Dass es für Musicals einfach kein Erfolgsrezept gibt, beweist „Bat out of Hell“ sensationell. Anders kann ich mir einfach nicht erklären, wie eine Show mit einem der in meinen Augen schlechtesten Büchern aller Zeiten, es geschafft hat, mir einen so fulminanten Abend zu bescheren. Vor allem der Name Jim Steinman ist hierbei sicherlich ein wesentlicher Faktor.

Ein gutes Musical muss für mich eigentlich eine perfekte Mischung aus guter Story und Musik sein – sowie dazu passender Inszenierung, Choreo und Besetzung. Solange diese Komponenten einigermaßen stimmig sind, kann ich meistens von einer gelungenen Produktion sprechen. Bei „Bat out of Hell“ kann man fast sagen, dass bei allen Komponenten viel zu sehr übertrieben wurde und dafür die Weltuntergangs-Handlung umso schwacher ausfällt. Eigentlich. Denn was mir da im Londoner Coliseum geboten wurde, ist einfach das, was die Alben „Bat out of Hell I – III“ versprechen und schließlich zählen diese, laut Rolling Stone, nicht umsonst zu den erfolgreichsten Rockalben aller Zeiten.

© Specular

Vor Beginn der Vorstellung wird auf der Leinwand bereits dem Zuschauer die Rahmenhandlung mitgeteilt. Wir befinden uns im Jahr 2100 in der Stadt Obsidian, welches früher einmal Manhattan gewesen ist. Regiert wird die Stadt von Diktator Falco, der mit seiner Frau Sloane und seiner Tochter Raven im Falco Tower residiert. Widerstand erfährt er von der Gang „The Lost“ (und deren Anführer Strat), die aufgrund eines Gasunfalls nicht mehr älter als 18 Jahre alt werden und im Untergrund der Stadt gegen das Regime kämpfen. Wie nicht anders zu erwarten, verlieben sich Strat und Raven ineinander, was nicht nur von Ravens Vater Falco versucht wird, zu unterbinden. Die Handlung ist somit vor allem eins: Eine herrlich, dramatisch überzogene Seifenoper. Die Handlung erinnert zudem stark an „We will rock you“, wobei ich sagen muss, dass ich bei dem Musical mit den Songs von Queen nach langem Suchen zumindest ein wenig Tiefgründigkeit herausfiltern konnte, schließlich laufen wir in der heutigen Zeit wirklich mit Smartwatches durch den Alltag. Beim neuesten Geniestreich von Jim Steinmann sucht man indessen vergebens nach einer wirklich ernst zu nehmenden Botschaft, welche ich jedoch, offen gestanden, nicht wirklich vermisst habe.

Sex, Drugs and Rock’n Roll

Wie bei fast allen Jukebox-Musicals wurde um die bereits bestehenden Songs eine Handlung und ein paar Dialoge geschrieben, deren Hauptzweck es ist, die Songs miteinander zu verbinden. Auch bei „Bat out of Hell“ ist dies ganz offensichtlich der Fall und man muss einfach betonen, dass die Story schon sehr schwach ist und auch der ein oder andere Handlungsstrang eher ein Fragezeichen bei mir hinterlassen hat. Vor allem die Tatsache, dass die Mitglieder von „The Lost“ nicht mehr altern und die vielen kleineren und größeren Probleme der einzelnen Charaktere untereinander hätte man zum Teil getrost streichen können. Aber – und hier kommt ein wirklich großes Aber – dieses Musical wurde für Leute geschrieben, die die Alben von Jim Steinman lieben. Wer die Bombast-Musik und die grandios-kitschigen Songtexte von Meat Loaf nicht mag, sollte besser zuhause bleiben, denn genau das ist Programm. Es war für mich vor allem schön zu sehen, wie viele junge und nicht mehr ganz so junge Altrocker mit leuchtenden Augen, ihrer entstaubten Lederjacke und alten Band-Shirts auf ihren Sitzen saßen. Hier erwartet niemand eine ausgereifte und besonders kreative Handlung, sondern Sex, Drugs and Rock’n Roll. Und das wird bis zum Gehörsturz geliefert.

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Der Star des Abends ist und bleibt die Musik. Und jeder, der das Album „Bat out of Hell“ mit seiner epischen Rockmusik kennt, hatte sicherlich schonmal irgendwann den Gedanken, dass dieses Stück auf eine Bühne gehört. Ursprünglich wollte Jim Steinman die Songs auch für eine Bühnenshow namens „Neverland“ verwenden, bevor Meat Loaf die Songs einsang und es zu einem der der erfolgreichsten Rockalben aller Zeiten wurde. Im Jahr 1993 folgte „Bat out of Hell II: Back into Hell“ und im Jahr 2006 „Bat out of Hell III: The Monster is Loose“. Vor allem in Deutschland sind die Songs dank „Tanz der Vampire“ vielen Fans bestens im Gedächtnis, welches im Endeffekt auch nur eine Compilation-Show mit den Hits von Jim Steinman ist. Der Kreis scheint sich nun zu schließen, nachdem „Bat out of Hell“ endlich seinen Weg auf eine Musicalbühne gefunden hat. Vor allem die unsagbar talentierte Cast haucht dem Score ganz neues Leben ein und bringt das Theater regelrecht zum Beben. Da einige Songs bereits auf dem Album auf die 10 Minuten zugehen und diese im Musical nicht groß gekürzt wurden, blieb auch oft einfach keine Zeit, um die Handlung allzu kritisch zu beäugen. „Bat out of Hell“ hat mit seiner absurden Story und der Tatsache, dass viele die ein oder andere Textstelle vom Album bereits kennen, sogar richtige Chancen, ein Kultstück à la „Rocky Horror Show“ zu werden.

Vor allem technisch wird auf der riesigen Bühne des Coliseums einiges aufgefahren. Vom Cadillac, der im Orchestergraben landet bis hin zur in Zeitlupe zerberstenden Harley Davidson und ein paar Fledermäusen, die durchs Publikum fliegen, bietet die Show alles, was zu einer guten Rock-Show dazu gehört. Auf der Bühne befindet sich der (zweistöckige) Falco-Tower mit dem Schlafzimmer von Raven. Dank einer großen Leinwand auf der einen Seite der Bühne und einem Kameramann, der immer mal wieder live mitfilmt und alles auf die Leinwand überträgt, muss man auch nicht in der ersten Reihe sitzen, um jede Mimik der Darsteller zu erkennen. Der Eingang eines großen Wasserrohrs stellt zudem noch die Heimat der Rebellen dar, welche sich im Untergrund von Obsidian befindet.

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Die Kostüme von Jon Bausor und Meentje Nielsen tragen auch ihren Teil dazu bei, dass sich viele Zuschauer an ihre Jugend zurückerinnert fühlen. Von Schulterpolstern bis hin zu viel Glitzer ist der komplette Schrankinhalt der 80er Jahre vertreten. Da die Handlung eigentlich in der Zukunft spielt, ist diese Tatsache eigentlich auch eher seltsam. Andererseits merkt man hier wieder, dass das Hauptaugenmerk der Show auf dem Album liegt und Kostüme in futuristischem Design einfach komplett aus der Reihe tanzen würden. Apropos Tanzen. Vor allem die Choreographien von Emma Portner wurden oft von vielen bemängelt, wobei ich persönlich sagen muss, dass mir diese gar nicht so negativ aufgefallen sind. Es wird schon viel rumgefuchtelt auf der Bühne, aber da die Bühne so groß ist und die Lieder einfach so viel Energie mitbringen, fand ich sie weniger störend als in anderen Musicals.

Von Vampiren zu Fledermäusen

Die Entdeckung des Stücks war für mich Andrew Polec als Strat. Unglaublich mit welcher Stimmgewalt er die Songs von Meat Loaf zum Besten gab und dann auch noch bei jeder Darbietung minutenlang und ohne außer Atem zu kommen über die Bühne sprang. Das Getue rund um seinen nicht vorhandenen Alterungsprozess und seine nächtlichen Besuche im Schlafzimmer seiner Angebeteten Raven, haben mich auf erschreckende Weise an „Twilight“ erinnert, aber das hat Polec zum Glück mit seiner verrückten Art und seinen dramatischen Anmachsprüchen wieder wettgemacht. Auch erinnert er optisch eher einem „Edward“ als einen Meat Loaf, was mir dann doch lieber war, als er sich zum gefühlt 100. Mal dramatisch das Hemd vom Leib gerissen hat. Alles in allem eine fantastische Performance.

Als Raven stand Christina Bennington auf der Bühne, die zusammen mit Andrew Polec eine fast greifbare Chemie auf die Bühne bringt. Während das Rollenprofil der Prinzessin, die im Turm eingesperrt ist und sich in den gutaussehenden Feind verliebt, mir fast schon zu stereotypisch war, fand ich es toll, dass sie zum einen optisch mit den schwarzen Haaren und den Boots als auch charakterlich nicht so rüberkam, wie man es im ersten Moment erwarten würde. Auch gesanglich konnte sie vor allem Andrew Polec in den Duetten sehr gut die Stirn bieten und in ihren Soli auch wunderschöne ruhige Töne anschlagen.

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Vor allem Rob Fowler in der Rolle des Falco ist für uns kein Unbekannter und kann in „Bat out of Hell“ wieder mal sein ganzes gesangliches Talent zum Besten geben. Zusammen mit Sharon Sexton als Sloane verkörpert er die Eltern von Raven. Neben der ein oder anderen dramatischen Nummer hatten die beiden insbesondere aufgrund ihrer Beziehungskrise die meisten Lacher auf ihrer Seite. Vor allem bei „Paradise by the Dashboard Light“ wird eindrucksvoll der Spaßfaktor der Show bewiesen.

Danielle Steers als Zahara und Dom Hartley-Harris als Jagwire sind das dritte Pärchen im Bunde. Vor allem Danielle Steers hat mich schon von vorherigen Aufnahmen mit ihrer Stimme begeistert und hat eine Rockröhre, wie ich sie selten gehört habe. Ich schätze selbst noch bessere Sänger als Dom Hartley-Harris hätten neben ihr Schwierigkeiten gehabt, nicht an die Wand gesungen zu werden. Spätestens bei der Nummer „Objects in the rear view mirror“ (englisches Original zu „Unstillbare Gier“), welches er zusammen mit Giovanni Spano als Ledoux und Patrick Sullivan als Blake sang, konnte er sich zum Glück noch einmal beweisen und zeigen, wie schön dieses Lied auch ohne dramatischen Friedhof klingen kann.

Als großer Fan des Albums „Bat out of Hell“, würde ich hier am Liebsten jeden Song und jeden Darsteller aufgrund der grandiosen gesanglichen Leistung aufführen, aber das würde wohl den Rahmen sprengen. Bei der letzten Vorstellung in London am 22. August 2017 wurde bereits verkündet, dass die Show 2018 aufgrund des großen Erfolgs wieder zurückkehren wird. Ich bin zwar immer vorsichtig mit der Vorfreude, solange keine genauen Daten und vor allem kein Theater in London fix ist, schließlich lässt auch das versprochene Cast-Album nun schon länger auf sich warten, jedoch werde ich die Show wohl definitiv wieder besuchen, einfach nur weil dieses Musical an Spaß und Rock’n Roll nicht zu übertreffen ist.

Uraufführung: 14.03.2017 (Manchester Opera House)
Besuchte Vorstellung: 22.08.2017 (Coliseum, London)
Musik, Lyrics, Buch: Jim Steinman
Regie: Jay Scheib
Musikalische Leitung: Michael Reed
Choreographie: Emma Portner
Bühnenbild: Jon Bausor
Kostüme:
Jon Bausor, Meentje Nielsen
Videodesign: Finn Ross
Besetzung: Andrew Polec (Strat), Christina Bennington (Raven), Rob Fowler (Falco), Sharon Sexton (Sloane), Aran Macrae (Tink), Danielle Steers (Zahara), Dom Hartley-Harris (Jagwire), Giovanni Spano (Ledoux), Patrick Sullivan (Blake)

Beitragsbild: © Specular

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.