Neben den bekannten – und oftmals verachteten – Jukebox-Musicals finden nun mehr und mehr auch Boybands, die Helden der 1990er-Jahre, ihren Weg auf die Musicalbühne. Im Deutschen Theater München fand nun der Tourauftakt von „Boybands Forever“ statt. Das Musical (wenn man die Show so nennen möchte) von Star-Komiker Thomas Hermanns mit den Hits bekannter Boybands ist anschließend in vielen deutschen Städten zu sehen.

Nicht nur die Mode der 90er-Jahre feiert neuerdings ihr Comeback, auch die Musik hat sich heimlich still und leise durch die Hintertür wieder ins Hier und Jetzt befördert. Während bereits vor 4 Jahren das Musical „Viva Forever“ mit den Hits der Spice Girls im West End Premiere feierte und schnell wieder von der Bildfläche verschwand, tourt seit Anfang September das Take-That-Musical „The Band“ durch UK. Während wir in Deutschland den meisten Trends jahrelang hinterherhinken, sind wir dieses Mal erstaunlich Up-to-Date und somit beschert uns Star-Komiker Thomas Hermanns bereits jetzt eine eigene Version des „Boyband-Musicals“, welche nach vierjähriger Schaffensphase nun seine Premiere im Deutschen Theater in München feierte.

© Thomas Sgodda

Eins muss man „Boybands Forever“ gleich im Vorfeld zu Gute halten und zwar, dass sie sich definitiv Gedanken gemacht haben, welche Art Show die besten Erfolgsaussichten haben könnte und auch eine dementsprechend große Zielgruppe anspricht. Zwar kann man im Vorfeld nie eine sichere Prognose treffen, jedoch zähle auch ich mich zu der Generation der ständig heillos überfüllten 90er-Parties und ganz gleich mit wie viel Kopfschütteln ich die Ankündigung dieser neuen Produktion aufgenommen habe, war die Begeisterung in meinem Freundeskreis doch immens, einen Abend mit den bekannten Hits unser Jugendhelden zu verbringen. Wobei die Musik à la Backstreet Boys, Take That und N’Sync weit entfernt von meiner Jugendzeit ist. Schließlich war ich zur Blütezeit der Boybands noch im Kindergarten und somit ist es schon erstaunlich, welchen Hype dieses Phänomen der 90er-Jahre immer noch mit sich bringt. Die Begeisterung rund um Boybands scheint keine Grenzen zu kennen und somit war bei der Premiere jede Altersklasse vertreten und feierte die „Boys“ euphorisch.

Bye Bye Bye

Auch ich habe die, nenne wir es mal, „ernstzunehmende Musical-Journalistin“ bereits an der Garderobe des Deutschen Theaters abgegeben und zudem die komplette Vorstellung damit zugebracht, alle Punkte der inzwischen zahlreichen Rankings der nervigsten Theatergänger regelrecht abzuarbeiten. Es wurde mitgesungen, mitgetanzt, das Handy gezückt und die Stage Door kurzerhand in den Theatersaal verlegt. Bin ich stolz drauf? Nein! Hat es Spaß gemacht? Ja! Und ich kann nur jedem Kind der 90er versprechen, dass er ebenso viel Freude in dieser Show haben wird wie ich. Denn es ist nicht nur die Musik und die perfekte Performance der 5 „Boys“, die dieses Musical sehenswert machen, auch die Moderation und sehr gut getroffenen Boyband-Weisheiten von Moderator Ole Lehmann tun ihr Übriges, sodass es einen irgendwann einfach nicht mehr auf den Stühlen hält.

Nun wäre der Begriff „Musical“ für diese Show wirklich etwas arg weit hergeholt. Es gibt an sich keine Handlung, es ist eher eine Comedy-Show mit Gesang- und Tanzeinlagen. Ole Lehmann erzählt hierbei von den Castings über die äußerst nassen Videodrehs bis hin zur ersten Trennung den typischen Weg, welchen die meisten erfolgreichen Boybands mal gegangen sind. Auch die „Boyband-Erfolgsformel“ wird verraten, welche darin besteht, dass es in jeder Gruppe die bestimmten Stereotypen gibt. Diese wären der perfekte Schwiegersohn, der Sportliche, das Mädchen, der Gefährliche und der 5., der immer vergessen wird. Wie viel Wahrheit in dieser Nachhilfe-Stunde steckt, entdeckten wir in der Pause, als die Frage aufkam, wie der 5. bei den Backstreet Boys hieß. Selbst mit Hilfe des Internets, welches angeblich nie etwas vergisst, haben wir die ganze Pause gebraucht, um herauszufinden, dass sein Name Howie war.

Vor allem die perfekte Besetzung der „Boys“ hat den Abend im Deutschen Theater zu diesem besonderen Erlebnis gemacht. Ich war im Vorfeld etwas skeptisch, als ich erfuhr, dass man nur Amerikaner und Engländer gecastet hat und habe mich scherzeshalber schon auf ein weiteres 90er-Revival eingestellt. Nämlich die Zeit, als der Musicaldarsteller in Deutschland erst noch ausgebildet werden musste und man ausschließlich den „Starlight-Express-Akzent“ auf deutschsprachigen Musicalbühnen zu hören bekam. Da die Jungs aber durch die fehlende Handlung kaum Text hatten, war die Sorge doch unbegründet. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ein deutschsprachiger Darsteller fehlbesetzt wäre, da die erfolgreichen Boybands fast ausschließlich aus Amerika oder England kamen und die Besetzung somit viel authentischer wirkte. Auch wäre es aufgrund der doch äußerst anspruchsvollen Choreographien von Marvin A. Smith sicher schwer geworden, genug Darsteller zu finden, welche die Moves in dieser Perfektion hinbekommen und dabei noch einen geraden Ton getroffen hätten. Wir haben unbestritten inzwischen auch grandiose Darsteller, aber der Pool an sehr guten Sängern und ebenso guten Tänzern ist in Amerika und England doch noch größer.

Backstreet’s Back…

Somit bekommt man eine perfekte Performance geliefert, bei der man schnell vergisst, dass die Band rund um Sunshine John, Fitboy Rik, Sweetheart Sascha, Bad Boy Lucian und dem Fünften dort auf der Bühne keine wirkliche Boyband ist, was fast eine Verschwendung ist. Während beim ersten Akt noch sehr viel Moderation und „Story“ zum Einsatz kommt, hat der zweite Akt fast schon Konzert-Charakter, in der ein Auftritt den nächsten jagt und der Moderator nur noch mit verschmitzten Grinsen zum Einsatz kommt um die Zuschauer daran zu erinnern, sich kurz wieder hinzusetzen, während die Jungs ihre Kostüme wechseln. Auch die Bühne dient zweckmäßig diesem Charakter. Die 4-köpfige Band spielt auf der Bühne, auf der eine Treppe sowie eine LED-Wand platziert ist. Die LED-Wand dient meist als Tafel für den Boyband-Unterricht. Etwaige Boyband-Requisiten wie Stühle, Stahlgerüste oder Duschen werden per Hand auf die Bühne gebracht, wodurch alles noch mehr diesen Charakter eines Boyband-Konzerts hat.

© Thomas Sgodda

Die Show hat mich also ab der ersten Spielminute an begeistert. Der Grund, warum ich „Boybands Forever“ jedoch überhaupt eine Chance gegeben habe, war Thomas Hermanns, der sich für Regie und Buch verantwortlich zeigte. Ich bin ein großer Fan seiner bisherigen Musicals wie „Bussi – Das Munical“, in welchem grandios die Münchner Schickeria der 80er Jahre aufs Korn genommen wird oder auch „Kein Pardon“, welches ich erst vor Kurzem in Leipzig gesehen habe und von welchem ich äußerst positiv überrascht worden bin (Bericht findet ihr hier). Seine Stücke würde ich nun definitiv nicht als besonders tiefgründig bezeichnen, aber seine Stücke haben für mich vor allem eins: Herz. Jedes seiner Stücke trägt eine Liebeserklärung an eine bestimmte Menschengruppe oder Thematik in sich und es werden mit viel Witz und auf äußerst charmante Art und Weise auch deren Fehler verdeutlicht, aber statt diese auszuschlachten, werden sie mit viel Liebe überschüttet. Eben genauso wie es bei einer Liebeserklärung sein sollte. Nun ist also seine Liebe für das Phänomen der Boybands an der Reihe und während ich mich weder zur Münchner Schickeria zähle, noch im Ruhrpott aufgewachsen bin, fühlte ich mich mit der 90er-Thematik zum ersten Mal selbst angesprochen und dementsprechend groß war der Wiedererkennungswert.

Somit bleibt abschließend wohl nur zu sagen, dass ich jedem diese Hüpfburg an guter Laune nur wärmstens ans Herz legen kann. Packt eure besten Kindheitsfreunde ein und feiert ein Jahrzehnt, dass ihr vielleicht nicht mal selbst richtig miterlebt haben müsst, aber dessen Geist, dank der Musik auch ohne musikalische Hintertür noch viele weitere Jahre weiterlebt.

„Boybands Forever“ im Deutschen Theater München

Uraufführung: 04.10.2017 (Deutsches Theater, München)
Besuchte Vorstellung: 03.10.2017 (Deutsches Theater, München)
Buch & Regie & Künstlerische Leitung: Thomas Hermanns
Musikalische Leitung: Christoph Papendieck
Choreographie: Marvin A. Smith
Besetzung: Josh Randall (Typ A „Sunshine John“), Christopher Haul (Typ B „Fitboy Rik“), Robbie Culley (Typ C „Sweetheart Sascha“), David Lei Brandt (Typ D „Bad Boy Lucian“), Hector Mitchell-Turner („Der Fünfte“)

Tickets und Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Mirco Wallat

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Nadine Jobst

„What if life were more like theatre? Wouldn’t that be grand?“ – (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart… Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.