Halloween steht vor der Tür die perfekte Zeit für Horror, die perfekte Zeit für Stephen King. Sein 1974 veröffentlichter Debütroman „Carrie“ hat bis heute mehrere Millionen Exemplare verkauft und machte den Autor weltberühmt. Auch Brian de Palmas Verfilmung von 1976 erlangte Kultstatus und vor vier Jahren brachte ein durchaus gelungenes Remake (mit einer brillanten Julianne Moore als Mutter und einem hervorragenden Indie-Soundtrack) die Geschichte erneut ins Bewusstsein der breiten Masse. Dass es von Carrie auch eine (äußerst berüchtigte) Musical-Adaption gibt, wissen hierzulande allerdings nur die wenigsten.

Vor einigen Monaten veröffentlichte ich ein Ranking der zehn coolsten High-School-Musicals (die nicht „High School Musical“ sind). Dort landete „Carrie“ ganz knapp hinter „Heathers“ auf dem zweiten Platz und ich schrieb über das Musical:

Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte von „Carrie“ ist so bizarr und faszinierend, dass sie alleine genug Stoff für einen eigenen Artikel bieten würde. (Vielleicht ein guter Kandidat für ein zukünftiges Musical des Monats? Herausforderung angenommen!)

Was gibt es nun für eine bessere Zeit, mein Vorhaben endlich in die Tat umzusetzen, als Halloween? Noch dazu in einem Herbst, der durch das aktuelle „It“-Remake einen vollkommen neuen Stephen King-Hype ausgelöst hat? Dabei würde ich „Carrie“ überhaupt nicht als Horror-Musical einordnen. Die Urversion aus den 1980ern war aus eher unbeabsichtigten Gründen gruselig und die Reinkarnation des Bühnenwerkes ist mehr intimes Teenager-Drama als flacher Gruselschocker.

© Claire Bilyard

„There’s never been a musical like her“

Gehen wir drei Jahrzehnte in die Vergangenheit: Im Vorfeld der Broadway-Premiere fand im Februar 1988 eine vierwöchige Tryout-Phase des „Carrie“-Musicals im britischen Stratford-upon-Avon statt – dem Geburtsort Shakespeares, der eigentlich für Hochkultur steht. Nachdem die Royal Shakespeare Company mit „Les Misérables“ einen bahnbrechenden Hit hingelegt hatte, dachte man sich wahrscheinlich: „Wenn hier Victor Hugo funktioniert hat, warum dann nicht auch Stephen King?“ Produziert wurde das Projekt von Friedrich Kurz – ganz genau, von dem Friedrich Kurz aus Baden-Württemberg, der „Cats“, „Starlight Express“ und „Das Phantom der Oper“ nach Deutschland geholt hatte.

Der Score stammt aus der Feder des „Fame“-Duos Michael Gore (Musik) und Dean Pitchford (Lyrics), das Libretto von Lawrence D. Cohen, der bereits das Drehbuch der Filmadaption von „Carrie“ verfasst hatte. In der Titelrolle gab die 17-jährige Linzi Hateley ihr professionelles Theaterdebüt, als ihre Mutter stand die Musical-Legende Barbara Cook auf der Bühne. Regie führte Terry Hands.

Die Tryouts waren von ständigen Änderungen an der Show und einigen Bühnenunfällen geprägt, die Kritiken der britischen Presse fielen miserabel aus. Nachdem Barbara Cook bei der Premiere von einem Kulissenteil fast enthauptet worden wäre, sprang sie von dem Projekt ab und für den Broadway-Transfer musste eine neue Mutter gefunden werden. Der Part wurde schließlich von Betty Buckley übernommen, die im Film bereits die Lehrerin Miss Collins gespielt hatte. Im April 1988 starteten die Broadway-Previews im Virginia Theatre. Auf Plakaten in New York bewarb man die Produktion mit dem Slogan: „There’s never been a musical like her.“ Wer hätte damals ahnen können, wie sehr sich dieser Spruch bewahrheiten würde?

Das Ensemble, das bis auf Barbara Cook den Transfer aus Stratford-upon-Avon vollständig mitgemacht hatte, rechnete damit, dass man die zahlreichen Fehler bis zur US-Premiere ausbesseren würde, aber viel hatte sich bis zur ersten Preview in New York nicht getan. Bereits die Eröffnungsnummer stiftete im kompletten Saal Verwirrung: In einem seltsamen weißen Kasten tanzten die High-School-Schüler (deren Schauspieler bis auf die 17-jährige Hauptdarstellerin deutlich zu alt waren, um Teenager zu spielen) vollkommen überchoreografiert zu seltsamen Synthesizer-Beats. Ihre Kostüme waren eine rätselhafte Mischung aus Gymnastikanzügen und griechischen Togen.

© Peter Cunningham

Wenn sie nicht gerade in dem weißen Kasten tanzten, hielten die in Latex gekleideten Schüler sich in einem mysteriösen Sadomaso-Keller auf, der vom Programmheft als „Night Spot“ bezeichnet wurde, oder beschmierten sich auf der „Pig Farm“ oberkörperfrei mit Fake-Blut, während sie „Kill the pig, pig, pig!“ sangen und über die Sound-Anlage „Oink“-Geräusche eingespielt wurden. (#justteenagerthings?!) Die Zuschauer müssen sich vorgekommen sein wie das Publikum von „Frühling für Hitler“.

Was die ganze Geschichte noch kurioser machte: Zwischendurch blitzten immer wieder Momente unbeschreiblicher Genialität durch – in den intimen Szenen zwischen Carrie und ihrer Mutter, die fast schon eine opernhafte Qualität besaßen. In diesem Wohnzimmer (das irritierenderweise wie eine abgelegene Holzhütte mich nichts als einem Stuhl und einer Falltür aussah) entwickelte sich das chaotische Gummianzug-Spektakel immer wieder zu einem intensiven Kammerspiel mit fesselnder Musik und überragenden schauspielerischen Leistungen. Diese Szenen waren jedoch vollkommen inkonsequent in den Kontext eingebettet und Carries telekinetische Fähigkeiten wurden überhaupt nicht angedeutet oder langsam etabliert. So wusste niemand, was da auf der Bühne passierte, als Carries Hände zum Finale des ersten Aktes plötzlich ohne Erklärung in Flammen standen.

© Ivan Kyncl

Wer bis dahin noch nicht vollkommen verwirrt war, dürfte spätestens in der letzten halben Stunde des Abends vollkommen den Faden verloren haben: Auf dem Abschlussball lag in der hinteren Bühnenecke eine überdimensionale Diskokugel rum und weil sich die berühmte Demütigungsszene technisch nicht so eindrucksvoll umsetzen lassen konnte wie auf der Leinwand, wurde Carrie einfach von Billy ein Eimer mit Himbeersirup über den Kopf gestülpt. Das peinlich berührte Publikum brach in Gelächter aus, als plötzlich Laserstrahlen durch den Saal geschossen wurden und die Bühnendecke sich kippte, um für das Finale eine riesige weiße Treppe preiszugeben, welche die komplette Bühnenfläche von unten nach oben einnahm. Wo sind wir? Vor der Schule? Vor Carries Haus? Im Himmel? In der Hölle? Was passiert?! Niemand konnte sich das Bühnengeschehen erklären oder darin einen roten Faden erkennen.

Nachdem der letzte Ton verklungen war, mischten sich lautstarke Buhrufe mit belustigtem Jubel. Doch in dem Moment, als Linzi Hateley und Betty Buckley sich verbeugten, sprang der Saal zu einer Standing Ovation auf. So verwirrend dieser Theaterabend auch gewesen war, Langeweile war in keiner Sekunde aufgekommen. Eine Show wie „Carrie“ hatte man noch nie am Broadway gesehen. Schon nach der ersten Preview war das Musical ein sofortiges Phänomen geworden und in der Broadway-Community sprach sich schnell rum, dass man diese Katastrophe einfach live gesehen haben musste.

© Peter Cunningham

Die Ticketverkäufe liefen also erstaunlich gut. Jeder wollte mit eigenen Augen sehen, was sich dort auf der Bühne des Virginia Theatre abspielte. Doch nach den unterirdischen Premieren-Kritiken zogen die Produzenten sofort all ihre finanziellen Investitionen aus dem Projekt. Niemand wollte mit der größten Lachnummer der Stadt in Verbindung gebracht werden.

Auf Youtube findet sich glücklicherweise noch ein Fernsehbericht über die Premiere, in dem die High-School-Schüler als „Gang-Mitglieder aus dem Weltall“, die Kulisse als „Krankenhausküche“ und die Inszenierung als „schlimmste Musical-Idee aller Zeiten“ bezeichnet werden. Wer in dem Fernsehstudio hätte damals ahnen können, wie historisch wertvoll diese News-Meldung einmal sein würde? Der Clip selbst hat schon etwas Kultiges, wenn die Moderatorin mit ihren Achtziger-Schulterpolstern und ihrem Zahpastagrinsen in die Kamera sagt:

The only thing terrifying about „Carrie“ is that there is a second act.

Nach den unterirdischen Reaktionen der Presse und dem Abspringen der Produzenten ging alles ganz schnell und nur vier Tage nach der Premiere fiel für „Carrie“ der letzte Vorhang. Sieben Millionen Dollar hatte der Spaß gekostet, für damalige Zeiten eine unerhört hohe Summe. Die Produktion hatte über alle Beteiligten scheinbar nichts als Peinlichkeit und Schande gebracht. Laut der New York Times war „Carrie“ zum damaligen Zeitpunkt der teuerste Flop der Broadway-Geschichte. Der Stoff, aus dem Legenden sind.

„Not since Carrie …“

„Carrie“ war in den späten Achtzigern der Broadway-Flop, an dem sich alle zukünftigen Broadway-Flops messen müssten. Die Beteiligten distanzierten sich schnell von der Broadway-Produktion und niemand wollte dieses Engagement in seinem Lebenslauf stehen haben. Jeder wünschte sich, dass „Carrie“ bald in Vergessenheit geraten würde. Dass dies nicht geschah, hat zwei Gründe.

Der eine davon ist Ken Mandelbaum. Der Theaterkritiker war so fasziniert von dem Phänomen um die kurze Broadway-Spielzeit und seinen persönlichen Erfahrungen, die erste Preview miterlebt zu haben, dass er 1991 ein Buch unter dem Titel „Not Since Carrie: 40 Years of Broadway Flops“ veröffentlichte. Hierin versucht er, dem Scheitern von „Carrie“ (und zahlreichen anderen Broadway-Flops, die jedoch alle nicht denselben Hype kreieren konnten) in humorvollem Ton, aber dennoch ohne Schadenfreude auf den Grund zu gehen. Dabei nimmt er die gefloppten Stücke tatsächlich ernst und stellt sich die Frage, was genau schiefgelaufen sein mag.

Mandelbaum vertritt die These, dass irgendwo hinter der Katastrophe eine Show mit viel Potenzial schlummern muss. „Not Since Carrie“ gilt mittlerweile als Pflichtlektüre in der Broadway-Community und darf in keiner Musical-Bibliothek fehlen. Das Buch ist einer der Gründe dafür, dass die Theaterfans in den Jahren nach dem Desaster weiterhin über „Carrie“ sprachen.

© Peter Cunningham

Ein anderer liegt in dem Aufkommen des Internets in den Neunzigern. Von der Broadway-Produktion veröffentlichte man damals kein Cast-Album und somit gab es keine offiziellen Medien, die „Carrie“ für die Nachwelt dokumentiert hatten. Gleichzeitig entstanden aber zahlreiche Foren und Internetseiten, in denen die wenigen Glücklichen, welche seinerzeit eine Vorstellung live miterlebt hatten, ihre Erfahrungen teilten. User scannten Schwarzweißfotos ein, die sie aus verschiedenen Quellen zusammengekratzt hatten und so entstand eine Art „Carrie“-Datenbank. Playbills und Poster wurden zu gefragten Sammlerstücken. Verwackelte unscharfe Video-Bootlegs mit starkem Generationenverlust gerieten in Umlauf, Audio-Mitschnitte wurden getauscht und auf deren Basis Transkripte erstellt. Um „Carrie“ war ein regelrechter Kult entstanden.

Der nächste Schritt kam vor etwas mehr als zehn Jahren: Fragmente der digitalisierten VHS-Tapes wurden auf Youtube hochgeladen und erreichten so ein ganz neues Publikum. Und die Schatzsuche nimmt immer noch kein Ende: Erst dieses Jahr wurde ein verloren geglaubter 15-minütiger Profimitschnitt des Presse-Calls von 1988 in sehr guter Qualität auf Youtube hochgeladen, wodurch die vielen Zeitzeugenberichte von damals plötzlich unerwartet greifbar werden. Fast 25 Jahre existierte ein Aufführungsverbot und die Rechte an dem Stück wurden an niemanden freigegeben, aber der online konstruierte Mythos hatte die Broadway-Inszenierung unsterblich gemacht.

Wiedergeburt: Eine Carrie fürs 21. Jahrhundert

Mit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts schien eine neue Generation von High-School-Musicals zu kommen. Vor allem „Bare: A Pop Opera“ und „Spring Awakening“ gaben dem Subgenre ein neues Gesicht – und vielleicht lag es an Werken wie diesen, dass der Zeitpunkt gekommen schien, „Carrie“ fast ein Vierteljahrhundert nach seiner desaströsen Broadway-Premiere wieder aus der Versenkung zu holen.

Die Urfassung war damals so entfernt von der Vision, die den Autoren ursprünglich vorgeschwebt war. Irgendwann entschlossen sie sich, „Carrie“ einem Update zu unterziehen und das Stück für ein zeitgenössisches Publikum umzuschreiben. 2009 fand ein erster Workshop dieser Neufassung mit unter anderem Sutton Foster in New York statt. Die Hälfte der Songs hatte man gestrichen und durch neue ersetzt, die restlichen Lieder wurden vollkommen umgetextet und neu arrangiert, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen waren.

© Joan Marcus

2012 feierte diese Reinkarnation von „Carrie“ ihre Off-Broadway-Premiere. Carries Mutter wurde gespielt von Marin Mazzie, die kurz zuvor Alice Ripley in „Next to Normal“ abgelöst hatte. Zur Besetzung gehörten außerdem großartige Darsteller wie Andy Mientus und Carmen Cusack. Als Sue und Tommy standen Christy Altomare und Derek Klena auf der Bühne, die derzeit die großen Stars von „Anastasia“ am Broadway sind. Aus dem lächerlichen Flop war ein intimes Teenager-Drama geworden, das endlich einen stimmigen Kontext für die nach wie vor intensiven Mutter-Tochter-Szenen bietet. Der wahre Horror liegt hier im Mobbing und der Psychologie der Geschichte und nicht in Jumpscares, dennoch sind Carries telekinetischen Fähigkeiten plausibel in die Handlung eingebunden.

Der überarbeitete Score erklingt im eingängigen Contemporary-Sound, der Fans von zeitgenössischen Partituren wie „Spring Awakening“, „Bare“ oder „Dear Evan Hansen“ gefallen dürfte. Von den neuen Songs begeistern vor allem „A Night We’ll Never Forget“ und „The World According to Chris“, aber am erstaunlichsten finde ich, wie die ursprüngliche Eröffnungsnummer „In“ überarbeitet wurde. Die neue Version fängt bedrückend und mitreißend das Gefühl von angst ein – angst im englischen Wortsinn, teen angst, Gefühle der Furcht und Angst bei Adoleszenten. Es gibt ein Musikvideo der Eröffungsnummer aus der Off-Broadway-Fassung, das sehr gut einfängt, was mich an diesem Lied so sehr packt:

Das Studiomaterial aus diesem Video entstand backstage bei der Aufzeichnung des Cast-Albums, das 2012 veröffentlicht wurde – als erste offizielle Aufnahme der Show, knapp 25 Jahre nach der Uraufführung. (Ein längeres Video der Recording-Session gibt es hier.) Es ist sehr erfreulich, dass „Carrie“ nun in seiner überarbeiteten Contemp-Fassung für die Nachwelt festgehalten wurde und das Album zählt zu meinen absoluten Lieblingen.

Die Neufassung schaffte es zwar nicht an den Broadway, ist in den Vereinigten Staaten aber dennoch ein Riesenerfolg mit zahlreichen professionellen und regionalen Aufführungen (in denen Stars wie Alice Ripley oder Kendra Kassebaum mitwirkten). Zudem fand vor zwei Jahren eine immersive Inszenierung unter dem Titel „Carrie: A Killer Musical Experience“ in Los Angeles statt.

© Joan Marcus

Wer zuletzt lacht, lacht am besten

© Jason Niedle

Meinen ersten Kontakt mit „Carrie“ hatte ich im Frühjahr 2014. Ich entdeckte zufällig spätabends beim Zappen den Film von Brian de Palma auf Arte und war sofort fasziniert von dem Stoff. Am nächsten Morgen bestellte ich mir direkt den Roman von Stephen King und hatte ihn innerhalb von zwei Tagen gelesen. Ich kann gar nicht genau beschreiben, was mich an der Geschichte so begeistert, aber ich beschäftigte mich zu dieser Zeit mit den verschiedenen Adaptionen des Buches und erinnerte mich daran, einmal etwas von einer Musical-Version gehört zu haben.

Ich hörte mir die kurz zuvor erschienene Cast-Aufnahme an und war vollkommen niedergeschlagen, als ich las, dass gerade erst auf englischer Sprache die Deutschlandpremiere im Stuttgart Theatre Center der Kelley Barracks stattgefunden hatte und ich die Spielzeit nur um eine Woche verpasst hatte. Aber mein Ärger hielt nicht lange an, da noch für denselben Herbst die deutschsprachige Erstaufführung am Stadttheater Minden angekündigt wurde. Getrieben von meiner Liebe zu dem Stück fuhr ich also im Oktober 2014 nach Westfalen und sah mir dort die mit Musical-Studenten der Hochschule Osnabrück besetzte Produktion an. Eine tolle Inszenierung mit starkem Ensemble und mitreißender Energie, an die ich mich noch immer gerne erinnere!

© Alastair Muir

Meine Freude kannte keine Grenzen, als das Southwark Playhouse, mein Londoner Lieblingstheater, „Carrie“ für 2015 auf den Spielplan setzte. Es war die erste Produktion auf britischem Boden seit den berüchtigten Stratford-Tryouts 27 Jahre zuvor. Dieses UK-Revival zu sehen bedeutete mir so viel, dass ich für einen Tagesausflug nach London bei meinem damaligen Sommerjob blaumachte, um eine Matinée zu erwischen. (An dieser Stelle ein Shoutout an meinen damaligen Boss.)

Und es war die Anstrengung definitiv wert – „Carrie“ ist einfach wie geschaffen für eine Fringe-Spielstätte wie das Southwark Playhouse, die Inszenierung war unglaublich fesselnd und Evelyn Hoskinks gilt für mich seitdem als absolute Idealverkörperung der Titelfigur. Die Produktion erhielt durchweg positive Kritiken und war ein großer Publikumserfolg. In your face, Kritiker der 1980er! Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten.

Es würde mich sehr freuen, wenn „Carrie“ bald mit einer professionellen Inszenierung in den deutschsprachigen Raum zurückkehren würde. Das Stück verdient auch hierzulande ein größeres Publikum und mir fallen auf Anhieb viele Darstellerinnen ein, die für die Rolle der Margaret White perfekt wären und „And Eve Was Weak“, neben der Eröffnungsnummer das eindringlichste Lied des Scores, einfach zerschmettern würden.

„Carrie“ ist ein Ausnahme-Musical und die Broadway-Produzenten hatten recht, als sie vor fast 30 Jahren mit dem Slogan „There’s never been a musical like her“ warben. Was sich hinter den Kulissen des Stückes abgespielt hat und was für eine Entwicklung es vom legendären Broadway-Flop zum gefeierten Fringe-Hit hingelegt hat, würde selbst wieder genug Stoff für ein eigenes Musical bieten „The Carrie Story“. Sollte vielleicht mal jemand schreiben. Und während die Urfassung heute vielleicht eher für Leute spannend ist, die sich für bizarre Broadway-Trivia interessieren, kann ich eine aufrichtige Empfehlung für die neue Version an alle aussprechen, die auf gute Contemp-Musicals stehen. Wenn ihr noch ein neues Musical-Album für graue Herbsttage sucht, hört mal in „Carrie“ rein! You ain’t seen nothing yet, it’s gonna be a show you’ll never forget.

© Joan Marcus

Folge Niklas auf seinem Musical-Blog www.theaterdistrikt.net

Beitragsbild: © Jason Niedle

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Niklas Wagner

“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” – Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: … dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!