Beim Musicalsommer Amstetten, einem der renommiertesten Sommerfestivals im Musicalbereich, feiert sich die Crème de la Crème der Vereinigten Bühnen Wien durch das Hippie-Zeitalter der 60er-Jahre und hinterlässt neben einer ordentlichen Brise Flower Power insbesondere eins: Eine Show, die mich mit ihrer aktuellen Thematik immer wieder zum Nachdenken anregt.

Wie die New Yorker während den heißen Sommermonaten in die Hamptons abhauen, verschlägt es uns Musicalfans urplötzlich an Orte, mit denen man bestimmt niemals diskussionslos bei Stadt-Land-Fluss Punkte abräumt. Somit ist neben den Freilichtspielen Tecklenburg oder der Sommernacht des Musicals in Dinslaken, vor allem der Musical Sommer Amstetten ein seit Jahren fester Termin für viele Fans. Insbesondere dank der Nähe zu Wien und der damit verbundenen hochkarätigen Besetzung lockt es immer wieder viele Zuschauer in das kleine Städtchen in Niederösterreich. Ich habe es nun dieses Jahr zum ersten Mal nach Amstetten geschafft, um mir die diesjährige Produktion des Klassikers „Hair“ anzusehen, welcher bereits im Jahr 2007 auf dem Spielplan stand. Nach nicht mal einer Woche Spielzeit kündigte man bereits die 7. Zusatzvorstellung an und brach somit einen Vorstellungsrekord. Für mich als eingefleischter Fan des Musicals von Galt MacDermont, Gerome Ragni und James Rado absolut keine Überraschung. Schließlich ist die Thematik über Liebe und Frieden in Zeiten des Vietnamkriegs brisanter denn je.

© Musical Sommer Amstetten / Mag. Gerhard Sengstschmid

Wir befinden uns in New York im Jahr 1965. Der junge Claude steht mit seinem Einberufungsbefehl, der ihn direkt nach Vietnam bringen soll, alleine auf der Bühne, als ihn eine Truppe Hippies in ihrer Mitte aufnimmt und ihm eine Welt jenseits von Krieg, Gewalt und der spießigen Welt seiner Eltern zeigt. Während er mehr und mehr ein Mitglied des Stammes wird und vor allem in Berger einen Freund und Leidensgenossen findet, wächst jedoch auch der Zwiespalt in ihm, doch dem Druck der Gesellschaft nachzugeben und im Krieg für den Frieden zu kämpfen und nicht nur Zuhause auf der Straße dafür zu predigen. Während also alle Männer ihre Einberufungsbefehle gemeinsam verbrennen, eine damalige Straftat, ist Claude sich immer noch unsicher, wie er sich entscheiden soll. Nach einem letzten gemeinsamen Abend und ohne das Wissen seiner Freunde entscheidet er sich schließlich für den Krieg, aus dem er nicht mehr zurückkehrt.

Musical ohne Libretto endlich mit Libretto

Hair“ gehört für mich ganz klar zu den Stücken, bei denen es mir absolut kein Geheimnis ist, warum es seit nunmehr 50 Jahren auf den Bühnen der Welt zuhause ist. Neben den bekannten Songs hat leider auch die Thematik bis heute nichts von seiner Aktualität verloren und spricht für eine ganze Generation. Vor allem emotional holt mich das Stück am Schluss immer wie kein zweites Musical komplett ab, bringt mich einerseits zum Weinen und andererseits dazu, das Leben zu feiern. Eben genau das, was die Autoren mit ihrem „Musical ohne Libretto“ erreichen wollten. Ein Stück, das sich von den üblichen Theaterformen lösen und das Publikum wie bei einem „Happening“ immer wieder überraschen sollte. Das Musical besteht an sich nur aus szenischen und musikalischen Elementen, die je nach Produktion unterschiedlich kombinierbar sind. Somit können die unterschiedlichsten Inszenierungen entstehen, wobei die Hits des Musicals wie „Aquarius“, „I got life“ und „Let the sunshine in“ natürlich immer vorhanden sind, aber man nie weiß, wie sie angereiht sind und wie die Vorstellung verlaufen wird.

© Musical Sommer Amstetten / Mag. Gerhard Sengstschmid

In Amstetten hat man sich dafür entschieden eine Handlung und längere Dialoge auf Deutsch um die englischen Original-Songs zu bauen, wodurch ich zum ersten Mal wirklich die einzelnen Charaktere sowie ihre Umgebung „kennen lernen“ konnte. Bisher hatte ich nur Produktionen gesehen, die sich weniger auf die Charakterzeichnung konzentriert und eher den Geist von „Hair“ mit Hauptaugenmerk auf die Songs dargestellt haben. Allgemein hat mich die Regie von Alex Balga selbst für meine bereits vorhandene Begeisterung für „Hair“ wahrlich vom Hocker gehauen. Erstaunlich wie er es immer wieder geschafft hat, ein Stück über den Vietnamkrieg in den 60er Jahren mit aktuellen Themen zu verknüpfen und den Gedanken, dass Krieg und das Leid, das dieser in sich birgt, oft näher sind als wir denken. Neben den ernsten Themen kamen auch der Spaßfaktor sowie witzige Szenen nicht zu kurz. Somit habe ich jeden Charakter auf seine eigene, verrückte Art und Weise ins Herz schließen können.

Das Bühnenbild von Sam Madwar ist eine blanke Mauer mit Stacheldraht, auf der die Band unter der musikalischen Leitung von Christian Frank thront und vor der sich das Geschehen rund um Claude und seine Freunde abspielt. Am Anfang dachte ich, dass die Mauer den Eingang zur Kaserne darstellt, bei dem Claude sich mit seinem Einberufungsbefehl melden soll, nach und nach wurde mir jedoch bewusst, dass hinter der Mauer der Krieg wütet, also das ganze Leid und der Terror, vor dem sich die jungen Leute verstecken wollen. Somit scheint die Gruppe zwar geschützt, aber eine Mauer ist eben auch nur eine Mauer und man bekommt doch passiv immer mit, wie viel Leid in unmittelbarer Nähe herrscht. Auch die Kostüme von Max Wohlkönig und Diego Andrès Rojas Ortiz spiegeln den Geist von damals zwar perfekt wieder, könnten aber genauso aufs nächste Musikfestival getragen werden. Auch hier wurde der perfekte Spagat zwischen heute und damals gefunden.

© Musical Sommer Amstetten / Mag. Gerhard Sengstschmid

Ein Faktor ist und bleibt jedoch für mich ein Knackpunkt an „Hair“ und ich hoffe, dass ich nicht als prüdes Weib abgeschrieben werde: Die Nacktszene, die einfach zu jeder Produktion dazugehört. Ich weiß nicht, inwieweit es vorgeschrieben ist, dass diese Szene Teil des Stückes sein muss, schließlich ist es ein wenig der Skandal, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass die Leute in den 60-Jahren in das Stück gegangen sind. Natürlich sind die Handlung und die Songs großartig, aber ein kleiner Skandal, der die Mundpropaganda anregt, hat selbst den besten Stücken noch nie geschadet. Insbesondere letztes Jahr in München (Bericht findet ihr hier) war ich sehr angetan davon, wie die Szene umgesetzt war, da sie doch Teil der Handlung geworden ist. In Amstetten hatte ich jedoch wieder eher das Gefühl, dass es ein zwingendes „Übel“ ist, durch das man irgendwie durch muss. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe absolut nichts dagegen, nackte Menschen auf der Bühne zu sehen, aber es muss für mich einfach Hand und Fuß haben und irgendwie schlüssig in die Handlung integriert sein. In Amstetten war die Szene optisch mit dämmrigem Licht und Schriftzügen, die zudem auch kaum etwas erkennen ließen, gut gelöst. Jedoch war hier einfach die Frage, ob die Darsteller wirklich nackt hätten sein müssen.

Happy Family

© Musical Sommer Amstetten / Mag. Gerhard Sengstschmid

Auch dank der prominenten Besetzung ist der Musical Sommer in Amstetten jedes Jahr wieder ein Magnet für zahlreiche Musicalfans. Auch für die diesjährige Produktion konnten wieder einige Stars der Vereinigten Bühnen Wien gewonnen werden und bereits vor Probenbeginn gab es viele Diskussionen bezüglich der Besetzung, da der bereits angekündigte Drew Sarich aus persönlichen Gründen die Rolle des Berger absagen musste. Natürlich ist Drew Sarich immer ein Gewinn für jede Produktion, jedoch benötigt in meinen Augen ein so starkes Stück wie „Hair“ keinen Drew Sarich, um zu funktionieren und auch hat man mit Michael Souschek, der ursprünglich den Woof spielen sollte, eine würdige Vertretung gefunden, der einen witzigen und manchmal auch sensiblen Berger auf die Bühne bringt. Gesanglich hatte ich manchmal den Eindruck, dass er etwas aus der Puste war, was bei seiner energiegeladenen Performance verständlich ist, jedoch hätte es vielleicht nicht geschadet, hin und wieder einen Gang zurück zu schalten.

Als Claude stand Oliver Arno auf der Bühne. Ich kannte ihn bisher nur als Rudolf in „Elisabeth“ und es war schön ihn mal in einer ganz anderen Rolle zu sehen, in der er gesanglich zeigen konnte, dass mehr in ihm steckt als nur der ewige Kronprinz. Er schaffte es sehr gut, den inneren Zwiespalt den Claude empfindet, darzustellen und war für mich als Zuschauer ein wenig der „Normalo“ unter den verrückten Hippies und ihrer bunten Gedankenwelt.

© Musical Sommer Amstetten / Mag. Gerhard Sengstschmid

Auch die prominent besetzten Damen, Marjan Shaki als Sheila, Chayenne Lont als Dionne, Jana Stelley als Jeanie und Barbara Obermeier als Crissy lieferten gewohnt starke Leistungen ab. Vor allem Barbara Obermeier überzeugte mich mit ihrer kräftigen Stimme. „Hair“ lebt insbesondere auch von seinem Ensemble und bemerkenswert war hier vor allem die Energie, die von diesem als Einheit ausgegangen ist. In Amstetten merkt man, dass eine große Familie auf der Bühne steht, die ihre Botschaft und das Lebensgefühl, wofür das Musical für mich ganz klar steht, an das Publikum weitergeben will.

Bei der Premiere wurde bereits bekannt gegeben, dass nächsten Sommer die österreichische Erstaufführung von „Rock of Ages“ auf dem Spielplan in Amstetten stehen wird und nach meinem mehr als begeisterten Debüt in Amstetten, werde ich mir wohl auch diese Produktion nicht entgehen lassen.

Uraufführung: 29.04.1968 (Biltmore Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 22.07.2017 (Johann-Pölz-Halle, Amstetten)
Musik: Galt MacDermont
Lyrics & Buch: Gerome Ragni, James Rado
Musikalische Leitung: Christian Frank
Choreographie: Jerôme Knols
Regie: Alex Balga
Kostüme: Max Wohlkönig & Diego Andrès Rojas Ortiz
Bühnenbild: Sam Madwar
Besetzung: Oliver Arno (Claude), Michael Souschek (Berger), Marjan Shaki (Sheila), Chayenne Lont (Dionne), Christopher Dederichs (Woof), Jana Stelley (Jeanie), Juneoer Mers (Hud), Barbara Obermeier (Crissy)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Musical Sommer Amstetten / Mag. Gerhard Sengstschmid

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Nadine Jobst

„What if life were more like theatre? Wouldn’t that be grand?“ – (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart… Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.