Das Gute-Laune-Musical erobert momentan die Spielpläne der deutschsprachigen Theater. Auch das Musiktheater in Linz wagt sich an eine Inszenierung des preisgekrönten Musicals und schafft es wie gewohnt eine qualitativ hochwertige Show auf die Bühne zu bringen.

Das Musical aus dem Jahr 2002, das 2007 mit einer Starbesetzung rund um John Travolta und Zac Efron verfilmt wurde, erzählt die Geschichte von Tracy Turnblad, einem Mädchen aus Baltimore, das sich nichts sehnlicher wünscht als Teil der Corny-Collins-Show zu werden, einer Fernsehshow in der die „Nicest Kids in Town“ tanzen und singen. Nachdem sie beim Vortanzen von der Produktionsleiterin Velma van Tussle aufgrund ihres Gewichts nicht mal die Chance bekommt, ihr Können zu beweisen, schafft sie es beim Schultanz, den Moderator und Namensgeber der Show Corny Collins von ihrem Talent zu überzeugen und wird Teil der glitzernden Fernsehwelt. Auch wird sie aufgrund ihrer tänzerischen Fähigkeiten schnell zur Favoritin der „Miss Teenage Hairspray“, was vor allem der schlanken Amber ein Dorn im Auge ist. Nun will sie auch ihren neuen Freund Seaweed, dem sie hauptsächlich die Chance, vor Corny Collins zu tanzen, zu verdanken hat, in die Show holen und begegnet plötzlich der Rassentrennung der 1960er Jahre, welcher sie nun gegenwirken will, auch wenn sie dafür Gefahr läuft, ihren Traum wieder aufgegeben zu müssen.

© Barbara Pálffy

„Hairspray“ ist vor allem eins: Tracy Turnblad. Die Show verkörpert alles, wofür auch seine Protagonistin steht. Energiegeladen, voller Lebensfreude und tolerant bis in die letzte Pore. Dass man bei dieser schmalen Gratwanderung zwischen Zuckerguss und ernsthafter Message nicht das Gefühl bekommt, dass alles ein wenig naiv daher kommt, ist vor allem den liebenswerten Charakteren zu verdanken. Dass man die Rassentrennung und auch die perfekte Inszenierung in der Fernsehwelt der 1960er nicht mit eine großen finalen Party geklärt oder gar abgeschafft hat, ist selbstverständlich und doch schafft es die Show, eine heile(re) Welt zu vermitteln, in der man alles erreichen kann, wenn man nur den Willen und die Stärke einer Tracy Turnblad mitbringt.

Nicest Kids in Town

Ariana Schirasi-Fard übernimmt die Rolle der molligen Tracy, die furchtlos und vielleicht auch ohne nachzudenken, ihren Mitmenschen und deren Vorurteilen begegnet. Vor allem in der Eröffnungsnummer „Good Morning Baltimore“ wird klar, dass sie diese Stadt und deren Einwohner liebt und begrüßt von Milchmann bis Drogendealer jeden Menschen wie einen alten Freund. Wie bereits erwähnt, müsste sie mir eigentlich ziemlich naiv vorkommen, wie sie so ohne Vorurteile durchs Leben wandert und jeden so akzeptiert wie er ist. Da sie jedoch selbst aufgrund ihres Gewichts nicht so recht in diese heile Welt passt und selbst oft einstecken muss, was ihr jedoch kein einziges Mal so wirklich nahegeht, kann man dieses liebenswerte Wesen irgendwie nur ins Herz schließen.

© Barbara Pálffy

Als Tracys Mutter Edna steht Riccardo Greco in Fat-Suit und Frauenkleidern auf der Bühne. Die Rolle wird traditionell von einem Mann übernommen und man könnte meinen, dass man bei all den Minderheiten, die im Stück gefeiert werden auch noch eine Drag-Queen auf die Bühne setzen wollte, aber man bekommt nur ganz selten wirklich das Gefühl, dass ein Mann die Rolle der Edna verkörpert. Nachdem die Rolle bislang immer von etwas älteren „Stars“ wie John Travolta oder Uwe Kröger übernommen wurde, war die Entscheidung für Riccardo Greco im ersten Moment etwas ungewohnt für mich, aber er hat die Rolle – im wahrsten Sinne des Wortes – voll ausgefüllt. Im Gegensatz zu Tochter Tracy ist Edna aufgrund ihres Gewichts mehr als verunsichert und erst aufgrund des Zuspruchs ihrer Tochter und ihres Mannes Wilbur, der liebenswert von Rob Pelzer gespielt wird, schafft sie es letzten Endes, sich selbst zu lieben und ihre Träume doch noch zu verwirklichen.

Tracys Schwarm Link Larkin wird von Gernot Romic verkörpert. Bei ihm gab es irgendwie nur zwei Gefühlslagen: Verliebt in sich selbst – oder Tracy. Es war äußerst lustig, ihm bei dabei zuzusehen, wie er sich zwischen den beiden Lieben hin- und herbewegt und wie er es bei dieser Achterbahn der Gefühle noch schafft, dass die Frisur sitzt. Und doch hätte ich mir hier manchmal ein wenig mehr Tiefgang gewünscht. Schließlich hat er letzten Endes doch den Mut, sich für Tracy zu entscheiden und lässt sich auch schnell davon überzeugen, das Richtige zu tun, jedoch hatte ich bei Link immer das Gefühl, dass er nicht mehr als eine schöne Hülle ist, weswegen Tracys Begeisterung für diesen zugegebenermaßen hübschen Jungen sich bei mir nicht so wirklich eingestellt hat. Nichtsdestotrotz steht hier tänzerisch und gesanglich ein fantastischer Gernot Romic auf der Bühne.

© Barbara Pálffy

Für mich persönlich der absolute Sympathieträger des Musicals – neben Tracy – ist Corny Collins. Bereits in der Filmversion habe ich diese Nebenrolle geliebt und auch in Linz habe ich wieder gemerkt, wie sehr ich ihn mag. In Linz übernimmt Peter Lewys Preston die Rolle des Fernsehmoderators, der mit ebenso viel Toleranz wie Tracy – jedoch mit einem nicht ganz so weltfremden Blick – seine Show verändern will. Während alle anderen Charaktere überzeichnet sind, scheint mir die Rolle des Corny Collins als einzige wirklich normal zu sein, wobei er eigentlich am knalligsten von allen rüberkommen müsste, schließlich ist er der Moderator der ganzen verrückten Fernsehtruppe. Letzten Endes bleibt er jedoch dem coolen Image treu und verkörpert ein wenig die Rolle der guten Fee.

Die Show verbindet sehr viel Witz mit einer doch ernstzunehmenden Thematik. Zwar ist die Botschaft oft sehr gut versteckt, jedoch eigentlich allgegenwärtig vorhanden. Und doch ist es fast ein Schock, wenn in all der guten Laune plötzlich Motormouth Maybelle, welche von Amanda Whitford gespielt wird, den Song „I know where I’ve been“ anstimmt. Plötzlich ist all der Zuckerguss weg und nur noch der lange und grausame Weg vorhanden, den die Schwarzen – und viele andere Minderheiten – gegangen sind und leider viel zu oft auch immer noch gehen müssen. Und doch tut es der Stimmung für das darauffolgende Finale und dem energiegeladenen Happy End keinen Abbruch, sie wird eher noch angeheizt.

You can’t stop the beat

Das Musiktheater in Linz zählt zu meinen absoluten Lieblingstheatern und während ich bei der Produktion von „Ghost“ (Artikel findet ihr hier) noch kritisiert habe, dass die riesige Bühne einfach viel zu leer wirkte, konnte bei „Hairspray“ die große Bühne vollends ausgenutzt werden. Während viele Stadttheater oft verständlicherweise nicht mit der extravaganten Ausstattung der großen Musicalhäuser mithalten können, vergisst man in Linz schnell, dass es sich nicht um eine En-Suite-Produktionen handelt. Vor allem bei dieser Produktion von „Hairspray“ trifft die qualitative Ausstattung einer großen Musicalproduktion auf die charmanten Details, die man so nur in Stadttheatern geliefert bekommt. Diese Mischung aus beiden Welten macht für mich die Produktionen in Linz immer wieder zu etwas ganz Besonderen.

Das Bühnenbild von Hans Kudlich bemalt die graue Großstadtkulisse Baltimores mit kunterbunten Farben, wodurch alles ein wenig unecht und surreal wirkt. Eben genau so, wie man sich die inszenierte Fernsehwelt vorstellt. Da die Bühne umrandet wird von einem großen Fernseher, schließt sich somit der Kreis. Die Kostüme von Leo Kulas passen sich auch perfekt in diese 1960er Jahre Kulisse ein und warten zudem mit vielen Highlights auf, wodurch sich der Zuschauer nie an der Kulisse oder den Kostümen satt sehen kann.

Auch die Übersetzung der Originaltexte von Scott Wittmann und Marc Shaiman ist interessant gelöst. Während die deutschen Gesangstexte von Heiko Wohlgemuth sehr gut funktionieren, kommen diese nicht immer zum Einsatz. Songs, welche die Handlung tragen, sind auf Deutsch, während insbesondere die vielen „Show-Songs“, die in der Corny-Collins-Show gesungen werden, im englischen Original geblieben sind. Zwar wird diese Idee nicht immer kontinuierlich durchgezogen und vor allem im zweiten Akt scheint sich das Konzept mehr und mehr zu verlieren. Und doch funktioniert die Mischung aus Englisch und Deutsch für mich sehr gut. In Linz hat man zudem die Möglichkeit auf einem Bildschirm vor jedem Sitzplatz Untertitel einzublenden, wer diese nicht braucht, kann sie ausstellen. Jedoch hat man selbst ohne gute Englischkenntnisse in Linz der Handlung ohne Probleme folgen können.

Wer sein politisch korrektes Musical also gerne unter einer dichten Wolke Haarspray und absoluten Feel-Good-Rythmen versteckt haben möchte, kommt in Linz definitiv auf seine Kosten. Denn dank der richtigen Mischung hat man vor allem eins: Jede Menge Spaß!

„Hairspray“ in Linz

Uraufführung: 15.08.2002 (Neil Simon Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 07.10.2017 (Musiktheater am Volksgarten, Linz)
Buch: Marc O’Donnell, Thomas Meehan
Musik: Marc Shaiman
Gesangstexte: Scott Wittman, Marc Shaiman
Übersetzung: Jörn Ingwersen (Dialoge), Heiko Wohlgemuth (Gesangstexte)
Regie: Matthias Davids
Musikalische Leitung: Tom Bitterlich
Choreographie: Dennis Callahan
Bühnenbild: Hans Kudlich
Kostüme: Leo Kulas
Lichtdesign: Michael Grundner
Dramaturgie: Arne Beeker
Besetzung: Ariana Schirasi-Fard (Tracy Turnblad), Riccardo Greco (Edna Turnblad), Rob Pelzer (Wilbur Turnblad), Gernot Romic (Link Larkin), Peter Lewys Preston (Corny Collins), Dinipiri Etebu (Seaweed J. Stubbs), Anais Lueken (Velma van Tussle), Hanna Kastner (Amber van Tussle) Amanda Whitford (Motormouth Maybelle), Ruth Fuchs (Penny Pingleton)

Beitragsbild: © Barbara Pálffy

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Nadine Jobst

„What if life were more like theatre? Wouldn’t that be grand?“ – (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart… Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.