Wenn das Stadttheater Fürth mit einer deutschen Erstaufführung die neue Spielzeit eröffnet, sind die Erwartungen hoch. „The Story of My Life“ stammt von dem Komponisten Neil Bartram und Autor Brian Hill und hatte 2006 in Toronto Uraufführung. 2009 feierte das Zwei-Personen-Musical seine Premiere am Broadway, brachte es allerdings nicht einmal auf einen Monat Laufzeit. Die deutschsprachige Erstaufführung unter dem Titel „Die Story meines Lebens“ fand 2014 in Wien statt. Die Produktion des Stadttheaters Fürth wurde für die deutsche Erstaufführung von Thomas Borchert und Jerry Marwig, die auch beide Rollen verkörpern, neu übersetzt.

Alvin Kelby (Jerry Marwig) und Thomas Weaver (Thomas Borchert) wachsen in einer Kleinstadt auf. Beide verbindet eine langjährige Freundschaft. Sie gehen zusammen in die Schule, verbringen ihre Freizeit miteinander und feiern auch gemeinsam Weihnachten.
Während Thomas aufs College geht und sich später in der Großstadt als erfolgreicher Autor etabliert, bleibt Alvin in der Kleinstadt zurück und übernimmt den Buchladen seines Vaters. Über die Jahre entwickeln sich die beiden Freunde in unterschiedliche Richtungen, sie treffen sich immer seltener und an Weihnachten wartet Alvin vergeblich auf eine Nachricht von Thomas. Als Alvin an einem Weihnachtsabend Suizid begeht, soll Thomas die Trauerrede halten.

© Günter Meier

Doch das Schreiben der Rede gestaltet sich schwerer als gedacht, denn anstatt die wertvollen Momente ihrer Freundschaft zu ehren, versucht sich Thomas den Suizid zu erklären und beginnt nach der einen Geschichte zu suchen, die den Wendepunkt in Alvins Leben darstellte. Alvin erscheint Thomas, gibt ihm den Anstoß ihre gemeinsame Kinder- und Jugendzeit Revue passieren zu lassen und hilft ihm dadurch beim Schreiben der Rede. Thomas muss sich mit seiner Rolle in Alvins Lebensgeschichte auseinandersetzten, oder war es viel mehr Alvin, der Thomas’ Leben nachhaltig beeinflusst hat?

Beflügelte Geschichten über Schmetterlinge und Schneeengel

„Die Story meines Lebens“ handelt von Freundschaft und Momenten, die unser Leben verändern. Die Erzählstruktur umfasst Rückblenden, Gleichnisse und mehrere Ebenen. Wiederkehrende Elemente aus Frank Capras Film „It’s a Wonderful Life“ (dt. „Ist das Leben nicht schön?“), Mark Twains „The Adventures of Tom Sawyer“ sowie Schneeengel und Schmetterlinge spielen eine bedeutungsvolle Rolle. Die Charaktere bewegen sich in der Gegenwart, springen plötzlich in die Vergangenheit und kommentieren ihre eigenen kindlichen Handlungen. Das Stück benötigt keine Erklärung, wo und wann es spielt, wieso es plötzlich einen Zeitsprung gibt und weshalb Thomas Weaver mit seinem verstorbenen Freund spricht.

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Martin Maria Blaus Inszenierung baut auf der Annahme, dass die besagte „Story“, die Story von Alvins Leben ist. Ohne Höhen und Tiefen fließen die Szenen ineinander, musikalisch verwoben ohne zwischen Text und Musik zu unterscheiden, plätschert die Geschichte wie Alvins Leben dahin. Sehr passend, dass sich sogar die Band bestehend aus Klavier, Reeds, Saxofon, Cello und Percussion unter der Leitung von Stephan Sieveking beinahe unmerklich auf einem Podest auf der Bühne von links nach rechts bewegt. Genauso beiläufig wie sich die Musiker über die Bühne bewegen, ergänzt die unauffällige Musik den Text. Für sich stehende Musiknummern, die zu Hits avancieren, finden sich nicht. Die Übergänge zwischen Sprechtext und Gesang sind fließend, fallen gar nicht auf, weshalb man das Gefühl eines stimmigen Musiktheaters bekommt.

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Fünf Papierstapel – ein Bühnenbild?!

Die Autoren Brain Hill und Neil Bartram empfehlen bei der Inszenierung ihres Stückes den Mut zur Einfachheit: „Wenn Sie ihre Produktion von ‚Die Story meines Lebens‘ in Angriff nehmen, ermutigen wir Sie, einfach zu denken.“ Leider haben die Ausstatter diese Empfehlung zu wörtlich genommen. Bereits die Fotos im Programmheft bereiten den Zuschauer auf karge Landschaften vor: Die beiden Darsteller stehen vor, auf, hinter oder sitzen vor, auf, hinter Papierstapeln. Weitere erwähnenswerte Bühnenmerkmale sucht man vergebens. Einem Zwei-Personen-Kammer-Musical auf so einer großen Bühne hätte ein umfangreicheres Bühnenbild durchaus gut getan. Anstatt die Inszenierung aufzuwerten, bewirkt die Ausstattung das Gegenteil. Weniger ist halt doch nicht immer mehr!

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Autor und Buchhändler

Lobenswert, dass es die Darsteller trotz der spärlichen Bühneneinrichtung geschafft haben, die Story anschaulich zu vermitteln.
Jerry Marwig als Alvin Kelby spielt seine Rolle einerseits mit kindlicher Freude, andererseits mit einer authentischen Traurigkeit. Sein Spiel ist einladend, herzlich und würdevoll. Alvin gibt den verträumten, verspielten, verletzlichen Charakter, unter dessen Oberfläche allerdings große Begabung und menschliche Stärke schlummern. Durch den tragischen Tod seiner Mutter wird seine Kindheit erschüttert, ein Trauma, das ihn sein Leben lang verfolgt. Halt findet er allein in der Freundschaft zu Thomas, von dem er letztendlich auch enttäuscht wird. Schade, dass Alvin als belesener Buchhändler und Hobby-Philosoph im Holzfäller-Outfit daher kommt. Der Zuschauer stellt sich berechtigterweise die Frage, was die Kostümabteilung damit sagen wollte?

Glaubhaft verkörpert Thomas Borchert den erfolgreichen Autor Thomas Weaver vom Kind über den Jugendlichen bis zum erwachsenen Mann. Er ist der starke, zielstrebige, fleißige Charakter, der sein Leben im Griff zu haben scheint. Er ist der Zeitgenosse, wie wir ihn nur zu gut kennen, ständig unter Leistungsdruck, oberflächlichen und materiellen Dingen zugetan. Mit einer Portion Egoismus ausgestattet, verfolgt er seine Karriere ohne Rücksicht auf die Gefühle der ihm nahestehenden Personen. Auch wenn das Musical wenige ausgedehnten Gesangssoli enthält, kann Thomas Borchert doch in manchen Momenten seine unverwechselbare Stimme zum Einsatz bringen.

© Günter Meier

Mehr als ein „Musical“

Beim Verlassen des Theatersaals kann der Zuschauer für sich selbst entscheiden, wer nun eigentlich der schwache und wer der starke Charakter ist. Denn in dieser Geschichte ist nichts wie es scheint. Man begegnet zwei vielschichtigen Figuren, die im Laufe der eineinhalb Stunden wie Knospen aufgehen und ihr Innerstes zum Vorschein bringen.
Das Stadttheater Fürth bereichert zum wiederholten Male den deutschen Musical-Spielplan mit einem Stück, das zum Nachdenken anregt und sich strukturell wie auch musikalisch von dem „Mainstream-Musical“ unterscheidet. Vom Zuschauer wird vollste Konzentration erwartet, da dieses Musical einiges an Komplexität aufweist. Wenn er sich aber darauf einlässt, wird er schließlich belohnt. Denn das Musical ist ein Türöffner für die Sinnsuche und Reflexion über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. „Die Story meines Lebens“ ist ein Nischenstück für alle, die Abwechslung brauchen und sich nach einem nachhallenden Theaterabend sehnen.

„Die Story meines Lebens“ im Stadttheater Fürth

Uraufführung: 2. November 2006, Berkeley Street Theatre, Toronto
Besuchte Vorstellung: 17. Oktober 2017, Stadttheater Fürth
Musik und Liedtexte: Neil Bartram
Text: Brain Hill
Übersetzung: Thomas Borchert, Jerry Marwig
Musikalische Leitung: Stephan Sieveking
Inszenierung: Martin Maria Blau
Ausstattung: Azizah Hocke, Lars Peter
Dramaturgie: Matthias Heilmann

Besetzung:
Thomas Borchert (Thomas Weaver), Jerry Marwig (Alvin Kelby)

Beitragsbild: © Günter Meier

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Agnes Wiener

„The musicals, that leave us kind of staggering on our feet, are the ones, that really reach for a lot.“ – (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre – ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.