „Farbenblind“ (2014) und „Wunder geschehen“ (2016) veröffentlicht, zu denen es bereits viele Konzerttourneen gab.

Der Bariton

Jan Ammann ist einer der beliebtesten deutschen Musical-Darsteller unserer Zeit. Seine Popularität ist ungebrochen und seine Fangemeinde über die Jahre gewachsen. Ob Graf von Krolock, Maxim de Winter oder das Biest – er ist jeder baritonistischen Herausforderung gewachsen. Was seine Stimme so besonders macht, ist die klassische Färbung, welche seinen Charakteren eine gewisse Schwere und Dominanz verleiht.

Vor allem bei „Tanz der Vampire“ kommt seine Stimme in einmaliger Form zur Geltung. Der Graf wird als böser, gieriger Tyrann, der ein ganzes Dorf in Angst und Schrecken versetzt, dargestellt. Jedoch kommt dem Lied „Die unstillbare Gier“ eine große Bedeutung in dem Musical zu, da der Graf dem Publikum hier seine Gefühle offenbart. Mit diesem Lied wird deutlich, wie beweglich und ausdrucksstark seine Stimme für jede Gefühlslage ist. Die ruhigen Töne in den Strophen steigern sich unaufhaltsam bis sie sich im donnernden Refrain entladen. Diesen singt Ammann bedrohlich, mächtig und ihm gelingt dadurch eine konkrete Abgrenzung zur dramatischen Strophe mit ihren weichen und gefühlvollen Klängen.

© Andre Havergo

Dass Jan Ammann auch fein und warmherzig singen kann, beweist er beispielsweise in der Ballade „Zauberhaft natürlich“ in „Rebecca“, wenn Maxim de Winter über die Anziehungskraft, welche die Protagonistin auf ihn ausübt, erzählt. Das Lied ist durchdrungen von liebevollen Gefühlen, weichen Klängen und ergreifenden Worten. Mühelos fängt Ammann die melodischen Töne ein und verpasst ihnen eine edle Färbung, die von einer makellosen Klarheit durchdrungen und von einer natürlichen Ausgeglichenheit getragen sind.

Der Aristokrat

Der Sänger sagte selbst einmal, dass er sich dafür entschied Musical zu machen, weil ihm in der klassischen Gesangausbildung das Schauspiel gefehlt habe. In der Oper geht es vor allem um das Singen – Gefühle und Emotionen werden durch den Gesang und die Musik transportiert. Beim Musical steht der Text und das Schauspiel im Vordergrund. Es wird somit für unser alltägliches Verständnis viel realistischer gespielt und auch gesungen, denn die Musikalität bedingt das Schauspiel und umgekehrt.

© Stage Entertainment

Verfechter der Musiktheater-Sparte haben häufig gewaltige Vorurteile gegenüber dem Musical. Es wird als niederes, kommerzielles Genre abgetan und nicht erkannt, welch spannende Möglichkeiten sich durch den intensivierten und integrierten Einsatz von Gesang, Tanz und Schauspiel ergeben können. Trotz seiner klassischen Ausbildung fand Ammann den Weg zum Musical und konnte in dieser Kunstform den Vorurteilen gegenüber vermeintich schauspiel-schwachen Opernsänger entgegentreten. Mit seiner gesanglichen Leistung kann er auf allen Ebenen punkten, doch mindestens genauso gut ist seine schauspielerische Performance mit der er in jedem Stück unverwechselbare Höhepunkte setzen kann. Entgegen kommt ihm hier der bestimmte Rollentypus, für den er die perfekten Voraussetzungen mitbringt. Er spielt meist aristokratische Rollen – einen motivierten Wissenschaftler, einen britischen Adeligen, einen verzweifelten König oder einen unsterblichen Grafen. Diese Rollen haben neben ihrer Macht und Dominanz immer auch negative Wesenszüge, die es zu überwinden oder zu akzeptieren gilt, denn nur so kann ein versöhnliches Ende herbeigeführt werden.

Der Kult-Graf

Diese komplexen Rollen verwandelt Jan Ammann in authentische Figuren und bringt sie authentisch auf die Bühne. Für den Grafen, der anfangs als bedrohlicher Schlossherrn eingeführt wird, sich als übernatürliches Wesen mit einer magischen Anziehungskraft erklärt, dann die Tragik eines zum unsterblichen Leben Verdammten zeigt, um sich zum Ende wieder als grausames Wesen zu entpuppen, kann nur der endgültige Tod Erlösung bringen. Ammann erschafft mit diesem gespannten Bogen eine bedrohliche wie auch verletzliche Figur. Seine Präsenz als übernatürliches Wesen und angsteinflössende Kreatur ist durchwegs eindringlich. Während sich der Zuschauer beim ersten Auftritt von Ammanns Grafen noch voller Ehrfurcht an seinen Sitz klammert, verspürt er im zweiten Akt bei der „Unstillbaren Gier“ das Bedürfnis auf die Bühne zu rennen und diesen verzweifelten Vampir in den Arm zu nehmen und zu trösten. Denn dort stürzt sich der Graf erfüllt von Trauer, Hass und Wut auf sich selbst und seine nicht vorhanden Gefühle, zu Boden. Durch seine ergreifende schauspielerische Leistung gepaart mit den kräftigen Tönen zieht er den Zuschauer bei der „Unstillbaren Gier“ in seinen Bann und befördert diese Szene zu einem Höhepunkt des Musicals. Das Besondere an Ammanns Performance ist die durchdringende Aktualität dieser Nummer, denn eigentlich ist der Graf nur eine Projektion einer zutiefst menschlichen Eigenschaft, nämlich die egoistische unstillbare Gier nach Reichtum und Erfolg.


Durch sein natürliches Schauspiel und seinen gefühlvollen Gesang schafft er durchwegs eine Nähe zum Publikum, denn obwohl die Rollen, die er darstellt, keine „alltäglichen“ Personen sind, gelingt es ihm, dass ihre Konflikte als solche wahrgenommen werden. Es ist als würde Jan Ammann dem Publikum im Moment in dem er die Bühne betritt eine persönliche Einladung schreiben, diese mit harmonischen Tönen seines glänzenden Baritons verzieren, sie mit auf eine Reise in die Gefühlswelt seiner Figur zu nehmen, um sie letztendlich wieder nach Hause zu führen.

Wir hoffen noch viele solcher Einladungen von diesem Ausnahmekünstler zu bekommen und dass er uns noch lange auf den deutschen Bühnen erhalten bleibt. Bis zum 9. September 2017 ist er in Tecklenburg als Maxim de Winter in „Rebecca“ zu sehen und wird ab Januar 2018 in der deutschsprachigen Erstaufführung von „Doktor Schiwago“ die Titelrolle verkörpern.

Beitragsbild: © Karim Khawatmi

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: Nachfolger von Ben Platt bei „Dear Evan Hansen“ gefunden
Nächster ArtikelMusical des Monats: „Hamilton“ – Die (Musical-)Revolution
Agnes Wiener
"The musicals, that leave us kind of staggering on our feet, are the ones, that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.